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Kleidermachen - Textilproduktion in Lateinamerika -  ila 351 Dezember 2011/Januar 2012





Kleidermachen  
     Textilproduktion in   
 Lateinamerika
     



Editorial ila 351 Dezember 2011/Januar 2012 

Im Herbst und Frühling schlagen die Herzen der SchnäppchenjägerInnen höher: In den gemäßigten Jahreszeiten ist Flohmarktsaison. Antiquitäten- und RaritätenliebhaberInnen, Buch- oder PlattensammlerInnen begeben sich ins sonntägliche Marktgedränge, Großstadtmütter grasen systematisch Kinderflohmärkte ab, um den schon wieder gewachsenen Nachwuchs mit adäquater Kleidung für die nahende Kälte bzw. Hitze auszustatten. Auch für Erwachsene gibt's haufenweise Klamotten, teils trashig, teils trendig aus der letzten oder vorletzten Saison. Das Stöbern macht Spaß, aber die große Geldersparnis ist heutzutage nicht mehr drin.

 Kleidung ist einfach unglaublich billig geworden: Neue T-Shirts und Tops für fünf Euro, Jeans für 15 Euro, Winterjacken für 30 Euro. Und das ist noch die zweitbilligste Variante, bei Kik und Konsorten geht's noch billiger.
Diese perversen Preise sind nur möglich, weil diejenigen, die die Bekleidung herstellen, äußerst mies bezahlt werden und unter großem Druck arbeiten. Ein Beispiel aus El Salvador: 17 Näherinnen der Maquiladora Style Avenue, die für den US-Markt produziert, müssen in einer Stunde 166 Baby-Bodys konfektionieren, jede also alle sechs Minuten ein Teil fertig haben. Eine Näherin verdient in der Regel 99 US-Cent pro Stunde, d.h. pro Body 10 US-Cent – bei einem Endverbraucherpreis von 15 bis 20 US-Dollar. Die Arbeitskosten, sprich der Lohnanteil, liegen also bei weniger als einem Prozent des Verkaufspreises.

Lange Arbeitstage, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen, demütigende Behandlung und ein faktisches Organisationsverbot – das ist der Alltag in den Maquiladoras, den Textilfabriken, die für den Weltmarkt produzieren. Doch Niedrigstlöhne werden beileibe nicht nur bei der Herstellung von Billigklamotten bezahlt, auch teure Markenkleidung wird unter diesen Bedingungen in Maquiladoras produziert.

In Haiti gab es im Oktober Proteste, weil sechs führende Mitglieder der neu gegründeten Textilarbeitergewerkschaft SOTA gefeuert worden waren. Der Organisierungsgrad der ArbeiterInnen in der haitianischen Textilbranche ist äußerst gering. In den 1980er Jahren waren in der Textilindustrie des Landes noch 150 000 Menschen beschäftigt, zurzeit sind es nur mehr knapp 30 000. Doch im Rahmen der Aufbaupläne für Haiti soll der Niedriglohnsektor im Textilbereich wieder ausgebaut werden, entsprechende Pläne gibt es bereits von Seiten des koreanischen Bekleidungsherstellers SAE-A. Damit das transnationale Kapital, das scheue Reh, nicht verschreckt wird, darf aber der Mindestlohn nicht zu stark steigen: Wikileaks hatte dieses Jahr enthüllt, dass US-Unternehmen mit Billigung der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID im Jahr 2009 eine geplante Erhöhung des Mindestlohns im haitianischen Textilsektor auf fünf Dollar täglich verhindert hatten.

Obwohl sich die Textilindustrie im letzten Jahrzehnt in Länder wie Bangladesch oder China verlagert hat, wo noch billiger produziert wird, gibt es durchaus noch eine nennenswerte Maquila-Industrie in Lateinamerika, vor allem in den zentralamerikanischen Ländern. Aber auch weiter südlich, z.B. in Argentinien, werden Kleidungsstücke im Akkord und unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen angefertigt – größtenteils in kleinen Nähereien, sogenannten Sweatshops, in denen ImmigrantInnen aus Bolivien für den lokalen Markt und darüber hinaus schuften.
 
Das Bewusstsein über die ausbeuterischen Bedingungen in der Textilproduktion scheint in Europa langsam zuzunehmen: Eine Reihe von alternativen Initiativen vertreibt mittlerweile fair gehandelte Bekleidung, z.B. aus der Textilkooperative Nueva Vida in Nicaragua, die in dieser Ausgabe vorgestellt wird. Eine Nische? Gewiss. Fairer Konsum ist sinnvoll und löblich, kann aber die globalen Produktionsbedingungen nicht umwälzen, da müsste sich grundlegend etwas ändern! So lange das nicht passiert, gehen wir eben weiter auf den Flohmarkt. Oder wir schließen uns der Forderung einiger junger DokumentarfilmerInnen aus Gießen an: Tauscht Klamotten!

Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns in die wohlverdiente Winterpause und wünschen allen LeserInnen schöne und erholsame freie Tage! Die nächste ila erscheint wieder Mitte Februar 2012.
 


Inhalt

Textilproduktion in Lateinamerika


4 Kleider machen Leute – Leute machen Kleider
Maquilas in Mittelamerika / von Miriam Holländer und Mareike Fehling

6 „Heute kenne ich meine Rechte“
Interview mit Mary, Näherin bei Ocean Sky

7 Hungerlöhne als „Ausweg aus der Armut“
Maquiladoras in Honduras / von Ina Hilse

10 Halbseiden und höchst lukrativ
Interviev mit Gustavo Vera zu Textilwerkstätten und Arbeitsmigration in Argentinien
/ von Colectivo Simbiosis Cultural y Colectivo Situaciones

12 Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Babykleidung nähen
Die Maquiladora Style Avenue in El Salvador / von Eduard Fritsch

14 Alpaka in Zeiten des Klimawandels
Kleidung: Auch bei den Aymara eine Frage der Kultur
/ von Víctor Quiso Choque

16 Mit Poncho und iPhone in die Welt
Otavalo, Ecuador – vom Produktionsstandort zur Handelsdrehscheibe
/ von Gina Maldonado Ruíz und Martin Baumann

19 Wir sind eine Alternative zur Großindustrie
Nicaragua: Wie eine Textilkooperative zur Freien Produktionszone wurde
/ von Britt Weyde

22 Wir weben, wir weben!
Die Weber von Chepe Abarca in El Salvador / von Eduard Fritsch

24 Die Tracht der Tehuanas
Mexiko: Kleiderkult der zapotekischen Frauen gestern und heute
/ von Martha Toledo

26 Einkaufstipps für das gute Gewissen?
Unterwegs im Dschungel der Siegel und Zertifikate / von Sandra Dusch Silva

27 Aktiv werden: Schönfärberei konkret


Berichte & Hintergründe

28 Ortegas „optimierter“ Wahlsieg
Präsidentschaftswahlen in Nicaragua brachten das erwartete Ergebnis
/ von Ulla Sparrer

31 Zwischen Mafia und Militär
Guatemala wählt einen berüchtigten Ex-Militär zum Präsidenten
/ von Barbara Müller

32 Es ist unbequem
Drakonische Strafen machen Chiles SchülerInnen und Studierenden zu schaffen
/ von Franziska Parton

34 Davids Schleuder gegen Goliath
Gonzalo Cornejo, Gewerkschafter bei Walmart Chile, erzählt
/ von Eduard Fritsch

36 Der Dialog ist der Weg
Interview mit der kolumbianischen Bauernorganisation Asociación Campesina
del Valle de Cimitarra / von Bettina Reis

38 Manifest für Land und Frieden
Auszüge aus der Schlusserklärung des Friedenstreffens
vom 12. bis 14. August 2011 in Barrancabermeja

39 Essen und Trinken in Zeiten des Klimawandels
Interview mit María Ana Calles und Javier Rivera zu Ernährungssouveränität
und Klimawandel in El Salvador / von Britt Weyde

42 Das schlimmste Verbrechen ist das Schweigen
Das Permanente Völkertribunal (TPP) blickt auf Mexiko
/ von Gerold Schmidt

43 Hastig, unfair, mangelhaft
Asylgefängnis auf neuem Großflughafen Berlin-Brandenburg
/ von Sigrid Becker-Wirth


Ländernachrichten/Poonal

44 Deutschland, Argentinien, Haiti, Kolumbien


Kulturszene

46 Die Kämpferin
Zwischen Bühne und Barrio macht sich Lucia Vargas stark
für ein gerechteres Kolumbien / von Anna-María Gubar

47 Dreistimmige Standortbestimmung
Neue CD der Grupo Sal / von Britt Weyde

48 Lesegenuss pur
Leonardo Paduras Roman über den Mord an Trotzki
/ von Klaus Jetz


Solidaritätsbewegung

49 Bewegung wird museal
Ausstellung über die Chile-Solidarität in Münster
/ von Gert Eisenbürger

50 Der Kontakt zu den ZeitzeugInnen war besonders wichtig
Interview mit Barbara Rupflin, einer der Macherinnen der Münsteraner Ausstellung
/ von Gert Eisenbürger

52 Die Städte denen, die darin leben
Spannendes Buch über urbane Bewegungen in Lateinamerika
/ von Gert Eisenbürger

53 Bausteine für eine neue Welt
Raúl Zibechi über Territorien des Widerstands in den Armen-vierteln der Städte
/ von Alix Arnold

55 Orientierung und Inspiration auf dem Weg zu einer „anderen Welt“
Neuer Sachcomic über die zapatistische Bewegung
/ von Meikel Friebe und Martin Mäusezahl

56 Erfrischend nüchterne Analysen
Zwei neue Bücher zu Cuba / von Andreas Hetzer

59 Notizen aus der Bewegung, Impressum

59 Bernd Päschke zum 80. Geburtstag
/ von Gert Eisenbürger

 
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