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KULTUR &
KRISE
Editorial
ila 274 / April 2004
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Um satt zu werden, müssen wir essen;
um mit unseren kleinen und großen Krisen fertig zu werden, müssen wir Kultur haben. Kunst und Kultur bedeuten schließlich immer die Auseinandersetzung mit Ängsten und Krisen: Lebenskrisen, Beziehungskrisen, Familienkrisen, Identitätskrisen und all jene Krisen, die die politischen und ökonomischen Realitäten immer wieder aufs Neue hervorbringen: Verfolgung, Exil, Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Überforderung, Ausgrenzung. – Uns geht es heute weniger um persönliche Krisen und ihre künstlerische Bewältigung, sondern wir fragen: Wie reflektieren lateinamerikanische KünstlerInnen die wirtschaftliche, politische und soziale Krise in ihren Heimatländern?
Nahezu unglaublich erscheint z. B. die künstlerische Entwicklung in Argentinien nach dem Dezember 2001: Obwohl die FilmemacherInnen, Theaterleute, bildenden KünstlerInnen und AutorInnen von den Folgen des wirtschaftlichen Einbruchs nicht weniger betroffen sind als die große Mehrheit ihrer Landsleute, gab es keinen Zusammenbruch der künstlerischen Produktion, ganz im Gegenteil! Die Kultur boomt: In Argentinien entstehen Filme, die – anders als manchmal früher – im eigenen Land und auf internationalen Festivals gefeiert werden. Es gibt spannende Theaterproduktionen, die die wirtschaftliche und politische Entwicklung auf ganz unterschiedlichen Ebenen reflektieren. Kulturschaffende beteiligen sich aktiv an den verschiedenen Aktivitäten des sozialen und politischen Widerstands. Das Aufbegehren der ArgentinierInnen gegen die Krisenfolgen und die politisch Verantwortlichen bedeutete für die Kulturszene offenbar einen ungeheuren Kreativitätsschub. Umgekehrt profitiert auch die soziale Bewegung vom Engagement der KünstlerInnen. Es entstanden neue Aktionsformen, die über das in Argentinien beliebte Trommelschlagen und die seit Jahrzehnten gleichen Parolen (El Pueblo unido...) hinausgehen, manches vom Kopf auf die Füße stellen und den Beteiligten obendrein Spaß machen.
Die ArgentinierInnen sind natürlich nicht die einzigen, die kreative Antworten auf die Krise suchen und finden (auch wenn bisweilen manche ArgentinierInnen – besonders wenn sie aus der Hauptstadt Buenos Aires kommen – dieser Ansicht sein mögen...). Krisenhafte wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen gibt es vielerorts in Lateinamerika. In Bolivien gab es in den vergangenen Jahren mehrfach Indígena-Aufstände gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik; auf den jüngsten Aufstand im Oktober 2003 antwortete die Regierung zunächst mit massiver Repression, bevor der Präsident schließlich doch das Weite suchte. In Brasilien hat die soziale Gewalt in den Favelas ein solches Ausmaß erreicht, dass viele von einem nicht erklärten Bürgerkrieg sprechen. In Kolumbien ist die blutige Repression von Militärs und Paramilitärs gegen ländliche Gemeinden, deren Land sich rücksichtslose Investoren unter den Nagel reißen möchten, ebenso notorisch wie die Morde an Mitgliedern sozialer und politischer Organisationen. (Unter dem rechtsextremen Präsidenten Alvaro Uribe wird diese Gewalt derzeit weiter verschärft!)
Und noch heute wird von öffentlichen Stellen in Mexico das Gemetzel von Tlatelolco praktisch tabuisiert: Polizei und Militär hatten 1968 Hunderte von Jugendlichen der StudentInnenbewegung ermordet – ein Massaker, das offiziell nie stattgefunden hat... Auf all diese hier kurz skizzierten Krisen suchen zahllose LateinamerikanerInnen nach künstlerischen Antworten. Manche von ihnen sind im Kunstmarketing avanciert und können als professionelle KünstlerInnen bezeichnet werden, aber nicht zu unterschätzen sind die „Amateure“ aus sozialen und politischen Gruppen, die sich beispielsweise in Workshops mit Gewalterfahrungen oder politischen Konflikten auseinander setzen und dabei Theaterszenen oder Ausstellungen entwickeln!
Wie gesagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Wir hoffen natürlich, dass es unter unseren LeserInnen nur ganz wenige Kulturmuffel gibt. Und auch die wollen wir davon überzeugen, dass Kunst kein überflüssiger Luxus ist, sondern der tagtägliche Beleg, dass man an Dinge unterschiedlich herangehen kann, dass man Bilder auf ganz verschiedene Arten zusammensetzen kann und dass es nicht nur die eine Wirklichkeit gibt. Damit ist Kunst eine subversive Infragestellung jeder Art von Politik, die von sich behauptet, alternativlos zu sein.
Inhalt
KULTUR &
KRISE
4 Gegen das Ertrinken, für das Erinnern
Einblicke in das aktuelle Kulturschaffen Argentiniens / von Alicia Rivero
7 Vom Bratwurstbrötchen zum Widerstand
Wie die Kunst sich ausbreitete und in die Stadtteile kam / von Vicente Muleiro
8 Kultur kann nur ein Trostpflaster sein
Anmerkungen zu einer Kultur des Überschwangs / von Beatriz Sarlo
9 Gegen die Flut der Bilder
Interview mit der argentinischen Bühnenautorin, Kritikerin und Schauspielerin Amancay Espíndola
/ von Alicia Rivero
12 Die Nacht der fleißigen Scheren
Bewegung der DokumentarfilmerInnen: Geschichte und Konzepte / von Miguel Mirra
14 Bilder einer Ausstellung
ExArgentina im Kölner Museum Ludwig beschäftigt sich mit künstlerischen Antworten auf die argentinische Krise
/ von Gert Eisenbürger
16 Mehr Theater, als ihnen lieb ist
Wie argentinische AktivistInnen Folterer aufschrecken / von Ludger von Laar
19 Tlatelolco – 30 Jahre danach
Erinnerungstheater an das Massaker an der StudentInnenbewegung in Mexico
/ von Gaby Küppers
22 Vom Boden unter der Telefonzelle
Gespräch mit Mitgliedern des „Zentrums des Theaters der Unterdrückten“ in Rio de Janeiro
(CTO-Rio)
/ von Till Baumann, Gaby Küppers u.a.
27 Wegschauen geht nicht mehr
Wie sich brasilianische Künstler mit der grassierenden Gewalt auseinandersetzen
/ von Klaus Hart
30 Theater in Zeiten des Krieges
Die Angst der kolumbianischen Regierung vor einer lebendigen Kultur / von
Rubén Darío Herrera
31 La sangre por el pueblo
Jugendtheater über die Oktoberkrise in Bolivien / von Katrin Buder
34 Vivo Arte – Überlebenskunst
Interview mit dem Filmemacher Erick Arellana über kulturellen Widerstand in Kolumbien
/ von Jochen Schüller
36 Wir müssen die Träume wach halten
Interview mit dem kolumbianischen Maler José Alberto Jerez / von Bettina Reis und Marina Wieland
Berichte & Hintergründe
39 K.o. in der ersten Runde
Präsidentschaftswahlen in El Salvador / von Eduard Fritsch
41 Versteckte Kamera in Mexico
Aufgezeichnete Korruptionsfälle stellen die linksgemäßigte PRD vor die politische Existenzfrage
/ von Gerold Schmidt
43 Die Hoffnung stirbt zuletzt
Interview mit Luiz Carlos Roman von der Landlosenbewegung MST / von
Till Baumann
44 Globale Krise der braunen Bohne
Kaffeebauern in Guatemala verlieren ihre Einkommensquelle / von Andreas Boueke
46 Rechte für ein weltweites Subproletariat?
Die UN-Konvention zum Schutz der Rechte der WanderarbeiterInnen / von Dirk Vogelskamp
48 Ein südamerikanisches Kuwait?
Separatisten im bolivianischen Tarija / von Gaby Weber
Kulturszene
51 Destruktiv aus blindem Hass, kritiklos aus Solidarität?
Anmerkungen zum Interview „Ein Kulturboykott gegen Cuba ist absurd“ in ila 273
/ von Ute Evers
52 Die Briefe, die nicht ankamen
Der Roman des uruguayischen Autors Mauricio Rosencof über seine Kindheit und den Holocaust
/ von Theo Bruns
53 Zwanzig und Zehn
Gloria Múñoz Ramírez' Bestandsaufnahme anlässlich des doppelten Jubiläums der zapatistischen Bewegung in Mexico
/ von Martin Peth
Ländernachrichten/Poonal
54 Panama, Mexico, Nicaragua, Guatemala, Honduras, Ecuador, Dominik. Republik, Paraguay, Brasilien, Guyana, Argentinien
Solidaritätsbewegung
58 Notizen aus der Bewegung, Zeitschriftenschau, Impressum
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