Fast allerorten Feiern, aber
noch keine Lösung des Machtkonflikts
Aus den Referenden in Bolivien
gehen die Regierung
ebenso wie die Opposition im Tiefland gestärkt hervor
Peter Strack
Von der Euphorie der
Praesidentschaftswahlen von 2005 war am 10. August 2008 in den ärmeren
Vierteln Cochabambas nicht mehr viel zu spüren. Gleichwohl hatten sich in
den Schulen, die als Wahlbüro funktionierten, am späten
Sonntagvormittag bereits lange Schlangen von Menschen gebildet, die
in aller Ruhe über die Abwahl oder Bestätigung des bolivianischen Präsidenten sowie des
Präfekten entscheiden sollten. Viele vertrieben
sich die Zeit mit der Lektüre der Tageszeitung. Einzelne Personen waren ärgerlich
über die Verteilung von Mützen. Sie warben zwar nirgendwo für ein Ja oder ein Nein, und trugen kein Parteisymbol, waren aber in
Design und Farben eindeutig der Kampagne von Evo Morales zuzuordnen. Auch
aus anderen Landesteilen kamen im Tagesverlauf Beschwerden. Hier und dort
wurde von der einen oder anderen Seite nach wie vor Wahlpropaganda
verteilt. Im Viertel Plan 3000, eine der wenigen Hochburgen des Präsidenten der Tieflandmetropole Santa Cruz seien
überdurchschnittlich
viele Wähler aus dem Wahlregister gestrichen worden, und tauchten später
mit Stöcken bewaffnete Jugendliche der Union Juvenil Crucenista in den
Wahlbüros auf. In Yucumo im Beni waren die Wahlunterlagen gestohlen, in
San Rafael de Velasco Wähler gezwungen worden, öffentlich ihr Kreuz zu
machen und Chiquitano-Indianer seien gehindert worden, den Wahlprozess zu
beobachten. Doch insgesamt verlief die Wahl überraschend normal. So
normal, dass die meisten privaten Fernsehsender ihr Programm bald auf
Spielfilme umgestellten, während der Staatssender bereits Ergebnisse der
ersten Wahlbezirke bekannt gibt, die wegen Abgabe aller Stimmen schon vor
offiziellem Wahlschluss ausgezählt wurden: die in den Gefängnissen.
Die Normalität des Prozesses überraschte, nachdem die Durchführung des Referendums juristisch und
politisch lange Zeit heftig umstritten war. Ursprünglich ein Vorschlag
der Opposition hatte sich die Regierung das Referendum zu eigen gemacht.
Im Parlament hatten die Abgeordneten der regierenden MAS mit den Stimmen
der Opposition ein Gesetz verabschiedet, dass die mit geringen
Stimmenanteilen gewählten Präfekten eindeutig benachteiligte. Zu ihrer
Abwahl sollte die entsprechende Stimmenzahl reichen, mit der sie gewählt
worden waren. Bis zum Wahltag blieb unklar, ob diese Regel
aufrechterhalten oder dem Vorschlag des Nationalen Wahlgerichtshof gefolgt
werde, nach dem nur solche Präfekten als abgewählt gelten, gegen die die
Mehrheit der Wähler gestimmt haben. Trotz aller Bedenken, und vorheriger
Versuche, die Durchführung des Referendums zu verhindern, blieb am Ende
nur der von der Abwahl bedrohte Präfekt von Cochabamba der Wahl fern, während alle anderen die Gelegenheit
schätzten, der Bevölkerung die Möglichkeit zur Meinungsäusserung zu geben.
Als kurz nach 18 Uhr die
Ergebnisse der ersten Befragungen vor den Wahllokalen veröffentlicht
wurden, wurde auch deutlich, dass die Ergebnisse des Referendums nicht nur
den Präsidenten, sondern auch die Präfekten der Tieflandprovinzen gestärkt hatten, und die Spaltung des Landes so um so deutlicher gemacht
hatten. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass die Präfekten von zwei
der drei von der Opposition regierten Hochlandprovinzen mit deutlicher
Mehrheit abgewählt sind. Jose Luis Paredes in La Paz und Manfred Reyes
Villa – beide mit kaum mehr als einem Drittel des Votums an Zustimmung.
Ein derart klares Ergebnis in beiden Fällen machte sogar die Debatte darüber
überflüssig, ob die Prozentzahlen des Gesetzes oder die der des
Wahlgerichtshof Gültigkeit haben. Während Paredes angesichts der klaren
Wahlausgangs sofort seinen Rücktritt ankündigte, insistierte Reyes Villa
auf der Illegalität des Referendums und folglich seinem Verbleib im Amt.
So deutlich die Wahlsiege der
oppositionellen Präfekten im Tiefland sind, und damit die Unterstützung
für ihr Streben nach stärkerer Autonomie und Kontrolle der natürlichen
Ressourcen, so bemerkenswert sind die keineswegs schlechten Ergebnisse der
Zentralregierung in den meisten Tieflandprovinzen. Die Zustimmung zum
Verbleib des Präsidenten im Amt reicht von immerhin 39% Zustimmung in
Santa Cruz bis zu 49% im Departamento Pando. Alle Ergebnisse deutlich
besser als bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen. Und in Tarija, wo
Evo Morales, dem man Tage zuvor dort noch gewaltsam den Besuch vor Ort
verwehrte, jetzt 47% Unterstützung bekam, gab es gleich zwei Feiern: Die
der Anhänger des Präfekten, und die des Präsidenten.
Während der wiedergewählte Präfekt Leopoldo Fernandez der im Nationalparlament
führenden
Oppositionspartei PODEMOS nach seinem Wahlsieg im Departamento Beni einen
versöhnlicheren Ton mit der Regierung anschlug, verschärfte der
ebenfalls mit etwa zwei Drittel der Stimmen bestätigte Präfekt von Santa
Cruz Ruben Costas den Ton und polemisierte unter “Evo Mörder”-Rufen
seiner Anhängerschaft gegen das “rassistische Projekt” einer neuen
Verfassung für Bolivien, beklagte den “Staatsterrorismus” der
Regierung Morales und kündigte die Gründung einer eigenen Polizei, einer
eigenen Steuerbehörde und der Kontrolle über “die uns zustehenden”
natürlichen Ressourcen an. Auch
Tarijas Präfekt Mario Cossio kündigte die unmittelbare Umsetzung des
Autonomiestatuts ab dem folgenden Tag an. Demgegenüber forderte das
Publikum weniger später auf der Plaza Murillo vor dem Regierungspalast
“Mano dura”, eine harte Hand von Evo Morales. Doch der schlug in
seiner Rede fast unter Tränen die Harmonisierung der neuen Verfassung mit
den Autonomiestatuten der Regionen vor, drückte seinen Respekt vor den
bestätigten Präfekten aus, erkannte ihren Wahlsieg an und lud sie zu
Gesprächen und zur Einheit des Landes und zur Bekämpfung der Armut ein.
Konkrete Vorschläge kamen am Wahlabend nicht von Evo Morales, doch sein
mit dem aggressiven Stile eines Ruben Costa kontrastierender versöhnlicher Tonfall ist sicher auch ein Grund
für den hohen
Prozentsatz seiner Bestätigung im Amt. Abgesehen davon, dass landesweit
derzeit keine Alternative zum mit nicht viel weniger als zwei Drittel der
Stimmen bestätigten Präsidenten der Armen, der Mehrheit der Bevölkerung,
in Sicht ist. Die scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse des Wahlgangs
sind als Appell der Bevölkerung an Regierung wie Opposition zu verstehen,
endlich ernsthaft zu verhandeln.
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