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La Música
Frauen machen Musik
Editorial ila
264/April 2003
Die USA wollen unsere Investitionen im Irak bombardieren– Pfui!“ war wohl eines der besten Plakate auf der großen
Antikriegs-Demo am 15. Februar in Berlin. Der lang vorbereitete Krieg ist jetzt Realität, und die US-Air-Force wirft nicht nur Bomben auf die deutschen Investitionen, sondern auch auf Menschen, Wohnhäuser, Infrastruktureinrichtungen, Regierungsgebäude, auf „weiche“ und strategische Kriegsziele. Schon nach zwei Wochen zeichnete sich ab, dass der Krieg nicht schnell über die Bühne zu bringen ist. Und dass nach dem Wegbomben des Diktators Saddam Hussein der Irak sich nicht automatisch in einen Hort der Demokratie und Menschenrechte
verwandeln wird, wussten wir schon vorher. Nach so vielen Monaten medialem, ideologischem und sonstigem kriegsvorbereitenden Dauerbeschuss stellt sich ein dumpfes Gefühl ein. Nur eins ist sicher: Man kann nicht so viel essen, wie man kotzen will.
Erfreulicherweise reißen die weltweiten Proteste gegen den hegemonialen Feldzug nicht ab, viele junge Leute gehen zum ersten Mal auf die Straße, viele der Älteren seit längerer Zeit mal wieder. Dringend notwendig hierbei wäre allerdings eine deutlichere Benennung der deutschen Heuchelei mit ihrem angeblichen Friedenskurs, hinter dem handfeste eigene, auch imperiale Interessen stehen. Ebenso notwendig wäre eine deutliche Distanzierung von einem platten Antiamerikanismus, der Antisemiten aller Couleur zum gemeinsamen Demonstrieren einlädt: In mehreren Städten beteiligten sich Neonazis an Friedensdemos oder riefen zu eigenen Aktionen auf. Ohnmacht und Unentschlossenheit waren zu oft Reaktion auf diese unappetitlichen „Bündnispartner“. Bemerkenswert ist auch die deutsche Kriegsberichterstattung: Ein leichter Mollton in der Stimme ist ständiger Begleiter der betroffenen Kommentare, eine bestimmte Art von Anti-Imperialismus, die jahrzehntelang nur „linken Spinnern“ vorbehalten war, ist auf einmal en vogue.
Vor vier Jahren, als ein anderer Diktator weggebombt und einer anderen Region die Menschenrechte gebracht werden sollten, klang das alles ganz anders, und auch die heutigen Friedensbewegten blieben gebannt zu Hause vor der Glotze sitzen. Klar, beim Krieg gegen Jugoslawien war ja Deutschland in der Kriegsführung auch maßgeblich mit von der Partie. Das darf einfach nicht vergessen werden. Einige selbsternannte Strategie-Experten in Politik und Medien fordern denn auch ganz unumwunden, dass die Militärmacht Europa aufgebaut werden müsste, um die Amis in Zukunft in ihre Schranken verweisen zu können. Pazifismus hin oder her, der militaristische Diskurs, der Handlungsanweisungen für die Neue Weltordnung gibt, hat sich schon längst etabliert, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des permanenten kapitalistischen Krieges, unter dem besonders die Länder der Peripherie zu leiden haben.
„Die Musik bringt die Menschen zusammen, Waffen und ökonomische Interessen, die dahinter stehen, bringen sie gegeneinander auf. Musik, Tanz und Kunst waren schon immer Mittel, die Einheit und Verständnis für Unterschiedlichkeit schaffen, Konflikte lösen und die das Göttliche und Schöne im Menschlichen Wesen zeigen ...“, drückte es etwas pathetisch das Manifest der „MusikerInnen gegen den Krieg“ im Jahr 2000 aus. Drei Jahre später schließen sich weltweit MusikerInnen und KünstlerInnen zusammen, um ihrem Protest gegen den nun manifest gewordenen Krieg Ausdruck zu verleihen. Spektakulär war die Rede des US-amerikanischen Dokumentarfilmers Michael Moore, dessen ätzend kritischer Film „Bowling for Columbine“ einen Oscar bekam, „Not in our name“ sagen Hollywood-SchauspielerInnen, Bekenntnisse auf T-Shirts sind wieder in, Antikriegssongs können von der Internetseite
www.protest-records.com heruntergeladen werden, und so einige MusikerInnen und Bands engagieren sich bei Friedensaktionen.
Eigentlich wäre vor diesem Hintergrund ein Schwerpunkt zu „Pop und Politik“ oder so ähnlich angebracht gewesen, aber erstens planen wir unsere Schwerpunkte nicht immer parallel zum Weltgeschehen und zweitens bleibt stets zu fragen, wie wenig Substanz und wie viel Geschäftsinteresse hinter der revolutionären Pose stecken. „La Música“ ist stattdessen Thema des Monats. Wir wollen wichtige und weniger bekannte Künstlerinnen und die Bedingungen ihres Schaffens vorstellen. Musik und Talent sind natürlich geschlechtsneutral, aber der soziale Kontext, in dem Musik komponiert, produziert, mit Texten versehen und vermarktet wird, ist durchaus vom Geschlechterverhältnis durchdrungen. Dreißig Jahre nach der neuen Frauenbewegung ist Musik derjenige Kunstbereich, der am meisten männerdominiert ist und dessen bunte Pop-Bilder nach wie vor viel zu viel Platz für antiquierte Geschlechterstereotypen bieten. Die sattsam bekannten lateinamerikanischen Diven, wie Mercedes Sosa oder Celia Cruz z.B., haben wir dezent vernachlässigt, aber auch unabhängig davon erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Auch bei diesem Schwerpunkt konnte die ila auf Unterstützung von außen nicht verzichten. Ganz besonders möchten wir uns bei Bianca Ludewig, Macarena González und Claudia Valenzuela von Radio Sankt Paula aus Hamburg bedanken.
Inhalt
La Música
- Frauen machen Musik
4 Rebellion mit dem Flügel
Leben und Musik der Francisca Edwiges Neves Gonzaga / von Rainer Huhle
6 So herb wie ihr Leben
Chavela Vargas' Stimme fasziniert seit über 40 Jahren / von Claudia Valenzuela
8 Singen für ein gerechteres Chile
Die Mutter der „Nueva Canción Chilena“: Violeta Parra / von Kerstin Dopatka
10 Vorzugsweise Huayno
Frauen in der Musik der Quechua im Norden von Potosí / von Peter Strack
12 Soleares für Soledad Bravo
Portrait der großen venezolanischen Interpretin / von Macarena González Ulloa
13 Die Sirene vom Río de la Plata
Silvia Palumbo und ihre CD „Aprendiza de Luna“ / von Esther Andradi
15 Schwarzer Klagegesang
Zwischen Fado und Son: Susana Baca / von Kerstin Kastenholz
17 Didá – Die da mit den Trommeln
Interview mit Vívian Caroline von der Samba Reggae Gruppe Didá aus Salvador de Bahia
von Gert Eisenbürger und Gaby Küppers
21 Tere greift an
… und entlarvt das Image der sorgfältig kaputten Netzstrümpfe
/ von Britt Weyde
22 Nie wieder schlecht geküsst
Die neuen mexicanischen Diven / von Anne Huffschmid
24 Nein, ich bereue nichts
Die brasilianische Rocksängerin Cássia Eller / von Gudrun Fischer
25 Digitale Killerbutter
MC Nalini rappt in Chile für Freiräume im HipHop / von Bianca Ludewig
28 Nur der Türsteher macht Probleme
Interview mit der argentinischen Percussionistin Ana Sol Torroixa / von Alicia Rivero
30 frau singt spanisch
Shakira, Aguilera, Las Ketchup – die neuen Pop-Diven / von Esther Andradi
Berichte & Hintergründe
31 Wir haben kein Recht, uns zu irren
Gespräch mit dem brasilianischen Agrarreformminister Miguel Rossetto
34 Müll, Macht und Mafia
Die rechte Presse im Wahlkampf El Salvadors
/ von Helene Kapolnek
36 FMLN verteidigt den Norden von Morazán
Interview mit Maria Santos Miriam Rodriguez de Chicas, Bürgermeisterin von Perquín
/ von Stefan Tuschen
38 Demo, -kratien und andere Katastrophen
Bolivien im Februar 2003 / von Peter Strack
Kulturszene
40 Alltag und Vergessen
Argentinien 1976/2003 – Eine Ausstellung in Berlin
/ von Donata Dröge
Literatur Special
42 Gehe hin und werde berühmt!
Zwei Romane von Santiago Gamboa / von Gaby Küppers
43 Und wenn er nicht gestorben ist ...
Antonio Skármetas Roman „Das Mädchen mit der Posaune“
/ von Gaby Küppers
44 Einschlagende Blauwale
Neue Erzählungen aus Argentinien / von Gaby Küppers
45 Lakonischer Chronist
Portrait des guatemaltekischen Autors Rodrigo Rey Rosa
/ von Jérôme Cholet
46 Genitalprosa aus Havanna
Pedro Juan Gutiérrez' Roman „Der König von Havanna“
/ von Erich Hackl
47 Zerstörerische Familienbande
Milton Hatoums Roman „Zwei Brüder“
/ von Gert Eisenbürger
48 Mekkin Histri – Geschichte machen
Linton Kwesi Johnsons Gedichtband „Die Neue Wortordnung“
/ von Malte Schnitger
50 Alte Kameraden
Nazi-Diplomaten in Bonner Diensten / von Klaus Jetz
51 Linke Einwürfe
Überlegungen des PT-Linken Raul Pont / von Gert Eisenbürger
52 Militante Untersuchung
Ein Buch über Krise und Widerstand in Argentinien
/ von Olaf Berg und Helen Schwenken
Ländernachrichten/Poonal
54 Lateinamerika, Brasilien, Ecuador, Argentinien, Nicaragua, Honduras
Solidaritätsbewegung
57 Notizen aus der Bewegung
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