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San
Salvador
Gesichter einer Metropole
Editorial
ila
307 Juli 2007
Wie immer im Juli ist auch die vorliegende ila einer
lateinamerikanischen Großstadt gewidmet, diesmal einer, über die hierzulande wenig bekannt ist: San Salvador, die Hauptstadt des mittelamerikanischen Staates El Salvador. Seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1992 ist das Land aus den Schlagzeilen verschwunden, der schwierige Weg zum Frieden ist für die großen Medien offensichtlich deutlich weniger interessant als kriegerische Auseinandersetzungen. Wenn in den letzten Jahren überhaupt etwas über San Salvador zu sehen, hören oder lesen war, waren es entweder Berichte über Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen) oder über die Maras, die Jugendbanden. Alles Phänomene, die die Stadt wenig attraktiv erscheinen lassen und dazu führen, dass sich nur wenige westliche TouristInnen nach San Salvador verirren.
Zwei Jahrzehnte Repression und Krieg haben der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. In den siebziger Jahren hatte sich vor allem in den armen Vierteln San Salvadors eine politische Massenbewegung entwickelt, gegen die das damalige Militärregime mit äußerster Repression vorging. Menschen wurden reihenweise ermordet, ihre toten Körper als Abschreckung irgendwo im Viertel abgelegt. Für politisch aktive junge Leute wurde es fast unmöglich, in San Salvador zu leben. Sie standen vor der Alternative Tod, Flucht ins Exil oder Anschluss an eine der politisch-militärischen Organisationen, die sich ab 1980 in der FMLN zusammenschlossen. Der Krieg ist zwar seit 15 Jahren vorbei, aber Gewalt ist nach wie vor ein großes Problem in San Salvador, die Angst ist keineswegs verschwunden. Nach Lesart der Regierung und der veröffentlichten Meinung sind dafür vor allem die Jugendbanden verantwortlich. Ursprünglich von aus den USA abgeschobenen Jugendlichen gebildet, sind die Maras heute in ganz El Salvador, aber auch den anderen mittelamerikanischen Staaten präsent. Ihre Bandenkriege, Überfälle und Schutzgelderpressungen verunsichern die Leute. Deshalb gehen viele der Propaganda der rechtsextremen ARENA-Partei auf dem Leim, die verspricht, durch eine „Politik der harten Hand“ mit dem Problem der Maras aufzuräumen.
Natürlich löst die Polizeigewalt gar nichts und führt nur dazu, dass sich die Jugendlichen aus den ärmeren Barrios heute von Maras und von der Polizei bedroht fühlt, weil letztere fast alle Jugendliche aus Armenvierteln verdächtig findet und es immer wieder zu Übergriffen und Morden durch die Sicherheitskräfte kommt. Als wären die Gewalt und eine prekäre ökonomische Situation nicht genug, sind die EinwohnerInnen San Salvadors immer wieder mit Erdbeben und Überschwemmungen konfrontiert. Beides führt regelmäßig zu Todesopfern und zerstört den Leuten das wenige, das sie haben. Zwar sind Überschwemmungen und Erdbeben Naturkatastrophen, aber ihre schlimmen Folgen sind immer auch Ergebnis einer Regierungspolitik, die sich nur an privaten Interessen orientiert.
Doch San Salvador besteht nicht nur aus Gewalt oder sozialen und ökologischen Problemen. Es gibt auch Positives zu berichten. Nunmehr in der vierten Legislaturperiode regieren in San Salvador linke Stadtoberhäupter, seit dem letzten Jahr erstmals eine Bürgermeisterin, Violeta Menjívar von der FMLN. Die aus der ehemaligen Guerilla hervorgegangene Partei dominiert nicht nur im Zentrum, sondern auch in den meisten Vorstädten der Area Metropolitana de San Salvador (AMSS) und versucht dort eine andere Politik umzusetzen. Das geht nicht ohne Fehler und Widersprüche, natürlich ist nie genügend Geld da und letztlich hat die Zentralregierung das Sagen, und die wird von der rechtsextremen ARENA gestellt.
Auch wenn kaum öffentliches Geld für Kultur ausgegeben wird, gibt es zahlreiche Theatergruppen, innovative AutorInnen, ein spannendes Kunstmuseum. In einer Stadt, wo die Shopping-Malls als Inbegriff des Fortschritts gelten und private werbefinanzierte Radio- und TV-Kanäle das Massenbewusstsein bestimmen, haben es kritische kulturelle Initiativen schwer, aber sie existieren und verschaffen sich Gehör.
Wie so viele Schwerpunkte wäre auch dieser nicht ohne Hilfe und Beratung von außerhalb der Redaktion zustande gekommen, diesmal gilt unser besonderer Dank Anne Hild und Helene Kapolnek.
P.S. Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich die ila (d.h. die gedruckte ila)
in die – wie wir meinen – wohlverdiente Sommerpause. Im August erscheinen wir wie üblich nicht, wir melden uns Mitte September wieder. Wir wünschen uns und allen LeserInnen einen schönen Sommer!
Inhalt
San
Salvador -
Gesichter einer Metropole
4 Der Untergang San Salvadors Ostern 1854
Augenzeugenbericht des Reisenden Carl Scherzer
5 Zwischen Erdbeben und Überschwemmungen
Die katastrophalen Folgen wären oft vermeidbar / von Angel Ibarra
6 Geographie der Unsicherheit
Das historische Zentrum gilt heute als Problemviertel / von Sonia Baires und Carla Sánchez
8 Wie in Madrid und New York
Shopping-Malls und der Traum vom mondänen Lifestyle / von Angela Reyes
11 Die PiratInnen von San Salvador
Die HändlerInnen gebrannter CDs und DVDs organisieren sich gegen CAFTA-Freihandelsabkommen
/ von Mela Wolf und Dieter Drüssel
13 Mehr Transparenz und Konfliktmanagement
FMLN-Stadtverwaltung will BürgerInnenkontrolle institutionalisieren / von
Nidia Umaña
14 Wo Busfahren zum Abenteuer wird
Der private Öffentliche Personennahverkehr in San Salvador / von Eduard Fritsch
16 Es geht um reale Organisierung, nicht um formale
Interview mit Roger Blandino Nerio, FMLN-Bürgermeister von Mejicanos / von
Tom Baier
19 Der tägliche Kampf gegen den Müll
Interview mit Alvaro Ramos Claros / von Eduard Fritsch
20 Aufgewachsen am Vorabend des Bürgerkriegs
Vom Alltag eines Jugendlichen in den siebziger Jahren zwischen Politik, Bespitzelung und brutaler Repression
/ von Helene Kapolnek
22 Wie jetzt, Zukunft?
Vom Alltag eines Jugendlichen zwischen Erwachsenen, Jugendbanden, Gewalt und Breakdance im Barrio Mejicanos
/ von Anne Hild
25 Die Allesesser
Ein gastronomischer Eindruck von San Salvador / von Alicia Rivero
27 Nicht irgendeine Uni
Die UES hat eine lange Tradition des Widerstands / von NN
30 Frecher Dichter, der er war
Der Schriftsteller Roque Dalton provoziert bis heute / von Inga Kreuzer
32 Die Stadt
Ein Gedicht von Jorge Galán
33 Fauna der Kanalisation
Erzählung von Claudia Hernández
34 Theater gegen die Apathie
Interview mit Dinora Cañénguez, Schauspielerin, Regisseurin und Professorin für Theaterwissenschaften
/ von Alicia Rivero
36 Die Künstler sollten konsultiert werden...
Interview mit dem Maler Antonio Bonilla / von Anne Hild
Berichte & Hintergründe
39 Costa Rica: Referendum stellt Systemfrage
Der Widerstand gegen das Freihandelsabkommen hat in Costa Rica eine starke soziale Bewegung hervorgebracht
/ von Torge Löding
41 Der Effekt Casimira
Interview mit der ehemaligen Justizministerin Boliviens über die Constituyente und die Lage der Frauen in Bolivien
/ von Gaby Küppers
44 Alle gleich, alle verschieden
Dank Bolivien sollten Andenländer bei EU-Verhandlungen nicht über einen Kamm geschoren werden
/ von Lourdes Castro C.
46 Von der Solidarität zur Organisierung
Zapatistas rufen zum weltweiten Widerstand auf / von Luz Kerkeling
Kulturszene
48 Theater als Tor zur Welt
Ein Besuch beim Teatro TRONO in El Alto/Bolivien / von Annekatrin Meißner
50 Neues aus Bosque
Dal Masettos zweiter Roman in deutscher Übersetzung / von Klaus Jetz
51 Leben und Sterben des William Walker
Buchbesprechung / von Klaus Jetz
Ländernachrichten/Poonal
52 Mexiko, Guatemala, Haiti, Kolumbien, Dominikanische Republik, Ecuador, Argentinien, Brasilien, Peru, Chile
Solidaritätsbewegung
56 Heiligendamm 2007
Vier Debattenbeiträge aus der ila-Redaktion
56 Wo steht die Bewegung?
Relative Erfolge und viel Klärungsbedarf / von Werner Rätz
58 Die Gewaltdebatte
Ein Beispiel von vielen, wie man angebrachte Kritik am Kapitalismus delegitimiert
/ von Daniel Ernesto Mismahl
59 (Heiligen)Dammbrüche
Erfolgreiche Mobilisierung und perfide Repressionsstrategie / von Ulf Baumgärtner
60 Nachlesen statt Vorlesen
Zum Verhältnis von Theorie und Praxis im Rahmen der G8-Proteste in Heiligendamm
/ von Andreas Hetzer
62 Besetzt – geräumt – legalisiert:
Film über die Textilfabrik Brukman in Buenos Aires / von Alix Arnold
63 Notizen aus der Bewegung, Impressum
Titelfoto: Ulf Baumgärtner
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