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Das
andere Kolumbien
Editorial
ila 321 Dezember 2008/Januar 2009
Kein Land in Lateinamerika ist so polarisiert wie Kolumbien. Während die einen meinen, dass Staatsprä-
sident Álvaro Uribe Vélez die Nation aus der Krise führt – schließlich hat er Erfolge im Kampf gegen die FARC-Guerilla verbucht, die Landstraßen sicherer gemacht und Wirtschaftsinvestoren angelockt –, sind andere davon überzeugt, dass sein Regierungskurs soziale Ungleichheit und autoritäre, intolerante Verhaltensmuster verstärkt. Dass also die staatliche Politik aktiv an der Spirale der Gewalt dreht und somit die zahlreichen Programme zur Krisenprävention und Friedensförderung der internationalen Kooperation verpuffen lässt.
Zu dieser gespaltenen Lage im Inneren kommt hinzu, dass Kolumbien außenpolitisch umkämpftes Terrain ist: Das Land ist das wichtigste Flaggschiff der US-Regierung in Lateinamerika. Während andere Regierungen des Subkontinents einen distanzierten Kurs zu Washington eingeschlagen haben, ist Kolumbiens Regierung Statthalter der US-Interessen in der Region. Dafür hat die USA im Rahmen des so genannten Plan Colombia in den letzten acht Jahren fünf Milliarden US-Dollar in das Land gepumpt, den größten Teil davon als Militärhilfe. Damit sollte ein erfolgreicher Antidrogen- und Antiterrorkampf geführt, Kolumbien sozusagen von Guerilla und Coca befreit werden. Aber was für ein Desaster: Die Millionenbeträge, die für die Drogenbekämpfung eingesetzt werden, haben ihr Ziel völlig verfehlt. Die Flächen, auf denen Coca für Kokain angebaut wird, sind heute nicht kleiner, sondern sogar größer geworden. Und die Guerillas (FARC und ELN) sind zwar militärisch geschwächt, was aber höchstens für Militärstrategen eine gute Nachricht ist. Aus friedenspolitischer Perspektive gesehen hat die Kriegspolitik der Uribe-Administration ins Aus geführt.
Die Aussichten für Friedensverhandlungen mit der bewaffneten Opposition sind so schlecht wie kaum zuvor. Und wer sich um humanitäre Interventionen bemüht, hat zur Zeit ganz schlechte Karten. Dazu hat auch die Neutralisierung lateinamerikanischer Vermittlungsbemühungen (nicht nur von Venezuelas Präsident Chávez) beigetragen. Seitdem die „wichtigen“ Geiseln – Ingrid Betancourt und drei US-Söldner – vom Militär befreit wurden, ist es um den Rest der Guerilla-Entführten still geworden. Dass es in Kolumbien aber nicht nur Guerilla-Opfer, sondern weitaus mehr Opfer von paramilitärischer und Staatsgewalt gibt, ist in der internationalen öffentlichen Meinung kaum präsent.
Aber sind die Milliarden US-Dollar des Plan Colombia nicht etwa doch gut investiert worden? Denn vielleicht ging es zuallererst nie darum, Kolumbiens Demokratie zu stärken und den Frieden zu fördern, wie es offiziell verlautbart wird, sondern schlicht um Ressourcen- und Freihandelspolitik. Nicht umsonst hat die Uribe-Administration die Bedingungen für ausländische Investitionen verbessert und die beschleunigte Förderung von Erdöl, Kohle, Gold und anderen Rohstoffen ermöglicht. In der Energiepolitik setzt Kolumbien auch auf Agrosprit und bepflanzt die letzten nutzbaren Flächen mit Zuckerrohr und Ölpalmen. Darüberhinaus setzt die aktuelle Regierung nach wie vor auf Marktöffnung, auch wenn dies die eigene Landwirtschaft und die Wirtschaft insgesamt ruinieren wird: Während der Abschluss des Freihandelsvertrags mit den USA derzeit noch wegen Menschenrechtsverletzungen an GewerkschafterInnen im US-Kongress blockiert ist, bemüht sich jetzt die EU um ein bilaterales Freihandelsabkommen, was offiziell als „Assoziierungsabkommen“ verbrämt wird.
Die neoliberale Wirtschaftspolitik der letzten zwei Jahrzehnte hat die sozialen Probleme verschärft, der Krieg mit seinen vier Millionen Binnenflüchtlingen hat zu einer humanitären Tragödie geführt.
Die Basisorganisationen und die Friedens- und Menschenrechtsbewegten haben es in dieser Situation alles andere als einfach. Doch sie melden sich mit Kraft und konkreten Vorschlägen zu Wort. Im Oktober/November protestierten Zehntausende Indígenas gegen die Militarisierung ihrer Territorien, ungebremste Rohstoffausbeutung und Freihandel. Die Zuckerrohrarbeiter traten wegen sklavenähnlicher Arbeitsbedingungen in den Streik. Die Opfer von Menschenrechtsverletzungen reklamieren ihr Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Die Frauen bilden landesweite Friedensnetzwerke, zeigen konkrete Solidarität und kämpfen für eine Umkehr der patriarchalischen Kriegspolitik. Nicht zu vergessen die vielen kulturellen Initiativen, die sich für ein „Anderes Kolumbien“, für soziale Gerechtigkeit und ein Ende des Krieges engagieren. In diesem ila-Schwerpunkt haben wir uns bemüht, denjenigen eine Stimme zu geben, die für dieses „Andere Kolumbien“ stehen.
P.S. Mit der Dezemberausgabe verabschiedet sich die ila in die jährliche Winterpause. Im Januar erscheint traditionell kein Heft, wir melden uns Mitte Februar zurück. Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern einen schönen Jahresausklang.
Inhalt
Das andere Kolumbien
4 Lasst uns in Frieden!
Bittere Menschenrechtsbilanz für Kolumbien
von Bruno Rütsche
7 Nicht einen Moment aus den Augen lassen
Interview mit Friederike Müller und Kristofer Lengert
von Bettina Reis
10 Verhaftungswelle an Universitäten
Studierende und ProfessorInnen geraten ins Visier der staatlichen
Kontrolle
von Isabel Martínez Navarrete
11 Eine Geschichte von Würde und Widerstand
Die Friedensgemeinde La Balsita
von Rosalba Moreno
14 Widerstand, Hoffnung und Schwesterschaft
Das Frauen-Friedensnetzwerk Ruta Pacífica de las Mujeres in Medellín
von Piedad Morales
16 Panela statt Coca
Zwei Möglichkeiten, mit dem Cocaanbau umzugehen
von Gudrun Kern
18 Illegale Ölpalmen
Bedrohliche Situation der Afro-Gemeinschaften an der Grenze zu Ecuador
von Carlos Rua
20 Ein historischer Konflikt
Der Streik der Zuckerrohrarbeiter im Valle del Cauca
von Jochen Schüller
22 Gemeinsam gegen Kohle
Kohle ist eine deutsch-kolumbianische Angelegenheit
von Bettina Reis
24 Reichtum, Knappheit und das Recht auf Wasser
Wasservorkommen und Wasserreferendum in Kolumbien
von Daniel E. Mismahl
27 Es geht ums Ganze
Die Minga: Beeindruckende landesweite Mobilisierung der kolumbianischen
Indígenas
von der Menschenrechtskoordination CCEEU
30 Nicht alle waren versklavte Opfer
Afro-Identität in Cartagena
von Evelyn Burgmaier und Israel Díaz
32 Parteiarbeit aus dem Exil
Die Internationale Sektion des Polo Democrático Alternativo (PDA)
von Thomas M. Schulz
33 Die Vision eines anderen Kolumbien
Die Linkspartei Polo Democrático Alternativo
von Orion Cruz
34 Mit dem Pinsel die Gesellschaft verändern
Interview mit dem kolumbianischen Maler Jafeth Gómez
von William Bastidas
36 Folclor Urbano – Retter der Volksmusik
Die afrokolumbianischen Bands Profetas und Choc Quib Town
von Thomas M. Schulz
38 EU will andine Gemeinschaft spalten
Erklärung des EU-Lateinamerika-Netzwerks Enlazando Alternativas
39 Kolumbien verstehen!
Werner Hörtners Buch über Geschichte und Gegenwart eines zerissenen
Landes
von Markus Jobi
Berichte & Hintergründe
40 Es bleibt alles in der Familie
Trotz verschiedener Krisen bestimmt das Ehepaar Kirchner weiterhin die
Politik Argentiniens
von Roberto Frankenthal
Dossier Mexiko Menschenrechte
43 Ein, zwei, viele Mexikos
Was Europaabgeordnete alles nicht vom Lande sehen wollten und konnten
von Gaby Küppers
46 Ein Gefühl ständiger Beobachtung
Interview mit Mitgliedern der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko
von Gerold Schmidt
48 Der Staat foltert und vergewaltigt
Gespräch mit Norma Jiménez, Ex-Gefangene aus Atenco/Mexiko
von Luz Kerkeling
49 Vom Regen in die Traufe
MigrantInnen aus Zentralamerika im Visier der mexikanischen Drogenmafia
von Katrin Zeiske
Kulturszene
51 Das Lachen und Weinen Haitis
Der litradukt-Verlag präsentiert herausragende haitianische Autoren
von Gert Eisenbürger
54 Mit Wandbildern und Fußball gegen Hoffnungslosigkeit
Zwei Projekte mit Jugendlichen in Mittelamerika
von Torge Löding
Ländernachrichten/Poonal
56 Brasilien, Venezuela, Paraguay, Uruguay, Chile, Peru,
Bolivien
Solidaritätsbewegung
59 Continente Rebelde
Attac-Lateinamerika-Kongress in Mannheim
von Andreas Hetzer
60 Kampf für Menschenrechte
Hirschfeld-Eddy-Stiftung unterstützt Lesben und Schwule in Nicaragua
von Klaus Jetz
61 Mexikos Linke unter der Lupe
Buchbesprechung
von Gerold Schmidt
62 Die Linke in der Krise neoliberaler Hegemonie
Buchbesprechungen
von Malte Meyer
Die ila 320 und 321wurden vom Ev. Entwicklungsdienst (eed) gefördert.
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