|
zu
Inhalt
Editorial ila
262/Februar 2003
Das Kriegsgespenst geht wieder um. Was wissen wir in Mitteleuropa
noch vom Krieg? Zu unserem Glück kaum mehr als das, was in den zahllosen (falschen und richtigen) Nachrichten darüber vermeldet wird. Und es gab genug Schrecken verbreitende Kriege in den vergangenen sechs Jahrzehnten. Wie viel konkrete Erfahrungen über diese ohnmächtig machende Gewalt gibt es noch in unseren Breiten?
Das Jaulen von Sirenen verursacht bei unserem ältesten Mitarbeiter regelmäßig eine Gänsehaut – angstbesetzte Erinnerung eines Kindes an den Bombenterror in Berlin 1943. Den US-Überfall auf Grenada „durfte“ 1983 einer unserer Redakteure hautnah miterleben. Spätestens seit Vietnam (US-Invasion 1957-73) wurden die Kriege dieser Erde mit deutlich politischem Bewusstsein erlebt: der Militärputsch in Chile 1973, die Konterrevolution in Nicaragua 1981-1989, die US-Invasion in Panama 1989, der Golfkrieg 1991, der Krieg in Bosnien 1992-1995, der Krieg im Kosovo 1999 (USA & Europa) oder die „leisen“ Kriege in Guatemala, El Salvador und Kolumbien – und was kommt 2003 dazu?
Während sich viele EuropäerInnen und US-AmerikanerInnen durch die Auseinandersetzung mit diesen Kriegen politisiert haben und über längere Zeit hinweg politische Positionen besetzen konnten, wie z.B. die große Friedensbewegung der 80er Jahre, haben vor allem konservative Machtzirkel in den USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zielstrebig auf eine Neuordnung der Welt hingearbeitet. Der gewaltsame „demokratische Umbau“ des Irak gehört offensichtlich zu solchen Plänen.
Die Menschen dieses Landes aber wollen keinen Krieg, sie kennen ihn zur Genüge und nicht jede Regierung – wie z.B. die französische oder die deutsche – möchte im Kielwasser des US-Zerstörers mitpaddeln. Deren Ablehnung allerdings hat humanitäre Gründe nur zu aller Letzt. Es geht um vielschichtige Interessen, um Macht, Einfluss und Kontrolle, um Vorteile gegenüber den wirtschaftlich großen Mitspielern und es geht natürlich um Öl in seiner Eigenschaft als ebenso bedeutsamer wie reaktionärer Energieträger.
Wenn sich die Bundesregierung gegen einen Krieg im Irak ausspricht, sagt sie gar nichts über ihre eigentlichen Motive. Dennoch dürfte sie tatsächlich kein Interesse an einem solchen Krieg haben. Weder kann ihr an einem weiteren Anstieg der US-Dominanz (im Erfolgsfall), noch an einem politischen Desaster in der Region gelegen sein, sollte die US-„Friedensmission“ misslingen. Noch deutlicher könnte zukünftig internationale Macht militärisch definiert werden. Noch selbstverständlicher könnte es werden, dass sich der militärisch Starke das greift, was er möchte, weil dem Schläger keiner mehr Einhalt zu gebieten wagt. Als Folge einer solchen Neokolonialpolitik könnte es allerdings auch dazu kommen, dass sich unter dem Banner eines primitiv interpretierten Islams Hunderttausende gegen den Westen, vor allem gegen die USA erheben. (Wir übersehen dabei keinesfalls die vielen Primitivinterpreten unter den ChristInnen im Westen.)
Die Forderung, das Irak-Problem müsse durch die UNO und nicht durch eine Großmacht mit kleiner Allianz gelöst werden, kann mit gutem Grund von ehrlichen und nicht ganz so ehrlichen deutschen und französischen (und vielen anderen) BürgerInnen befürworten werden, auch wenn ihre Regierungen alles daransetzen, die eigentlichen Ziele zu verschleiern.
Kriege werden nicht nur mit „heißen“, sondern auch mit medialen Waffen geführt. Mit unserem Schwerpunkt in diesem Monat widmen wir uns erneut dem Medienthema – allerdings geht es diesmal weder um die Macht der Massenmedien noch um die
manipullativen Verflechtungen zwischen Medien und Politik. Vielmehr lenken wir unseren Blick auf die Medien als potenzielle Gegenmacht, sprich auf ihre Nutzung durch soziale Bewegungen. Es liegt auf der Hand, dass dieses Unterfangen angesichts der Komplexität des soziologischen Lieblingsthemas „Medien“ und angesichts der zahlreichen unterschiedlichen Bewegungen, die in Lateinamerika im Moment wieder äußerst rührig sind, ein ganz schön dicker Hund ist.
Wir haben versucht, aus dieser vernetzten, verdrahteten und verkabelten Vielfalt einige besonders nett blinkende Projekte herauszupicken. Das können „traditionellere“ Medien
wie Radio oder Video sein oder auch der vielbeschworene Hoffnungsträger Internet. Immerhin war das Internet während des Kosovokrieges 1999 der Mediensektor, den die Nato mit ihrem „Informationskrieg“ am wenigsten erfolgreich zu beeinflussen wusste – so lautet zumindest die Einschätzung einer jüngst in Schweden erschienenen Studie des dortigen „Amts für psychologische Verteidigung“.
Inhalt
Vernetzt, verdrahtet, verkabelt
4 Kein Allheilmittel
Internet in Lateinamerika /von Laura Held
6 Das peruanische Paradox
Alternative und gemeinschaftliche Nutzung des Internet /von Roman Herzog
9 InformationsaktivistInnen mit vielen Zielen
Interview mit Indymedia Uruguay /von Britt Weyde
11 Pobres – Pequeñas – Pocas
Legalisierung der „radios comunitarias“ in Lateinamerika? /von Gustavo Gómez
13 Pio XII – Ein Radio geht zum Volk
Interview mit dem Journalisten und Priester Guillermo Siles Paz /von Peter Strack
16 Der Kampf wird täglich ausgefochten
Interview mit Francisco Alvarez von ProMedios, Chiapas /von Anne Hild
18 Der Worte sind genug gewechselt
Der Briefwechsel zwischen Marcos und der ETA /von Eduard Fritsch
20 Hacktivismo!
Vom virtuellen Sit-In zur digitalen Sabotage /von Anne Morell
23 Gegen den homophoben Normalzustand
Kommunikationsformen schwul-lesbischer Bewegungen in Chile, Mexico und Costa Rica /von
Klaus Jetz
Berichte & Hintergründe
26 Knapp am Referendum vorbei
Trotz Streik, Sabotage und Medienpropaganda hält die venezolanische Regierung durch /von
Dario Azzellini
28 Unser Kampf ist weltweit
Interview mit Rodrigo Chaves, nationaler Koordinator der Bolivarianischen Zirkel /von
Dario Azzellini
30 Tote wegen Interpretationsproblemen
Zwei Wochen De-facto-Ausnahmezustand in Bolivien /von Peter Strack
32 Übereifrige Justiz
Mexico: Was geschah in Agua Fría? /von Wilma Strothenke
34 Im Tal der Globalisierung
Kinderarbeit auf mexicanischen Exportplantagen /von Manfred Liebel
38 Bewegung in den „Blauen Bergen“
Kriegsvertriebene in Chiapas werden wegen „Umweltschutz“ geräumt /von
Eduard Fritsch
40 Ohne Tränengas und Polizeisperren
Zweites internationales Treffen gegen ALCA in Havanna /von Harald Neuber
42 Die Bruj@s: zwischen Tradition und Kommerz
Naturheiler, Zauberkundige und Aberglauben in El Salvador /von Helene Kapolnek
44 Ach, wenn doch die Apus zu mir sprechen würden
Die Frau des peruanischen Präsidenten liebt es kolonialistisch und benutzt indigene Mythologie /von
Walter Lingán
47 Ziel: „Ausmerzung von Störfaktoren“
Mercedes-Benz zahlte ein Prozent vom Umsatz an argentinischen Gewerkschaftsboss /von
Gaby Weber
48 Gegendarstellung von amnesty international
zu dem Artikel „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ in der ila 260 (November 2002) /von
Gaby Weber
48 Gestörtes Vertrauen
Kommentar von Gaby Weber
49 Stellungnahme der Kritischen AktionärInnen
49 Die ersten Jahre des Pachakutik
Die „Regierung des Volkes” in Ecuador startet mit Sparmaßnahmen /von
Judith Welkmann
52 Jetzt kommt es darauf an
Lula ist offiziell Präsident Brasiliens /von Gert Eisenbürger
56 Multi-Kulti-Rassismus
Pflichtlektüre für alle reisenden Gutmenschen: „Im Handgepäck Rassismus“ des iz3w /von
Werner Rätz
57 Kampf dem Klischee
Neues Buch über lateinamerikanische Musik /von Daniel Boss
Ländernachrichten/Poonal
58 Haiti, Chile, Guatemala, Costa Rica, Peru, Puerto Rico, Nicaragua, Kolumbien, El Salvador
62 Notizen aus der Bewegung, Zeitschriftenschau, Impressum
Jetzt
bestellen !!
|