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Inhalt
Dies ist die zehnte ila-Städteausgabe.
Begonnen hatten wir im Juli 1994
mit Buenos Aires. Es folgten Medellín, Tegucigalpa, México D.F., Montevideo, La Paz, Havanna, São Paulo und im vergangenen Jahr Lima. Diesmal ist es Valparaíso, die wichtigste Hafenstadt Chiles, 150 Kilometer
westlich der Hauptstadt Santiago gelegen. Im 19. Jahrhundert, also lange bevor der Panama-Kanal die Schiffsrouten von Europa an die süd- und nordamerikanische Pazifikküste erheblich verkürzte, mussten alle von Europa und der nordamerikanischen Ostküste kommenden Schiffe das unwirtliche und gefährliche Kap Hoorn umsegeln. Bei den Seeleuten war diese Route gefürchtet und es war wie eine Ankunft im Paradies, wenn sie als ersten großen Hafen Valparaíso erreichen.
Im 19. Jahrhundert mit seinem expandierenden Handel zwischen Europa und Amerika erlebte Valparaiíso seine erste große Blüte. Nach der Fertigstellung des Panamakanals kamen die Schiffe nicht mehr, die Valparaíso nur angelaufen hatten, um neuen Proviant an Bord zu nehmen, aber als wichtigster Hafen des aufstrebenden Chiles hatte die Stadt auch weiterhin eine überragende wirtschaftliche Bedeutung. Zudem war sie ein beliebter Badeort, wohin Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die gesamten chilenischen Regierungsbehörden im Sommer für sechs bis acht Wochen aus Santiago umsiedelten.
Auch heute ist Valparaíso noch eine wichtige Hafenstadt. Doch im chilenischen Wirtschaftsmodell – von dem manche Leute immer noch meinen, es sei ein Erfolgsmodell – ist alles flexibel. Wenn im chilenischen Sommer und Herbst Früchte und Gemüse in den europäischen Winter exportiert werden, kommt Valparaíso eine zentrale Rolle als Umschlagplatz für diese Produkte zu, doch außerhalb der Erntezeit spielt sich wenig ab, denn die zweite Phase des chilenischen Modells, die den Aufbau einer exportorientierten Industrie vorsah, hat nie stattgefunden.
So ist Valparaíso – ähnlich wie die auf gleicher Höhe gelegene Hafenstadt Buenos Aires auf der anderen Seite – eine Stadt mit einer großen Vergangenheit und einer krisenhaften Gegenwart. Vielleicht weil viele wirtschaftliche Hoffnungen unerfüllt bleiben, kommt der Kultur und künstlerischen Kreativität in beiden Hafenstädten herausragende Bedeutung zu. Es sind vor allem KünstlerInnen aus Valparaíso, die in dieser ila zu Wort kommen und uns ihren ganz persönlichen und ganz eigenen Blick auf ihre Stadt eröffnen. Ein aus Valparaíso kommender Künstler hat durch sein eigenes Engagement und seine Kontakte diese Ausgabe überhaupt erst möglich gemacht: der in Berlin lebende Schriftsteller Omar Saavedra Santis. Bei ihm möchten wir uns ganz besonders bedanken.
Nun zu einem ganz anderen Thema: in den bundesdeutschen Mainstream-Medien von Bild bis Spiegel lief in den letzten Wochen eine Kampagne gegen den Rechtsanwalt und Fernsehmoderator Michel Friedmann. Mit widerlicher Heuchelei werden angeblicher Drogenkonsum und Besuche bei Prostituierten zum Vorwand genommen, einen der engagiertesten deutschen Publizisten mundtot zu machen. Michel Friedmann, der uns als CDU-Mann sicher in vielen politischen Fragen sehr fern steht, ist der TV-Moderator, der am konsequentesten im deutschen Fernsehen gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus auftritt und dabei die Leute aus seiner eigenen Partei mitnichten schont. Dass er das tut, und vor allem dass er das als deutscher Jude tut, empfinden viele brave Bürger als Ungeheuerlichkeit. Nun wird er von vielen Schreiberlingen und Pseudopopulisten wie Friedrich Merz öffentlich niedergemacht. Dabei präsentiert sich die heuchlerische Bande als Saubermänner, sie erzählen, Friedmann könne nicht mehr im Fernsehen auftreten, weil er seine Vorbildfunktion nicht
mehr erfülle. Als ob sich auch nur einer dieser Schwätzer jemals Michel Friedmann zum Vorbild genommen hätte. Und der rechte Mob versteht die Botschaft: Als am letzten Juni-Wochenende im Kölner Stadtteil Poll Nazis und brave Bürger gegen Flüchtlingsunterkünfte und „kriminelle Roma“ demonstrierten, führten sie nicht nur so „originelle“ Transparente mit sich wie „Lustig ist das Zigeunerleben – aber nicht in Poll“, sondern auch solche, auf denen stand: „Polizeischutz für Poll – nicht nur für Friedmann und Co.“ Die braune Soße ist allgegenwärtig und sie stinkt widerlich.
P.S. Mit der Juli-Ausgabe geht die ila in die Sommerpause. Im August erscheint – wie immer – keine ila, wir melden uns dann Mitte September wieder. Euch und uns schöne Sommertage!
Inhalt
V
A L P A R A I S O Gesichter einer Metropole
4 33 Grad 0' 33” Süd, 71 Grad 38' 33” West
Position eines halbverlorenen Paradieses /von Omar Saavedra Santis
6 Ein warmes Essen und fester Boden
Arbeitsnotizen zu einem unvollendeten Mythos /von Allan Browne Escobar
10 Lebendes Kulturerbe und erstarrter Dampf
Valparaíso und seine Gebäude, Kirchen und Aufzüge /von Juan Cameron
13 Die Erfindung einer Stadt
Ein Gespräch mit dem Dichter Juan Cameron /von Omar Saavedra Santis
16 Valparaíso und die Poesie
Eine erzwungene Nebeneinanderstellung /von Juan Cameron
19 (Un)Sinn und (Un)Form einer Stadt
Gespräch mit Virginia Vizcaíno, Grafikerin aus Valparaíso /von Omar Saavedra Santis
21 Immer mehr Tagelöhner
Chiles Häfen im Sog der Privatisierung /von Björn Seyl
23 Hafenstadt und nebenher Badeort
Ein Bericht über Valparaíso aus dem Jahr 1907 /von Otto Bürger
Berichte & Hintergründe
26 Argentinischer Folterer an Spanien ausgeliefert
Interview mit der argentinisch-mexicanischen Menschenrechtsaktivistin Susanne Ehremberg
/von Gerold Schmidt
29 Aufgelesen: Außer Atem
Zwanzig Tage Politik von Kirchner /von Esther Andradi
30 12 Prozent der Häftlinge erschossen
Bei einem Gefängnismassaker in Honduras starben 69 Menschen /von Erika Harzer
31 Hand in Hand gegen Havanna
Gefährliche Provokation von exilcubanischen Extremisten und US-Militär am 20. Mai
/von Harald Neuber
33 Führende Organisation des Migrationsmanagements
Die IOM ist auch in Lateinamerika aktiv /von Mario Tal
35 Frauen kämpfen für ihr Recht auf Land
Internationaler Workshop „Agrarreform und Gender“ in Cochabamba/Bolivien
/von Ulla Selchow
Kulturszene
38 Argentinischer Fotograf schreckt Hannoveraner Bürger auf
Die Verhüllung der Fackelträgersäule durch Marcelo Brodsky /von Wolfgang Kaleck
40 Buena Memoria
Kunst als Erinnerungsarbeit/von Marcelo Brodsky
41 Regieanweisungen für einen Roman
„Magna Diva. Die Oper der Mörder“ von Omar Saavedra Santis /von Gaby Küppers
42 Wider die Dunkelheit
Interview mit der chilenischen Filmregisseurin Paula Rodríguez /von Ingrid Wenzl
45 Mit wenig viel sagen
Juan Rulfos literarische und fotografische Porträts der sozialen Realität Mexicos
/von Jérôme Cholet
Ländernachrichten/Poonal
47 Mexico, USA, Brasilien, Argentinien, Panama, Uruguay, Peru, Kolumbien, Guatemala
Solidaritätsbewegung
50 Frauen gegen GATS
Internationaler Kongress in Köln /von Maria Mies
52 Demo gegen Folterschiff
Das chilenische Marineschulschiff Esmeralda in Bremerhaven /von Bianca Ludewig
54 Unerwartete Gäste und großer Diskussionsbedarf
Chiapas-Solidaritätstreffen in Bremen /von Peter Clausing
56 Was bewegt Lateinamerika?
Passauer LateinAmerikagespräche 2003 /von Ursula Stieger
57 Der Kampf um den Sozialstaat
Buchbesprechung /von Gernot Wirth
58 Notizen aus der Bewegung, Zeitschriftenschau, Impressum
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