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ila 222 Februar 99    Indígenas I: ganz anders normal

  3 Editorial
  4 Von der »Ethnizität« bis zur »ethnischen Bombe«
Über Identität, Kultur und das ewig Indianische
    von Frank Garbers
  7 Wiederauferstanden Die Indígena-Bewegung in Guatemala reklamiert das Recht auf kulturelle
     Differenz von Meike Heckt
10 Strategie des Aushungerns Indígenas und der Krieg in Kolumbien von der Kolumbien-AG der ila
12 Mörderische Marktwirtschaft Indigenas im Würgegriff der Ölkonzerne von Heidi Feldt
14 "Eine Kultur nach dem Vorbild der Schöpfung"Ein Manifest der U‘wa gegen die Zerstörung ihres  
     Landes
17 Kampf gegen das große Fluten Indígenas in Lateinamerika wehren sich gegen Staudämme
     von Eduardo Tamayo G.
18 Staudämme Übersicht über die Megaprojekte in Lateinamerika
19 Biopiraten wildern im Amazonaswald Patent auf "Chimanine" ohne Erlaubnis der Chimanes
     von Antonio Jacanimijoy
23 Buchtips von Angelika Vetter

      Berichte & Hintergründe
24 Giftiger Nachgeschmack
Die USA testen in Panama Senfgas an ihren eigenen Truppen – und hinterlassen einen
     Saustall von John Lindsay-Poland
27 Nicht nur Sache der Militärs
Erklärung für Frieden und Menschenrechte in Kolumbien
30 Kräutertee und Zuneigung Stiftung in Fortaleza/Brasilien verfolgt integrativen Ansatz in der Arbeit mit
     Straßenkindern von Bettina Neumann und Angela Küster-Ferraro
32 Ganz einfach anders Nicaragua weit entfernt von einer vorurteilsfreien Sexualität von Andreas Boueke
34 Cuba: Das runde Leder auf dem Vormarsch von Knut Henkel

     Lebenswege
36 Ich wäre auch gern Chinese
Interview mit dem deutsch-chilenischen Schauspieler und Theaterautor Peter Lehmann
     von Gert Eisenbürger

     Kulturszene
45 Ein Autor von Welt
Das Buch "La agonía del condenado" von Julio Mendívil von David Hernández
46 Das Leben ist eine unvollendete Erfahrung Interview mit Fernando Bonassi, Autor aus São Paulo in Berlin
     von Gaby Küppers
50 Mitten ins Herz Brasiliens Gespräche mit Regisseur und HauptdarstellerInnen des Films Central do Brasil/
     Central Station von Annette Eberle

     Ländernachrichten/Poonal
52 Guatemala, Honduras, Brasilien, Uruguay, Argentinien, Puerto Rico, Ecuador, Grenada,
     Kolumbien, Peru

     Solidaritätsbewegung
56 Winds of change in Peru?
Zwei Neuerscheinungen zur politischen Konjunktur in Peru versuchen, die Hoffnung
    wach zu halten von Albert Recknagel
57 Aktion glänzende Augen: 22 000 DM Spenden an die ila!

Editorial

Anfang der achtziger Jahre hatte die ila regelmäßig einen Infostand auf dem Bonner Münsterplatz. Damals war es nicht unüblich, daß gute deutsche BürgerInnen uns aufforderten, "nach drüben" (sprich die DDR) zu gehen. Auch Camila, eine lateinamerikanische ila-Aktivistin, mußte sich das anhören. Wütend beschimpfte sie, deren indianische Herkunft nicht zu verkennen war, den deutschen Biedermann daraufhin mit "du blöder Indio!" An diese Anekdote erinnerten wir uns, als wir diese ila vorbereiteten. Indio wird in Lateinamerika oft als Schimpfwort benutzt, es steht für Menschen, die primitiv, schmutzig oder tölpelhaft sind. Dahinter verbirgt sich auch die rassistische Abgrenzung der "besseren" Latinos und Latinas zu ihren indianischen MitbürgerInnen. Deshalb wußten wir nicht so recht, wie wir uns ausdrücken sollten, ob wir von Indios, Indígenas, IndianerInnen, UreinwohnerInnen oder indigenen Ethnien – reden sollten. Mit der einen oder anderen Bezeichnung werden Assoziationen geweckt oder Klischees verstärkt. Letztendlich haben wir den Sprachgebrauch unserer AutorInnen respektiert.

Die Indígenas sind in den letzten drei Jahrzehnten zu wichtigen sozialen Bewegungen geworden. Zwar geht es ihnen im materiellen Sinne heute nicht besser als in vergangenen Zeiten; weiterhin sind sie Opfer von kapitalistisch-neoliberalen Angriffen und Expansionsgelüsten. Indígena-Land wird auch heute noch gern mit "Niemandsland" gleichgesetzt, das sich Erdölkonzerne, SiedlerInnen und Großgrundbesitzer aneignen wollen.

Aber die Indígenas sind nicht nur Opfer. Sie wehren sich täglich, und zwar selbstbestimmt und vehement. Oft scheint es wie ein Kampf David gegen Goliath, wenn sie sich zerstörerischen Megaprojekten widersetzen und für ihr Recht auf Land, Kultur und Autonomie eintreten.

Es gibt in den Industriestaaten eine Tendenz, sich romantisierend für die "Indianer" zu begeistern, die versehen werden mit den Attributen "ursprünglich, naturbezogen und nicht-entfremdet". Dabei werden Kulturelemente einzelner Ethnien aus ihrem historischen und materiellen Kontext isoliert und als "indianische Weisheit" präsentiert. Eine im kollektiven Prinzip von agrarischen Indígena-Gemeinschaften verwurzelte Spiritualität wird auf diese Weise zum Renner für den esoterischen Ego-Trip gestreßter Metropolen-Mittelständler.

Dagegen ist vielen Progressiven eine Beschäftigung mit indigener Kultur grundsätzlich suspekt. Indígenas werden lediglich als klassische Modernisierungsopfer wie Straßenkinder, Obdachlose, Flüchtlinge gesehen. VerliererInnen eben, für die man mal eine Unterschrift leistet, denen aber auch klar sein muß, daß ihre Lebensweise anachronistisch ist und sie sich letztlich in die moderne Gesellschaft integrieren müssen.

Wir haben eine differenzierte Annäherung versucht. Es gilt zuallererst anzuerkennen, daß indigene Völker das Recht haben, so zu leben, wie sie wollen. Es gilt weiter zu respektieren, daß Kulturen und Denkweisen, die nach anderen Logiken funktionieren als die westlich-kapitalistische, kein museales Überbleibsel vergangener Zeiten sind, sondern hier und jetzt existieren, sich verändern und entwickeln. Dazu gehört selbstverständlich, daß kollektive Arbeits-, Entscheidungsprinzipien und Eigentumsformen verteidigt werden müssen, auch wenn sie hierzulande aus der Mode gekommen sind.

Das heißt nicht, daß indigene Gemeinschaften als homogene Kollektive betrachtet werden, sozusagen als ideale Volksgemeinschaften. Natürlich gibt es Widersprüche: zwischen Männern und Frauen, zwischen Kaziken und einfachen DorfbewohnerInnen, zwischen denen, die Zugang zu internationalen Geldern und Kontakten haben und denen, die darüber nicht verfügen können, zwischen Alten und Jungen und sicher noch viele andere.

Die Indígena-Bewegungen Lateinamerikas versuchen heute, das Projekt einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft umzusetzen, in der unterschiedliche Lebensformen als gleichwertig respektiert werden. Diesen Kämpfen gilt unsere Solidarität – zu ihrer Sichtbarmachung wollen diese und die nächste ila beitragen. In dieser Ausgabe haben wir die Indígenafrage aus der Perspektive fremder An- und Eingriffe betrachtet. In der nächsten schreiben wir über Indígena-Organisationen und stellen hiesige Gruppen vor, die sich auf unterschiedliche Weise für die Indígenas in ihrem Kampf um Anerkennung ihres eigenen kulturellen Ausdrucks, um Bewahrung ihrer Umwelt und natürlichen Reichtümer und für Menschenrechte einsetzen.

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