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ila 235 Mai 00
Schulen in Lateinamerika
zu Inhalt / siehe auch Sonderseite

Editorial

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" steht hierzulande immer noch auf Lateinisch über altehrwürdigen Schulportalen. Gedacht hatten ihn die Erbauer deutscher Bildungsanstalten wohl als stete Ermahnung an die Schüler und wenigen Schülerinnen, zur Beherzigung sollte er aber vor allem dem Lehrpersonal anempfohlen werden. Was brauchen junge Menschen als Gepäck fürs Leben – in Buenos Aires, in einem indigenen Dorf in Peru, in einer Rücksiedlung in El Salvador? Und wie sollten die Inhalte vermittelt werden? BesucherInnen aus der Bundesrepublik, die Erfahrungen mit dem Schulwesen in Lateinamerika machen, sind häufig erstaunt oder gar unangenehm berührt: Uniformen, fast militärischer Drill, ein autoritärer Umgangston sind in vielen Schulen normal. Im Unterricht wird oft nur das abgeschrieben und auswendig gelernt, was der Lehrer/die Lehrerin an die Tafel schreibt. Schulen mit partizipativen Lernmodellen werden dagegen kritisch beäugt und gelten als „schlechte" Schulen, auch wenn deren SchulabgängerInnen in weiterführenden Schulen oder an der Universität außergewöhnlich gut abschneiden.

Schließlich: Wie steht es um die LehrerInnen? In Peru wurden 1991 pro SchülerIn nur noch 16 Prozent der Geldmittel von 1963-69 bzw. 27 Prozent von 1980-87 ausgegeben. Diese Kürzungen beruhen vor allem auf einem erheblichen Gehaltsrückgang für LehrerInnen. Mit anderen Worten, nur noch diejenigen greifen zum Lehrberuf, die überhaupt keine anderen Chancen auf dem Arbeitsmarkt mehr sehen. Und auch dann sind sie gezwungen, nebenbei mit weiteren Jobs den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. In Argentinien, wird kolportiert, wollte ein Mann einen Kiosk kaufen. Als er aber hörte, dass die Vorbesitzerin den Kiosk aufgab, um Lehrerin zu werden, nahm der Interessent Abschied von seinem Kaufansinnen. Wenn der Kiosk noch weniger abwarf als ein Lehrergehalt, musste an dem Laden etwas faul sein.

Lehrergehälter sind in allen Ländern Lateinamerikas durch die (Schul-)Bank extrem niedrig, die öffentlichen Schulen schlecht ausgestattet, die privaten sind für immer weniger Familien zu bezahlen. Staatlicher Sozialabbau in neoliberalen Zeiten verschlimmert die Lage zusehend. Was für Aussichten in Zeiten, in denen Bildung als Generalschlüssel für sozialen Aufstieg gilt.

Sicher gibt es auch von positiven Alternativen zu berichten. So stellen wir in drei Beiträgen dieser Ausgaben Schulprojekte in El Salvador vor, die auf Initiative befreiungstheologisch geprägter ChristInnen in Rücksiedlungen von Kriegsflüchtlingen bzw. in der Hauptstadt San Salvador entstanden sind. Allen Widerständen und staatlichen Auflagen zum Trotz versuchen sie kontinuierlich ihre Konzepte emanzipator- ischen Lernens weiter zu entwickeln. In Buenos Aires arbeitet seit 66 Jahren die Pestalozzischule, eine deutsche Schule, die 1934 von AntifaschistInnen gegründet wurde, die die Gleichschaltung und den Rassismus an den deutschen Schulen unerträglich fanden. Die Schule wurde zum Refugium für die Kinder der ab Mitte der dreißiger Jahre massenhaft ankommenden jüdischen und politischen Flüchtlinge aus Nazideutschland. Die Schule bildet bis heute ihre SchülerInnen nach den Prinzipien von Humanismus und Toleranz. Ansonsten spielen emanzipatorische und soziale Kriterien für die 39 deutschen Schulen in Lateinamerika eher eine untergeordnete Rolle. Aus Sicht des Auswärtigen Amtes, das diese Schulen mit 400 Millionen DM jährlich unterstützt, geht es vor allem darum, die Führungseliten in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien an Deutschland, gemeint ist vor allem die deutsche Exportwirtschaft, zu binden. Und welche Rolle spielen arme LateinamerikanerInnen schon für die deutsche Exportwirtschaft? Die seinerzeitig sozialliberale Bundesregierung startete immerhin einige Projekte der sozialen Öffnung deutscher Auslandsschulen, rot-grün zeigt da bis heute keinerlei Interesse.

Bleibt der Blick auf die Basis. In den letzten Jahren sind Schulpartnerschaften entstanden, die sich nicht nur aufs Geldsammeln hier für die arme Schule dort beschränken. In Kleve hat El Salvador, wo die Partnerschule eines Klever Gymnasiums liegt, Eingang in den Unterricht gefunden. Die SchülerInnen lernen Spanisch und befassen sich fächerübergreifend mit der Problematik einer Region. Umgekehrt bekamen salvadorianische SchülerInnen bei ihrem Besuch hier ein differenziertes Bild vom Zustand der deutschen Gesellschaft.

Da haben sie sicher etwas fürs Leben gelernt

Inhalt
   

  4 Der Kampf um bessere Schulen in Argentinien   von Inga Kreuzer
     Interv. mit Jorge Fasce (Erziehungsministerium) und Celia Lavini (LehrerInnengewerkschaft CTERA)
8 Fujimori ging in die Schule...    von Renate Schüssler
     Peruanische Grundschulen zwischen Reformrhetorik und Veränderung

11 Anderes Konzept von Kindheit   von Magdalena Machaca Mendieta
     Erziehung, Schule und die Vielfalt in Quispillaccta/Ayacucho

14 Nationalistische Mathematik
   von Jörn Griesse und Julia Paffenholz
     Der ecuadorianisch-peruanische Konflikt in Ecuadors Schulunterricht

16 Erziehung heißt leben zu lernen   von Diana Castillo
    
Eine indianische Schule in der kolumbianischen Amazonas-Region
18 Es geht auch ohne Uniform und Drill   von Estela Cruz Bustamante und Gerhard Pöter
     Eine Schule in einem Armenviertel von San Salvador

21 Die Mühen der Ebene   von Christof Oesterle
     Schulen in Chalatenango, El Salvador
23 Nur für die Eliten?  
von Gerhard Dilger
     „Soziale Öffnung" – kein Thema (mehr) für die deutschen Schulen in Lateinamerika

25 Eine deutsche Schule gegen den Faschismus   von Hermann Schnorbach
     Die Pestalozzischule in Buenos Aires
27 Auf grauem Hintergrund ein heller Strahl...  
von Ernesto Kroch und Eva Weil
     Die Kindertagesstätte „Ana María Rübens" in Montevideo

28 Für die Kinder der Verfolgten   zusammengestellt von Ernesto Kroch
     Erinnerungen an Ana María Rübens (1900-1991)

33 Vom Niederlempa an den Niederrhein  
zusammengestellt von Eduard Fritsch
     Eine deutsch-salvadorianische Schulpartnerschaft

37 Von Schule zu Schule  
von Gert Eisenbürger und Henry Schmalfeld
     Bonner Berufskolleg unterstützt Projekt in Brasilien (Interview)

39 Lateinamerika im Unterricht
     Buchtipps, Unterrichtsmaterialhinweise und Adressen

Berichte & Hintergründe
41    An den Grenzen des Systems
   von Peter Strack
        Wasseraufstand in Cochabamba, Bolivien
44    Zünglein an der Waage   von Alicia Cerdano
        Nach Protesten wird es in Peru eine Stichwahl geben
45    Wo war eigentlich Herr Cristiani?   von Juan José Dalton
        Bewegung im Fall des Massakers an der salvadorianischen Jesuitenuniversität
46    Gelmans Enkelkind vermutlich gefunden   von Gaby Weber
           Animositäten unter Uruguays Politikern nutzen der Wahrheit

47    Endlich in der Offensive   von Gerhard Dilger
           Auseinandersetzungen anlässlich der offiziellen 500-Jahr-Feiern in Brasilien

48    Der Zugang zum „schwarzen Gold"    von Michael T. Klare
           Die wirklichen Gründe für die US-Militärhilfe für Kolumbien
49    Aufstand ohne Folgen?   von Helmut Hackfort
           Ein Jahr nach dem Regierungssturz wird in Paraguay wieder demonstriert

51    Wahr ist, was mir nützt   von Gaby Küppers
        Mexico verbittet sich Kritik am Globalabkommen mit der EU


Ländernachrichten/Poonal
54    Mexico, Ecuador, Brasilien, Haiti, Guatemala


Solidaritätsbewegung
56    Expo macht uns alle froh
   von Isabel Rodde
       
Zum Mond geflogen. Die Pocken besiegt. Den Hunger beendet?
58    Gemeinsam gegen Abschiebung und soziale Ausgrenzung
   von Ingo Saalfeldt
       
Flüchtlingskongress vom 20. April bis 1. Mai 2000 in Jena
60    Abschaffung der Deportation-Class
   vom Kölner Netzwerk „Kein Mensch ist illegal"
           Internationale Kampagne gegen Abschiebungen durch die Lufthansa
61    Es fehlt der politische Wille...   von Werner Rätz
       
    Aufbau eines Bündnisses für die politische Intervention in die Finanzmärkte