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El Salvador nach dem 11. September
Kampagne gegen die FMLN
"Seid
gegrüßt, Abgeordnete von ARENA und Taliban"
Mit diesem Satz hieß am 27.
September ein Abgeordneter der Regierungspartei ARENA die
Nationalversammlung El Salvadors willkommen. Schon zwei Wochen nach den
Anschlägen auf das World Trade Center in New York spielten diese in der
salvadorianischen Diskussion kaum noch eine Rolle – mit Ausnahme der mehr
als 70 salvadorianischen Opfer.
Stattdessen beherrschen zur Zeit zwei Themen die Schlagzeilen: zum einen die
vermeintlichen Verbindungen salvadorianischer und zentralamerikanischer
Linker zum internationalen Terrorismus. Zum anderen der Krieg der USA gegen
Afghanistan und die damit verbundenen Unterstützungsangebote der
salvadorianischen Regierung (die Regierung hat die Entsendung von Soldaten
zur humanitären Hilfe zugesagt).
Die Anschläge am 11.September lösten auch in El Salvador Entsetzen und
Fassungslosigkeit aus. Alle Parteien verurteilten den Terror und die
Anschläge im Besonderen, und sprachen den Opfern sowie deren Familien ihr
Mitgefühl aus. Da viele BürgerInnen El Salvadors nahe Verwandte in den USA
haben - fast 2 Millionen SalvadorianerInnen leben dort - fühlten sie sich
direkt betroffen. Die Regierung El Salvadors bekundete ihre
uneingeschränkte Solidarität mit den USA und verkündete eine dreitägige
Staatstrauer. Selbst nach der Erdbebenserie im Januar / Februar 2001 hat es
das nicht gegeben. Fast sämtliche Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag
am 15. September wurden abgesagt. In den ersten Kommentaren zum Geschehen
klangen vereinzelt durchaus nachdenkliche Töne an, die, sehr vorsichtig, an
die ungerechte Weltwirtschaftsordnung erinnerten. Joaquin Villalobos,
ehemaliger Guerilla–Comandante und inzwischen Verfechter des
Neoliberalismus, erinnerte daran, dass die USA Bin Laden erst groß gemacht
hätten.
Die Stimmung änderte sich mit dem 15.September, dem Jahrestag der
Unabhängigkeit. An diesem Tag fand in San Salvador eine von verschiedenen
Gewerkschaften vorbereitete Kundgebung statt. Die Organisatoren waren der
Meinung, dass die Absage aller Veranstaltungen zum Unabhängigkeitstag
unangemessen sei. An der Demonstration nahmen einige Abgeordnete des FMLN
teil, unter anderem Fraktionschef Salvador Sanchez Cerén. Am Rande der
Veranstaltung skandierten einige vermummte Studenten antiamerikanische
Parolen, verbrannten die US-Flagge und begrüßten das Attentat. Die fast
ausnahmslos rechten Medien stürzten sich begeistert auf diese
Randerscheinung, der ursprüngliche Anlass der Demonstration, die Inhalte
der Reden wurden nicht erwähnt. Statt dessen ist nun von einem vom FMLN
organisierten Marsch zur Verhöhnung der Opfer der Anschläge und zur
Unterstützung des Terrors die Rede.
Polizeichef Mauricio Sandoval (Ex-Geheimdienstchef während des
Bürgerkrieges) kündigte eine Untersuchung zu den Verbindungen
salvadorianischer Organisationen mit internationalen Terrornetzen an. Als
Indiz für deren Existenz nannte er ein auf Einladung des FMLN
stattgefundenes Treffen des "Forums von Sao Paolo" in San
Salvador, auf dem auch Vertreter der FARC (Kolumbien) anwesend waren.
Präsident Flores denkt darüber nach, den FMLN durch den Geheimdienst auf
ihre terroristischen Aktivitäten hin untersuchen zu lassen.
Der FMLN, stärkste Fraktion im salvadorianischen Parlament, wurde von der
Heftigkeit der Attacken vollkommen überrascht. Die Partei unterschätzte
das manipulative Potential der Demonstrationsbilder offenbar völlig.
Andererseits hat der Frente nichts besseres zu tun, als nun seine internen
Konflikte über dieses Thema auszutragen. Vertreter der sogenannten "Renovadores"
(Erneuerer) forderten bereits Ende September disziplinarische Massnahmen
gegen den dem orthodoxen Flügel zugerechneten Fraktionschef. Einer der
führenden Köpfe der Partei, Fransisco Jovel, machte deutlich, dass
Salvador Sanchez Cerén die Partei in keiner Weise repräsentiere. Das
"Ehrengericht" der FMLN - in dem keine "Renovadores"
sitzen, da sie es nach einer dementsprechenden Statutenänderung wohl zu
recht als statutenwidrig ansehen – hat kurz danach den führenden Kopf der
"Renovadores" und ehemaligen FMLN-Präsidentschaftskandidaten,
Farcundo Guardado, wegen mehrfachen (und tatsächlichen) Verstosses gegen
die Statuten aus der Partei ausgeschlossen. Der Antrag dazu wurde zwar schon
zu Beginn diesen Jahres gestellt, es erscheint aber zweifelhaft, dass der
Zeitpunkt der Entscheidung ein Zufall ist. Möglicherweise haben sich die
"Orthodoxen" in der Parteiführung dafür entschieden, ebenfalls
auf Konfrontationskurs zu gehen und die sowieso von fast allen erwartete
Spaltung der Partei nicht bis kurz vor den Wahlen Ende 2002
hinauszuschieben.
Dies führte allerdings nicht nur zu einem Aufschrei der Empörung bei den
"Renovadores", die nun ihrerseits die "Orthodoxen" als
Stalinisten und Terroristen beschimpften, sondern auch bei den anderen
beiden Strömungen der FMLN, den "Unionisten" (Ex-"Orthodoxe")
und den "Terzisten" (Ex-"Renovadores"). Der bekannteste
Terzist und einzig aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat der Frente für
die Präsidentschaftswahlen 2004, der Bürgermeister der Hauptstadt San
Salvador Hector Silva, drohte offen damit, seine Mitgliedschaft in der
Frente nochmals zu überdenken, sollte der Ausschluss Guardados nicht
revidiert werden. Silva und die Vertreter der "Unionisten" und
"Terzisten" haben sich mittlerweile dafür entschieden, die am
25.11. anstehenden Parteiwahlen zu nutzen, die Basis der Frente von der
Notwendigkeit der Einheit der FMLN zu überzeugen und sich als
glaubwürdigste Vertreter dieses Weges für die höchsten Parteiposten zu
empfehlen. Unbestritten wären sie wohl die Leute, die die Umgestaltung der
FMLN in eine moderne mitte-links Partei am entschiedensten vorantreiben
könnten. Für einen Erfolg bei den Parteiwahlen sind sie aber auf die
Unterstützung der "Orthodoxen" angewiesen, da sie selbst nur eine
schwache Basis in der Partei haben.
Inzwischen haben sich die Abgeordneten, die sich zu den "Renovadores"
zählen (6 von 31 FMLN-Abgeordneten) von der Parlamentsfraktion der FMLN
getrennt und ihre eigene Fraktion gegründet, mit Francisco Jovel als
Fraktionschef: Sie kuendigten an, bei Abstimmungen lediglich noch die eigene
Position zu berücksichtigen, unabhängig davon, was die restliche Frente
tut. Vor dem Wahltribunal TSE reichten sie eine Klage gegen die für den
25.11.01 vorgesehene Parteiwahlen ein, um selbige zu verhindern, da in
Vorbereitung der Wahlen einige Artikel des Statuts der Partei verletzt
worden wären, was tatsächlich nicht auszuschliessen ist. Gleichzeitig
bemühen sie sich, eine möglichst grosse Zahl ihrer Anhänger in den zu
wählenden Parteigremien unterzubringen. Da die parteiinterne Strömung der
sog. "Orthodoxen" jedoch den grössten Rückhalt in der Basis, die
meisten Abgeordneten im Parlament, viele wichtige Parteiposten und damit
grössere Aussichten hat, wird schon mal vorsorglich von einem
höchstwahrscheinlichen Wahlbetrug der "Orthodoxen" gesprochen.
Offiziell hatte die FMLN durch Parteichef Fabio Castillo am 11.09. bekundet,
dass jede Art von Terror - Staatsterrorismus inbegriffen – abzulehnen sei.
Der Einsatz von Gewalt seitens der USA wurde kritisiert, was die Sprecherin
der US-Botschaft als eine Äusserung bezeichnete, die man sie sonst nur von
den Taliban zu hören bekäme. Von der FMLN wird einerseits beständig
Distanzierung vom Terror gefordert - ungeachtet dessen, dass sie dies
unmittelbar nach den Attentaten mehrmals tat - während andererseits die
schlichte Formel lautet: "FMLN – einmal Terrorist, immer
Terrorist". In ganzseitigen Zeitungsanzeigen wurden abenteuerliche
Texte verbreitet, um diese These und die Verstrickungen der Frente in den
internationalen Terrorismus zu "belegen". Fast schon anekdotischen
Charakter hat das "Argument", einer der führenden Köpfe des
"orthodoxen" Flügels des FMLN, Shafik Handal, stamme von Arabern
ab... Eine politische Auseinandersetzung findet nicht statt – das Klima
ist vergiftet.
Bei ARENA fand vor zwei Wochen die Wahl der neuen Parteifuehrung statt.
Diese besteht jetzt zur Haelfte aus einflussreichen Unternehmern,
einflussreiche Berufspolitiker gehoeren nicht mehr zum Fuehrungsgremium. Nur
sehr vereinzelt wurde innerhalb ARENAS Kritik laut. Aus dem Kreis der
sogenannten "fundadores" (Gruendungsmitglieder ARENAS) wurde
kritisiert, dass die neue Fuehrungsspitze eine "Privatisierung"
ARENAS bedeute. Mehrheitlich wird dies jedoch begruesst. Es wird
argumentiert, die neuen Fuehrungskraefte haetten gezeigt, dass sie
erfolgreich ein Unternehmen fuehren koennen. Es sei daher zum Vorteil ARENAS,
wenn sie sich mit ihrem Sachverstand dem "Unternehmen ARENA"
widmeten.
Im Parlament wird derzeit ein Antrag diskutiert, den 15. Oktober zum
"Nationalen Kampftag gegen den Terrorismus" zu erklären – am
15.Oktober 1982, d.h. während des von 1980 bis 1992 dauernden
salvadorianischen Bürgerkrieges, sprengte ein Guerilla-Kommando die
strategisch wichtige Brücke "Puente de Oro" über den grössten
Fluss des Landes Rio Lempa.
In den Medien wurde zudem ernsthaft darüber spekuliert, ob "aufgrund
der Unterstützung der Terroranschläge seitens der FMLN" in den USA
lebende SalvadorianerInnen ihren Job verlieren und damit die Einnahmen aus
den sogenannten "Remesas familiares" (Überweisungen an die in El
Salvador gebliebenen Familienmitglieder) zurückgehen könnten. Ohne diese
Überweisungen, die sich jährlich auf einen Betrag von ca. 2 Milliarden
Dollar belaufen, wäre die salvadorianische Wirtschaft längst
zusammengebrochen. Es wird darauf hingewiesen, dass sich ausländische
Investoren abgeschreckt fühlen und die Beziehungen zu den USA sich
verschlechtern könnten, wodurch das Land in eine tiefe wirtschaftliche
Krise geriete. Schon vor mehreren Wochen – d.h vor den Attentaten waren
Tausende von ArbeiterInnen der Maquillas (Lohnveredelungsfabriken, die v.a.
Kleidung, Schuhe und Haushaltsgeräte für den nordamerikanischen Markt
produzieren) entlassen worden, da die Aufträge aus den USA rückläufig
waren. Nach nochmaligem Auftragsrückgang seit Mitte September wurden
weitere Massenentlassungen angekündigt. Die Belegschaften sind verunsichert
und ihr Mißmut wendet sich vor allem gegen die Frente.
Neueste Umfragen (Mitte Oktober 2001) haben ergeben, dass die
Wahlpräferenzen für die Frente in der Bevölkerung erheblich gefallen
sind. Nur noch 10% der Befragten halten die FMLN für die bessere Partei,
gegenüber 19%, die sich für ARENA entscheiden würden. Über 60% der
Wählerschaft halten allerdings von keiner Partei etwas Gutes. Zwar sind die
Zahlen dieser Umfragen mit Vorsicht zu geniessen, da sie telefonisch
erfolgen und damit von vornherein einen bedeutenden Teil der Bevölkerung
nicht berücksichtigen, doch zeigen sie unverkennbar einen Trend auf, der
sich bei weiteren internen Querelen der FMLN noch verstärken könnte.
Mit der Verringerung der sog. remesas familiares wird inzwischen fest
gerechnet, da im Zuge der Rezession in den USA auch viele SalvadorianerInnen
dort ihre Arbeit verlieren werden. Die Wirtschaftskommission für
Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) hat die Wachstumsprognose für die
Region von 2% auf 1% korrigiert. Die von der salvadorianischen Regierung
prognostizierten 2,5-3,5% Wachstum werden keinesfalls erreicht werden, auch
wenn sich das Finanzministerium noch scheut, eine neue Prognose zu
veröffentlichen.
Seit, bedingt durch die Ausseinandersetzungen innerhalb der FMLN und eine
nicht mehr rational zu verarbeitende FMLN-feindliche Hetze in den Medien,
der Wahlsieg für ARENA in den Parlamentswahlen 2003 und den
Präsidentschaftswahlen 2004 – wieder fuer sicher gehalten wird, hat die
Auseinandersetzung wieder das "Normalmass" an Irrationalität
erreicht, d.h. sich etwas beruhigt.
Hauptgrund für wirtschaftliche Schwierigkeiten ist jetzt wieder die Krise
in den USA, nicht die angebliche Terrorunterstützung seitens der FMLN.
Gleichzeitig versucht die Regierung Optimismus zu verbreiten, in dem sie
behauptet, in El Salvador gebe es im Gegensatz zum Rest des Doppelkontinents
gar keine Krise.
Die US-amerikanische Flugsicherheitsbehörde führte 2 Wochen nach den
Attentaten ihre alljährlichen Sicherheitsinspektionen auf dem
Internationalen Flughafen El Salvadors durch. Obwohl die Flughafenleitung
öffentlich versicherte, dass es sich um eine seit langem angekündigte
Routineinspektion handele, verbreiteten Medien und Regierungspartei die
Version, die Inspektion würde aufgrund der "Unterstützung des Terrors
durch den FMLN" und dessen mögliche Verbindung zu Mitarbeitern des
Flugsicherheitsdienstes stattfinden. Am 24. September wurden dann beinahe
handstreichartig der internationale Flughafen EL Salvadors und der
Überseehafen von Acajutla vom Militär besetzt, obwohl es bis jetzt
keinerlei Hinweis darauf gibt, dass der Flughafen des Landes in irgendeiner
Weise mit den Attentaten in Verbindung gebracht werden kann. Begründet
wurde das damit, dass einige Angestellte der Sicherheitsdienste besagter
Einrichtungen möglicherweise Kontakt zu NGOs und der FMLN hätten und
deshalb ein Sicherheitsrisiko darstellten.
Dies kommt dem schon seit Ende des Bürgerkrieges vehement und z.T.
erfolgreich verfolgten Ziel des Militärs entgegen, sich in der
salvadorianischen Verfassung der Polizei vorbehaltene Befugnisse anzueignen.
Seit einer Woche hat die Armee auch die Kontrolle über die Grenzübergänge
übernommen. Gemeinsame Streifen von Polizei und Armee, die sog.
"Gruppen der gemeinsamen Aufgaben" (GTJ), gibt es schon länger.
Wenn die USA niesen, führt das in Mexiko zu einer Lungenentzündung und in
den Ländern Zentralamerikas zu Tuberkulose - wenn die USA die
Sicherheitsmassnahmen verschärfen, wird in El Salvador der öffentliche
Raum militarisiert.
Die innenpolitischen Konsequenzen dieser Auseinandersetzung sind noch nicht
abzusehen. Fakt ist, dass die Themen, die bis September diskutiert wurden,
wie z.B. das Haushaltsdefizit oder die "Flexibilisierung der
Lohnpolitik" (Lohnsenkungen, vor allem in den maquilas) – zur Freude
der Regierungspartei aus der öffentlichen Diskussion verdrängt worden
sind. Der Haushalt 2001 wurde mit einer Reihe von wesentlichen Korrekturen
verabschiedet, die kaum wahrgenommen wurden. So hat z.B. der Geheimdienst -
der noch kurz nach den Attentaten vom obersten Gerichtshof für
verfassungswidrig erklärt worden war - nunmehr ein eigenes Budget. Die neue
gesetzliche Grundlage für den Geheimdienst OIE wurde innerhalb einer halben
Stunde durch das Parlament gebracht. Eine Diskussion fand nicht statt. Im
neuen Gesetz ist wie bisher keine parlamentarische Kontrolle des
Geheimdienstes vorgesehen. Die Militärausgaben wurden ebenfalls
hochgefahren.
Durch das auch hier von den Medien verbreiteten Kriegsgetöse fast unbemerkt
bleiben andere wichtige politische Entwicklungen. Die Regierung
unterzeichnete die Anti-Diskriminierungskonvention der UNO. Als die
Konvention vor drei Wochen vom Parlament ratifiziert werden sollte, wurde
dies aufgrund der Intervention des Erzbischofs von San Salvador, Saënz
Lacalle, und der Präsidentin der Stiftung "Ja zum Leben" ("Sí
a la Vida"), Regina de Cardenal, verhindert. Sie behaupteten, die
Konvention würde den Staat zur Familienplanung und damit zur Förderung des
Gebrauchs von Kondomen und zur Gestattung der Abtreibung verpflichten.
Selbst nach Einschätzung der rechten Presse gibt der Konventionstext das
nicht her, nichtsdestotrotz wird begrüsst, dass die Konvention für
längere Zeit in den Ausschüssen verschwindet und, wie von den Vertretern
der rechten Parlamentsmehrheit schon angekündigt, wohl abgelehnt wird.
Ein weiteres Gesetzesvorhaben wurde, gegen die Stimmen der FMLN, von
gleicher interessierter Seite am 24.11. durchs Parlament geboxt. Jeder, der
sich um eine Arbeit bewirbt, hat dem Arbeitgeber eine Bescheinigung
vorzulegen, die die HIV-Freiheit des Bewerbers bestätigt. Ganz abgesehen
von den Kosten eines HIV-Tests, die ein Arbeitsloser hier wohl nur in den
seltensten Fällen tragen könnte, stellt dies eine unerhörte
Diskriminierung der HIV-Infizierten dar. Auf Betreiben Frau Cardenals wurde
ein Passus in das Gesetz aufgenommen, der den Staat dazu verpflichtet, die
Bevölkerung darüber aufzuklären, dass der Gebrauch von Kondomen sie nicht
vollständig vor AIDS schützen kann. Regina de Cardenal zeigte sich hoch
zufrieden mit dem Gesetz und erklärte: "Die einzig effektiven und
wissenschaftlich bewiesenen Methoden gegen AIDS sind Enthaltsamkeit und
Treue des Paares".
Kleingehalten wurde auch die Meldung, dass laut dem vorige Woche
veröffentlichten neuesten Bericht des Welternährungsfonds jährlich über
12.000 Kinder in El Salvador an durch Unterernährung verursachten
Krankheiten sterben. 20% Prozent der Bevölkerung sind chronisch
unterernährt, in manchen Gebieten betrifft dies bis zu 60% der
Bevölkerung. Als Ursache nennt der Bericht vor allem die ungleiche
Verteilung des Einkommens. Während 20% der Bevölkerung 85% des
gesellschaftlichen Reichtums auf sich konzentrieren, haben 80% der
Bevölkerung nicht einmal die Mittel, sich den Grundwarenkorb zu leisten.
20% der Familien müssten mit weniger als einem Dollar täglich auskommen
– in El Salvador ein Ding der Unmöglichkeit. Dies deckt sich mit einer
schon länger bekannten Untersuchung des Bildungsministeriums, wonach 60%
aller Schüler staatlicher Schulen (also alle, die sich keine Privatschule
leisten können) unterernährt oder zumindest fehlernährt (zu einseitig und
nährstoffarm ernährt) sind, was ihre Leistungsfähigkeit und damit ihre
Zukunftschancen erheblich mindert. Der auf den Bericht des
Welternährungsfonds angesprochene Präsident Flores erklärte, er kenne
diesen Bericht nicht, im neuen Staatshaushaltsentwurf seien aber auch
Programme für den Sozial- und Bildungsbereich vorgesehen.
Angesichts der konfliktiven Stimmung im Land ist ein massiver Abbau der
Bürgerrechte zu befürchten. Es ist nicht auszuschliessen, dass dieser sich
in erster Linie gegen all jene gesellschaftlichen Kräfte richtet, die ein
anderes politisches Projekt verfolgen als die regierende ARENA-Partei -
damit stehen soziale Bewegungen, Gewerkschaften und NGO’s , insbesondere
auch GlobalisierungskritikerInnen unter Druck. Und jene, die sie
unterstützen.
Silke Helfrich, 24.10.2001
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