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ila 268 / September 2003   Transnationale Konzerne und Menschenrechte

Transnationale Konzerne und die Menschenrechte 

Editorial  ila 268 / September  2003 

Transnationale Unternehmen und Menschenrechte – damit hat sich die ila ein kniffliges Thema ausgesucht. Welche Menschenrechte sind damit gemeint? Hierzulande verstehen wir meist nur einige politische und bürgerliche Menschenrechte unter diesem Begriff, dann eben, wenn es um politischen Mord, Folter und Verschwindenlassen geht. Dass auch das Recht auf Urlaub in Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben steht, erstaunte denn auch eine ila-Redakteurin. Kurz und gut, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte werden hierzulande immer noch nicht mit der Begrifflichkeit Menschenrechte assoziiert. Überhaupt kam die ila-Redaktion bei der Diskussion des Heftes zur Überzeugung, dass die Menschen in Lateinamerika wohl mittlerweile ein klareres Bewusstsein für Menschenrechte haben als wir. Das rührt vermutlich daher, dass ihnen grundlegende Rechte, die für uns selbstverständlich sind – oder bisher waren –, immer verwehrt wurden. Auch wenn die Achtung der Menschenrechte in den Verfassungen steht.

Für die Wahrung und Garantie der Menschenrechte sind die Staaten verantwortlich, sie sollen dafür auch nicht aus der Pflicht entlassen werden. Klar ist aber auch die Verbindung zwischen Wirtschaftsinteressen und Menschenrechtsverletzungen, und dass das Geschäftsgebaren von Konzernen schwere Menschenrechtsverletzungen wie Mord, Verschwindenlassen und Vertreibungen zur direkten Folge hat oder sie diese zumindest in Kauf nimmt. Dies wird an Beispielen aus Argentinien, Kolumbien und anderen Ländern in diesem Heft deutlich. Individuell verantwortlich für die Verbrechen mögen zwar oft privat angeheuerte Killer sein. Generell steht aber ein ausgeklügeltes staatliches Repressionssystem dahinter, das Gewerkschaften und sonstige Gruppen, die sich für die Wahrung von Grundrechten – und gegen private Wirtschaftsinteressen – einsetzen, in Schach zu halten versucht. Wenn es nicht mit anderen Methoden geht, dann auf die besonders herbe Art, nämlich mittels schwerer Menschenrechtsverletzungen.  Wer sich wehrt und für seine wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte eintritt – zum Beispiel Indígenas, die wegen Erdöl- oder Kohleförderung nicht widerstandslos ihr Land aufgeben –, der wird schnell Opfer von politischem Mord oder Vertreibung. 

Wer kontrolliert die Konzerne? Sind sie überhaupt zu kontrollieren? Wie sieht es mit der so genannten Selbstregulierung der transnationalen Unternehmen aus? Gelingt es, Investitions- und Gewinninteressen auf der einen und Garantie der grundlegenden Menschenrechte der Beschäftigten und der lokalen Bevölkerung auf der anderen Seite zu „harmonisieren“?
 
Die Beiträge des Schwerpunkts dieser ila gehen vor allem diesen Fragen nach. Welche Diskussionsprozesse laufen derzeit und welche Kontrollmechanismen werden entwickelt? Welche Rolle spielt die UN? Wie wirken die freiwilligen Selbstverpflichtungen von Multis, die sogen. Verhaltenskodizes, deren Zahl seit Mitte der 90er Jahre sprunghaft angestiegen ist? Welche Erfahrungen werden mit Gerichtsverfahren in den USA gegen Multis – u.a. Coca Cola – wegen Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika gemacht?

Die transnationalen Unternehmen sind weiter „out of control“, meint die ila. Was nur heißt, dass es not tut, den UN Global Compact, die Draft Universal Human Rights Guidelines for Companies, die OECD-Leitsätze – und wie die Regelwerke alle heißen – sowie die vielen einzelnen Unternehmenskodizes kritisch unter die Lupe zu nehmen und zu überlegen, wie der politische und ggf. wirtschaftliche Druck erzeugt werden kann, damit wenigstens ansatzweise eine Kontrolle der Multis stattfindet und sie ihre „Selbstverpflichtungen“ nicht weiter als Aushängeschild und gar zur Eigenwerbung einsetzen können. Gerade angesichts der Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmen, die sich heute reihenweise mit sozialen und ökologischen Projekten und Vereinbarungen schmücken, ist die kritische Beobachtung der Konzerne und die Unterstützung des Widerstandes der von ihren Maßnahmen Betroffenen, sprich, ihres Kampfes um ihre Menschenrechte angesagt. Gefragt ist also unsere konkrete Solidarität.


Inhalt

 Transnationale Konzerne und die Menschenrechte 


4 Tropfen auf den heißen Stein

Zur sozialen Verantwortung der Privatwirtschaft auf freiwilliger Basis / von Brigitte I. Hamm
  

7 Den Tiger reiten oder nach der Pfeife tanzen?
Zu schwach gegen Überausbeutung: Schmusekurs bei Verhaltenskodizes / von Eduard Fritsch

10 Kein Gegensatz: Empowerment und freiwillige Standards 
Organisierung von Textilarbeiterinnen in Nicaragua / von Ronald Köpke

12 Codes of Conduct sind ein Geschäft
Interview mit Sergio Chávez, Gewerkschafter in El Salvador / von Eduard Fritsch 

14 Prozesse führen statt Demos organisieren?
TNK wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht / von Nina Ascoly

17 Recht auf Gesundheit oder auf Profit? 
Interessen und Praktiken internationaler Pharmakonzerne und ihre Folgen / von Andreas Wulf

20 Ihr könnt bald im Himmel arbeiten
Nestlé verletzt Menschenrechte in Kolumbien / von Stephan Suhner

22 Im Kohle-Kessel
Menschenrechtswidriger Kohleabbau in Kolumbien / von Bettina Reis

24 Fresst doch Plastikfolien
Wer zahlt den Preis für extrem billige Bananen? / von Florian Hundhammer

28 Sie bedeutet den Tod für uns
Interview mit Franco Viteri, Dorfvertreter von Sarayacu, über den Bau der Pipeline in Ecuador / von Knut Henkel

30 Freie Fahrt für Daimler und Co.
Verfolgung von argentinischen Gewerkschaftern während der Diktatur / von Gaby Weber

Berichte & Hintergründe

32 Schwächlinge und Revolutionäre
Eine Reportage aus Caracas / von Hildegard Willer

35 Alles Terroristen
Interview mit Lourdes Ramírez und Armando Monzón von Radio Rebelde, Paraguay / von Britt Weyde

38 Ich bin ein guter Pilot
Interview mit dem honduranischen Kardinal Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga 
/ von Francisco Olaso und Philipp Lichterbeck

41 Aufbruch gegen den Terror des Freihandels
Interview mit José Filadelfo Martinez / von Ina Hilse

43 Der Kampf um die Akten
US-Institutionen und Geheimdienste öffnen ihre Archive zu Chile / von Peter Kornbluh

46 Geld für die Opfer, Straflosigkeit für die Täter
Chiles neueste Politik in Sachen Aufarbeitung der Militärdiktatur / von Björn Seyl

47 Wir akzeptieren die Straffreiheit nicht und werden sie auch in Zukunft nicht akzeptieren
Dokumentation der Hungerstreikerklärung von 13 Kindern von Opfern der Pinochet-Diktatur

Kulturszene

48 Total Banane
Lateinamerika im deutschen Schlager / von Gert Eisenbürger

52 Du verdammter Jude - zurück ins Konzentrationslager 
Antisemitischer Theaterskandal in Rio de Janeiro / von Klaus Hart

53 Geschichte(n) aus dem Nirgendwo
Der argentinische Regisseur Carlos Sorín erzählt „Historias mínimas” / von Rike Bolte

Ländernachrichten/Poonal

54 Guatemala, Brasilien, Venezuela, Argentinien, Costa Rica, Ecuador, Dominik. Republik, Bolivien, Kolumbien, Chile, Uruguay

Solidaritätsbewegung

58 Notizen aus der Bewegung: Out of Poll – Antirassistisches Grenzcamp weggeräumt. Zeitschriftenschau

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