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ila 232 Februar 00

GeldMacht
Weltwirtschaft und Finanzen nach Seattle
zu Inhalt

Editorial

Davos ist nicht Seattle, titelten Ende Januar die Schweizer Tageszeitungen. Schade eigentlich, möchte man meinen. Denn das Weltwirtschaftsforum (WEF) in dem Engadiner Nobelurlaubsort ist ein fast schon intimes Tête-à-Tête der obersten 3000 dieser Welt. Und wie man weiß, werden Entscheidungen im Privatissimum leichter getroffen als im Rampenlicht der Öffentlichkeit. In Davos ist man endlich mal unter sich und muss sich nicht um irgendwelche demokratischen – oder so genannten – Spielregeln kümmern. Dann kann man es sich auch einmal leisten, mit der Zivilgesellschaft zu reden und davon, dass die Globalisierung die Menschen berücksichtigen solle. Und schon wird der neue Geist von Davos beschworen ..., der anscheinend darin besteht, dass die versammelte Hochfinanz nicht sofort Zeter, Mordio und Kommunismus schreit.

Endlich gibt es also wieder Positives zu berichten aus der Welt der Weltwirtschaft. Das war auch bitter notwendig. Schließlich war das WTO-Treffen in Seattle sowohl medial als auch politisch für die Veranstalter ein Fiasko. Die Bilder, die im letzten Dezember um die Welt gingen, waren eindeutig: Unter anderem der Widerstand der Straße ließ die beabsichtigten Deregulierungen im globalen Handel scheitern. Wer hätte gedacht, dass die Straße eine derartige Renaissance erfährt, und das ausgerechnet in den Vereinigten Staaten von Amerika?

Aber der Erfolg, in Seattle die WTO-Verhandlungen zum Erliegen gebracht zu haben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es „nur“ ein symbolischer war. Denn die Liberalisierung des Welthandels ist und bleibt das zentrale Anliegen der transnationalen Konzernherren und -herrinnen und ihrer Verbündeten in den verschiedenen Regierungen und internationalen Organisationen. Diese waren denn auch in Davos auf Schadensbegrenzung aus – siehe oben.

Gleichzeitig zum Weltwirtschaftsforum traf sich dagegen in Kanada ein anderer Kreis, nicht ganz so erlaucht wie die WinterfrischlerInnen, doch sehr arbeitsam. Mit viel Ach und Krach schafften es die DiskutantInnen jenseits des Atlantiks, sich auf einen Text für das sogenannte Internationale Biosafety-Protokoll zu einigen. Dieses soll den internationalen Handel mit genetisch veränderten Organismen regeln. Unter anderem war hier umstritten, ob Staaten das Recht haben sollen, die Einfuhr von Genmanipuliertem zu verbieten. Sollen sie, heißt es nun. Aber: Das letzte Wort soll die WTO haben. Also doch nicht! Spätestens seit letzten Dezember ist die WTO zum Inbegriff für den Abbau von Handelshemmnissen und Sozialstandards in aller Munde.

Darüber darf nicht vergessen werden, dass es nach wie vor auch noch solche Institutionen gibt wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds. Denn alle haben ein gemeinsames Motto: Der Markt soll es richten und staatliche Intervention ist von Übel. Davos ist nicht Seattle – aber die Macht des Geldes regiert an beiden Orten. Die Opposition gegen Wirtschaftsliberalisierung und soziale Ausgrenzung stand bei beiden Anlässen vor der Frage, wie grundsätzlich soll der eigene Widerstand sein: „Fix it or nix it“ heißt das dann auf Neudeutsch. Reformieren oder abschaffen? Aber lässt sich die WTO reformieren? Kaum, meinen viele! Aber gibt es derzeit eine sich abzeichnende politische Kraft, die in der Lage wäre, eine Macht wie die WTO abzuschaffen? Kaum, meinen auch wieder viele! Ist also die Forderung, die WTO und Konsorten abzuschaffen, eher eine Bestätigung der eigenen linksradikalen Identität?

Unterstützen diejenigen, die die internationalen Gremien reformieren wollen, nicht einen Prozess der weiteren Zentralisierung von Macht und Einfluss, ohne ihn wirklich beeinflussen zu können? Betreiben sie nicht nur ein wenig Kosmetik. Viele Fragen, gewiss, die da auf Antworten warten. Positiv zu vermelden ist aber auf alle Fälle, dass seit Seattle niemand mehr sagen kann, das mit dem Demonstrieren bringe ja sowieso nichts.

Inhalt
   

  4 Jetzt geht die Post ab. Die Millenniums-Runde ist tot – doch die WTO wuchert klammheimlich weiter
   
von Gaby Küppers
  6 Der Aufstieg der Wall Street.
Die Amerikanisierung der globalen Finanzwelt
     von Doug Henwood
10 Wer ist wer im internationalen Finanzgeschäft? von Eric Fichtl
11 Das dicke Ende der Fiesta.
Neue Rettungsaktion für mexicanische Banken
    
von Gaby Weber
12 Das große Märchen vom schlanken Staat.
Deregulierung und Re-Regulierung
    
von The Corner House
15 Krieg, Frieden und die Börse.
Von der Globalisierung zur Politik nach dem Kosovo-Krieg
     von Wim Dierckxsens
18 Virtuelles El Dorado?
Internetboom in Lateinamerika von Joachim Gartz
19 Pommes Frites und mehr...
E-Commerce: Handel der Zukunft? von WEED
20 Die Herrin und die Magd.
Globalisierung und die neue internationale Arbeitsteilung
     i
m Haushalt von Brigitte F. Young
23 Verschuldung ist nur der Anfang.
Die Entschuldungskampagne Jubilee South
     von Gerhard Klas
26 Gott der Händler und Diebe.
50 Jahre Hermes-Exportbürgschaften von Heike Drillisch
27 Günstige Zeit zum Eingreifen?
Kampagne zur Regulierung der Finanzmärkte gegründet
    
von Werner Rätz

     Berichte & Hintergründe
28 Der Mut zu träumen
von Eduardo Galeano
29 Indígena-Aufstand, Militärputsch, Parteienverschwörung?
Der Sturz des ecuadorianischen
     Präsidenten Jamil Mahuad von Volker Frank
30 Die verratene Revolution.
Chronik des indigenen Widerstandes gegen die Dollarisierung und des Sturzes der        Regierung Mahuad von Boris Siebert
33 Geringeres Übel.
Chile nach den Wahlen von Ignacio Burgos
35 Chance vergeben.
Zur möglichen Freilassung Pinochets von Gert Eisenbürger
36 Eine Katharsis für Chiles Folteropfer
von Clifford Krauss
37 Besser als sein Ruf?
Spektakulärer Amtsbeginn des neuen Präsidenten in Guatemala
    
von Claudia Koch
39 Tauccamarca. Eine Tragödie in 3 Akten aus den peruanischen Anden
     von Hildegard Willer
41 Ford-gesetztes Unrecht.
Auch der US-Automobilkonzern nutzte die Repressionsstrukturen der 
     argentinischen Diktatur von Gaby Weber
43 Für Wahrheit und Gerechtigkeit.
Argentinien: Ragnar Hagelin auf der Suche nach seiner
    
verschwundenen Tochter von Inés Danziger
46 Totgesagte leben länger.
Balaguer will es noch einmal wissen von Klaus Jetz
47 Politik unter Palmen.
VIII. Feministisches Treffen Lateinamerikas und der Karibik
    
von Birte Rodenberg

     Kulturszene
49 Kunst als Aktion.
Janet Toro – eine Künstlerin aus Chile von Kathrin Bergenthal
51 Zyklus: El cuerpo de la Memoria
von Janet Toro
52 Musiker auf den Straßen Deutschlands.
Zum neuen Buch von Walter Lingán
    
von Luis Humberto Jhon

     Ländernachrichten/Poonal
53 Mexico, Haiti, El Salvador, Peru, Venezuela, Argentinien, Costa Rica, Paraguay, Guyana,
     Nicaragua, Guatemala, Kolumbien

     Solidaritätsbewegung
57 Kontrolle statt Verbot.
Seminar zu den Perspektiven einer Nord-Süd Drogenpolitik
    
von Werner Lamottke
58 Festnahmen und Abschiebungen.
Polizei erstürmt den Berliner MehringHof
59 Regenbögen als Brücke.
Zwei Neuerscheinungen zur Zukunft der Linken in Lateinamerika
    
von Theo Bruns
60 Migrationen.
Buchbesprechung: Lateinamerika – Analysen und Berichte 23
    
von Werner Lamottke

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