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ila 226 Juni 99

Tango
Editorial

  4 Einwanderer, Huren und entwurzelte Gauchos Das soziale Umfeld des Tangos in Argentinien
     von Arne  Birkenstock
  9 In 80 Jahren um die Welt! Die Erfolgsgeschichte des Tangosvon Gerrit Schüler
12 Kulturkrieg um Carlos Gardel Argentinien und Uruguay streiten sich um den Tango-Königvon Gaby Weber
14 Die Quetsche vom Niederrhein Das Bandonion und sein Siegeszug am Río de la Plata von Arne Birkenstock
     und Helena Rüegg

17 Spurensuche Bandoneonkultur im Ruhrgebiet von Gert Eisenbürger
22 Das »Lied von der Kippe« brachte den Durchbruch Hommage an Sebastián Piana, Tango-Pianist
     und Komponist von Salvador Arancia
24 Gescheiterte Liebe Das Frauenbild in Tango-Textenvon Raimund Allebrand
29 Weder reaktionär noch subversiv Tango und Politikvon Carlos Flaskamp
30 Wir leben heute in einer anderen Zeit Interview mit dem Bandoneonisten Pablo Mainetti von Alicia Rivero
33 Präludium und Tango Interview mit dem Bandoneonspieler und -bauer Klaus Gutjahr von Gert Eisenbürger
37 Río de la Plata am Rhein Erfahrungen in der rheinischen Tangoszenevon Ingrid Oster
40 Eine Beziehung, die man tanzen kann Tango in der Selbsterfahrung und Paartherapievon Renata Jonic
44 Tango Eine Erzählung von Luisa Valenzuela (Argentinien)
46 Ein Tod in Medellín Tango in Kolumbienvon Rainer Huhle
49 Ein trauriges Leben, das gelebt werden muß Tango – die Volksmusik der Finnenvon Gaby Küppers
50 Tangiert ...und durchgestöbert: Tangobücher von Gaby Küppers

     Berichte & Hintergründe
52 Partizipation und soziale Organisation
Überlegungen sozialistischer Intellektueller in Cubavon Reiner Tosstorf
56 Vorspiel zu einer möglichen Wende
Vorwahlen zu den Präsidentschaftswahlen in Uruguayvon Ernesto Kroch
58 Dunkelmänner des Gesetzes
Das Schwarzbuch der chilenischen Justiz von Alejandra Matus
     von Omar Saavedra Santis

60 Markt und Moral
Brasiliens Staatschef Cardoso in Bonnvon Klaus Hart

     Eine Welt Wirtschaft
61 WTO – Reformieren oder auflösen?
Interview mit Martin Khor, Direktor des „Third World Network"
     von Bernd Parusel

     Ländernachrichten/Poonal
62 Panama, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Paraguay, Ecuador, Peru, Brasilien, Nicaragua,
     Argentinien, Barbados, Mexico, Haiti

      Solidaritätsbewegung
66 Alternativer Gipfel in Köln
Das Programm des Alternativkongresses und der Demovon Werner Rätz
68 ...keine konsistente Welterklärung
Besprechung der BUKO-Broschüre „kölngehen"von Werner Rätz
69 »Nicht mehr alle Tassen im Schrank«
Elmar Altvater, 20 Jahre Mitglied der Grünen, rechnet mit
     der Kriegspolitik ab

Editorial

Am 13. Mai haben sich die Grünen auf ihrem Bielefelder Sonderparteitag mit großer Mehrheit gegen ein definitives Ende der Bombardierungen ausgesprochen. Nicht, daß wir etwas anderes erwartet hätten. Aber es schmerzt doch. Trotz zunehmender Distanz war die Partei für uns immer noch ein wichtiger politischer Bezugspunkt. Mit der Unterstützung des Krieges haben die Grünen sich jetzt endgültig von den politischen Emanzipationsbewegungen verabschiedet, aus denen sie hervorgegangen waren.

Im 1979 erschienenen Kursbuch „Vom Mythos des Internationalismus" (Nr. 57) ist eine Diskussion von fünf Jungs aus der linken Frankfurter Szene – darunter Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Rupert von Plottnitz – abgedruckt. Vor dem Hintergrund großer Flüchtlingszahlen aus Vietnam unterhielten sich die fünf über ihr Verhältnis zum Internationalismus, zum bewaffneten Kampf und zur vietnamesischen Revolution. Neben vielen aus heutiger Sicht aufschlußreichen Aussagen findet sich darin folgende Passage:

DANY: Also, ich will nur die Frage beantworten, was ich unter radikalem Pazifismus verstehe. Meine These ist, daß der Krieg (in Vietnam – die Red.) nicht durch den militärischen Sieg des Vietcong, der unmöglich war, beendet wurde, sondern daß er von der Jugend in Amerika gewonnen wurde. Als nämlich die amerikanische Gesellschaft gesehen hat, daß sich ihre Jugend dem Krieg verweigert und dem ganzen gesellschaftlichen System, stand mehr auf dem Spiel, als sich am Anfang des Krieges bezüglich der ökonomischen Bedingungen absehen ließ.
JOSCHKA: Die ganze Armee stand auf dem Spiel.
DANY: Die Armee und damit entscheidende gesellschaftliche Strukturen. Dieser Akt der Verweigerung hat die amerikanische Gesellschaft in eine Krise gestürzt, weil die Notwendigkeit, den Krieg fortzuführen, zu intensivieren, dadurch behindert war, daß nicht nur die amerikanische Jugend, sondern die Jugend aller westlichen Länder, der Metropolen, sich diesem Krieg verweigert hat."

Die Herren Fischer, Cohn-Bendit und Co. arbeiten heute mit allen Kräften daran, daß sich die massiven Proteste wie damals gegen den Vietnamkrieg nicht wiederholen. Eine zunehmend skeptische Öffentlichkeit soll der „Notwendigkeit, den Krieg fortzuführen, zu intensivieren" nicht im Wege stehen. Als moralische Saubermänner und -frauen der deutschen Politik ist ihre Aufgabe die Legitimierung des Krieges in der Öffentlichkeit. Die Grünen sind die PR-Abteilung, eine Aufgabe, die sie billiger und effektiver erfüllen als jede Agentur. In diesem Sinn sind Volmer, Beer, Müller, Radcke, Cohn-Bendit und Fischer nur nützliche IdiotInnen.

Denn den Krieg führen andere. Dies sollten wir bei all unserem Ärger über die grünen UmfallerInnen nicht vergessen. Es sind neben den USA und anderen NATO-Verbündeten die Militärführung und die politisch-ökonomische Elite Deutschlands, die seit Jahrzehnten darauf hinarbeiten, neben ihrer ökonomischen und politischen Macht auch wieder über eine militärische Option zu verfügen. Seit der Vereinigung hat dieses Ziel höchste politische Priorität. Da kam Jugoslawien gerade recht.

Angesichts dessen sollten wir das tun, was die US-Jugend gegen den Vietnam-Krieg getan hat: PROTESTIEREN!!! Im Rahmen der unzähligen tagtäglich stattfindenden lokalen Aktivitäten und vor allem am 19. Juni in Köln bei der Demonstration gegen den G-7-Gipfel. Zu dieser Demo rufen neben der gesamten Dritte-Welt-Szene und großen Teilen der Öko-Bewegung auch die Gruppen und das Netzwerk der Friedensbewegung auf.

Vor dem Hintergrund des Krieges mutet der umfangreiche Schwerpunkt dieser Ausgabe fast anachronistisch an. Es geht um Tango, seine Geschichte, seine Gegenwart, diesseits und jenseits des Atlantiks. Tango war und ist immer auch eine Form der Krisenbewältigung – und zwar eine sehr lustvolle. Und wer uns kennt, weiß, daß wir kein scheinbar noch so unpolitisches Thema nicht auch hinsichtlich seiner Sozialgeschichte, seines politischen Kontextes, seiner aktuellen Brisanz und der ihm zugrunde liegenden Geschlechterverhältnisse analysieren. Insofern steckt in dieser ila sicherlich mehr politischer Erkenntniswert als in 23 TV-Sondersendungen zum Krieg in Jugoslawien.

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