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K U B A  Editorial  ila 299 Oktober 2006

Anfang August war Cuba für ein, zwei Tage das Top-Thema im medialen  Sommerloch: Fidel Castro musste sich einer komplizierten Operation unterziehen und übergab deshalb die Amtsgeschäfte an seinen Bruder Raúl und andere Mitglieder des Politbüros der Kommunistischen Partei. Würde nun auch in Cuba die „Wende“ eintreten? Der harte Kern der rechten ExilcubanerInnen in Miami schien das zu glauben, dort wurde bereits das Ende der sozialistischen Regierung gefeiert. Doch in Cuba war von Krise oder einem bevorstehenden Zusammenbruch wenig zu spüren, die vorläufige Machtübernahme ging reibungslos und professionell über die Bühne. Inzwischen hat sich auch der Gesundheitszustand des „máximo líder“ wieder deutlich verbessert.

Doch unabhängig davon, ob Fidel Castro seine Amtsgeschäfte noch einmal übernimmt oder ob sein politischer Rückzug dauerhaft sein wird, steht Cuba vor einem Umbruch. Der Militär Raúl Castro wird nur ein Übergangspräsident sein, mittelfristig steht ein Generationswechsel an. Ob sich allerdings die Hoffnungen der Rechten in den USA, Europa und Lateinamerika auf eine „Demokratisierung“ Cubas nach ihren Rezepten erfüllen werden, darf bezweifelt werden. Denn in der Region gibt es Machtverschiebungen: Mit den Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika hat Havanna neue Partner, zudem gestalten sich die Wirtschaftsbeziehungen mit China und anderen asiatischen Staaten vielversprechend.
 Was Bush und seine Klientel in Miami für Cuba wollen, wissen wir. Auch von der gegenwärtigen cubanischen Führung um Raúl Castro sind kaum Überraschungen zu erwarten. Beide Lager haben ihre Positionen in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Fast scheint es so, als ob sich jedeR, der/die etwas zu Cuba sagen will, für eine dieser beiden Optionen entscheiden muss.

Damit hatten wir seit jeher unsere Schwierigkeiten. Als die ila im November 1976 erstmals erschien, war die Entwicklung des revolutionären Cuba zu einem realsozialistischen Land weitgehend abgeschlossen. Das Macht- und Definitionsmonopol einer autoritären Kommunistischen Partei war etabliert. Gleichzeitig war Cuba weiterhin ein blockiertes Land, von ständigen Feindseligkeiten der USA bedroht.
Unsere grundsätzliche Skepsis gegenüber den realsozialistischen Gesellschaftsmodellen, aber auch unsere Ablehnung der aggressiven Lateinamerikapolitik der USA prägten fortan unser Verhältnis zu Cuba. Wiewohl wir der innenpolitischen Entwicklung eher kritisch gegenüber standen, verteidigten wir die cubanische Revolution angesichts der Einmischungen und Bedrohungen durch die US-Regierungen und ihre Verbündeten. 

Darüber hinaus wollen wir uns aber weder dem Lager derer zuordnen, die sich vollständig auf der Linie der cubanischen Regierung sehen, noch derer, die für eine politische Öffnung im Sinne der Einführung bürgerlich-kapitalistischer Strukturen eintreten. Für uns sind die spannenden Zukunftsfragen (nicht nur in Cuba) die einer größeren politischen Partizipation, der Entwicklung radikaldemokratischer Konzepte jenseits der bürgerlichen Parteiendemokratie, der Stärkung von Selbstverwaltungsstrukturen in der Organisation der Arbeit, von Konzepten sozialer Sicherheit jenseits von Erwerbsarbeit sowie dem verantwortungsvollen Umgang mit ökologischen Ressourcen. Diese Debatten wurden leider in Cuba immer wieder von oben abgewürgt, während sie andernorts in Lateinamerika heute intensiv geführt werden.

Nachdem wir lange keinen Schwerpunkt mehr zu Cuba veröffentlicht haben, wagen wir uns mit diesem Heft wieder an das Thema heran. AutorInnen wurden angesprochen, die die politische Entwicklung auf der Insel recht unterschiedlich einschätzen, solche, die nahe an Cubas Regierung und Botschaft argumentieren, und solche, die mit der Politik ebendieser Regierung große Probleme haben. Wir denken, der so entstandene Schwerpunkt enthält ausreichend Material für die politische Debatte und die Entwicklung eigener Positionen.

P.S. Die November-ila wird die 300. Ausgabe unserer Zeitschrift sein. Gleichzeitig wird die ila damit 30 Jahre alt. Dies möchten wir mit einem erweiterten Schwerpunktheft zum Thema „Solidarische Perspektiven“ begehen. Außerdem wollen wir unseren Geburtstag natürlich auch feiern. Am 11. November steigt im Bonner Kulturzentrum „Kult 41“ die ila-Geburtstagsfiesta. 


Inhalt

Kuba

4 Cuba ohne Fidel
Nach der vorläufigen Machtübergabe in Havanna / von Silke Helfrich

8 No es fácil
Cubas Sonderperiode ist vorüber – doch manche der mit ihr gekommenen Probleme bestehen fort / von Günter Pohl

11 Achillesferse Energie
Regierung setzt auf Öl, Biomasse und größere Effizienz / von Dorothea Kallenberger und Silke Helfrich

13 Panther, Tiger & Co.
Nach langer Durststrecke ist Cubas Wirtschaft auf Wachstumskurs / von Knut Henkel

14 Morsche Balken
Interview mit dem cubanischen Sozialwissenschaftler Haroldo Dilla / von Gaby Küppers

17 Von Drohgebärde bis Umsturzvorbereitung
US-Planungen für ein „freies“ Cuba à la Bush / von Edgar Göll

20 Die Miami Five
Fünf Cubaner in US-Haft, weil sie den rechten Untergrund in Miami auskundschafteten / von Günter Pohl

21 Operation Wunder in Bolivien
Wie Doña Matilde Fidel Castro leider nicht kennen lernen, dafür aber ihr Sehvermögen retten konnte
/ von Marisol Díaz

22 Hauptsache Systemwechsel
Cubas Opposition und Deutschlands Konservative / von Harald Neuber

24 Eiszeit in den Tropen 
Ein deutscher Botschafter über seine Zeit in Cuba / von Kerstin Sack

25 Persona non grata
Jorge Edwards und seine Erinnerungen an das Havanna der 70er Jahre / von Ute Evers

26 Poesie mit Gitarre 
Buena Fé – Nueva Trova für das 21. Jahrhundert / von Silke Helfrich

28 Rückkehr des Ermittlers Mario Conde
Leonardo Paduras Hassliebe zu Hemingway / von Klaus Jetz


Berichte & Hintergründe

29 Wende in letzter Minute
Lula schaffte es im ersten Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahlen nicht / von Thomas Fatheuer

31 Zementierung von Machtverhältnissen
Strukturelle Ursachen der Korruption in Brasilien / von Antônio Inácio Andriolo

32 Good Governance gegen Korruption?
/ von Antônio Inácio Andriolo

35 Vom Sandinismus zum Danielismus
Nicaragua vor den Wahlen / von Mónica Baltodano

38 López Obrador bereitet Parallelregierung vor
Mobilisierungswelle gegen Ergebnis der mexikanischen Präsidentschaftswahlen hält an
/ von Gerold Schmidt

40 Volksaufstand und doppeltes Spiel der Regierung Fox 
Die Lage in Oaxaca spitzt sich weiter zu / von Eva Völpel

43 Schert Uruguay aus dem Mercosur aus?
Tabaré Vázquez fühlt sich von den Nachbarn nicht ernst genommen und flirtet mit der US-Regierung
/ von Joachim Becker

45 Ein Augusttag in Sucre
Bolivien: Die Eröffnung der Verfassunggebenden Versammlung im Rückblick / von Hildegard Willer

47 Der mittlere Westen wird mexikanisch
Migration und Anti-Migration in der US-Provinz / von Eduard Fritsch

49 Massenexodus von NS-Kriegsverbechern nach Argentinien
Die größte Fluchthilfeoperation der Kriminalgeschichte / von Theo Bruns


Kulturszene

52 Vom Chirurg zum Krimiautor
Der mexikanische Schriftsteller Gabriel Trujillo Muñoz schreibt für die kollektive Erinnerung seiner Region
/ von Ute Evers

53 Grenzgänge zwischen Welten
Washingtons Immigrationspolitik macht Trujillo Múñoz' Werk Tijuana Blues aktueller, als es ohnehin schon ist
/ von Torsten Tullius

54 Venezuela wählt das Buch
Ein kultureller Ruck geht durch das Land / von Ute Evers

55 Der Puppenkönig ist tot
Der mexikanische Maler Julio Galán wurde nur 46 Jahre alt / von Laura Held


Ländernachrichten/Poonal

56 Mexiko, Guyana, Deutschland, El Salvador, Costa Rica, Haiti, Chile


Solidaritätsbewegung

59 Notizen aus der Bewegung


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