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Foto: Luis Cruz

  in Deutschland
 L A T I N O CULTUR
                     

Editorial  ila 286  Juni 2005  

Exotisches Brauchtum mit geringem eigenschöpferischem Anteil“ – so lautet das Urteil des Bundes-
sozialgerichts vom 12. Mai 2005 über die Kunst einer diplomierten japanischen Teemeisterin aus Hannover, die in die Künstlersozialkasse (KSK) aufgenommen werden wollte und mit diesem Urteil abgewiesen wurde.  Diese Geschichte erzählt uns zweierlei. Zum einen, dass in anderen Länder andere Sitten herrschen. Und ein anderes Verständnis von Kunst. Zum anderen zeigt uns die Geschichte, dass in Zeiten steigenden Outsourcings von Kulturschaffenden eine Mitgliedschaft in der einzigen Institution, die auf einem prekären Markt ein wenig Halt verspricht, immer schwieriger – und teurer – wird. Die Zahl der bei der KSK Versicherten stieg in den letzten zehn Jahren auf das Doppelte. Die Beschäftigungsverhältnisse im Kulturbereich werden aber nicht nur für „Freie“ immer härter. Auch in öffentlichen oder öffentlich geförderten Kultureinrichtungen sind unsichere Zeitverträge, Honorar- oder Werkverträge inzwischen üblich. Und öffentliche Mittel fließen immer spärlicher. Kein Wunder, dass dieser Bereich nun immer wieder als Sektor genannt wird, in dem 1-Euro-JobberInnen tätig werden sollen. Denn Kulturprojekte sind dem herrschenden Verständnis nach immer irgendwie „zusätzlich“, eigentlich nicht nötig und konsequent weitergedacht auch nicht viel Geld wert. Schon jetzt gibt es genügend arbeitslose AkademikerInnen, die in der Hoffnung auf einen Einstieg in den Kulturmarkt für neun Monate einen Ein-Euro-Job übernehmen würden. Die Folgen: noch mehr Lohndumping, auch in der Kultur, und noch weniger feste Stellen in diesem Bereich. Ganz zu schweigen von dem Zwangscharakter dieser Maßnahmen. Der Angriff gilt allen und hat weitreichende Folgen. Komisch, dass sich so wenig Protest dagegen regt.

Aber zurück zum Kunstverständnis. An einer Stelle der vorliegenden ila steht kurz und bündig: „Kunst ist das, was für Kunst gehalten wird“. Das klingt pragmatisch und wenig elitär. Doch gibt es auch hier wiederum offizielle, dem herrschenden Diskurs verpflichtete Einschätzungen und inoffizielle. Wir scheren uns nicht um das offizielle Kunstverständnis, sondern porträtieren Kunstschaffende lateinamerikanischer Herkunft in Deutschland unabhängig von (kommerziellem) Erfolg oder offizieller Anerkennung. Uns war vielmehr wichtig, dass diese KünstlerInnen spannende Geschichten zu erzählen haben und sich in unsere Gesellschaft einmischen. Wir wollten den bekannteren und unbekannteren Kunstschaffenden der lateinamerikanischen Diaspora in diesem ila-Schwerpunkt endlich einmal einen gebührenden Raum schaffen. Hoffentlich fern von „ist alles so schön bunt hier“ oder schwärmerischen Exotik-Peinlichkeiten. 
Apropos Exotik: Im Juni soll im Augsburger Tierpark ein afrikanisches Dorf mit Kunsthandwerkern, Korbflechtern und Zöpfchenflechtern entstehen. „Der Augsburger Zoo ist genau der richtige Ort, um die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln“ rechtfertigt Zoodirektorin Janschke das Vorhaben, das an die kolonial-rassistische Praxis der Völkerschauen in deutschen Zoos um die vorletzte Jahrhundertwende anknüpft. Geschmackloser geht's wohl nicht.

Aber genug der Horrorgeschichten. Zeit für Danksagungen: Ohne die tatkräftige Unterstützung aus der lateinamerikanischen community wäre diese Ausgabe nicht zustande gekommen. Ein dickes Dankeschön an dieser Stelle an Esther Andradi, Luis Cruz, María Virginia González Romero, Walter Lingan, Julio Mendívil und die compañer@s von Krisálida.


Inhalt

Latinokultur in Deutschland


4 Kultur wird gemacht
Überlegungen zu lateinamerikanischer Kultur und Kunst in Deutschland / von Julio Mendívil

7 Kompromisse und ein bisschen Kitsch
Interview mit Josué Avalos von La Papa Verde / von Britt Weyde

10 Moderne Tradition
Porträt der Gruppe Alborada / von Walter Lingán

12 Kulturelle Passkontrolle
Der Verein Visiones über Kunst, lesbisches Leben und Migration / von María Virginia González Romero

15 Die starke Stimme aus Oberjesingen
Musik mit Botschaft: Grupo Canela / von Marina Wieland und Alberto Jérez

16 Schreibende Gespenster
Lateinamerikanische Literatur in Deutschland / von Walter Lingán

18 Latino-Literatur im Lande Humboldts
Ein kurzer Streifzug und drei Porträts / von Esther Andradi

22 Die Singer-Maschine / von Patricio Pron

22 Die Zeit und die Peripherie / von Rosa Helena Santos-Ihlau

23 Passeio ao Longo do Reno / von Viviane de Santana Paulo

23 Glanz und Durchsichtigkeit / von Rosa Helena Santos-Ihlau

24 Escenario Latino
Lateinamerikanische Präsenz in der Berliner Theaterwelt; der Regisseur, Choreograph und Schauspieler Jaime Mikan;
der Performancekünstler, Maskenmacher und künstlerische Direktor Edmundo Torres / von Esther Andradi

27 Heimat auf der Bühne
Begegnung von deutschen und kolumbianischen TheatermacherInnen / von Barbara Stützel

29 Ein Künstler hat vor allem frei zu sein
Interview mit dem Fotografen Luis Cruz / von Walter Lingán

31 Die offenen Adern Jenas
Ein kolumbianisch-nicaraguanisch-polnisch- belgisch-deutsches Projekt / von Marina Wieland

33 Kostbarer Flickenteppich 
ExilBilder – ein Buch über lateinamerikanische KünstlerInnen in Europa und Nordamerika / von Laura Held

Berichte & Hintergründe

34 Allende ein Antisemit?
Victor Farías „Enthüllungen“ und die Begeisterung der Nachplapper-Medien / von Petra Schlagenhauf

36 Gefahr für Chile
Wie die chilenische Rechte 1939/40 eine Visa-Affäre inszenierte / von Gert Eisenbürger

37 Massive Proteste und Putschgerüchte
Bolivien zwischen indigener Opposition und Sezessionsbestrebungen / von Willy Hüter

38 Aufbruch in die Provinz
Uruguays Linke gewinnt acht Landtagswahlen / von Ernesto Kroch
 
40 Die Gefangenen des Herrn K.
Repression gegen die Bewegungen in Argentinien / von Alix Arnold

42 Attentat gegen mexikanische Ökobauern
Im Bundesstaat Guerrero kämpfen Campesinos gegen Lokalfürsten und die Justiz / von Gerold Schmidt

43 Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Interview mit Michael Chamberlain und Jorge Hernández vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé aus Chiapas
/ von Luz Kerkeling

Kulturszene

44 Bescheidene Stars
Interview mit Emiliano Brancciari von No te va gustar / von Britt Weyde

46 Die Erfahrung von Verfolgung und Diskriminierung
Zwei neue Bücher über Schwarze in Deutschland / von Gert Eisenbürger

50 Von Träumen und Alpträumen
Neue Bücher aus Kolumbien / von Klaus Jetz

Ländernachrichten/Poonal

51 Chile, Mexiko, Guatemala, Venezuela, Brasilien, Peru, Kolumbien, Argentinien, 
Dominikanische Republik Puerto Rico


Solidaritätsbewegung

55 Notizen aus der Bewegung

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