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 LateinAmerikanischesKino

Editorial  ila 292 Februar 2006

Bei unseren Recherchen zum lateinamerikanischem Kino stießen wir auf folgende Behauptung: „Wenn hierzulande lateinamerikanische Filme laufen, sitzen im Publikum relativ viele Langhaarige.“ Männer versteht sich. Sind die Liebhaber des lateinamerikanischen Films nun in den 70ern stehen geblieben, ästhetisch wie politisch? Sind das alles Naturburschen? Oder gar androgyne Grenzgänger zwischen der Zwangszweigeschlechtlichkeit? Vielleicht sollte man dieses Merkmal nicht überbewerten, diese Jungs gefallen sich so einfach besser. Die Form lässt nicht zwangsläufig auf den Inhalt schließen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Form und Inhalt spielt im Film
 – genau wie bei jeder anderen Kunstgattung auch – eine wichtige Rolle. Schlaue Köpfe überlegen sich Konzepte, die manchmal auch greifen und die Kunst revolutionieren. Ein in dieser Hinsicht recht erfolgreiches Konzept war die Dogma 95-Bewegung unter Federführung des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Vor gut zehn Jahren hatte das Dogma-Manifest die Rückkehr zur direkteren, „natürlicheren“ Wiedergabe der Realität im Film gefordert. Dazu gehörten formale Kriterien wie z.B. der Verzicht auf Beleuchtung und Musik oder der Gebrauch der berühmten – meist verwackelten – Handkamera. Aber auch inhaltliche Kriterien wurden festgelegt. Die besten Zeiten von Dogma sind mittlerweile vorbei. Interessant sind aber die regionalen Folgewirkungen, z.B. die Spuren dieser Bewegung in Lateinamerika. So gibt es in Brasilien die Feijoada brasileira. Die Feijoada, eigentlich das brasilianische Eintopfgericht aus schwarzen Bohnen, Wurst, Speck und Fleisch, bezeichnet hier eine Art Kino, das die herrschenden Filmkonventionen in Frage und die unter- bzw. verzerrt repräsentierte afrobrasilianische Bevölkerung in den Mittelpunkt stellt. Der Filmemacher Jeferson De stellte 1999 sieben Regeln der Feijoada auf. Sie fordern u.a., dass Regisseur/in, ProtagonistInnen und Thema des Films afrobrasilianisch sein sollten, dass jegliche Stereotype verboten sowie Superhelden und Oberbösewichte vermieden werden sollten. 

Nun sind in den letzten fünf Jahren viele Filme mit afrobrasilianischen DarstellerInnen entstanden, von Unterrepräsentation kann im Moment keine Rede sein. AfrobrasilianerInnen sind hip. KritikerInnen bemängeln jedoch die nach wie vor herrschende Aura des „Besonderen“. So meint Jeferson De z.B. zum überaus erfolgreichen Cidade de Deus von Fernando Meirelles: „Ein Haufen Kinder, die alle bewaffnet sind und sich gegenseitig umbringen – das ist nicht die Realität der meisten schwarzen Kinder in Brasilien.“
Von Meirelles ist Ende Januar übrigens Der ewige Gärtner in die Kinos gekommen. In dem Politthriller werden die kriminellen und menschenverachtenden Machenschaften von Pharmakonzernen in Afrika aufgezeigt. 

Die Verfilmung eines Romans des Bestsellerautors John Le Carré hat jetzt vier Oscar-Nominierungen einheimsen können. Der Romanautor hatte umfangreich recherchiert, wobei er auf die BUKO-Pharmakampagne in Bielefeld gestoßen war. Sie taucht nun in Buch und Film als Initiative HIPPO auf, deren AktivistInnen eine wichtige Nebenrolle spielen. Der Film habe das Potenzial, „eine große Öffentlichkeit für entwicklungspolitische Inhalte zu interessieren“, meint die BUKO-Pharmakampagne. Sie schlägt vor, den Film für die entwicklungspolitische und pharmakritische Arbeit in Deutschland zu nützen und Informationsveranstaltungen zusammen mit Kinobetreibern vor oder nach Vorführung des Films zu organisieren. Dabei bietet sie ihre Unterstützung an (Kontakt und Infos: www.bukopharma.de).
Selbst wenn Der ewige Gärtner von seiner Machart eher Hollywood denn Dogma oder gar Feijoada ist – der Film setzt sich mit unbequemen Realitäten auseinander. Und er ist ganz schön spannend. Und emotional berührend. Auch für Langhaarige geeignet! 

P.S. Wie so oft schon in den vergangenen Jahren haben wieder viele unserer FreundInnen und FörderInnen die ila-Arbeit zum Jahreswechsel mit einer Spende unterstützt. Wir bedanken uns ganz herzlich für diese Solidarität, die wir in und mit der ila für uns und andere zu vertreten versuchen. Insgesamt wurden 6570,00 Euro für unsere Arbeit gespendet. Hier die einzelnen Spenden: A. J., Frankfurt 50,- • A. Sch., unbekannt 50,- • N. E., Mainz 25,- • D. E., Mainz 100,- • G. K.-R., Bonn 1500,- • M. R., Lüneburg 20,- • J. Sch., Rheine 20,- • C. F., Düsseldorf 25,- • K. P., Hamburg 120,- • W. K., Berlin 250,- • Dr. W. Sch., Stuttgart 100,- • K.K., Köln 25,- • I. Oq., Berlin 200,- • G. B., Hamburg 500,- • M. N. Troisdorf 60,- • M. S., Bonn 60,- • M. P., Münster, 60,- • J. S., Hamburg 300,- • H. Sch., Arolsen, 112,- • Ch. R. Springe 50,- • H. R., Stuttgart 70,- • B. H., Köln 40,- • K. G., Oldenburg 300,- • U. B., Köln 1000,- • Ch. H., Köln 40,- • H. H., Hannover 40,- • I. K., Bonn 150,- • G. Sch., Hamburg 110,- • H. Z., Bubach 153,- • Ch. K., Jülich 50,- • B. W., Wuppertal 20,- • H. P., Hemau 100,- • I. P., Leipzig 20,- • G. K.-R., Bonn 200,- • D. P., Bonn 50,- • A. K., Lauchringen 200,- • Lateinamerika Komitee Nürnberg ca. 400,- (angekündigt)


Inhalt

Lateinamerikanisches Kino
Leseproben in den nächsten Tagen

 

4 Aufbruch aus dem Krisenpanorama 
Die unerschütterliche Vitalität des argentinischen Kinos /von Bettina Bremme

7 Von der Randfigur zum Kassenschlager
Die Rolle der AfrobrasilianerInnen im brasilianischen Kino / von Eduardo Raccah

10 Wichtig ist der kulturelle Spiegel
Interview mit Jorge Sanjinés über indigenes und bolivianisches Kino

11 Doppelt ist nicht immer besser
Los hijos del último jardín von Jorge Sanjinés / von Peter Strack

12 Jeder Film, der zustande kommt, ist ein Wunder
Gespräch mit dem peruanischen Filmemacher Josué Méndez / von Walter Ruggle

15 Immer in Action
Dokumentarfilm über den uruguayischen Revolutionär Raúl Sendic / von Ronald Melzer

16 Harte Geduldsprobe
Filmschaffen trotz prekärer Bedingungen in El Salvador / von Jochen Schüller

19 Ein Film ist wie ein Schuss
Umfrage unter lateinamerikanischen FilmemacherInnen

23 Pack den Winterpulli ein…
Kinoerlebnisse in San Salvador / von Eduard Fritsch

25 Polyglotte Vielfaltsicherung
Ein Faible für Lateinamerika: der Verleih flaxfilm / von Britt Weyde

27 Kein Trostpflaster ist perfekt
Bericht vom 27. Internationalen Filmfestival in Havanna / von Ronald Melzer

30 Willkommen auf Hamburgs 17. Lateinamerika-Filmtagen 
Ausschnitte aus einem Reisetagebuch / von Sandra Mayer und Christine Schmelzle

34 Adelante Muchachas!
Vier junge Frauen in Honduras mit einer gemeinsamen Leidenschaft / von Gert Eisenbürger

35 Recht auf Rausch und Utopie
Der Film Havanna Blues / von Britt Weyde

36 Familiäre Gemeinheiten
Der Film Familia Rodante – Reisen auf Argentinisch / von Britt Weyde


Berichte & Hintergründe

37 Rechtsabbiegen verboten!
Die indianischen Völker Boliviens treiben eine friedliche Umgestaltung des „Kolonial“-Staates voran / von Peter Strack

41 Ein Monolith macht Geschichte
Die Heimkehr Bennetts und die indigene Bewegung Boliviens / von Adalberto Kopp

43 Der Aufbau der Gegenmacht aus dem Alltäglichen
Die Piquetero-Bewegung in Argentinien – zwischen Vereinnahmung und Widerstand / von Günter Pohl

46 Worst Case in Hongkong
Die WTO-Konferenz ging schlimmer aus als erwartet / von Gaby Küppers

49 Eine gefährdete Friedensinsel
Internationale Mission besucht Friedensgemeinde von San José de Apartadó in Kolumbien / von Bettina Reis

51 Nestlé auf der Anklagebank
Öffentliche Anhörung in Bern über Rechtsverletzungen von Nestlé in Kolumbien / von Stephan Suhner

53 Oaxaca, Mexiko
Der mexikanische Maler Francisco Toledo erhielt alternativen Nobelpreis / von Eva Völpel


Ländernachrichten/Poonal

56 Chile, Argentinien, Mexiko, Haiti, Rheinland


Solidaritätsbewegung

58 Sie war eine der Leisen ihrer Zunft
Abschied von Ulla Junk / von Gert Monheim

59 Wir singen für dich, weil du lebst, nicht weil du gestorben bist
Abschied von Padre Jon Cortina S.J., El Salvador / von Eduard Fritsch

60 Ein organischer Intellektueller
Abschied von Ernesto Richter / von Demetrio Polo-Cheva

62 Der Politiker unter den Comandantes
Abschied von Schafik Handal / von Gert Eisenbürger und Gerold Schmidt

63 Viel mehr als Ches Suaheli-Übersetzer
Abschied von Freddy Ernesto Ilanga Ilunga Yatii / von Katrin Hansing und Hauke Dorsch

64 Comandante Cerveza
Abschied von Walter Steffens / von Christian Zehnter und Hartmut Löschke

65 Beziehungen seit den Tagen Nehrus
Asiatisch-pazifische Cuba-Solidaritätskonferenz in Indien / von Andres Hetzer und Marike Reinschmidt

66 Leserbrief. Warum nur kritisiert ihr immer alles, was aus Cuba kommt?

67 Buchbesprechung. Grundeinkommen: bedingungslos / von Gert Eisenbürger

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