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Wasser
ist keine Ware
Editorial ila
293 März 2006
Es gab mal eine Zeit, da lag der Entwicklungspolitik das Konzept der „nachholenden
Entwicklung“ zugrunde. Die Entwicklungsländer seien in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, „unsere“ Kredite und Zuschüsse sollten sie in die Lage versetzen, den Rückstand aufzuholen und zu „uns“ aufzuschließen. Es soll hier jetzt nicht über die latente Arroganz dieses Ansatzes diskutiert werden, sondern darüber, wie sich Bilder in wenigen Jahrzehnten verschoben haben. Früher standen „die“ für die Vergangenheit und „wir“ für die
Gegenwart und Zukunft. Wenn solche Weltbilder in der öffentlichen Debatte um die Mohammed-Karikaturen derzeit auch noch einmal aufgewärmt werden, wird von den Hofschranzen des Neoliberalismus längst das genaue Gegenteil gepredigt.
„Wir“ würden an einem veralteten Bild des Staates als Regulierungs- und Verteilungsinstrument hängen, während „die“ im Süden längst weiter wären. Die Länder Lateinamerikas hätten „ihre Hausaufgaben gemacht“ oder seien auf dem besten Weg dahin. In den dynamischsten Staaten seien Kranken- und Rentenversicherung zum Wohle aller privat geregelt, die öffentlichen Dienste vom Nahverkehr bis zur Wasserversorgung in private Hände überführt, während lästige Umwelt- und Gesundheitsauflagen erst gar
nicht eingeführt worden seien. George Bush bezeichnete das chilenische Modell der Sozialversicherung ausdrücklich als Modell für die USA.
Sofern Lateinamerika auch hinsichtlich der Privatisierung der Wasserversorgung ein
Vorbild für Europa sein sollte, könnten wir – inzwischen – einigermaßen beruhigt sein. Zwar wurden in Lateinamerika vielerorts die kommunalen Wasserwerke an internationale Unternehmen verscherbelt, was durchweg deutliche Preiserhöhungen und sehr häufig eine Verschlechterung der Wasserqualität zur Folge hatte (man wollte schließlich verdienen und nicht investieren).
Aber seit einiger Zeit scheinen die multinationalen Konzerne in Lateinamerika im Wasserbereich auf dem Rückzug zu sein. Teilweise wurden sie durch Aufstände oder Abstimmungen dazu gezwungen wie im bolivianischen Cochabamba oder in Uruguay, häufig gehen sie aber auch weg, weil die Rendite nicht mehr stimmt, wenn viele Leute die hohen Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen – wie in Argentinien.
Haben die Konzerne also endlich eingesehen, dass man nicht alles privatisieren kann und das Wasser ein öffentliches Gut bleiben muss? Natürlich nicht! In vielen Regionen Lateinamerikas ist mit privatisierter Wasserversorgung einfach nicht genug zu verdienen. Um die zweistelligen Renditeerwartungen ihrer AktionärInnen erfüllen zu können, investieren die internationalen Unternehmen nur noch da, wo kurzfristig hohe Profite zu realisieren sind. Und das ist nun mal nicht in Lateinamerika, sondern eher in Europa.
Der mögliche Teilrückzug der Wassermultis aus Lateinamerika bedeutet, dass sie verstärkt versuchen werden, sich europäische Wasserwerke unter den Nagel zu reißen. Welche Folgen das dann haben wird, kann in mehreren Beiträgen dieses Schwerpunktes nachgelesen werden. Allerdings sind die Qualität und der demokratische Zugang zu Wasserressourcen nicht nur durch die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung bedroht. Bergbau, exzessive Land- und Waldwirtschaft oder infrastrukturelle Großprojekte gefährden ebenfalls die Wasserversorgung vieler Menschen, besonders in ländlichen Regionen. Auch darüber wird in dieser ila berichtet. Und auf noch etwas muss hingewiesen werden, weil es manchmal in der linken Diskussion zu kurz kommt: Öffentlicher Besitz allein ist keine Garantie für Qualität und Gerechtigkeit in der Wasserversorgung. Ohne demokratische Kontrolle und Partizipation besteht immer
die Gefahr der Korruption und der Pöstchenschieberei.
Wie so oft wäre auch dieser Schwerpunkt nicht ohne Unterstützung von außen zustande gekommen. Dieses Mal danken wir besonders Sophie Esch und Silke Helfrich von der Heinrich-Böll-Stiftung und Danuta Sacher von Brot für die Welt für ihre Mitarbeit. Und natürlich Gerold Schmidt, „unserem Mann in Mexiko“, dem wir eigentlich ständig danken müssten.
Also viel Spaß beim Lesen und seid wachsam, wenn KommunalpolitikerInnen demnächst die Veräußerung der Wasserverbände als Möglichkeit empfehlen, um städtische Haushaltslöcher zu stopfen!
Inhalt
Wasser ist
keine Ware
4 Wie aus Wasser eine Ware wurde
Strukturen und Akteure der Wasserprivatisierung / von Gustavo Castro Soto
8 Für das Recht auf Wasser
Widerstand der Zivilgesellschaft gegen das 4. Weltwasser-forum in Mexiko / von
Maude Barlow
11 Das Lateinamerikanische Wassertribunal
Interview mit Javier Bogantes und Ricardo Valverde / von Sophie Esch und
Silke Helfrich
13 Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Die größte Goldmine Lateinamerikas vergiftet Wasser und Umwelt im
peruanischen Cajamarca
/ von Marco Arana Zecarra und Mirtha Vásquez
15 Staudamm gegen die Bevölkerung
Wieder einmal werden für ein Megaprojekt Leute vertrieben / von Gerold
Schmidt
16 Stadt – Land – Fluss
Das Cutzamala-System versorgt die mexikanische Hauptstadt mit Wasser und
gräbt es der Landbevölkerung ab
/ von Gerold Schmidt
18 Der Kindergarten kann das Wasser nicht mehr bezahlen
Besuch in Pampahasi, einem armen Barrio von La Paz/Bolivien / von Gaby Küppers
20 Wasserpolitik braucht soziale Partizipation
Vizeminister René Orellana erläutert die Ziele der neuen Wasserpolitik
Boliviens / von Danuta Sacher
22 Ein Hungerstreik setzte die Regierung Lula unter Druck
Ein wirtschaftlich und ökologisch problematisches Umleitungsprojekt am
Rio São Francisco / von Gaby Küppers
24 Ökumenisches Wassernetzwerk in Aktion / von Gerhard Dilger
25 Wasser, Weltbank, Paramilitärs
Vielfältige Interessen bestimmen die Wasserprivatisierung in Kolumbien
vom Colectivo Ambiental Mario Calderón
27 Wasser gehört allen und niemandem
Indigene Stadträtin fordert für Bogotá ein „Wasser-Statut“ / von
Bettina Reis
28 Wasser darf nicht Frauensache bleiben
Interview mit Hilda Salazar und Karla Prieto vom mexikanischen Netzwerk für
Gender und Umwelt
/ von Sophie Esch und Silke Helfrich
31 Unser Norden ist der Süden
Wasserreformen in Lateinamerika / von Olivier Hoedemann unnd Satoko
Kishimoto
35 Wasser ist keine Ware
Erklärung von Caracas
Berichte & Hintergründe
37 Massenmord für liberale Wirtschaftspolitik
Vor 30 Jahren errichtete das Militär in Argentinien eine brutale Diktatur
/ von Gert Eisenbürger
40 Der große Schweiger soll Haiti aus der Krise führen
René Préval gewinnt die Präsidentschaftswahlen / von Hans-Ulrich
Dillmann
42 Kontinuität mit Wandel
Chile nach den Wahlen / von Karin Fischer
45 Wundersame Verquickungen
Zum Einfluss der Paramilitärs bei den Wahlen in Kolumbien / von Bettina
Reis
47 Aufstieg (und Fall?) des Ollanta Humala
Im April wählt Peru einen neuen Präsidenten / von Willy Hüter
48 Bolivien neu erschaffen
Indigene Gemeinschaften bereiten sich auf ihre verstärkte Partizipation
im Staat vor
/ von Almut Schilling-Vacaflor del Carpio
51 Heute werden unsere Rechte respektiert
Flower Label Program setzt neue Maßstäbe in der Blumenindustrie Ecuador / von
Gertrud Falk
Weltsozialforum 2006
53 Widerstand auf Bambara
Das Sozialforum in Bamako, Mali / von Tsigereda Walelign
55 „Strategische Allianzen“ von Bewegungen und linken Regierungen?
Das Sozialforum in Caracas, Venezuela / von Stefan Thimmel
Kulturszene
57 Argentinien überlebt
Kulturelles Leben in Buenos Aires nach der Cromañón-Tragödie / von
Britt Weyde
59 Uruguay rockt
Zwei neue CDs vom Río de la Plata / von Britt Weyde
Ländernachrichten/Poonal
60 Mexiko, El Salvador, Guatemala, Costa Rica, Brasilien, Nicaragua,
Puerto Rico, Uruguay, Paraguay
Solidaritätsbewegung
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