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Eingesperrt

Editorial ila 259/Oktober 2002

 Vor zwei Jahren erregte die außergewöhnliche Bitte eines Häftlings die argentinische Öffentlichkeit: Luis Alberto Santillán ersuchte um Sterbehilfe, da er es nicht mehr aushielt, ohne Gerichtsurteil im Knast zu schmoren. Sieben JahreEingesperrt - ila 259/Oktober 2002 lang hatte er zu dem Zeitpunkt schon abgesessen. Santillán wurde bekannt wegen dieser Verzweiflungstat, dabei ist er aber nur ein Fall unter vielen: In den Haftanstalten der Provinz Buenos Aires sitzen 87 Prozent der Häftlinge ohne Verurteilung ein, oft jahrelang. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam in ganz Lateinamerika. Schnell bei der Sache sind die Autoritäten jedoch, wenn es darum geht, die Leute einzuknasten. Prävention ist gleich Einsperren, auf die Gerichtsverhandlung können wir ruhig ein paar Jährchen warten. Hauptsache, die vermeintlichen oder echten ÜbeltäterInnen sind erst mal weg von der Straße. Das führte dazu, dass die lateinamerikanischen Gefängnisse hoffnungslos überbelegt sind.

Um das Ganze anschaulicher zu machen: In Kolumbien teilen sich z.B. sechs Personen eine drei Quadratmeter große Zelle, geschlafen wird im Turnus oder mit dem Kopf auf der Kloschüssel. Die Verpflegung ist miserabel, viele Häftlinge sind darauf angewiesen, dass ihre Familien sie mit Essen versorgen, um nicht zu verhungern. Unzureichende oder schlicht nicht vorhandene sanitäre Anlagen verwandeln Haftanstalten in ein Gesundheitsrisiko: Tuberkulose- und HIV-Infektionen verbreiten sich unter den zusammengepferchten InsassInnen rapide. Lateinamerikanische Knäste sind Menschendepots, die voll sind mit überwiegend armen Menschen. Das soll nicht heißen, dass Arme gleich Verbrecher sind. 

Aber: Gesellschaften mit extremen Einkommensunterschieden und stetig wachsender Armut fördern Kriminalität. Gefängnisse übrigens auch, selbst wenn Gegenteiliges behauptet wird. Aber das in der Gesellschaft vorhandene Gewaltpotenzial macht natürlich vor den Gefängnistoren nicht Halt. Lateinamerikanische Knäste sind Weiterbildungsanstalten im Fach Kriminalität: Gewalt und Morde – sei es von Seiten des Wachpersonals, oder von rivalisierenden Mitgefangenen – , Korruption und ein blühender Handel mit Drogen, Waffen und sexuellen Dienstleistungen werden geduldet, ja gefördert.

 In so einem Umfeld hat der Resozialisierungsgedanke – wie immer von Ausnahmen abgesehen – natürlich wenig Chancen. Gefragt ist die harte Hand, damit das wachsende soziale Unsicherheitsgefühl vieler Menschen beruhigt wird. In einigen Ländern wird noch ein weiterer Ausweg aus der desolaten, ungesunden und gewalttätigen Gefängnissituation angedacht oder bereits umgesetzt: Privatisierung heißt das Zauberwort z.B. in Argentinien, Chile, Peru und Venezuela. Dem Staat würden damit Kosten bei der dringenden Sanierung der Infrastruktur erspart, außerdem seien Privatunternehmer ja viel effizienter, argumentieren die BefürworterInnen, unter denen sich überraschenderweise auch Venezuelas Staatschef Hugo Chávez befindet. Menschenrechtsgruppen warnen jedoch vor den Folgen dieser Entwicklung. Auf lange Sicht würden private Gefängnisse die Anzahl der Häftlinge erhöhen, unabhängig von den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Ein voll belegtes Hotel werfe ja auch mehr Gewinne ab als eines, dessen Kapazitäten nicht ausgeschöpft seien. In China, wo die Knäste schon seit längerem faktische Sklavenarbeitslager für den Weltmarkt sind, richtet sich die Zahl der Häftlinge nicht mehr nach Umfang und der Schwere krimineller Delikte, sondern nach dem Arbeitskräftebedarf der Knast-Fabriken.

Bei den ganzen Strategien, Rechenspielen und Law-and-Order-Diskursen spielen die eigentlichen BewohnerInnen der Parallelgesellschaft Knast keine Rolle. So wie sich Armutsbekämpfung heute als Armenbekämpfung offenbart, geht es bei der vielzitierten Verbrechensbekämpfung letztlich um VerbrecherInnenbekämpfung. Die lateinamerikanischen Knäste sind Orte schwerer Menschenrechtsverletzungen. Bei diesen ganzen Klagen sollte eines nicht vergessen werden: Das Gefängniswesen hat seinen Ursprung im Strafrechtssystem der europäischen Kolonialmächte, und die jüngsten Reformprojekte in einigen lateinamerikanischen Ländern orientieren sich an europäischen oder US-amerikanischen Hochsicherheitsknästen. In den teilweise noch heute parallel praktizierten indigenen Sanktionsmechanismen hingegen zeigt sich z.B. ein ganz anderes Strafmodell.

Und noch mal zu Europa: Wer sich nur einmal näher mit den Bedingungen in deutschen Abschiebeknästen beschäftigt hat oder sich das Konzept der neuen Internierungslager für Flüchtlinge – euphemistischerweise „Ausreisezentren“ genannt – angeguckt hat, ahnt, wie fest verwurzelt hier bestimmte Strukturen sind, die zutiefst autoritär, menschenverachtend und auf sozialen Ausschluss zielend sind.

P.S. Im Herbst, in der Zeit um die Frankfurter Buchmesse, präsentieren sehr viele Zeitungen und Zeitschriften Literaturbeilagen und -Specials. Die ila hatte das bisher nicht geschafft. Bisher! Diesmal auch bei uns ein zwölfseitiges Literatur-Special. Wenn beim Lesen der Eindruck entsteht, dass bei uns auch viele Bücher Erwähnung finden, die in den Mainstream-Medien nicht vorkommen, dann ist dieser Eindruck durchaus richtig.


Inhalt

 Eingesperrt 

4 Die gordischen Knoten sichtbar machen
Zur Funktion der Gefängnisse in Lateinamerika – gestern und heute /von David Martínez

9 Mittelalter trifft Hochsicherheit
Alltag in Kolumbiens menschenverachtenden Haftanstalten /von Jhon Jairo Gutiérrez

11 Andere Kulturen, anderes Recht, andere Strafen 
Über die Koexistenz von staatlichem und indigenem Recht in Kolumbien /von Luis Escobar

13 Überleben im Familienknast 
Kinder im Gefängnis „San Sebastián“ in Cochabamba, Bolivien /von Michael Heuer und Peter Strack

15 Verhängnisvolles Päckchen
Wie eine Studentin für Schwefelsäure hinter Gitter kam /von Peter Strack

16 Man lässt sie einfach sterben
Bericht aus einem bolivianischen Provinzgefängnis /von Claudia Sperling

17 Frauen trifft die Strafe härter
Weibliche Strafgefangene in einem System für Männer /von Luis Ángel Saavedra

19 Unschuldig hinter Gittern
In Peru warten „Terroristen“ und „Landesverräter“ auf ihre rechtmäßige Freilassung /von Noticias Aliadas

20 Parallelmacht
Gefängnisrevolten, Korruption und Drogenhandel in Brasilien /von Lia Imanishi Rodríguez und Roberto Roa

22 Schreiben ist bluten
Der Boom der Gefängnisliteratur in Brasilien /von Luís Antonio Giron

23 Strafzelle
Auszug aus einer Erzählung von Luiz Alberto Mendes

24 Anarchisten, Tupamaros und Ganoven
Das Gefängnis Punta Carretas in Montevideo /von Karl-Ludolf Hübener

27 Ballett oder Ringkampf?
Wie zapatistische Gefangene den Gefängnisalltag aufmischten /von Checo Valdez

28 Von Sierra Leone nach Belize
Abschiebeknäste in Mittelamerika /von Carlos Quesada

31 Wer schaut hinter diese Mauer?
Aus dem Leben von Abschiebehäftlingen in Ingelheim /von Tanja Brinkhaus-Bauer

33 Ausreisezentren
Sammellager für Psycho-Druck /von Sigrid Becker-Wirth

Berichte & Hintergründe

34 Den Tätern keine Ruhe lassen
Die Aktionen der H.I.J.O.S. in Argentinien /von Alix Arnold

37 Subversive Elemente im Betrieb ausschalten
Die Verschwundenen von Mercedes-Benz und ein brisanter Briefwechsel aus Deutschland /von Gaby Weber

39 Umverteilen!
Alternativen innerhalb der Weltwirtschaft /von Claudio Katz

42 Ruhe in Frieden! – rufen die Verräter
Wie aus einem unliebsamen Indígena nach über 150 Jahren ein Nationalheld wurde /von Gaby Weber

44 Vom Objekt zum Subjekt werden
Favela-Delegation aus Rio de Janeiro auf Rundreise in Deutschland /von Sergio Müller

Literatur-Special

47 Rückwärts voran
Die wilden Detektive – Roberto Bolaños monumentaler Roman der Verweigerung /von Erich Hackl

48 1968 – vom vierten Stock aus gesehen
Der Roman „Amuleto“ von Roberto Bolaño /von Gaby Küppers

49 Vom Verschwinden des Autors
Pablo de Santis' Roman „Die Fakultät“ /von Gaby Küppers

50 Papayas und Bananen 
Erzählungen aus Zentralamerika /von Gaby Küppers

51 Klischeebild einer Killerin
Jorge Francos Roman „Rosario Tijeras“ /von Gaby Küppers

52 Subversive Sprachspiele
Zé do Rock hat wieder zugeschlagen /von Gert Eisenbürger

53 Die Welt des Pedro Holz
Keine Buchbesprechung /von Gert Eisenbürger

54 Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben
Exil-ChilenInnen schildern ihr Leben zwischen Unidad Popular und der neuen Heimat Österreich /von Joachim Becker

55 Von Vietnam bis Genua 
Eine Archäologie der Internationalismusbewegung /von Theo Bruns

56 Engagiertes Portrait
Die Fanon-Biografie von Alice Cherki /von Gert Eisenbürger

58 Diskriminierung und Kriminalisierung
Zwei neue Bücher über (amtlichen) Rassismus in Deutschland /von Ali Al Nasani

Ländernachrichten/Poonal

59 Argentinien, Nicaragua, Mexico, Uruguay, Haiti

Solidaritätsbewegung

62 Notizen aus der Bewegung, Zeitschriftenschau, Impressum

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