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KiTas
Vorschulerziehung
in Lateinamerika
Editorial
ila 330 November 2009
Jetzt ist sie in trockenen Tüchern, die „Herdprämie“. Wer sein Kind bis zum Alter von drei Jahren zu Hause betreut und in keine Kita schickt, erhält für diesen Aufwand 150 Euro im Monat. Die konservative Familienpolitik der neuen Bundesregierung sieht außerdem einen erhöhten Kinderfreibetrag vor (von dem nur Gutverdienende profitieren) und 20 Euro pro Monat mehr Kindergeld. Können wir uns, so wir denn Nachwuchs haben, über diese Zückerchen freuen? Das mit solchen Maßnahmen gestützte Familienmodell stößt eher übel auf. Außerdem bemängeln ExpertInnen immer wieder, dass Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern zu viele individuelle Familienleistungen ausbezahlt, anstatt das Geld in Infrastruktur und Personal zu stecken, also in mehr – im Idealfall kostenfreie! – Betreuungsplätze, besser ausgebildete und bezahlte ErzieherInnen, gute Verpflegung etc.
Im Frühsommer 2009 erhitzte der Streik der ErzieherInnen in Deutschland die Gemüter von Eltern, PolitikerInnen und Medienleuten. Die Diskussion über die Qualität der frühkindlichen Betreuung und Erziehung beherrschte wochenlang die Gazetten und Magazine. Der erzielte Kompromiss erfüllt zwar längst nicht alle Forderungen des unterbezahlten und chronisch überlasteten Betreuungspersonals, ist jedoch ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Bei den Debatten gab es oft Verweise auf andere europäische Länder und ihre Betreuungsmodelle. Aber wie sieht es in Lateinamerika aus? Welche Betreuungsarten gibt es, wie organisieren die vielen Alleinerziehenden ihren Alltag mit Kindern? Ist es wirklich so, dass die Großfamilie schon alles richten wird, oder handelt es sich hierbei vielmehr um einen gut gepflegten Mythos? Wie wichtig ist den einzelnen Ländern die Bildung der Allerkleinsten, sprich wie wird die Ausbildung des jeweiligen Betreuungspersonals organisiert? Wie funktionieren in Lateinamerika gesellschaftliche Einschluss- bzw. Ausschlussmechanismen aufgrund der qualitativ unterschiedlichen Betreuungsarten? Welche Besonderheiten in der frühkindlichen Erziehung gibt es auf dem Land, in indigenen oder Afro-Gemeinden?
Bei unseren Recherchen für diese Ausgabe sind wir auf einige bekannte Problemlagen gestoßen: Obwohl einige lateinamerikanische Länder ein bis zwei Jahre obligatorische Vorschulerziehung festgelegt haben, gibt es auch dort viel zu wenig Betreuungsplätze, vor allem für die Kinder unter drei Jahren. Private Anbieter springen in die Bresche, was wiederum eine starke soziale Selektion von allerkleinsten Kindesbeinen an befördert. Für bedürftige Bevölkerungsgruppen gibt es punktuelle Angebote von kirchlichen Trägern, im Rahmen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit oder von der lokalen Bevölkerung mitgestaltete Kinderhorte (wie z.B. der in dieser Ausgabe vorgestellte Wawauta-Kinderhort in La Paz oder der Kindergarten „Kleine Schritte“ in Montevideo), die mitunter anspruchsvolle Ziele verfolgen aber häufig nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein darstellen.
Viele Programme richten sich ausnahmslos an Frauen, da von vorneherein davon ausgegangen wird, dass sich die Herren der Schöpfung bei der Aufzucht der eigenen Brut vornehm zurückhalten. Und die Großfamilie ist auch in Lateinamerika nicht mehr, das, was sie mal war; besondere Härten gibt es für Frauen z.B. in Kolumbien: Hier kommen aufgrund der Vertreibungen infolge des Krieges oft nur die Mütter mit ihren Kindern in die Städte. In der neuen Umgebung können sie auf keinerlei familiäres oder soziales Netz zurückgreifen.
Auch in punkto Bezahlung sieht es schlecht aus: Erzieherinnen werden in Lateinamerika meist miserabel entlohnt; außerdem gibt es in vielen Ländern für das Personal in Kinderkrippen keinerlei Vorgaben für ihre Qualifizierung, so dass dort Frauen ohne jegliche pädagogische Ausbildung arbeiten.
Wenn in Deutschland in den letzten Jahren vom massiven Ausbau der Betreuungsplätze für die unter Dreijährigen die Rede war, dann sind mitnichten viele neue Kindergärten mit neu angestelltem Personal gebaut worden. Ein hoher Prozentsatz dieser neuen Plätze wird von selbständigen Tagesmüttern abgedeckt, deren Ausbildung in den letzten Jahren nach einheitlichen Maßstäben reguliert worden ist. Entfernt erinnert das Modell der Madres Comunitarias in Kolumbien daran, wobei diese „Gemeindemütter“ noch schlechter bezahlt werden und ihre Klientel beileibe nicht zu den Besserverdienenden gehört.
In vielen Ländern gibt es mittlerweile ein in der Verfassung verbrieftes Recht auf frühkindliche Erziehung, wie es auch in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 niedergeschrieben wurde. Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Eine unserer Autorinnen meint am Schluss ihres Beitrags: „Wenn wir an unsere eigene Kindheit denken, können wir sagen, dass es früher noch schlimmer war.“ Ein schwacher Trost. Aber es geht voran, vor allem ohne solche Schnapsideen wie die deutsche „Herdprämie“…
Inhalt
KiTas
– Vorschulerziehung in Lateinamerika
4 Solide Basis?
Betreuung und Erziehung von Kleinkindern in Lateinamerika und der Karibik
/ von Laura Held und Britt Weyde
6 Wunschdenken und Katastrophen
Kindererziehung und Kinderbetreuung in Mexiko / von Gerold Schmidt
8 Die Kinder der Revolution
Cuba: Ideale Bedingungen für eine glückliche Kindheit? / von Jorge Weiss
10 Die Horte müssen im Viertel verankert sein
Interview mit Ernesto Kroch und Eva Weil über Vorschulerziehung in
Uruguays Hauptstadt Montevideo
/ von Gert Eisenbürger
14 Annemarie Rübens
/ von Ernesto Kroch und Eva Weil
15 Spielen im Mittelpunkt
Einblick in die Arbeit des Kinderhorts Infante in Cochabamba, Bolivien
/ von Marisol Díaz
17 Mehr als ein Abstellplatz für Kinder
Die Geschichte des Wawautas-Modells in Bolivien / von Uwe Pollmann und
Peter Strack
18 Ohne Gemeindeorganisation nur ein Sparmodell
Das Wawautas-Modell und die bolivianische Sozialpolitik / von Peter Strack
19 Ein armes Programm für arme Kinder
Das Modell der Familienhorte der Madres Comunitarias in Kolumbien
/ von Bettina Reis
21 Zeit, die Alarmglocke zu schlagen
Interview mit Reinel García Martínez, Direktor der kolumbianischen
Kinderrechtsorganisation Creciendo Unidos
/ von Bettina Reis
24 „Wir wollen aber nicht, dass ihr geht!”
Schicksale von Migrantenkindern in Cochabamba, Bolivien / von Laura Gärtner
27 Papier ist geduldig
Kinderziehung in den Amazonasgebieten / von Nilma Bentes
28 Lücken im System
Brasilien: Welche Angebote gibt es und wer zahlt? / von Fernanda da Rosa
Becker
31 Statt im Kindergarten vor der Glotze
Illegalisierte Kinder in Deutschland / von Sigrid Becker-Wirth
Berichte & Hintergründe
33 Pepe Mujica muss nachsitzen
Der Kandidat der uruguayischen Linken verpasste im ersten Wahlgang knapp
die absolute Mehrheit
/ von Ernesto Kroch
36 Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen!
Brief des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel an den
Friedensnobelpreisträger Barack Obama
37 Zustand der totalen Wehrlosigkeit
Interview mit Radio Progreso zur Situation der Medien in Honduras
38 Kurzschluss
Mit der Zerschlagung der mexikanischen Stromgesellschaft LFC soll die
unabhängige Gewerkschaft getroffen werden
/ von Gerold Schmidt
40 Correa musste nachgeben
Indigene Bewegung erreicht Abkommen mit ecuadorianischer Regierung
/ von Philip Gondecki
42 Im Namen des „Volkes“
Soziale Kämpfe und Staatsfetischismus in Venezuela / von Wildcat
Kulturszene
45 Lob der männlichen Schüchternheit
Interview mit dem argentinischen Filmemacher Adríán Biniez, Regisseur
von Gigante
/ von Britt Weyde
47 La Negra ist tot
Abschied von Mercedes Sosa / von Alicia Rivero
Ländernachrichten/Poonal
48 Brasilien, Costa Rica, Argentinien, Uruguay, Dominikanische
Republik, Haiti, Bahamas,
Turks und Caicos, Chile, Guatemala, Panama
Solidaritätsbewegung
52 Revolutionärer Atlantik
Für eine Globalgeschichte der Weltmeere von unten – Buchbesprechung
/ von Jochen Becker
55 Notizen aus der Bewegung
Titelfoto: Christel Kovermann
Die ila 330 wird vom Evangelischen Entwicklungsdienst (eed) gefördert.
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