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Inhalt
Medien -
Manipulation
Editorial ila
258/September 2002
Bild lügt. Na und? Vierundsechzigtausend Wiederholungen ergeben die Wahrheit
(Aldous Huxley). Warum wohl haben wir schon am 11. September letzten Jahres gewusst, dass die USA als Reaktion auf den Fall des World Trade Center ausgerechnet Afghanistan angreifen würden? Weil sich im Lauf der Jahre vierundsechzigtausend Nachrichten über die Schlechtigkeit der Taliban in unseren Köpfen angesammelt haben. Seit mehr als einem Jahr hängt die US-Regierung aller Welt damit in den Ohren, dass ein neuer Krieg gegen den Irak unvermeidlich sei. Die Zahl von vierundsechzigtausend Wiederholungen ist auch in diesem Fall vermutlich bald erreicht, vor allem in den USA selbst, wo das Trommelfeuer der Kriegspropaganda noch viel heftiger ist als hierzulande.
Schuld an solchen Wiederholungen sind natürlich nicht die Regierungen allein: Zahllose, bisweilen gewissenlose, manchmal nur ahnungslose, meistens aber einfach arglose JournalistInnen plappern treuherzig nach, was interessierte Pressestellen ihnen vorformuliert, was sie von Kollegen gehört oder was sie neulich einmal gelesen haben. Außerdem entstehen Nachrichten in der Regel unter Zeitdruck: Meist bleibt gar keine Zeit für weitere Recherche bis zur nächsten Sendung oder bis Redaktionsschluss.
Und: Aktuelle Nachrichten müssen 'raus, bevor die Konkurrenz sie bringt! Da haben es Monatszeitschriften wie wir natürlich etwas besser: Wir können noch einmal nachdenken, bevor wir etwas drucken lassen. Dieses Privileg wird leider nicht von allen genutzt. Denn: Die allermeisten Medien sind ökonomisch von ihren AnzeigenkundInnen abhängig, da ist es nicht verwunderlich, dass bei der Auswahl der zu veröffentlichenden Inhalte (neudeutsch:
Contents) darauf geachtet wird, eventuelle Konflikte mit den GeldgeberInnen schon im Vorfeld zu vermeiden. Die Schere der Selbstzensur ist ein unauffälliges Instrument – auch die klassische Zensur feiert immer wieder ihr Comeback.
Wer dabei alles zwischen die Schneiden und unter die Räder kommt, hängt von der jeweiligen Weltgegend ab. Hierzulande werden Ängste bedient und Ressentiments geschürt: mit überall lauernden ausländischen Kriminellen, schmarotzenden Arbeitslosen, linken Krawallmachern, islamischen Fanatikern oder ehrlosen Politikern, die in erster Linie das Autofahren teurer machen wollen. Wer nicht für eine stromlinien- und heckflossenförmige Gesellschaft ist, ist gegen sie.
In Lateinamerika fahren die Medien nach wie vor Kampagnen gegen linke Parteien wie die FMLN in El Salvador oder die PT in Brasilien. In Venezuela geht die Medienoffensive gegen die beim Establishment verhasste Regierung von Hugo Chávez trotz und wegen des gescheiterten Putschs weiter. Wer die kolumbianische Presse liest, erfährt über zivile Opfer, dass sie an ihrem Unglück selber schuld sind, während die machtlose Regierung tut, was sie kann. Von unterschwelligen politischen Botschaften in Kino- und Fernsehfilmen, von der verräterischen Sprache von Wirtschaftsmeldungen hier wie dort einmal ganz zu schweigen.
Dennoch: Es gibt auch Journalismus mit Recherche. Er sollte eigentlich der Regelfall sein, ist aber eher die Ausnahme und hat deswegen bezeichnenderweise auch einen speziellen Namen. Wer nicht einfach nur abschreibt, betreibt
„investigativen“, also nachforschenden Journalismus. Investigative JournalistInnen riskieren hierzulande leicht ihre Karriere, andernorts aber oft sogar ihr Leben
(siehe u. a. Beitrag zu Kolumbien in diesem Heft...)
Man muss kein Freund von Verschwörungstheorien sein, um sich vorzustellen, dass Polit- wie MarketingstrategInnen diese Schwächen der Medien kennen und für sich zu nutzen wissen. Nicht selten sind es sogar die Eigner der Medien selbst, die aktive Nachrichtenpolitik betreiben. Hartgesottenen Globalisierungs-gestalten wie Schröder und Stoiber wurde nach dem Flop von Kirch-Media doch etwas mulmig bei dem Gedanken, dass nun Rupert Murdoch in Zukunft über ihre Fernsehauftritte in Wahlkampfzeiten bestimmen könnte. Nicht nur in Brasilien ist so etwas schon längst gang und gäbe, wo ohne den Privatsender O Globo niemand Präsident wird.
Damit die „Globolisierung“ nicht Vielfalt durch Einfalt ersetzt, hier unser pathetischer Aufruf:
„Völker, hört die Signale! Lest die ila - a - a-lle!“
Inhalt
Medien
– Manipulation
4 Platonisches Verhältnis
zur Wahrheit
El Salvadors Medien nach dem 11. September 2001 von Kai-Uwe Haase
7 Wachhunde und Gänsenester
Zeitungszensur in der brasilianischen Diktatur von Gaby Küppers
9 Wie in der Diktatur
Medienzensur im brasilianischen Wahlkampf von Klaus Hart
10 Fabrizierte Sensationen
Konzentrationsprozesse und inhaltliche Verflachung in den
brasilianischen Medien von Carlos Castilho
11 Powerplay gegen Lula
Eine Kampagne der spanischen Tageszeitung „El País“ von
Carlos Prieto
12 Die geniale Perversität der Worthülsen
Die Phraseologie der Neoliberalen von César Benjamin
13 Página/12 in Gefahr
Argentinischer Medienmogul bedroht die linke Tageszeitung von Miguel
Bonasso
15 Wenn das Fernsehen nichts mehr sagt
Venezuelas Massenmedien während des Putsches von Jon Beasley-Murray
17 Gegen verdrehte und intolerante Nachrichten
Erklärung von SITRANAC, der Gewerkschaft bei El Nacional, der größten
Tageszeitung Venezuelas
18 Die Enten in Reih und Glied
Falschmeldungen der US-Medien vor dem Putsch in Venezuela von Al
Giordano
20 Der Krieg und die Ufos
Eine surreale Medien-Anekdote – erlebt in Kolumbien von Bettina Reis
21 Dschungelkämpfer und Kokain
Kolumbien in der deutschen Presse von Bettina Reis
22 Berufsausübung immer schwieriger
Gewalt und Angriffe gegen JournalistInnen in Lateinamerika von Hernán
Uribe
23 Katastrophenfilme
Katastrophal einfache Botschaften hinter bewegten Bildern von Ignacio
Ramonet
25 Liebesgrüße aus Hollywood
Ein Buch über die ideologischen Botschaften des Kinos von Hans-Georg
Aldenhoven
27 Kostenexplosion und soziale Hängematte
Kampagne zur Zerstörung des sozialen Gesundheitswesens in Deutschland
von Bernard Braun
29 Akzeptanz von Kriegen
Die propagandistische Aufgabe der Medien von Eduard Fritsch
Berichte & Hintergründe
30 Neue Schulden zur Sanierung maroder Banken
Trotz IWF-Milliardenkrediten verschärft sich die Krise in Uruguay von
Gaby Weber
32 Mit Pfeil und Bogen ins Parlament
Eine Wahlnachlese aus Bolivien von Peter Strack
35 Kandidaten und Subjekte
Interview mit Victoria Flores Gutiérrez von der CDS aus Ecuador von
Britt Weyde
38 Prosumieren statt konsumieren
Tauschhandel in Argentinien von Gaby Weber
42 Mit Macheten gegen Flugzeuge
Widerstand gegen den Bau eines neuen Großflughafens bei Mexico-Stadt
von Harald C. Neuber
44 Frauen gegen den Krieg
Interview mit Matilde Vargas von der Frauenorganisation OFP aus
Kolumbien von Bettina Reis
46 Tod des letzten Caudillo
Dominikanische Republik: Im Juli starb Joaquín Balaguer von Klaus
Jetz
Ländernachrichten/Poonal
48 Haiti, Guatemala, Argentinien,
Brasilien, USA, Cuba, Peru, Uruguay, El Salvador, Panama, Chile,
Honduras
Kulturszene/
Theaterszene Lateinamerika
52 Ein riesiger Ozean von fünf Zentimeter Tiefe
Gespräch mit dem chilenischen Theatermacher Juan Radrigán von Pedro
Holz
57 Zückerchen für Argentinien
Interview mit der Ska-Cumbia-Salsa-Band „Karamelo Santo“ von Britt
Weyde
59 Das Kulturleben in Cuba hat sich verändert
Interview mit dem Jungfilmer Humberto Padrón aus Havanna von Andreas
Hesse
Solidaritätsbewegung
61 Das Gespenst von Johannesburg
Ein wichtiges Buch über die Mythen globalen Umweltmanagements von
Gregor Kaiser
61 Notizen aus der Bewegung Zeitschriftenschau, Impressum
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