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ila 242 Februar 01 Mexico: Der Marsch auf die Hauptstadt

Mexico
Der Marsch auf die Haupstadt
242/Februar 00

 Editorial

Haben Sie sich heute schon distanziert?“ Die Älteren von uns kannten das Ritual noch, das in der Bundesrepublik vor einigen Wochen neu aufgeführt wurde: „Was, Sie wissen nicht warum und wovon? Dann sind also auch Sie ein geistiger Gewalttäter!“ Wir fühlten uns äußerst unangenehm an die „bleiernen“ 70er Jahre erinnert, an Gesinnungsschnüffelei und Terroristenhetze, die lediglich den Sinn hatten, kritisches Denken zu deckeln. 

Aber bei genauerem Hinsehen stimmt diese Parallele nur halb.Zwar gibt es die gleiche inquisitorische Form, werden Unterwerfungs- und Distanzierungsrituale abgefordert. Und Aussagen wie Angela Merkels „Der Staat hat keine Fehler gemacht“ oder Jürgen Rüttgers' „Die Adenauer-Zeit war keine muffige und reaktionäre Zeit“ versuchen, jedwedem eigenen Nachdenken von vornherein die Legitimität zu nehmen und es so in die Nähe von Militanz, Gewalttat, Terrorismus zu rücken. Doch anders als 1977 ergreifen die meisten Kommentare heute Partei für die geläuterten Militanten: Fischer, Trittin, die 68er überhaupt, seien inmitten dieser Gesellschaft angekommen; das sei eine „demokratische Erfolgsgeschichte“ (Rezzo Schlauch). Endgültig bewiesen haben sie diese Integration in die politische Klasse mit ihrer Haltung zum Jugoslawien/Kosovo-Krieg, so nicht nur Heiner Geißler. Wer deutsche Soldaten unter Bezugnahme auf Auschwitz zum dritten Mal in einem Jahrhundert zum Angriff auf Serbien schickt, hat in der Tat seinen Frieden mit Deutschland und seiner Geschichte gemacht.

Selbstredend ist jeder Einschluss auch ein Ausschluss: Draußen vor der Tür bleiben all die Opfer dieser deutschen Erfolgsgeschichte der letzten 30 Jahre. Das Leben radikaler, linker GegnerInnen galt diesem Staat häufig nicht viel, noch weniger das unerwünschter AusländerInnen, seien sie schon im Land oder versuchten sie erst, es zu erreichen. Staatliche Gewalt- und Tötungshandlungen an der EU/BRD-Ostgrenze erreichen leicht die Dimension des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“. Die heimliche oder offene Unterstützung vieler autoritärer, terroristischer Regime überall auf der Welt war und ist gängige Praxis.

Keineswegs wollen wir einer bedingungs- und kopflosen Militanz das Wort reden. Aber die Fähigkeit, an den beschriebenen Verhältnissen zu leiden und dieses Leiden – auch in radikalen Formen – auf die Straße zu tragen, ist ein Ausdruck politischer Reife und Kultur. Passiver Widerstand (von den Herrschaften zur „Gewalt“ umdefiniert) gehört dazu ebenso wie Demos, Streiks. Und wen hätte es ehrlich gewundert, wenn als Reaktionen auf den Bombenterror in Jugoslawien Steine gegen die Bombenwerfer geflogen wären? Uns wundert, dass keine geflogen sind.

Dass es andere Formen gibt, mit Vergangenheit von Hass, Repression, Ausschluss und Niederlagen umzugehen, zeigt sich derzeit in Mexico. Mit ihrer Ankündigung, ab dem 25. Februar einen Marsch in die Hauptstadt zu beginnen, hat die EZLN wieder einmal die Initiative ergriffen. Schon ihr Auftreten am 1. Januar 1994 führte ein neues Element in die Politik ein. Da war nicht nur einfach eine weitere Guerilla entstanden, da gab es Bereitschaft innezuhalten, nachzudenken, neu zu verstehen. Da gab es starke Signale in die gesamtstaatliche „Zivilgesellschaft“ und trotzdem eine scheinbar unüberwindliche räumliche und politische Isolation. Ist die EZLN nur deshalb nicht in die politische Klasse Mexicos integriert, weil diese ihr die Aufnahme verweigert? Oder ist hier eine politische Kraft entstanden, die nur integrierbar wäre zum Preis einer zumindest punktuellen neuen Politik? Einer Politik des sozialen und kulturellen Ausgleichs, der friedlichen Konfliktlösung, der Anerkennung des Andersseins und -denkens?

Nicht nur diese Frage, die gesamte Situation in Mexico ist augenblicklich schwer einzuschätzen. Ist es doch ein sich in der Form seiner Selbstvermarktung zwar „modern“ gebender, aber doch erzkonservativer, den Interessen des großen Kapitals verpflichteter Präsident, der Bewegung in die mexicanische Politik gebracht hat. Welche Kraft hat die lange stumme EZLN wirklich noch? Was ist von der „Zivilgesellschaft“ zu erwarten? Wird die Linke in Mexico eine Rolle spielen können? Ohne wirklich Antworten darauf geben zu können, wären wir froh, wenn sich mehr Menschen in der BRD solche Fragen stellen würden und nicht die, ob Bomben werfen darf, wer mal mit Polizisten rangelte.

Inhalt


Mexico
4 Will Fox wirklich eine politische Lösung?
Neue Runde im Chiapaskonflikt
von Dario Azzellini

Kurz vor dem Amtsantritt von Vicente Fox entstand das folgende Interview mit Carlos Montemayor, Historiker, Schriftsteller und Spezialist in Fragen der mexicanischen Guerillabewegung und der Armee. Zum Zeitpunkt des Interviews war unklar, welchen der 23 Divisionsgeneräle Fox zum neuen Verteidigungsminister ernennen würde. Trotz des Protestes der Mehrheit der Armeeführung holte Fox General Gerardo Ricardo Vega García ins Kabinett. Mit General Rafael Macedo de la Concha hat ein weiterer Militär einen Ministerposten. Der neue Justizminister, in Mexico gleichzeitig auch Generalstaatsanwalt, ist umstritten. Internationale Menschenrechtsorganisationen beschuldigen ihn, während seiner Amtszeit als Militärgeneralstaatsanwalt Menschenrechtsverletzungen durch die Armee nicht verfolgt, Zeugen bestochen und Kritiker innerhalb der Armee unterdrückt zu haben.

7 Das Profil des neuen Kabinetts
von Dieter Boris

8 Wir wollen Garantien, nicht nur ein vages „Alles ist anders“
Die mexicanischen Schriftsteller Carlos Monsivais und Hermann Bellinghausen
 im Gespräch mit Subcomandante Marcos
Zwei der wichtigsten Chronisten der mexicanischen Gesellschaft, Hermann Bellinghausen (HB), der den Krieg niedriger Intensität in Chiapas seit Beginn aus größter Nähe verfolgt hat, und Carlos Monsivaís (CM), scharfsinniger und -züngiger Beobachter der Hauptstadtkultur, befragten den Sprecher der ZapatistInnen, Subcomandante Marcos, zu den vergangenen sieben Jahren Aufstand, zu dem nun erfolgten Regierungswechsel und zu den Perspektiven der Linken in Mexico. Das Interview wurde in der mexicanischen Tageszeitung La Jornada kurz nach Jahresbeginn 2001 in voller Länge veröffentlicht. Die folgende Übertragung ins Deutsche ist nur unwesentlich gekürzt.

14 Chiapas: Chronik der Ereignisse

16 Nicht nur in Chiapas
Angriffe auf indigene Gemeinden in Oaxaca
von Felicitas Treue
Der Krieg des mexicanischen Staates gegen die indigenen Gemeinden spielt sich neben Chiapas, das in den letzten Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, im gleichen Ausmaß, aber weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in den südwestlichen Bundesstaaten Oaxaca und Guerrero ab.


18 Unterordnung unter die US-Strategie
Die Rolle der mexicanischen Armee
  Interview mit  Carlos Montemayor  von Jutta Klass
Kurz vor dem Amtsantritt von Vicente Fox entstand das folgende Interview mit Carlos Montemayor, Historiker, Schriftsteller und Spezialist in Fragen der mexicanischen Guerillabewegung und der Armee. Zum Zeitpunkt des Interviews war unklar, welchen der 23 Divisionsgeneräle Fox zum neuen Verteidigungsminister ernennen würde. Trotz des Protestes der Mehrheit der Armeeführung holte Fox General Gerardo Ricardo Vega García ins Kabinett. Mit General Rafael Macedo de la Concha hat ein weiterer Militär einen Ministerposten. Der neue Justizminister, in Mexico gleichzeitig auch Generalstaatsanwalt, ist umstritten. Internationale Menschenrechtsorganisationen beschuldigen ihn, während seiner Amtszeit als Militärgeneralstaatsanwalt Menschenrechtsverletzungen durch die Armee nicht verfolgt, Zeugen bestochen und Kritiker innerhalb der Armee unterdrückt zu haben.

20 CIA entdeckt indigene Bedrohung
Ende 2000 veröffentliche der CIA in den USA den Bericht „Globale Tendenzen 2015“. Darin wird eine neue Gefahr für die Sicherheitspolitik der USA in Lateinamerika beschrieben: die indigenen Bewegungen im Widerstand. Auf dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent wird die Bedrohung ausgemacht und es wird erwartet, dass sich die Auseinandersetzungen in Zukunft noch verschärfen.

21 Statt Alternativen Alternanz
Wirtschaftlich bleibt in Mexico alles beim Alten
von Andrés Peñalosa und Gaby Küppers
Im Obstanbau, sagt das Lexikon, werden die jährlich wechselnden Ertragsschwankungen als Alternanz bezeichnet. Egal, ob die Ernte gut war oder schlecht, Äpfel bleiben immer Äpfel. Alternanz statt Alternative ist auch für die Wirtschaftspolitik des neuen Präsidenten Mexicos absehbar. Ob das Budget nun wächst oder schrumpft: Die dicksten Kartoffeln werden auch unter Fox wieder in den üblichen Kellern landen. Dafür hat das Fox-Team mit seinem neoliberalen Credo gesorgt.

24 Im Namen der (Doppel-) Moral
Wie die Regierungspartei PAN gegen die Selbstbestimmung der Frauen vorgeht
von Jutta Klass
Bei aller Freude über das Ende der siebzigjährigen PRI-Herrschaft in Mexico ist vielen MexicanerInnen durchaus mulmig. Denn die Partei der Nationalen Aktion (PAN) von Präsident Vicente Fox ist eine extrem konservative politische Kraft, die eng mit der erzreaktionären katholischen Kirchenhierarchie liiert ist. In den Bundesstaaten, in denen die PAN die Regierung stellt, spüren das vor allem die Frauen. Die ohnehin sehr restriktive mexicanische Indikationsregelung bei Schwangerschaftsabbrüchen, die bei bestimmten eng begrenzten Situationen, wie etwa nach einer Vergewaltigung, eine Abtreibung erlaubt, wird dort durch Ärzte und Behörden beständig torpediert. Im Wahlkampf sprach sich Vicente Fox vehement gegen Schwangerschaftsabbrüche aus. Zu den geplanten weiteren Einschränkungen der bestehenden Indikationsregelungen durch seine Parteikollegen in den Bundesstaaten wollte er „keinen Kommentar“ abgeben. Bisher konnten die Pläne der PAN-Gouverneure auf Grund der umfassenden Mobilisierungen und Proteste noch verhindert werden. Das Selbstbestimmungsrecht der Mädchen und Frauen in Mexico muss auch unter dem neuen Präsidenten weiter erkämpft werden. Der Fall der damals dreizehnjährigen Paulina, der nach einer Vergewaltigung eine Abtreibung im PAN-regierten Bundesstaat Baja California verweigert wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Politik der PAN gegen Frauen.


Berichte & Hintergründe

26 Ein Regal, ein Bett, Plastikgeschirr...
El Salvador nach dem Erdbeben
von Birte Weiss

27 Direkt helfen
Aufruf der El Salvador-Solibewegung

28 Vorwärts in die Vergangenheit
Menschenrechte, Remilitarisierung und Polizei in El Salvador
von Elisabeth Hayek

31 Davos ist die Vergangenheit, Porto Alegre die Zukunft
Über 3000 TeilnehmerInnen beim ersten Weltsozialforum vom 24.-30. Januar 2001 
von Gerhard Dilger

33 Destabilisierung der Region
Auswirkungen des Plan Colombia auf die Nachbarländer
von Bruno Rütsche

36 Neues Selbstbewusstsein
Begegnung mit Indígenas aus dem kolumbianischen Cauca
von Jürgen Stahn

39 Ein Prost auf Mama Coca
Zum ersten Mal ist in Kolumbien ein Indígena „Ministerpräsident“
von Bettina Reis

40 Militärischer Humanismus
oder wie wir lernten die Bombe zu bauen
von Helmut Reinicke

45 Aufgelesen: Netze
von Esther Andradi

Ländernachrichten/Poonal
Venezuela, Peru, Brasilien, Uruguay, Guatemala, Kolumbien, Haiti, Spanien/Ecuador, Bolivien

Lebenswege

50 Cuba hat mich beflügelt
Lateinamerika und die DDR: Interview mit Professor em. Dr. Max Zeuske
von Gert Eisenbürger

Kulturszene

58 Poesie der Trauer und des Exils
Dossier zu Juan Gelman
von Barbara Eisenbürger

59 Folgen eines Literaturstreiks
García Márquez' politische Reportagen
von Theo Bruns

60 Gerechtigkeit in Chile?
Ramón Díaz Eterovic' Roman »Engel und Einsame«
von Kathrin Bergenthal

61 Cubanische Geschichte
Zwei Bücher von Michael Zeuske
von Christine Hatzky

62 Notizen aus der Bewegung, 63 Zeitschriftenschau, Termine, Impressum

Titelbild unter Verwendung eines Fotos von Jens Holst

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