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Tod und
Totenkult
in Lateinamerika
Editorial
ila 320 November 2008
Der November ist in den christlich geprägten Regionen Europas und Lateinamerikas der Monat des Toten-
gedenkens. Dies wird jedoch höchst unterschiedlich ausgedrückt. Assoziieren wir in Deutschland damit eine eher dunkle, getragene Stimmung, haben die Gedenktage im November, vor allem Allerheiligen, in vielen Regionen Lateinamerikas einen sehr lebendigen Charakter. Durch verschiedene Ausstellungen und Fernsehbeiträge sind bei uns vor allem die Totenfeiern an Todos Santos in Mexiko bekannt geworden. Dort kommen die Menschen zu Tausenden auf die Friedhöfe, es herrscht eine fröhliche Stimmung, ambulante HändlerInnen bieten Speisen und sogar alkoholische Getränke an, Familien essen vor den Gräbern ihrer Verstorbenen – bevorzugt deren Lieblingsgerichte – und die Kinder naschen Süßigkeiten in Form von Totenköpfen. Doch nicht nur in Mexiko gibt es diesen Tanz auf dem Grab, auch andernorts, etwa in Bolivien und Peru, wird an Allerheiligen mit den Toten gefeiert.
Das bedeutet natürlich keineswegs, dass der Tod für die Menschen in den erwähnten Ländern Lateinamerikas weniger Schrecken hat und weniger angstbeladen ist als bei uns. Es zeigt aber, dass der Tod und die Erinnerung an die Toten viel stärker und bewusster in das Leben integriert und damit auch weniger tabuisiert sind. Dies gilt nicht nur an Allerheiligen. Bei einem Todesfall kommen in vielen Gegenden die Verwandten, FreundInnen und NachbarInnen zu den Angehörigen, um in ihrem Schmerz bei ihnen zu sein, zu reden, Erinnerungen und Anekdoten über die Verstorbenen auszutauschen, wobei es durchaus auch mal lustig werden kann. Dies sei früher doch bei uns auf dem Land auch üblich gewesen, erzählten einige in unserer AG zu diesem Schwerpunkt. Erst mit der Urbanisierung sei diese kollektive Anteilnahme verschwunden, sei die Trauer zu etwas Privatem geworden, wahre man Distanz zu den Angehörigen und schüttele ihnen bei der Beerdigung nur stumm die Hand.
Ist der offenere Umgang mit Tod und Sterben in Lateinamerika also eher ein Relikt agrarischer Kulturen vorindustrieller Zeiten? Auch wenn der Umgang mit dem Tod und die Beerdingungsformen bei den Mittelschichten in Metropolen wie Buenos Aires oder São Paulo weitaus mehr Ähnlichkeiten mit denen in Europa oder den USA aufweisen als mit denen in den bolivianischen Anden, im mexikanischen Oaxaca oder im kolumbianischen Chocó, waren wir mehrheitlich der Meinung, dass es zu kurz greift, den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod nur mit dem Grad an Modernität und Arbeitsteiligkeit einer Gesellschaft zu erklären. Denn es hat auch ganz viel mit der Bereitschaft der Menschen zu tun, Identitäten und kulturelle Errungenschaften zu bewahren und neu zu entwickeln. Nachdem man bei uns über Jahrzehnte die Organisation von Abschied und Beerdingung Profis (Beerdigungsinstituten, PfarrerInnen, professionellen Beerdigungsrednern) überlassen und damit aus der Hand gegeben hat, beginnen immer mehr Menschen, Trauerfeiern selbst zu gestalten: Menschen, die dem oder der Verstorbenen nahe standen, sprechen über ihre persönlichen Erinnerungen, es wird die Musik gespielt, die der oder die Tote mochte, Texte vorgelesen, die ihnen wichtig waren. Statt standardisierter Blumengebinde wird um Geld für Projekte gebeten, die ihnen am Herzen lagen.
Im Gedenkmonat November thematisieren wir in einem ila-Schwerpunkt erstmals den Umgang mit Tod und Sterben in Lateinamerika. Leitfragen für uns waren dabei: Wie wird Abschied und Totengedenken in verschiedenen Kulturen und Regionen praktiziert? Welchen Raum nehmen Erinnerung und Rituale im gesellschaftlichen Gefüge ein? Welche Rolle haben Verstorbene in kollektiven Mythen? Wie verändern Modernisierung und Urbanisierung das Verhältnis zum Tod? Welche Bedeutung haben Begräbnisse und Begräbnisstätten (oder deren Verweigerung) im politischen Kontext? Wie setzen sich lateinamerikanische Künstler und Künstlerinnen mit dem Tod auseinander?
Wir hoffen, dass dieser zweifellos ungewöhnliche ila-Schwerpunkt bei unseren LeserInnen auf Interesse stößt. Für uns war die Arbeit daran jedenfalls eine sehr interessante Erfahrung und Auseinandersetzung.
P.S. Aus aktuellem Anlass haben wir in diese Ausgabe auch ein kleines Dossier zur Finanzkrise und deren Auswirkungen auf Lateinamerika aufgenommen. Diese Debatte möchten wir in den nächsten Ausgaben fortsetzen. Apropos Finanzen: Nicht nur die Banken, sondern auch die ila braucht eine Finanzspritze. Da wir unser Geld nicht verzockt haben, sondern für die Publikation unserer Zeitschrift ausgegeben haben, kommen wir leider nicht in den Genuss der Milliardenhilfen der Bundesregierung. Deshalb müssen wir auch in diesem Jahr unsere LeserInnen um Hilfe und die freundliche Beachtung des beiliegenden Bettelbriefes bitten.
Inhalt
Tod und
Totenkult in Lateinamerika
4 Wie leben die Toten?
Totentag im Süden Mexikos / von Uwe Bennholdt-Thomsen
7 An die Hölle glauben wir hier nicht
Aus einem Interview mit Florinda
8 Auf den Gräbern mit den Toten feiern
Domingo de Ramos – Totenfeier am Palmsonntag in Juchitán/Mexiko
/ von Uwe Bennholdt-Thomsen
11 Der Tod mit dem Springseil
Ein Märchen von Natalia Toledo
12 Keine schöne Leich
Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles verschafft den Toten mehr Raum
/ von Laura Held
14 Ein Porträt der Abwesenheit
Die Fotografin Mayra Martell auf der Suche nach der Identität von verschwundenen Frauen
/ von Viola Campos
16 Don Jacinto erzählt vom Handel Gottes mit der Erde
Auszug aus „Hibiskusrot – bericht aus einer fremde“ / von Uwe Bennholdt-Thomsen
17 Don Jacinto erzählt von der Totenhochzeit
Auszug aus „Hibiskusrot – bericht aus einer fremde“ / von Uwe Bennholdt-Thomsen
18 Fest der Toten, Fest des Lebens
Allerheiligen in der bolivianischen Bergwerkssiedlung Kami / von Khewiña Sonqho
21 Tanz auf dem Grab
Der 1. November auf einem Friedhof in einem Armenviertel Limas / von Hildegard Willer
22 Der Tod existiert nicht
Der Umgang mit dem Tod in den afrobrasilianischen Religionen / von Laura Held
24 Das gute Sterben
Totenriten im afrokolumbianischen Chocó / von Mará Franco
25 Von toten Kindern, Engeln und Seelen
Volksglauben in Chile / von Laura Held
26 Das Fremde und das Eigene
Vier Jahre interkulturelle Begegnung zum Thema Tod und Vergänglichkeit in Heilbronn
/ von Marina Wieland
28 Und wenn sie auch gestorben sind...
Das lange Leben Emiliano Zapatas, Evita Peróns und Ernesto „Che“ Guevaras
/ von Gert Eisenbürger
Berichte & Hintergründe
30 Mehr als eine Finanzkrise
Die aktuelle Krise offenbart Strukturprobleme des Kapitalismus / von Werner Rätz
32 Der Fluch der Derivate
Die Bankenkrise aus lateinamerikanischer Sicht / von Oscar Ugarteche
34 Die Bank des Südens wieder im Fokus
Die Finanzkrise könnte Südamerikas Integration beschleunigen / von Max Ajl
35 Rente futsch
Argentinien: Private Rentenversicherte werden von Finanzkrise kalt erwischt
/ von Daniel Miguez
37 Machtproben
EuroparlamentarierInnen trafen in Bolivien auf eine schwierige Gemengelage
/ von Gaby Küppers
41 Costaragua: ein Leben beiderseits der Grenze
Nicaraguanische MigrantInnen in Costa Rica
/ von Claudia Jaekel, Lisanne Kindermann, Matthias Schreiber
43 Entlang der ungewissen Grenze
Das nicaraguanisch-costaricanische Grenzgebiet zwischen Pazifik und Karibik
/ von Jan Wörlein und Sophie Esch
46 Ist der Sandinismus noch zu retten?
Resignation und Heldenkult in Nicaragua / von Andrés Pérez Baltodano
Kulturszene
49 Freiheitskino in Bogotá
Gespräch mit dem kolumbianischen Filmschaffenden Felipe Moreno / von Zeljko Crnic
51 Schriftsteller und Diplomat
Portrait von Pedro Vergés, dominikanischer Botschafter in Berlin / von Klaus Jetz
52 Politik und Verbrechen
Der Argentinier Raúl Argemí erzählt aus der Sicht eines Täters / von Klaus Jetz
53 Liebe in Zeiten des Exils
Der Film „Die Tränen meiner Mutter“ von Alejandro Cardenas Amelio / von
Britt Weyde
Lebenswege
54 Die Verpflichtung nicht zu schweigen
Abschied von der deutsch-argentinischen Menschenrechtlerin Ellen Marx
/ von Gert Eisenbürger und Wolfgang Kaleck
Ländernachrichten/Poonal
59 Andine Gemeinschaft, Guatemala, Ecuador, Peru, Mexiko, Kolumbien, Chile, Paraguay, Haiti
Solidaritätsbewegung
63 Notizen aus der Bewegung
Titelgrafik: José Guadalupe Posada
Die Ausgabe wurde vom Evangelischen
Entwicklungsdienst (EED) gefördert.
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