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ila 224 April 99      Mittelamerika nach der Sintflut

  3 Editorial
  4 Chance für einen Neuanfang?
Honduras nach Mitch von Katharina Koufen
  6 Bäuerlicher Widerstand gegen neoliberalen Wiederaufbau.
Honduras: Interview mit der Abgeordneten Doris
    Gutiérrez und Rafael Alegría vom Bauernverband COCOCH von Martin Wolpold-Bosie
  8 Das ganze Land eine Maquila.
Nach Mitch verstärken Unternehmen in Honduras den Druck auf ArbeiterInnen
   
von Ingrid Heinlein
10 Der Sturm brachte es ans Licht.
El Salvador: Am Rio Lempa wollen die Leute mehr als Katastrophenhilfe
     von Eduard Fritsch
13 Hurrikane fallen nicht vom Himmel
von Eduard Fritsch
14 Das Land denen, die es beherrschen?
In Nicaragua hat „Mitch" die nie gelöste Landfrage wieder zugespitzt
    von Otmar Meyer
16 Wer zieht den Karren aus dem Dreck?
Nicaraguas Kommunen und Basisorganisationen haben an Bedeutung
     gewonnen von Otmar Meyer

     Berichte & Hintergründe
18 Hundert Jahre Grausamkeit
Chiquita hat Geburtstag: Kein Grund zum Feiern von Klaus Jetz
21 100 Jahre Chiquita — genug krumme Dinger! Kampagne gegen die Geschäftspraktiken von Chiquita
     von der Bananen-Kampagne
23 Zankapfel Banane Ausgerechnet Bananen demontieren die WTO von Gaby Küppers
24 Opposition im Schatten der PRIWeder die rechten noch die linken Parteien in Mexico können die Schwäche der
     Regierungspartei nutzen von Gerold Schmidt
26 Mexicos Wirtschaft: Zwischen Zweckoptimismus und neuer Krise von Gerold Schmidt
27 Irrsinn der Guerilla Drei U´wa-UnterstützerInnen aus den USA von FARC ermordet
     von der Kolumbien-AG der ila
28 FMLN sah alt aus ARENA-Kandidat Flores gewann Präsidentschaftswahlen in El Salvador von Eduard Fritsch
31 Ecuador ist pleite Tagebuch einer wirtschaftlichen Katastrophe von Volker Frank
35 Doppelpass und deutsches Blut Der brasilianische Schriftsteller Zé do Rock zur aktuellen Debatte

    Kulturszene
38 Im Namen der Banane.
Die United Fruit Company in der Literatur von Klaus Jetz

     Lebenswege
40 Es ging um deutsches Theater.
Der Schauspieler und Regisseur Jacques Arndt
     von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers

     Ländernachrichten/Poonal
46 Honduras, Chile, Peru, Bolivien, Uruguay, Nicaragua, Argentinien, Guatemala

     Aus-Sprache
49 Rocío Quispe
50 Ein Besuch im Museum
Erzählung von Rocío Quispe

      Solidaritätsbewegung
52 Auf nach Köln!
Breites Bündnis für Aktionen gegen EU- und G7-Gipfel von Werner Rätz
54 Diskussion um Bio-Kaffee aus Chiapas
56 MAI ist zu Fall gebracht – Wie geht es weiter?
Aufruf zur Bildung lokaler Komitees für die Besteuerung
     internationaler Finanztransfers


Editorial

Ein Hurrikan ist eine Naturkatastrophe – schicksalhaft und unvermeidlich also. So zumindest lehren es die zahllosen Fach- und Sachbücher. Nur, warum kommt es immer häufiger zu solchen Naturkatastrophen? Warum sind sie immer besonders grausam gegen die Armen? Warum zerstören sie nicht einfach nach dem Durchschnittsgesetz ohne Ansicht von Klassen und Schichten?

Für Menschen, die im Gefolge solcher Katastrophen alles verlieren, stehen ökologische Veränderungen und deren Folgen urplötzlich im Zentrum ihres Lebens – vorausgesetzt, sie vermochten das überhaupt zu retten. Naturkatastrophen wie im vergangenen Jahr die Überschwemmungen in Bangladesch, China oder Zentralamerika mit ihren verheerenden Schäden haben stets etwas mit menschlichen (profitablen) Eingriffen in den Stabilitätsrahmen der Natur zu tun.

Es gibt ja Leute, die inzwischen wieder meinen, Ökologie sei nur ein gesellschaftliches Randthema. Zynisch könnte man sagen, das ist insofern richtig, als die Opfer der von wirtschaftlichen Interessen provozierten Naturkatastrophen mehrheitlich Menschen sind, die an den Rand der Gesellschaften gedrängt wurden. Leute, die in soliden Behausungen in den Zentren leben, sind weniger gefährdet als Menschen, deren Wellblechhütten an den steilen Hängen liegen und schon unter normalen Klimabedingungen in Gefahr sind, von Regengüssen weggespült zu werden. Klar, die Überschwemmungen in Mittelamerika betrafen viele, aber es ist eben doch ein Unterschied, ob ein Swimmingpool verschlammt, ein Golfplatz vorübergehend unbespielbar ist oder ob das bescheidene Hab und Gut einer Familie zerstört und die lebensnotwendige nächste Ernte vernichtet wird.

Nach Mitch gab es viel internationale Hilfe, die den Opfern zugute kam, zumindest manchmal. Nicaraguas liberale Regierung etwa hat sich nach Kräften bemüht, dies zu verhindern, besonders wenn die Opfer Oppositionelle waren. Doch trotz intensiver Bemühungen konnte sie nicht immer hintertreiben, daß auch mal ein Konvoi mit Hilfsgütern direkt bis zu den Opfern durchkam. Aber auch dann noch hatten sich Spezies und Parteifreunde von Präsident Alemán meist vorher ordentlich bedient. In Honduras zeigten sich Regierung und Staatsapparat weniger verkommen und gewährleisteten eine halbwegs geregelte Verteilung der Hilfsgüter an die Bedürftigen.

Aber was nützt der kritsche Rückblick auf die Ursachen der Mitch-Katastrophe und ihre Opfer? Jetzt gilt es, nach vorne zu blicken und die Ärmel hochzukrempeln für den Wiederaufbau. Den wollen doch schließlich alle. Stimmt, aber die Frage ist, wie dieser Wiederaufbau aussehen soll. Die Herrschenden in Nicaragua und Honduras wollen offensichtlich die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Vorstellungen von neoliberaler Modernisierung umzusetzen. Das Land soll nicht denen gehören, die es brauchen, um sich zu ernähren, sondern denen, die die höchste Dividende pro Hektar einfahren. Und weil die Ernteerträge in den nächsten Jahren, aller „Modernisierungen" zum Trotz wegen der Folgen von Mitch geringer ausfallen, müsse die Maquila-Industrie ausgebaut und den potentiellen Investoren entsprechende Angebote gemacht werden. Die in den letzten Jahren von den ArbeiterInnen mühsam erkämpften sozialen Verbesserungen seien da ein echtes Wachstumshemmnis und müßten rückgängig gemacht werden. Mitch macht so manches möglich.

Ob die Rechnung der bisherigen „Mitchwinner" allerdings so aufgeht, ist die Frage. Nicht wenige Leute in Mittelamerika sind der Meinung, daß es so wie bisher nicht weitergehen kann, daß ein neues Wirtschaftsmodell her muß, das nicht nach dem Prinzip „wer hat, dem wird gegeben" funktioniert. Ein Modell, das allen eine Lebensperspektive gibt, auch denen, die nach der gegenwärtigen Logik als überflüssig gelten. Ein Modell, das Umwelt und Ressourcen schont, das eine breite Partizipation an den Entscheidungsprozessen beinhaltet. Ein Modell, das Armut al.s Skandal und nicht als notwendiges Modernisierungsübel betrachtet. In Mittelamerika sind kleine Ansätze in diesem Sinne sichtbar, seien es die protestierenden Bauern und Bäuerinnen oder die für ihre ausstehenden Löhne kämpfenden Maquilaarbeiterinnen in Honduras, seien es die lokalen Organisationen und Verwaltungen in Nicaragua, die die Katastrophenhilfe in die eigenen Hände genommen haben. Wann ziehen Europa und die USA nach? Zumindest juristisch ist ein rosa Streifen am Horizont aufgezogen: Dem chilenischen Schlächter Pinochet wurde die Immunität aberkannt. Er kann jetzt wegen einiger seiner Schweinereien verurteilt werden. Das bedeutet einen kleinen, aber wichtigen Schritt im Kampf gegen die Straffreiheit für Menschen- rechtsverletzer und eine kleine Genugtuung für die auf Gerechtigkeit wartenden Opfer.

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