Home| Wir über uns | Aktuelle Ausgabe| LeseprobenArchiv| SolidaritätNotizen | Termine | TV/Radio | Links| Bestellungen

 
zu Inhalt
  

Bibliotheken   

Editorial ila 249/Oktober 2001

Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera“, so ein politischer Freund, „entscheiden wir uns meist für Himbeereis.“ Will heißen: Die Wahl, vor die uns Bush, Blair und Schröder stellen wollen, nehmen wir nicht an. Die Rede vom Zusammenprall der Kulturen ist gemeingefährlich, die Einteilung der Welt in Gut und Böse ultra-steinzeitlich, die Alternative zwischen zivilisierter Welt und terroristischer Barbarei falsch gestellt, weil es die terroristische Barbarei zwar gibt, die Welt des Pentagon und der Hardthöhe aber, der Ledernacken und des Kommandos Sonderkräfte und der Wall Street und des Frankfurter Bankenviertels, die sie verteidigen, weder zivilisiert noch unsere Welt ist.

Nichts haben wir zu tun mit Leuten, die glauben, für ihre politischen Überzeugungen beliebig viele willkürlich betroffene Menschen in den Tod reißen zu dürfen. Das ist, wer immer die Täter tatsächlich waren, eine faschistische Logik; und nicht zufällig wurde der letzte große Terroranschlag in den USA von (einem?) US-Faschisten ausgeführt.
Nichts haben wir aber auch zu tun mit denen, die jetzt Tausende neuer Tode planen und bis zum Erscheinen dieser ila vielleicht schon mit der Ausführung begonnen haben werden. Die für beliebig viele beliebig blutige Aktionen in der Vergangenheit verantwortlich waren und auch aktuell für ihre Interessen weltweit willkürlich Menschen sterben lassen.

Beiden gelten Menschenleben nichts. Da tröstet es kein bisschen, dass im Pentagon und im World Trade Center auch einige Menschen den Tod gefunden haben könnten, die in ihrem Leben für Gewalt und Elend mitverantwortlich waren. Nicht nur, dass die meisten Opfer Sekretärinnen, kleine Angestellte, Putzfrauen, Feuerwehrleute oder sonst was waren, auch Börsianer oder Abteilungsleiter im Pentagon sind kein legitimes Ziel von Mordanschlägen. Wir müssen sie kritisieren, ihr Tun verurteilen, wir sollen sie daran hindern, es weiterhin tun zu können, aber das ist etwas anderes als Massenmord.

Wir lassen uns weder zum Schulterschluss mit Schreibtischtätern in Nadelstreifen oder Uniform noch in die Solidarität mit angeblichen, selbsternannten und menschenverachtenden Kämpfern gegen ersterer Politik treiben. Der Feind unseres Feindes ist nicht unbedingt unser Freund. Auch dann nicht, wenn wir uns vorstellen können, wie die konkrete wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Herrschaftsausübung der Konzerne und ihrer willfährigen Wettbewerbsstaaten Menschen so deformierten, dass sie Taten wie diese Anschläge begehen.

Die USA sind dabei ja keineswegs allein. Kein Nato-Land hat den Golfkrieg und die andauernde Ermordung irakischer ZivilistInnen verurteilt; alle waren in Jugoslawien/Kosovo, alle sind in Mazedonien dabei; alle bauen Mauern um Wohlstandseuropa und schieben jeden ab, den sie nicht haben wollen. Und alle Verantwortlichen betonen ihre Abscheu vor Tat und Tätern von New York, Washington und Pittsburgh und ihre Solidarität mit den Opfern, die sie im nächsten Atemzug unter die magische, immer für die Berliner Luftbrücke und nie für Vietnam stehende Formel „Amerika“ subsummieren.

Solidarität mit den Opfern? Welche Solidarität sollte das sein, die zum Krieg und nicht zur Umkehr führt? Was ist von einer Trauer zu halten, die, noch bevor die Tränen der eigentlich Betroffenen versiegt sind, auf Wiederherstellung der Vormachtstellung sinnt? Was haben jene aus den Ereignissen des 11. September gelernt, die ständig davon reden, dass die Welt nach diesem Datum eine ganz andere ist, und doch alles dafür tun, dass sie gleich bleibt – eine Welt, in der die Reichen reicher und die Armen ärmer werden und alle, die entweder versuchen, einfach aus dem Elend zu fliehen oder den Reichtum der Nationen einfach so zu organisieren, dass alle etwas davon haben, bekriegt werden.

Für uns heißt die Alternative nicht „zivilisierte“ Welt von gestern bis ans Ende aller Tage oder Barbarei, sondern – wir zitieren Rosa Luxemburg – Sozialismus oder Barbarei.

Information und Wissen sind bedeutende Elemente der Emanzipation – heute wie gestern. Wenn aberwitzige Summen für – objektiv gegen die Armen dieser Welt gerichtete – Kriege ausgegeben werden, weil neoliberale Ideologie als Weltgesellschaftskitt nicht mehr ausreicht, wird Wissen für die Armen überlebenswichtig. In diesem Sinne ist unser Schwerpunktthema „Bibliotheken“ ein antizyklischer Beitrag gegen den Zeit(un)geist. Er will einen Einblick geben in die vielfältige Bibliothekslandschaft Lateinamerikas und einige solidarische Initiativen der internationalen Zusammenarbeit vorstellen.

Inhalt

 
 Bibliotheken in Lateinamerika

4 Großer Bedarf – kleine Etats
Bibliotheken in Mexico, Kolumbien, Bolivien und Cuba
von Brigitte Döllgast

Aufruf deutscher BibliothekarInnen  Hier klicken ! Bücher für Kuba

9 Herausforderung Neue Technologien 
Universitätsbibliotheken in Venezuela
von Elsi Jiménez

11 Golden Gate(s) für Chile?
Stiftung des Microsoft-Gründers finanziert Internet-Zugang zu Chiles Bibliotheken
von Laura Held

12 Schafft ein, zwei, viele Aguascalientes
Zapatistische Bibliotheken in Chiapas
von Ramón Salaberria

13 Von Büchern, Bibliotheken und vom Schweigen
Rede von EZLN-Vertretern an der UNAM in Iztapalapa

14 Soziale Verantwortung und Neoliberalismus
Manifest der mexicanischen progressiven BibliothekarInnen

15 Lesen ohne einen Pfennig zu bezahlen
Eine ländliche Volksbibliothek in El Salvador
von Rudi Reitinger
'
18 Wenn plötzlich eine Lampe angeht
Ein Bücherbus in Nicaragua
von Elisabeth Zilz

20 Brief aus Córdoba
Der Alltag in einer Schulbibliothek
von Verónica Lencinas

21 Marx und Milchkaffee
Café-Bibliotheken in Buenos Aires
von Ignacio Buquete

22 Schwimmende Bibliotheken
Im Paraná-Delta in Argentinien und am venezolanischen Amazonas kommen 
die Bücher und Videos per Schiff
von Laura Held

23 Bibliothek & Information International
Kooperation mit Lateinamerika im Bibliothekswesen
von Regine Schmolling

24 Sprechende Bücher
Omar Saavedra Santis' Roman „Die große Stadt“
von Gert Eisenbürger

Berichte & Hintergründe

25 Der letzte elfte September
Der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman über die 
Koinzidenz historischer Daten

27 Warum dieser Krieg?
US-Friedensforscher zu den Interessen der Bush-Administration
von Michael T. Klare

28 Krieg für die Weltmacht USA
Erklärung der „Organisation für Demokratische Aktion“ aus Israel

31 Söldner der Globalisierung
Spanien auf der Suche nach Berufssoldaten in Lateinamerika
von Omar Saavedra Santis

33 Aufgelesen: Von Bäumen und Wäldern
von Esther Andradi

34 In Gedenken an Yolanda
Nachruf auf eine mutige Frau
von Bettina Reis

35 Die Pazifikküste im Würgegriff
Menschenrechtsverletzungen als Folge des Plan Colombia
von Yolanda Cerón

36 Klassen, Finanzkapital und Marxens Tod
Die Zivilgesellschaft und das Verschwinden der Klassen
von Helmut Reinicke

Eine Welt Wirtschaft

40 Deuda Odiosa
Wie Argentinien nicht in die Schuldenfalle fiel, sondern getrieben wurde
von Eric Toussaint

43 WTO in Kata(r)tonie
Fieberhafter Stillstand vor der Ministerkonferenz im November
von Gaby Küppers

Ländernachrichten/Poonal
46 Cuba, USA, Nicaragua, Peru, Argentinien, Uruguay, Guatemala, Bolivien, Chile, Brasilien

Kulturszene

50 Leben und Traum? Amor y Rabia!
Revolutionstourismus bald auch in Köln
von Anne Hild

53 Tatsachenromane
Lateinamerika in den Büchern von Wolfgang Schreyer
von Klaus Jetz

56 Das große Fressen und König Tod
Luis Fernando Verissimos Roman „Der Club der Engel“
von Peer Zickgraf

Solidaritätsbewegung

57 Eine andere Welt ist möglich
Internationaler ATTAC-Kongress 19.-21. Oktober in Berlin
von Werner Rätz

58 Notizen aus der Bewegung, 59 Termine, Zeitschriftenschau, Impressum

  Hier klicken ! Zurück                                                                                                    Hier klicken ! Jetzt bestellen !!