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Nueva York - Das lateinamerikanische New YorkNueva   York 
Gesichter einer Metropole

Editorial   ila 277 / Juli/August 2004 

 

Wir nennen sie Gringos und sie nennen uns Spics“ erklärt der Vater seiner kleinen Tochter in dem Buch „Als ich noch in Puerto Rico war“ von Esmeralda Santiago. Und auf die anschließende Frage, was Spics sind, erklärt er: „In New York gibt es viele Puertoricaner, und wenn jemand ihnen eine Frage stellt, sagen sie: ‚I don spik inglish' anstatt ‚I don't speak English'.“

Nueva York, das lateinamerikanische New York, ist der Schwerpunkt unserer diesjährigen – der nunmehr zehnten – Städtenummer. Inzwischen ist mindestens jedeR Vierte in New York lateinamerikanischer Abstammung. Latino-Einwanderung gibt es in der Stadt seit hundert Jahren. Doch im letzten Jahrzehnt bekam sie ein neues Gesicht. Anfangs waren es überwiegend CubanerInnen und die BürgerInnen des mit den USA „frei assoziierten Staates“ Puerto Rico, die an den Hudson kamen. Obwohl die PuertoricanerInnen immer noch die größte Gruppe unter den New Yorker Latinos stellen, sind DominikanerInnen, MexicanerInnen, KolumbianerInnen und EcuadorainerInnen ihnen hart auf den Fersen. 

Wo verorten sich EinwanderInnen aus der Karibik und Lateinamerika in New York? Welche ökonomischen Nischen besetzen sie und was ist ihr Anteil an der Medienmetropole der Welt? Wo zeigt sich ihr Einfluss im Alltag, auf den Straßen, beim Essen, in der Sprache, im Fernsehen, in der Musik, der Literatur? Wie weit ist die Weltstadt New York latinisiert?

Die politische und intellektuelle Elite der USA – und da bildet New York keine Ausnahme – geht immer noch von einer weißen, protestantisch geprägten Leitkultur aus. Die AfroamerikanerInnen sind dabei der Bodensatz: die SozialhilfeempfängerInnen, die ledigen Mütter und die Drogendealer. Alle anderen EinwanderInnengruppen konnten bisher, soweit sie sich an die herrschende schwarz-weiß und gut-böse Aufteilung anpassten, Teil des Melting Pots werden. Die erste Generation arbeitete nach diesem Schema bis zum Umfallen in den schlechtesten Jobs, ihre Kinder gehen aufs College und spätestens die Angehörigen der dritten Generation sind gute US-AmerikanerInnen. Die wachsende Migration aus der Karibik und Lateinamerika stellt dieses Schema aber in Frage. Ganz selbstverständlich versucht das Empfängerland die Latinos in schwarz und weiß aufzuteilen. Aber diese wehren sich dagegen. Die Frage, ob die vielen spanischsprachigen (oder auch Kreolisch, Französisch und Englisch sprechenden) MigrantInnen und ihre Kinder Teil der US-Gesellschaft werden oder ob sie die Rolle der DienstleisterInnen beibehalten oder sich sogar eine Latino-Identität als Teil der Leitkultur etabliert, ist noch völlig offen. 

Nueva York hat konkrete Orte: Spanish Harlem oder „El Barrio“ am oberen Ende des Central Park in Manhattan, Quisqueya in Washingthon Heights, das DominikanerInnenviertel ganz hoch oben in Manhattan, dort, wo es schon lange nicht mehr das Manhattan der Wolkenkratzer ist, Loisaida, die Lower East Side, ein eher traditionelles Latino-Viertel, in dem in den letzten zehn Jahren eine massive Vertreibung durch Bodenspekulanten stattgefunden hat, Little Columbia, Little Ecuador, Little Peru rund um Jackson Heights in Queens, das haitianische Viertel an der Flatbush Avenue in Brooklyn. Obwohl inzwischen der überwiegende Teil der Latino-MigrantInnen in der Bronx, in Brooklyn oder in New Jersey wohnen, gelten diese Viertel weiter als Bezugspunkte. Dort gibt es heimisches Essen und alle reden in Spanisch oder Kreolisch, die Geschäfte und Straßenschilder sind auf die Bedürfnisse der Latinos zugeschnitten, dort sind die eigenen sozialen und kulturellen Einrichtungen und Treffpunkte, mit Barrio-Zeitung und Straßenfest inklusive. Aber es sind nicht nur diese Orte, die Nueva York ausmachen. Es sind die überwiegend mexicanischen DemonstrantInnen, die sich allwöchentlich gegen die restriktiven Ausweisungsgesetze und -praktiken nach dem 

11. September versammeln, die nationalen Paraden, allen voran die Puerto Rican Day Parade, die zumindest für einen Tag die Hauptstraßen besetzen, die Musik (in New York wurde die Salsa erfunden), die Literatur und das Theater, in denen Latinos zumindest teilweise Räume erobert haben. Noch sind die allermeisten LateinamerikanerInnen hinter den Dampfschwaden der Küchen versteckt, wie es der Dichter Martín Espada ausdrückt. Aber dort werden sie nicht bleiben.

P.S. Am 19. Juli jährt sich zum 25. Mal der Triumph der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Kaum ein Datum in Lateinamerika in den vergangenen Jahrzehnten hat weltweit mehr Hoffnungen frei gesetzt und mehr Menschen zu einem aktiven politischen Engagement bewogen. Allerdings wurde auch kaum eine Niederlage der Linken weltweit so schmerzlich erlebt wie das Wahldebakel der SandinistInnen im Februar 1990. Für die Mehrheit der Menschen in Nicaragua brachte die Revolution zunächst eine Ära der Hoffnung. Dann polarisierte der von der Reagan-Administration aufgezwungene Contra-Krieg das Land, forderte einen großen Blutzoll und zerstörte mehr als alles andere die Träume vieler Menschen. Die FSLN war nicht in der Lage, die Hoffnung aufrecht zu erhalten. Die Mehrheit der Nicas stimmte für die Rechte, um endlich Ruhe zu haben. Seitdem herrscht in Nicaragua wieder das kapitalistische Elend – heute schlimmer als jemals zuvor.


Inhalt

Nueva  York  Gesichter einer Metropole

4 „I want to be in America“
Geschichte der lateinamerikanischen Einwanderung nach New York / von Silke Hensel

8 Diaspora City
Dazwischen und jenseits: Latinos in New York / von Juan Flores

11 Quisqueya in Washington Heights
DominikanerInnen in New York / von Gesche Weiland

13 Der Traum vom Latin-Lover
Latin Queers in New York / von Laura Held

15 Zwei Millionen ohne Papiere 
Interview mit Joel Magalán, Jesuitenpater und Geschäftsführer von Tepeyac / von Laura Held

18 Bessere Löhne und Papiere!
Interview mit Mónica Santana vom Latinos Workers Center / von Britt Weyde

20 La Prensa
Latino- und karibische Presse in New York / von Abby Scher

21 Der gute Bulle aus Brooklyn
Ein New Yorker Latino auf dem Weg nach Hollywood / von Clara Rodríguez

22 Die Seele des Barrio
40 Jahre Salsa / von Peter Manuel

26 Ein Jamaican-American aus Harlem
Der Sänger und Bürgerrechtler Harry Belafonte / von Michael Elridge

30 Haiti und die West Indies in New York / von Gert Eisenbürger

31 Abtauchen oder anpassen?
Aufgeblättert: Latino-Literatur über das Leben in New York / von Laura Held

35 Der Reverend ist tot
Nachruf auf Pedro Pietri / von Laura Held

36 Puerto Rican Obituary (Auszug) / von Pedro Pietri

36 I Am A Cultural Terrorista
Interview mit dem Theatermacher Luis Chaluisan, der Schauspielerin María Hernández und dem Komponisten David Amram / von Gaby Küppers und Britt Weyde

39 Carlitos Café
Eliana Godoy und Rosario Mariño von „Art for Change” / von Laura Held

Berichte & Hintergründe

42 Repression gegen Aristide-AnhängerInnen
amnesty international erhebt schwere Vorwürfe gegen den Übergangspräsidenten und die „Friedenstruppen“
/ von Harald Neuber

43 Wie damals in Santo Domingo
Proteste gegen Brasiliens Beteiligung an der Haiti-Eingreiftruppe / von Klaus Hart

44 Lachsalven gegen Tränengas
34. OAS-Jahrestagung in Quito stärkt haitianische Putschisten / von Günter Pohl

45 Ausschaltung demokratischer Institutionen
Argentiniens Umschuldungsangebot an seine privaten Gläubiger / von Joachim Becker

47 Tschuldigung und Schwamm drüber?
Guatemala: Die Regierung Berger und die Vergangenheit / von Meike Heckt

50 Auf Kosten der Frauen
Abtreibungsverbote zwingen Millionen Lateinamerikanerinnen in die Illegalität / von Ina Hilse

52 Empfohlen und angekündigt
Die Internationale Konferenz über Erneuerbare Energien in Bonn / von Sven Anemüller

Kulturszene

54 Krieg im Sertão
Brasilianisches Theater bei den Ruhrfestspielen / von Felix Koltermann

56 Größter Songpoet Brasiliens
Zum 60. Geburtstag von Chico Buarque / von Klaus Hart

Ländernachrichten/Poonal

58 Guatemala, Brasilien, Mexico, Puerto Rico, Jamaica, Argentinien, Ecuador, Suriname

Notizen aus der Bewegung

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