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K r i s e n E N E R G I E
Editorial
ila 272 / Februar 2004
Zweitausenddrei war das Jahr der gigantischen Stromausfälle:
Mitte August gab es Blackouts im Nordosten der USA und in Teilen Kanadas, kurz darauf in London, im September waren Dänemark, Schweden und
Italien dran. In Italien waren zwischen Palermo und Mailand 56 Millionen Menschen einen Sonntag lang ohne Strom. Erklärungsansätze und Schuldzuweisungen machten schnell die Runde: Marode Hochspannungsleitungen in der Schweiz, die böse unberechenbare Natur in Form von Blitz und Donner, die schändliche Abhängigkeit Italiens vom Stromimport, der nur mit Hilfe einer Rückkehr zum Atomstrom beizukommen sei, die überbelasteten Stromnetze aufgrund des erhöhten Verbrauchs im Jahrhundertsommer 2003 usw. Festzuhalten bleibt, dass den MetropolenbewohnerInnen klamm bewusst wurde, wie allein von genügend Energie abhängig ihr – unser – Wohlstandsdasein ist.
Zweitausenddrei war auch das Jahr des Irakkrieges, bei dem der Erdölreichtum des Landes eine nicht
unwesentliche Rolle gespielt hat, wenn auch nicht die einzige. Krisen in der Energieversorgung, Kriege um Energieträger – selten war die Stimmung apokalyptischer, selten wurde deutlicher, wie sehr doch alles mit allem in der globalisierten Welt zusammenhängt und wie komplex dabei die Zusammenhänge und Interessenslagen sind.
In Lateinamerika – wie in allen so genannten Dritte-Welt-Ländern – ist der Segen des Ressourcenreichtums stets auch Fluch gewesen: Zu Zeiten der „Eroberung“ und Kolonisierung waren reichhaltige Gold- und Silbervorkommen Ausgangspunkt einer beispiellosen Ausplünderung, heute sind es u.a. Erdöl- oder Erdgasvorkommen, die Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen und irreparable Umweltschäden nach sich ziehen. In naher Zukunft kommen Verteilungskämpfe, Konflikte, vielleicht auch Kriege um Wasservorkommen und Biodiversität hinzu. Das klingt alles wenig optimistisch. Die Gegenwart gibt auch wenig Anlass dazu. Trotz des heute verfügbaren Wissens um die Begrenztheit der fossilen Energieträger und ihrer schädlichen Umweltwirkungen oder um die tödliche Kapazität des Kamikaze-Energieträgers Atomkraft – ganz zu schweigen von seiner Kollateral-Nutzung für militärische Zwecke – deutet wenig auf ein Umdenken in der Energiepolitik hin. Klimabündnisse, Kyoto-Protokoll, Nachhaltigkeits- und Machbarkeitsstudien füllen Hunderte von Seiten, werden aber oft nur zur Begleitmusik degradiert.
Bei der IWF- und Weltbanktagung in Prag 2000 ging es unter anderem um die Zukunft der weltweiten Öl-Förderung und -Versorgung. Dabei kritisierten Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zahlreiche von der Weltbank finanzierte Projekte wegen ihrer sozialen und ökologischen Folgen. Daraufhin setzte die Weltbank ein Gremium von Wissenschaftlern ein, das zusammen mit Betroffenen, NRO, Regierungen und Industrievertretern Standards und Vorgehensweisen für zukünftige Projekte erarbeiten sollte. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe unter Leitung des ehemaligen indonesischen Umweltministers Emil Salim wurden Ende Januar 2004 in einem Bericht veröffentlicht, dem „Extractive Industry Review“ (EIR). Eine zentrale Forderung dabei ist, von 2008 an keine Kredite mehr für die Ölförderung zu vergeben und die Finanzierung des Kohlebergbaus einzustellen. Ein weiterer Punkt der Studie thematisiert die Notwendigkeit der Zustimmung von vor Ort Betroffenen, bevor ein Projekt zur Ressourcengewinnung gestartet wird.
Gegenwärtig fördern multilaterale Entwicklungsbanken hingegen hauptsächlich konventionelle Energieprojekte. Die wenigen tatsächlich erneuerbaren Energieprojekte sind meist große Staudämme, die aufgrund ihrer verheerenden sozialen und auch ökologischen Auswirkungen nicht unbedingt als nachhaltig bezeichnet werden können.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mochte zu den Forderungen des EIR keine eindeutige und positive Position beziehen. Eine Stellungnahme der Weltbankgruppe zu den Vorschlägen wird Ende April vorliegen.
Gut einen Monat später, vom 1. bis 4. Juni 2004, wird in Bonn dann die „renewables2004 – Internationale Konferenz für Erneuerbare Energien“ stattfinden, für die BMZ und Bundesregierung schon eifrig die Werbetrommel rühren. Dann wird sich zeigen, inwiefern die bisherige Begleitmusik zur Ouvertüre eines neuen Energiezeitalters wird – oder auch nicht.
Inhalt
K r i s e n E N E R G I E
4 Verfluchter Segen
Trägt Erdölförderung in Lateinamerika zur Entwicklung bei? / von Heidi Feld
7 UruguayerInnen überstimmen ihr Parlament
Plebiszit gegen Veräußerung der Erdölraffinerie / von Ernesto Kroch
10 Umweltrechte für alle
Interview mit Ana Elisa Osorio, Ministerin für Umwelt und Naturressourcen in Venezuela
/ von Dario Azzellini
12 Öl im Dschungel
Nachspiel einer journalistischen Recherche / von Andreas Boueke
13 Wer die Ölindustrie kritisiert, bringt sich in Gefahr
Interview mit Sergio Morales, Ombudsmann für Menschenrechte in Guatemala
/ von Andreas Boueke
14 Alles für die Multis
Auch in Kolumbien stehen die Zeichen auf Privatisierung / von Gustavo Rubén Triana
15 Antiökologische Tauschangebote
Lula-Regierung will Siemens-AKW Angra III fertig stellen / von Klaus Hart
18 Wem gehört das Erdgas?
Die Fallstricke der Erdgasvermarktung / von Claudia Zuleta
21 Öl ist dicker als Wasser
Wasserstoff soll zur Energiequelle des neuen Jahrtausends werden / von Nicole Tomasek
22 Den Fußabdruck der Reichen verkleinern
Erneuerbare Energien: eine Frage der Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd
/ von Wolfgang Sachs
24 Unsichtbare Energiequellen
Geschlechterverhältnis und Energie in Mittelamerika / von Leontine van den Hooven
26 Ablasshandel oder marktwirtschaftliche Effizienz?
Der Clean Development Mechanism und die Rolle Lateinamerikas / von Wolfgang Sterk
28 Dichtung und Wahrheit
Erneuerbare Energien: gut genug für uns, zu teuer für die Entwicklungsländer?
/ von Ann-Kathrin Schneider
30 Die graue Macht der Monopole
Diskussionsbeitrag der ila-Redaktion zum Thema Energiewandel in die Zukunft oder in die Vergangenheit
Berichte & Hintergründe
33 Zapatismus und X
Anregungen zum Kampf in der gesellschaftlichen Realität / von Luz Kerkeling
34 Lange Liste gegen lange Leitung
Was haben Frauen von der Basis zehn Jahre nach dem Aufstand der Zapatistas zu sagen?
/ von Martina Messerschmidt
36 Basteln an zapatistischen Welten
Zehn Jahre EZLN-Solidarität in Deutschland / von Luz Kerkeling
38 Das haitianische Drama
Die politische Lage in dem Karibikstaat droht zu eskalieren / von Günter Pohl und Gert Eisenbürger
40 Schuss nach hinten?
Ein umstrittener Bericht zu den Verschwundenen von Mercedes-Benz / von Wolfgang Kaleck
42 Beschämende Haltung
Der Tomuschat-Bericht und das Verhalten von Amnesty International / von Gaby Weber
43 Freiheit oder Wechsel jetzt
Präsidentschaftswahlkampf in El Salvador / von Eduard Fritsch
45 Von Haus zu Haus gehen
Interview mit Santiago Flores und Ricardo Monge zum Wahlkampf der FMLN / von
Inga Kreuzer und Alicia Rivero
46 Armutsbekämpfung, die Armut schafft
Zu den Projekten der „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ in Nicaragua / von
Wolfgang Ecker und Christian Rummel
Kulturszene
49 Renitente Rentner
Interview mit Diego Arsuaga, Regisseur von „El último tren“ / von Britt Weyde
51 La Vida es con Mercedes Sosa
Interview mit der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa / von Knut Henkel
Ländernachrichten/Poonal
53 Mexico, Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, Guatemala, Kolumbien, Paraguay, Brasilien
Solidaritätsbewegung
56 Reality check
Hunderttausend machen aus dem Vierten Weltsozialforum ein Dauerhappening
/ von Gaby Küppers
58 Das Richtige im Falschen
Replik zu „Schwächlinge und Revolutionäre – Eine Reportage aus Caracas“ (ila 268, Sept. 03)
59 Antwort auf Dario Azzellinis Replik / von Hildegard Willer
60 Die hohe Kunst der Bilder
Zum Tod von Burhan Karkutli / von Gert Eisenbürger
61 Notizen aus der Bewegung, Zeitschriftenschau, Impressum
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