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  OhnePapiere    

Editorial ila 250/November 2001

Vierzig Jahre Einwanderung nach Deutschland – in diesen Tagen wird mit gönnerhaftem Multikulti-Gestus des ersten An werbe-Abkommens für „Gastarbeiter“ aus der Türkei gedacht. Lange wurde auf sie herabgeschaut. Sie galten als Knoblauch-Fresser und machten die Arbeit, für die sich die Deutschen zu fein waren. Von politischer und sozialer Gleichheit sind sie auch heute noch weit entfernt, wenngleich sie zumindest gewisse einklagbare Rechte haben.

Es gibt aber in diesem Land eine Gruppe von Menschen, die praktisch in völliger Rechtlosigkeit lebt: die Menschen ohne Papiere, d.h. die, die ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in diesem Land sind. Damit sie nicht auffallen, versuchen die OhnePapiere sich so angepasst wie möglich zu verhalten. Jeglicher Kontakt mit Behörden wird gemieden, so dass Krankheiten nicht behandelt, Kinder nicht zur Schule geschickt, einbehaltene Löhne nicht eingeklagt werden können. Ganze Wirtschaftszweige werden von der entrechteten und überausgebeuteten Arbeitskraft der OhnePapiere getragen.

Die Bezeichnung der Menschen, die ein Leben in der Illegalität führen müssen, ist in Europa sehr unterschiedlich. Die Sprache der anderen bringt die Beurteilungsweise der eigenen plastisch zum Ausdruck. „Irregular migrants“ oder „undocumented persons“ heißen sie in den anglophonen Staaten, im französischen und spanischen Sprachraum sind es die „sans papiers“ bzw. „sin papeles“ und im Italienischen die „clandestini“. In Deutschland werden sie meist „Illegale” genannt und so in die Nähe von Kriminellen gerückt. Und genauso werden die OhnePapiere behandelt. Polizei und Bundesgrenzschutz machen in Bahnhöfen, Zügen und Innenstädten mit dem Allround-Instrument „verdachtsunabhängige Kontrollen“ Jagd auf sie. In rassistischer Manier werden natürlich nur solche Leute kontrolliert, die „anders“ aussehen.

Die so genannte „Zuwanderungsdebatte” erkennt zwar halbherzig an, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Doch besteht kein Grund, darin eine progressive Wende zu sehen. Aus der alten Forderung nach einem Einwanderungsgesetz wurde unter Innenminister Schily ein Gesetzesvorschlag, der EinwanderInnen nur danach beurteilt, ob sie dem „Standort Deutschland“ nützen. Solange aber Wohlstand und Ressourcen auf der Welt ungerecht verteilt sind, wird und muss es Wanderungsbewegungen geben. Und die Abschottung der privilegierten Länder drängt diese Migration in „illegale“ Formen ab. Scharfmachern wie Schily fördern die Illegalität. Sein Zuwanderungs-Steuerungs-Gesetz schafft genau dies. Der Status der Duldung soll abgeschafft werden, bei Abschiebehindernissen sollen die Betroffenen in so genannten Ausreisezentren untergebracht werden, verniedlichende Ausdrucksweise für Abschiebeknäste oder gar Internierungslager. Dass auch das Asylbewerberleistungsgesetz eingeschränkt und das Nachzugalter für Kinder von  16 auf 14 Jahre herabgesetzt werden soll, fällt da schon fast nicht mehr auf.

 Angeblich hat Schily inzwischen kleine Zugeständnisse gemacht, wie die Anerkennung von nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer Verfolgung. Doch der repressive Kern bleibt. Ganz zu schweigen von den nach dem 11. September durchgepeitschten Sicherheitspaketen, die alle „AusländerInnen“ unter Generalverdacht stellen. Deren Erfassung und Überwachung, u.a. seit Jahren vom Ausländerzentralregister in Köln betrieben, wird in Zukunft noch größere Ausmaße annehmen.

MigrantInnen sind Menschen, die dort, wo sie herkommen, nicht mehr leben können. Was es für illegalisierte LateinamerikanerInnen bedeutet, ein Leben ohne Papiere in Deutschland führen zu müssen, möchten wir in diesem Heft zeigen. Dabei haben wir versucht, den Terminus „illegal” zu vermeiden, denn – darauf bestehen wir – kein Mensch ist illegal! Und – auch wenn die weltpolitische Konjunktur immer unbarmherziger wird – wir unterschreiben die politische Forderung, die es auf den Punkt bringt: „Gleiche Rechte und Papiere für alle!“

P.S. Diese Ausgabe ist die 250. (zweihundertfünfzigste) ila. Das ist gleichzeitig auch unser 25jähriges Jubiläum als Zeitschrift. Wir haben diesmal kein Sonderheft zusammengestellt, sondern eine reguläre ila, die zeigt, was uns seit der ersten Ausgabe wichtig ist: Lateinamerika ist nicht weit weg – und vieles worunter LateinamerikanerInnen leiden, hat seine Ursachen in den politischen und ökonomischen Machtverhältnissen bei uns. Das gilt für die OhnePapiere ganz besonders. Auf den ila-Festen und -Veranstaltungen der ersten Jahre ertönte fast immer auch das politische Lied aus Lateinamerika schlechthin: Daniel Vigliettis „A desalambrar“ – Reißt die Mauern nieder. Diese Aufgabe besteht mehr denn je!

Inhalt

 Schwerpunkt: Ohne Papiere

4 Negativ, feindselig, repressiv
Schilys Gesetzentwurf für die Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung
von Franck Düvell

7 Mano negra clandestina
Wie hängen Migration, Illegalisierung und prekäre Arbeitsverhältnisse zusammen?
von Alix Arnold

9 Menschen ohne Papiere – wer verbirgt sich dahinter?
von Marion Ladich

10 Unter Deutschen leben
Interview mit einer Latina ohne Papiere
von Alix Arnold

12 Respekt statt Almosen
Patchwork-Hausarbeiterinnen und ihre Organisierung
von Susanne Schultz

14 Die einen beten, die anderen betrinken sich
Latinas ohne Papiere in der Prostitution
von Judith Rosner

16 Acht von zehn Leuten werden nicht bezahlt
Ein Gespräch mit dem brasilianischen Bauarbeiter Geraldo
von Bettina Hartmann und Jonathan Aus

18 Krankheit kennt keinen Aufenthaltsstatus
Praktische Hilfe und politische Intervention: Die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum
von Knut Rauchfuss

19 Auf der Flucht vor Sanitätern
Auszug aus dem „Tagebuch einer Putzfrau: Ohne Papiere“
von Rosa de Mora

21 Ohne Papiere allein zu Hause
In die Illegalität gedrängte Frauen mit Kindern haben viele zusätzliche Probleme
von Marion Ladich

22 Ohne Papiere unter Wölfen
Nutznießer der Illegalisierung sind bisweilen auch die eigenen Landsleute
von Ingo Saalfeld

24 Anonymer Alltag
Interview mit einer Frau, die einer illegalisierten Latina Unterschlupf gewährt hat
von Thomas Vestweber

25 Die Lateinamerikanisierung des deutschen Haushalts
Migrantinnen ohne Papiere statt Umverteilung von Reproduktionsarbeit
von Gaby Küppers

26 La vida en el Heim
Der kolumbianische Exodus und das politische Asyl in Deutschland
von Jaime Torres

28 Legal, illegal...???
Bücher zur Situation von Menschen ohne Papiere
von Sigrid Becker-Wirth

31 Vom Wunsch-Ausländer zum Schläfer 
Legalisierungskampagne jetzt nicht mehr möglich?
von Massimo Perinelli, Ellen Bareis, Vassilis Tsianos

33 Rat und Tat – nützliche Adressen

Berichte & Hintergründe

34 Private Warriors
Moderne Söldner in Kolumbien
von Eduard Fritsch

38 Montesinos Schweizer Konten
Peruanische und Schweizer Gruppen kämpfen für die Rückführung der Gelder nach Peru
von Hildegard Willer

40 Modernisierungseuphorie
Der Plan Puebla Panama von Vicente Fox
von Dieter Boris

42 Wir werden den 2. Oktober nicht vergessen
Mexico: Kommt nach 33 Jahren die Wahrheit über das Massaker von Tlatelolco ans Licht?
von Oscar Maya Corzo

43 Klein-Beirut in Ciudad del Este
Lateinamerikas Militärs haben endlich wieder einen Feind geortet
von Gaby Weber

44 Nach den Attentaten
Konsequenzen für Politik und Ökonomie in Lateinamerika
von Lucien O. Chauvin

Kulturszene

45 Herz Schmerz Lachfalten
Kolumbianische Seifenoper „Ich bin Betty die Hässliche“ bringt Quotenrekorde in Lateinamerika
von Bettina Lutterbeck

48 Erinnerungen und Reflexionen
Drei neue Bücher lateinamerikanischer Autorinnen
von Gaby Küppers

50 Zum Tod von Max Zeuske
von Gert Eisenbürger

Ländernachrichten/Poonal
51 Paraguay, Cuba, Mexico, Argentinien, Ecuador, Haiti

Solidaritätsbewegung

54 Zeichen der Zeit
Naomi Klein über die globalisierungskritische Bewegung nach dem 11. September

57 Wir werden immer mehr
ATTAC-Kongress vom 19.-21. Oktober in Berlin
von Werner Rätz

58 Notizen aus der Bewegung 59 Zeitschriftenschau, Impressum

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