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Warum dieser Krieg?
US-Friedensforscher zu den Interessen der Bush-Administration
von Michael T. Klare
US-Präsident Bush hat die Nation aufgefordert, sich in einem „Krieg gegen den Terrorismus“ zu engagieren. Dieser Krieg müsse bis zum endgültigen „Sieg“ durchgehalten werden. Die meisten US-AmerikanerInnen unterstützen harte Aktionen mit dem Ziel, die terroristischen Netzwerke Osama bin Ladens und anderer Gleichgesinnter zu zerstören.
Aber geht es überhaupt um einen Krieg gegen den Terrorismus? Der Autor des folgenden Beitrags, Prof. Michael T. Klare, stellt dies in Frage. So wie Bush ihn anstrebe, handele es sich vor allem um einen Krieg zur Sicherung der US-Militärdominanz im Mittleren Osten.
Wer sich Gedanken zu diesem Krieg machen möchte, sollte beachten, dass „Terrorismus“ nicht etwas ist wie Kommunismus oder wie eine identifizierbare Organisation, etwa die PLO oder die IRA. Terrorismus ist vielmehr so etwas wie eine Strategie. Durch die gesamte Geschichte hindurch lässt sich nachweisen, dass sich die im traditionellen Militärbereich Schwachen stets auch unkonventioneller Taktiken – einschließlich terroristischer Angriffe – bedient haben, um den stärkeren Gegner trotzdem niederzuringen. In der Welt von heute bedienen sich viele Gruppen derartiger Mittel – die Tamil Tiger in Sri Lanka, die Basken in Spanien, die Rebellenkräfte in Tschetschenien, die islamistische Moro-Befreiungsfront auf den Philippinnen, Hamas in Israel usw. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Präsident Bush gegen all diese Gruppen Krieg zu führen gedenkt, stattdessen beabsichtigt er, gegen jene vorzugehen, die US-Interessen am Persischen Golf bedrohen.
Die Vereinigten Staaten sind bereits seit sehr langer Zeit in die Konflikte am Persischen Golf verwickelt. Seitdem sich die Briten 1972 aus der Region zurückgezogen, stehen die US-Streitkräfte zum Schutz befreundeter Regierungen – vor allem Saudi-Arabiens und der konservativen Scheichtümer im Golf – bereit, um zu jeder Zeit den ungehinderten Ölfluss zu garantieren. Dies war Grundlage für die „Carter-Doktrin“ von 1980 ebenso wie für die „Operation Desert Storm“ (Golfkrieg – d.Red.) aus dem Jahr 1991. Seit Desert Storm haben die Vereinigten Staaten am Golf ein großes Waffenarsenal errichtet, mit dessen Hilfe sie Saudi-Arabien und Kuweit vor direkten Angriffen durch den Iran oder Irak erfolgreich schützen konnten. Zwischen 20 000 und 25 000 US-Militärs sind in der Region dauerhaft stationiert. Darüber hinaus werden dort große Mengen an Waffen und Ausrüstungsgegenständen für eine rasche Verstärkung der US-Präsenz bereitgehalten.
Obwohl recht erfolgreich in der Abschreckung etablierter Staaten wie Iran und Irak, ist es dem US-Militär nicht gelungen, US-Interessen vor Angriffen durch Extremisten und irreguläre Kräfte, wie die Terrornetze des Osama bin Laden, zu schützen. Diese Gruppen verabscheuen die Präsenz von US-Militärpersonal – meist aus Nicht-Moslems bestehend – in der Nähe der heiligsten Stätten des Islam, besonders Dschidda und Mekka. Auch die US-Unterstützung Israels nehmen sie übel, ebenso wie die von den USA betriebenen Wirtschaftssanktionen gegen den Irak, die als unfaire Bestrafung einfacher irakischer Moslems empfunden werden. Die antiamerikanischen Extremisten aus der Golfregion wissen, dass sie die US-Kräfte dort nicht mit Hilfe konventioneller militärischer Mittel vertreiben können, weshalb sie auf die Instrumente des Terrorismus zurückgreifen. 1995 zündeten sie eine Bombe vor dem Hauptquartier der saudi-arabischen Nationalgarde, die intensive US-Unterstützung erhält. 1996 explodierte eine Bombe in den Khobar Towers (einem US-Militär-Wohnkomplex bei Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens), 1998 je eine vor den US-Botschaften Kenias und Tansanias, im Jahr 2000 schließlich wurde ein Attentat auf das Kriegsschiff USS Cole verübt. Und jetzt haben sie in New York und Washington zugeschlagen. Präsident Bush und andere behaupteten, die Terrorschläge vom 11. September seien kriegerische Angriffe gegen die Vereinigten Staaten gewesen. Dabei handelte es sich nicht nur um antiamerikanische oder antiwestliche Gefühlsäußerungen, vielmehr war das ein größerer Angriff im Rahmen des permanenten Kampfes zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Gegnern um die Kontrolle des Persischen Golfes. In diesem Konflikt wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Nach allem, was wir aus Washington zu hören bekommen, scheint Präsident Bush eine Eskalation des bestehenden Krieges anzustreben. „Wir planen eine breit angelegte und dauerhafte Kampagne für die Sicherheit unseres Landes durchzuziehen und dabei werden wir das terroristische Übel ausmerzen“, erklärte er am 15. September. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es sich dabei um Luftangriffe auf Terroristencamps in Afghanistan handeln. Begleitet werden diese Attacken von Kommandounternehmen mit dem Ziel, bin Laden und Freunde zu ergreifen. Strafangriffe auf den Irak und auf andere Länder, die bin Ladens Leuten Unterschlupf gewährt oder ihnen anderweitig geholfen haben, sind ebenfalls denkbar. Möglicherweise werden Bodentruppen an Schlüsselpositionen eingesetzt (etwa im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan) um den Widerstand gegen die US-Angriffe auszuschalten.
Niemand vermag vorherzusagen, wohin das alles führen wird. Die Sowjetunion drang 1979 nach Afghanistan ein, um den Aufstieg eines anti-sowjetischen Regimes zu verhindern, um sechs Jahre später mit einer schmählichen Niederlage wieder abziehen zu müssen. Ohne Zweifel werden die US-Kräfte hart daran arbeiten, die Fehler Moskaus zu vermeiden. Aber weder das Gelände noch das sonstige Umfeld sind für einen High-Tech Krieg nach US-amerikanischem Muster geeignet. Man weiß ebenfalls nicht, ob die einfache afghanische Bevölkerung die US-Truppen als Befreier oder, wie im Falle der Sowjetunion, als Invasoren empfangen wird. Der Kongress und die US-amerikanische Bevölkerung haben Präsident Bush ein starkes Mandat erteilt, alles daran zu setzen, die Verantwortlichen für die Angriffe auf New York und Washington zu bestrafen. Aber er wäre uns allen gegenüber zur Ehrlichkeit in Bezug auf seine wahren Ziele dabei verpflichtet. Ohne militärisch ins Detail zu gehen, sollte er die Implikationen der in Betracht gezogenen Szenarien aufzeigen. Auch der Kongress sollte die Möglichkeit erhalten, über Vor- und Nachteile der verschiedenen militärischen Optionen zu diskutieren – wie im Januar 1991 in einer historischen Senatsdebatte über die US-Strategie am Golf, die dem Beginn der Operation Desert Storm voranging. Es ist völlig klar, dass ein Vorgehen gegen die Verantwortlichen für die Dienstagsangriffe (am 11. September) von den meisten US-AmerikanerInnen unterstützt wird. Ein blutiger und langdauernder Krieg in der Wüste Südwestasiens aber könnte dem Terrorismus nichts anhaben – er könnte stattdessen zu scharfen Spaltungserscheinungen in der heimischen Gesellschaft führen.
Michael T. Klare ist Professor für Friedensforschung und Weltsicherheitstudien am Hampshire College in Amherst, Massachusetts und Autor des Buches „Recource Wars: The New Landscape of Global Conflict“ (Metropolitan Books / Henry Holt, 2001).
Übersetzung: Gernot Wirth
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