|

ErnährungsSouveränität
Editorial
ila 328 September 2009
Fernsehköche verdienen viel Geld mit Kochbüchern und Sendungen, in denen so schlichte Gerichte wie
Bratäpfel erklärt werden, tiefgründige Erkenntnisse inklusive: „Wer selber kocht, lebt nicht nur gesünder, sondern spart auch Geld.“ Gleichzeitig wird häufig vermeldet, dass hierzulande die Kulturtechnik Kochen bedroht ist: Immer weniger Menschen können kochen. Damit – und nicht mit dem niedrigen Regelsatz – wird dann auch erklärt, warum viele Hartz-IV-EmpfängerInnen nicht über die Runden kommen.
Bei der Erarbeitung dieser Ausgabe haben wir jedoch nicht nur über Kochen und Kochrezepte geredet, sondern uns auch mit komplexen Konzepten auseinandergesetzt – Ernährungssicherheit, Ernährungssouveränität, Ernährungsautonomie oder gar Ernährungsharmonie. Was steckt bloß dahinter und welche Bedeutung haben sie für Lateinamerika?
Laut Welternährungsorganisation FAO gibt es weltweit etwa eine Milliarde Menschen, die chronisch unterernährt sind. Nach dem Hungerkrisenjahr 2008 ist in Lateinamerika die Zahl der Hungernden 2009 um 12,8 Prozent gestiegen. Auf großen Gipfeltreffen wird seit Jahren darüber gesprochen, wie der Hunger in der Welt bekämpft werden kann. Die UN verabschiedete ihre Millenniumsziele, wobei die Halbierung des Hungers an vorderster Stelle steht, die G8-Staaten versprechen Hilfe für die Allerärmsten und die Welternährungsorganisation FAO hat erklärt, dass die Produktion von Agrotreibstoffen „nachhaltig“ sein muss, damit die Nahrungsmittelproduktion nicht gefährdet wird. Eine Forderung, die auch in Lateinamerika Brisanz hat.
Doch der Grund für den Hunger auf der Welt sind nicht fehlende Lebensmittel. In Europa machen immer wieder Nachrichten von der Überproduktion die Runde. Europäisches Milchpulver, Geflügel oder Tomatenmark zerstört mit seinen Dumpingpreisen in anderen Ländern lokale Märkte. Fast sechs Milliarden Euro Agrarsubventionen erhalten deutsche Bauern und Unternehmen jährlich von der EU. Davon profitiert besonders die Agrarindustrie. Im Juni hat die Bundesregierung eine Liste mit den Empfängern von EU-Agrarsubventionen veröffentlicht: An der Spitze steht die Südzucker AG, die im Jahr 2008 34,4 Millionen Euro erhielt, andere Namen auf der Liste sind die Agrarhandelsfirma August Töpfer oder der Milchverarbeiter Campina. Hohe Summen fließen also jährlich an Lebensmittelkonzerne, große Schlachthöfe und Molkereien – sieht so der Schutz der heimischen Landwirtschaft aus?
Damit wird ein anachronistisches System gestützt, dass in Süd wie Nord die Landwirtschaft zerstört. Agrarexperten haben berechnet, dass die heutigen landwirtschaftlichen Produktionskapazitäten eigentlich ausreichen, um die Weltbevölkerung zu ernähren, auch die für 2050 prognostizierten 9,2 Milliarden Menschen. Allerdings müsste unser Fleisch- und Fischkonsum drastisch gedrosselt werden. Das weltweit vorherrschende Agrarmodell, das auf den Export von landwirtschaftlichen Rohstoffen und auf
industrialisierte Massentierhaltung setzt, gerät immer breiter in die Kritik.
Ein beliebter Trick aus der Zauberkiste der Agrarindustrie ist der Verweis auf die sog. Grüne Gentechnik. Ihr Einsatz wird häufig damit begründet, dass damit bessere Erträge erzielt werden können, um so den Hunger auf der Welt zu bekämpfen. Erfrischend unverblümt wird dieses Argument von Hans Rudolf Herren vom Weltlandwirtschaftsrat konterkariert: „Die Verbesserung der Ernährungslage war nicht das Ziel der Züchtung der heute erhältlichen gentechnisch veränderten Sorten“, verlautbarte er vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung.
Mitte Juli geisterte eine sensationelle Nachricht durch die Internetforen: Die ursprünglich südamerikanische Getreidesorte Amaranth (hierzulande bekannt als Müslizusatz) zeigt sich resistent gegen Monsantos Pflanzengifte und greift als „Superunkraut“ die Gensojapflanzungen an. Müsli schlägt Gentech – das kommt unseren Vorstellungen von Ernährungssouveränität schon viel näher!
Inhalt
Dossier Ernährungssouveränität
2 Von alten und neuen Krankheiten
Ursachen und mögliche Auswege für die Nahrungsmittelkrise in Lateinamerika
/ von Peter Rosset
5 Sicher oder souverän?
Was sich hinter den verschiedenen Konzepten zur Hungerbekämpfung verbirgt
/ von Armin Paasch
9 Die Seele der Nahrung
Andine Bauernkulturen und das Konzept der Nahrungsmittelharmonie
/ von ABA
10 Festival der illegalen Landaneignung
Brasilien: Neues Gesetz zur Übertragung von Landtiteln begünstigt Großagrarier
/ von Kirsten Bredenbeck
12 Agrarreform in Brasilien: Ernüchternde Zahlen von Kirsten Bredenbeck
13 Nicht nur Feldarbeit
Die kleinbäuerliche Landwirtschaft im globalen Agrarsystem
/ von Olaf Bernau
16 Kolumbien verzichtet auf Ernährungssouveränität
Ausländischer Mais für inländische Hühner
/ von Bettina Reis
18 Vom Essen und vom Geschäft
Die ecuadorianische Bananenindustrie und die europäischen Zölle
/ von Frank Braßel
20 Das Paradox der cubanischen Landwirtschaft
Überlegungen zur ökologischen Landwirtschaft auf Cuba
/ von Miguel A. Altieri
23 Ochsen statt Traktoren
Cuba: Landflucht oder Flucht aufs Land? / von Jorge Weis
25 Samen, die wandern
Kolumbien: Austausch von Saatgut und bäuerlichem Wissen
/ von Diana Castillo und Bettina Reis
26 Criollo-Saatgut für Uruguay
Landesweite Initiative organisiert den freien Tausch von einheimischem Saatgut
/ von Marcelo Fossatti
27 Das Null-Hunger-Programm geht an der Realität der Leute vorbei
Interview mit Nereyda González vom nicaraguanischem „Verein für Bildung und Kommunikation“ La Cuculmeca
/ von Britt Weyde
30 Die Töchter des Mais
Über den Kampf der Künstlerinnen von Mamaz / von Viola Campos
Berichte & Hintergründe
4 Ach wie gut, dass niemand weiß…
Die Putschisten in Honduras verweigern sich kategorisch jedem Lösungsvorschlag und verschärfen die Repression
/ von Erika Harzer
6 Zwei Monate Widerstand gegen den
Militärputsch in Honduras / von Magdalena Heuwieser
8 Wir werden bedroht und verfolgt
Interview mit Silvia Ayala, einer der fünf Abgeordneten der honduranischen Linkspartei Unificación Democrática (UD)
/ von Günter Pohl
9 Gratwanderung beim Plan Global Anticrisis
Drei Monate linke Regierung in El Salvador / von Angela Reyes
12 Prekäres Patt im Machtgefüge
Nachlese zu den Parlamentswahlen in Argentinien am 28. Juni 2009
/ von Roberto Frankenthal
15 Jetzt amtlich: Zanon gehört den Arbeitern
Die bekannteste besetzte Fabrik Argentiniens wurde der Belegschaft übergeben
/ von Alix Arnold
16 Make peace, not war
Wirbel um Nutzung / von Kolumbiens Militärbasen durch US-Streitkräfte
/ von John Lindsay-Poland
18 Prinzip Hoffnung versus höchstmögliche Effizienz
Interview mit Rubén Valencia Núñez von der sozialen Bewegung Oaxacas (Mexiko)
/ von Anna Dobelmann
20 Frauen machen gerade die Revolution
Interview mit der nicaraguanischen Feministin Mayra Sirias / von Bettina Hoyer
22 Solidarisch mit der FSLN-Regierung?
Dritter Diskussionsbeitrag zur Nicaragua-Solidarität / von Klaus Heß
26 Betrifft: Antiimperialismus der dummen Kerls
Debatte zur Irapolitik der Regierung Chávez
Kulturszene
28 Ohne Kultur kein Kampf
Interview mit den kolumbianischen Rappern von Los Renacientes
/ von Britt Weyde
30 Feministische Gebete
Lyrik der nicaraguanischen Poetin Michèle Najlis / von Erna Pfeiffer
31 Forget the rest
Salvador Plascencia legt einen fulminanten Erstlingsroman vor
/ von Gaby Küppers
Ländernachrichten/Poonal
32 Peru, Cuba, Argentinien, Brasilien, Mexiko
Solidaritätsbewegung
34 Immer noch und wieder im Umbruch
Zwei neue Bücher über soziale Bewegungen und den Kampf gegen Straflosigkeit in Lateinamerika
/ von Thea Struchtemeier
35 Notizen aus der Bewegung
Jetzt
bestellen !!
|