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Paraguay - ila 312 Februar 2008


  
PARAGUAY  
  


Editorial
 ila 312 Februar 2008

Außer der Hauptstadt Asunción mit etwa 1,1 Mio. EinwohnerInnen und ihrem teilweise urbanen Umland gibt es in Paraguay keine großen Städte. Die große Mehrheit der sechs Millionen ParaguayerInnen lebt weiterhin auf dem Land. Obwohl Paraguay unwesentlich größer ist als Deutschland, das dreizehnmal so viele EinwohnerInnen hat, können die meisten Bauern und Bäuerinnen dort kaum genug erwirtschaften, um ihren Familien das Überleben zu sichern. Das liegt weniger an den trockenen Steppen des Chaco, sondern vor allem an der extrem ungleichen Landverteilung und einem Agrarmodell, das mehr und mehr auf den Anbau und den Export eines einzigen Produktes setzt: Soja. Die eiweißreiche Hülsenfrucht wird vor allem als Viehfutter nach Europa und Asien exportiert. Die Nachfrage wächst in der Eurpäischen Union stetig.

 Nur mit den Futtermitteln, die auf den eigenen Äckern wachsen, könnte die EU ihre riesige Fleischproduktion nicht aufrecht erhalten. Dass bei uns Fleisch- und Wurstwaren zu relativ günstigen Preisen erhältlich sind, ist nicht zuletzt das Ergebnis von Sojaimporten aus Ländern wie Argentinien, Brasilien und Paraguay. Doch nicht nur als Futtermittel ist die Sojabohne weltweit gefragt. Auch die Ölkonzerne gieren nach der Hülsenfrucht, da sie sich auch zur Herstellung von Agrotreibstoffen eignet.
Für Paraguays Kleinbauern und -bäuerinnen ist diese Entwicklung katastrophal. Sojaboom bedeutet für sie keineswegs mehr Wohlstand. Bei ihnen kommt immer weniger Fleisch auf den Tisch und auch kein Agrodiesel in den Tank, weil sie ohnehin keine Autos und Traktoren besitzen. Das Geschäft machen paraguayische und zunehmend brasilianische Großgrundbesitzer, die sich immer mehr Land in Paraguay aneignen, um dort – mechanisiert, d. h. mit wenig menschlicher Arbeitskraft – Soja anzubauen.

 Die kontinuierliche Ausweitung der Anbauflächen geschieht durch die Umwandlung von Weiden, auf denen bislang extensive Viehhaltung betrieben wurde, durch Rodung von Urwaldflächen und durch die Vertreibung von Kleinbauern und -bäuerinnen bzw. indigenen Gemeinschaften. Die ökologischen und sozialen Folgen sind himmelschreiend: Der Wasserhaushalt ist bedroht, für das Klima wichtige Waldflächen gehen verloren, die Vertreibungen sind schlicht ein Verbrechen und rauben immer mehr kleinbäuerlichen Familien jegliche Existenzgrundlage. Auf der Suche nach Land und Arbeit ziehen sie wie verzweifelte Nomaden durchs Land oder in die Elendsquartiere von Asunción. Doch auch dort fehlen die Perspektiven. Es gibt kaum Jobs, praktisch keine Industrie und wenig gut Betuchte, die bezahlte Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Wichtigster Wirtschaftszweig neben der Soja ist der Schmuggel, bei dem Zoll und Polizei kräftig mitverdienen.

Von der Regierung haben Paraguays Arme nichts zu erwarten. Sie wird seit über 60 Jahren von der rechtskonservativen Colorado-Partei (ANR-PC) gestellt, die eng mit der Großgrundbesitzeroligarchie verflochten ist. Für die Colorados, die sowohl während der 35 Jahre Diktatur des bayrischstämmigen Alfredo Stroessner (1954-89), als auch in der sogenannten Demokratie seit dessen Sturz die faktische Staatspartei waren und sind, war der Staat immer der Selbstbedienungsladen für die Versorgung ihrer Klientel. Die Korruption ist in Paraguay notorisch. Die Colorado-Bürokratie war nur immer dann hocheffizient, wenn es um die Verteidigung ihrer Interessen ging. Der Repressionsapparat funktionierte bestens, der Geheimpolizei mit ihrem riesigen Spitzelnetz, gelang es stets, oppositionelle Strukturen zu zerschlagen. Seit 1989 ist die Repression zwar zurückgegangen, aber von bürgerlich-demokratischen Strukturen ist Paraguay weit entfernt.

Dennoch gibt es in jüngster Zeit so etwas wie einen zarten politischen Aufbruch. Die Unzufriedenheit wächst. Auf dem Land kommt es zu heftigen Konflikten um den Boden, in den Städten empören sich die Leute über die Korruption und fehlende wirtschaftliche Perspektiven. Wichtigster Sprecher der Unzufriedenen ist der ehemalige katholische Bischof Fernando Lugo, der als gemeinsamer Kandidat der Opposition im April zu den Präsidentschaftswahlen antritt.

Es ist zweifellos etwas in Bewegung gekommen. Ob es reichen wird, um die über 60jährige Herrschaft der Landoligarchie zu beenden, ist derzeit völlig offen. Auf jeden Fall war es für uns Anlass, Paraguay endlich einmal ein Schwerpunktheft zu widmen.

Wie immer haben wir Leuten zu danken, die uns mit wichtigen Hinweisen, Vermittlung von Kontakten und Beiträgen unterstützt haben. Besonderer Dank geht diesmal an Regine Kretschmer, Reto Sonderegger, Gaby Weber und Helmut Hackfort.


Inhalt

PARAGUAY

4 Wie ein Auswärtsspiel mit gekauftem Schiedsrichter
Paraguay vor den Wahlen / von Francisco de Paula Oliva

6 Vom „roten Bischof“ zum Präsidentschaftskandidaten
Fernando Lugo und die Opposition in Paraguay
/ von Gert Eisenbürger

8 Das Archiv des Schreckens
Die Stroessner-Diktatur ist bis heute kaum aufgearbeitet / von Gaby Weber

10 Wer spricht, stirbt
JournalistInnen in Paraguay leben gefährlich / von Laura Held

11 Für Europas Fleischkonsum und Motoren
Sojamonokulturen mit fatalen Folgen für Mensch und Umwelt / von Reto Sonderegger

14 In 100 Jahren dann die eigene Parzelle...
Wie deutscher Landbesitz in Paraguay Agrarreform und Ernährungssouveränität behindert – Interview
/ von Britt Weyde

16 Cargill und die Übermacht der Soja
Ein neuer Getreidehafen bedroht die Wasserversorgung von Asunción und die Gesundheit der AnwohnerInnen
/ von Jorge Zárate

18 Saso ha tekokoja – Befreiung und Gleichheit
Erklärung paraguayischer Land- und Indígenafrauen 19 Schluss mit der linguistischen Apartheid!
Erklärung der paraguayischen Bauernverbände zur Guaraní-Sprache

21 Der Lebensraum wird täglich enger
Indígenas in Paraguay / von Marilin Rehnfelth

23 Labor des neuen lateinamerikanischen Militarismus
Die Zusammenarbeit zwischen USA und Paraguay im „Sicherheitsbereich“ / von Benjamin Dangl

26 Rückzugsort Pedro Juan Caballero
Wie sich Brasiliens organisierte Kriminalität den Norden Paraguays aneignet / von Gaby Weber

28 Das Ende der Abgeschiedenheit
Deutsche Mennoniten im paraguayischen Chaco / von Gaby Weber

31 Wo die Vögel rückwärts fliegen
Der Schriftsteller Augusto Roa Bastos erzählt die wahre Geschichte Paraguays / von Laura Held


Berichte & Hintergründe

35 Endgültiges Bauernsterben oder neue Protestbewegung?
Letzte Einfuhrbeschränkungen für Mais und Bohnen nach Mexiko fallen weg / von Gerold Schmidt

36 Televisa rächt sich
Eine der kritischsten Stimmen im mexikanischen Radio wird zum Schweigen gebracht / von Gerold Schmidt

38 Simulierte Verbrechensbekämpfung
So reagieren bezichtigte Regierungen auf den Vorwurf von Straflosigkeit bei Frauenmorden
/ von Gaby Küppers

41 Auf dem Weg zu neuen Antikapitalismen?
Chiapas: Internationales Kolloquium über antisystemische Bewegungen / von Luz Kerkeling

43 Prozess gegen Perus Ex-Präsident
Fujimori steht wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht / von Hildegard Willer

45 Luxusautos oder würdige Renten?
Rentenprojekt der Regierung Morales entzweit die Gemüter / von Regina Rahe

47 Wirtschaftspolitik für acht Familien
Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler César Villalona über Neoliberalismus und staatliche Repression in El Salvador / von Angelika Haas

50 Die Agrarreform hat sich totgelaufen
Interview mit João Pedro Stedile von der MST, Brasilien


Kulturszene

52 Musiker, Kulturbotschafter, Garífuna
Abschied von Andy Palacio / von Helga Woggon

53 Politik ist kein Lied
13 Fragen an Rubén Blades, Salsa-Ikone und Tourismusminister Panamas / von Diego Cuadra


Ländernachrichten/Poonal

56 Mexiko, Belize, Cuba, Chile, Guatemala, Ecuador, Costa Rica, Kolumbien, Uruguay, EU


Solidaritätsbewegung

60 Ein Bruder der Armen ist gegangen
Abschied vom brasilianischen Kardinal Aloisio Lorscheider / von Andreas Müller, OFM

61 Klare Analysen, gute Argumentationshilfe
Neue Bücher für die Reise / von Klaus Jetz

62 Notizen aus der Bewegung, 63 Impressum 

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