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ECUADOR
Editorial ila
311 Dezember 2007/Januar 2008
Noch stärker als in den meisten anderen Ländern Südamerikas waren die
vergangenen zwei Jahrzehnte in
Ecuador von fast permanenten politischen und wirtschaftlichen Krisen gekennzeichnet. Auf den „Ölboom“ in den Siebzigern folgten lange Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs. Die ökonomische Situation breiter Bevölkerungsschichten verschlechterte sich kontinuierlich. 1999 brach die Wirtschaft total ein. Im Januar 2000 schaffte die damalige Regierung Mahuad die Landeswährung Sucre ab und machte den US-Dollar zum alleinigen Zahlungsmittel – doch die erhoffte Stabilisierung trat nicht ein.
Wegen der wirtschaftlichen Dauerkrise verließen mehr als zwei Millionen EcuadorianerInnen (bei einer Gesamtbevölkerung von knapp
14 Millionen) in den beiden letzten Dekaden ihr Heimatland, um in den USA und in den letzten Jahren zunehmend auch in Europa bessere Einkommensmöglichkeiten zu suchen. In Spanien sind die EcuadorianerInnen inzwischen eine der größten ImmigrantInnengemeinden. In den Grundschulen dort haben jüngst die ecuadorianischen Kinder die MarokkanerInnen als größte ausländische Gruppe abgelöst. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben inzwischen große Gruppen von EcuadorianerInnen, die meisten von ihnen ohne gültige Aufenthaltspapiere, weil ihnen die restriktiven Gesetzgebungen nicht erlauben, ihren Status zu legalisieren. Die Geldüberweisungen der MigrantInnen bilden heute für die in Ecuador verbliebenen Angehörigen die Lebensgrundlage. Diese sog. „remesas“ sind neben den Erlösen aus den Erdölexporten die wichtigsten Devisenbringer des Landes.
Wenn die reichen europäischen Staaten die große Zahl ecuadorianischer MigrantInnen beklagen, muss daran erinnert werden, dass Ecuador selber Aufnahmeland für viele MigrantInnen ist: Zwischen 250 000 und 500 000 Kriegsflüchtlinge aus Kolumbien sind in den vergangenen Jahren nach Ecuador gekommen. Während die US-Regierung im Rahmen des „Plan Colombia“ dreistellige Millionenbeträge in den kolumbianischen Krieg pumpt, erhält Ecuador für die Versorgung der Menschen, die diese Politik zu Flüchtlingen macht, kaum internationale Unterstützung.
Die schwierige wirtschaftliche Situation Ecuadors führte zu einer großen politischen Instabilität. Von 1997 bis 2007 gab es sieben verschiedene Präsidenten, von denen keiner die volle Amtszeit von vier Jahren an der Regierung blieb. In der Bevölkerung machte sich eine tiefe Enttäuschung über das politische System und die Parteien breit. Bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober und November 2006 trat Rafael Correa ausdrücklich nicht als Kandidat einer Partei an. Er versprach eine grundlegende Reform des politischen Systems und die Rückgewinnung der nationalen Souveränität, etwa durch Kontrolle der Erlöse aus der Erdölförderung. Die WählerInnen folgten ihm: Correa wurde im November 2006 mit 56,7 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Im April 2007 votierten 81,7 Prozent der EcuadorianerInnen für seinen Vorschlag einer Verfassunggebenden Versammlung, und als diese am 30. September gewählt wurde,
gewann das von Correa initiierte Wahlbündnis Acuerdo PAÍS 80 der 130 Sitze.
In den internationalen Medien, die sich selten durch eine differenzierte Darstellung auszeichnen, wird die politische Entwicklung Ecuadors meist als Teil des „Linksrucks“ in Lateinamerika dargestellt. Doch die „BürgerInnenbewegung“ Acuerdo PAÍS ist eine heterogene Allianz, an der linke Kräfte zwar beteiligt, aber eindeutig in einer Minderheitenposition sind. Trotzdem steht außer Zweifel, dass in Ecuador ein politischer Veränderungsprozess in Gang gekommen ist. Die vorliegende ila möchte diese Entwicklung in ihren Facetten darstellen und analysieren. Dabei gehört es zur Tradition dieser Zeitschrift, dass unsere AutorInnen und InterviewpartnerInnen den Prozess und seine Perspektiven durchaus unterschiedlich einschätzen.
Auch diesmal gab es Leute, die sich besonders für den Schwerpunkt engagiert haben. Unser besonderer Dank geht an Frank Braßel, Günter Pohl und Ylonka Tillería, ohne deren intensive Mitarbeit diese Ausgabe nicht zustande gekommen wäre.
P.S. Wie immer zum Jahresende liegt dieser Ausgabe unser jährlicher „Bettelbrief“ bei, in dem wir um Unterstützung für das Projekt ila bitten, sei es in Form von Spenden, Abos, Hilfe bei der Werbung u.a.m. – Natürlich freuen wir uns über jede Reaktion unserer LeserInnen.
P.P.S. Mit der Dezemberausgabe verabschiedet sich die ila in die jährliche Winterpause. Im Januar erscheint traditionell kein Heft, wir melden uns Mitte Februar zurück. Wir wünschen allen LeserInnen einen schönen Jahresausklang und speziell denen im Rheinland viel Spaß und Energie für die diesmal extrem kurze und intensive Karnevalssession!
Inhalt
ECUADOR
4 Wieder ein eigenes Land haben
Ecuador zwischen Postneoliberalismus und Demokratie / von Francisco Hidalgo Flor
7 Die Linke hat bisher kaum mit der Regierung von Rafael Correa interagiert
Interview mit Gustavo Ayala, Vorsitzender der Sozialistischen Partei / von
Ylonka Tillería
9 Mit deutscher Beratung
Ecuador versucht seine zwanzigste Verfassung / von Günter Pohl
10 Schwarze und Indígenas sind unterrepräsentiert
Interview mit Lenín Hurtado, Abgeordneter in der Verfassunggebenden Versammlung
/ von Günter Pohl
11 Mehr eine politische als eine juristische Aufgabe
Interview Amanda Arboleda, Abgeordnete in der Verfassunggebenden Versammlung
/ von Günter Pohl
12 Sie müssen sich begegnen
Die Indígenakoordination CONAIE, die neue Regierung und die Verfassungsdebatte
/ von Kintto Lucas
14 Es geht um Land und Wasser
Ecuadors Kleinbauern und -bäuerinnen ohne Zukunft? / von Frank Braßel
17 Die Mühen der Berge und der Ebene
Der Regionalismus Ecuadors und seine tiefen Wurzeln / von Günter Pohl
19 Die Perle des Pazifiks
Ecuadors Küstenmetropole Guayaquil ist besser als ihr Ruf / von Günter Pohl
21 Der Fluch des schwarzen Goldes
Erdölförderung und Umweltkonflikte im Amazonastiefland / von Philip Gondecki
23 Die Souveränität Ecuadors ist nicht mehr zu beugen!
Zwei windige Verfahren gegen Ecuador vor dem Weltbankschiedsgericht CIADI / von
Günter Pohl
24 Im Interesse der Multis
Wie mit Geldern zur Drogenbekämpfung politische Zugeständnisse an US-Unternehmen erkauft werden
25 Das Öl unter der Erde lassen
Ein außergewöhlicher Vorschlag zur Rettung des Amazonas / von Edgar Isch López
27 Chemischer Krieg gegen Menschen und Umwelt
Der perverse Zyklus des Plan Colombia und die Besprühungsaktionen mit Glyphosat
/ von Jaime Breilh
28 Bank des Südens gegen die Armut aus dem Norden
Verschuldung Ecuadors und neue Lösungsansätze / von Hugo Arias Palacios
31 Correa als Alleinunterhalter
Der Präsident und sein Konflikt mit den Medien / von Andreas Hetzer
33 Wir alle leben zwischen zwei Welten
Interview mit EcuadorianerInnen, die in Deutschland leben und arbeiten
/ von Sigrid Becker-Wirth und Laura Held
Berichte & Hintergründe
37 Costa Rica: Neues Selbstbewusstsein der Zivilgesellschaft
Soziale Bewegung gegen CAFTA verändert Zentralamerika / von Sebastian Huhn und Torge Löding
39 Sozialdemokratie light
Guatemala hat gewählt / von Meike Heckt
40 Stolz und Vorurteil
Lateinamerikanische „Jugendbanden“ in Spanien / von Yolanda Pividal
43 Trost und Erlösung gegen Bares
Die evangelikale Bewegung in Brasilien / von Wolfgang Meier
46 Möglich, nötig und dringlich
Aussichten auf das nächste Weltsozialforum 2009 in Belem do Pará / von Gaby Küppers
Ländernachrichten/Poonal
48 Nicaragua, Chile, Uruguay, Mexiko, Guatemala, Kolumbien, Argentinien,Peru, Mexiko, BRD, Brasilien, Dominikanische Republik
Kulturszene
52 Gewehr oder Gitarre?
Geschichte und Gegenwart des Punkrock in Chile / von Boris Schöppner
53 Nachbeben: Chile zwischen Pinochet und Zukunft
55 Von guten und bösen Drogen
Ein neuer Jamaika-Krimi von Peter-Paul Zahl / von Gert Eisenbürger
Solidaritätsbewegung
56 Plakate erzählen Geschichten
Ein wunderschönes Buch über Nicaragua und die Solidaritätsbewegung / von
Gert Eisenbürger
58 Der Preis der Gerechtigkeit
Zwei neue Bücher zur Befreiungstheologie / von Sigrid Becker-Wirth
59 Notizen aus der Bewegung, Impressum
Titelfoto: Günter Pohl. Diese Ausgabe wurde vom Evangelischen Entwicklungsdienst
(EED) gefördert.
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