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Globalisierung und Stadtentwicklung
Editorial ila
288 September 2005
Eine Stadt ist nicht einfach nur ein Ort. Sie hat einen Platz im Raum und in der Zeit, sie hat bestimmte
BewohnerInnen, die sie prägen, sowie eine Geschichte und ein aktuelles Gesicht, in denen sich diese Prägungen zeigen. Die ila versucht seit über zehn Jahren jeweils mit dem Juli/August-Heft lateinamerikanische Städte mit ihrem je eigenen Charakter auch den LeserInnen nahe zu bringen, die noch nicht dort waren. Das haben wir auch in diesem Sommer mit Caracas getan.
Obwohl es wieder um die Stadt und ihren Charakter geht, hat das vorliegende Heft einen gänzlich anderen Blick. Wir fragen nach dem Gemeinsamen, dem immer Gleichen in all der Einzigartigkeit der Städte.
Schon beim Gang durch die Fußgängerzone einer beliebigen Mittelstadt beschleicht einen das unbehagliche Gefühl, dass man das alles kennt, obwohl man da ganz sicher noch nie war. Überall die gleichen Geschäfte, das gleiche Styling der Auslagen, die gleiche Optik der Selbstdarstellung, besser: der Selbstvermarktung.
Was der Beobachterin als spontane Wahrnehmung entgegentritt, hat in der Sozialwissenschaft ebenso wie bei BewegungsaktivistInnen zu vermehrtem Nachdenken geführt. Herausgekommen ist eine neue Art, Städte und urbane Räume zu denken und wahrzunehmen. Die Frage war, ob der oberflächlichen Gleichförmigkeit der Städte auch etwas Gleiches in ihrem Funktionieren entspricht.
Im Zuge der Globalisierung sind neue Reglungsmechanismen entstanden, in denen Städte, oder eher Teile von ihnen, spezielle Aufgaben übernehmen. Neben den Staaten, die immer noch wichtige Rahmenbedingungen der globalen Ökonomie gestalten und verändern, spielen vor allem im Alltagsbetrieb andere Akteure, vor allem internationale Konzerne, eine bedeutende Rolle. Etwa ein Drittel des Welthandels spielt sich innerhalb dieser Konzerne selbst ab, ein weiteres Drittel zwischen ihnen.
Das will organisiert sein. Da ist Kommunikation in nie da gewesenem Umfang erforderlich, in nie gekannter Geschwindigkeit. „Echtzeit“ ist ein wichtiger Begriff, was ich hier veranlasse, muss dort geschehen. Die virtuelle Welt, die extrem leistungsfähigen modernen Rechner, die dazu die Voraussetzung darstellen, sind übrigens, wie so vieles in der modernen Technologie, ein Produkt militärischer Forschung und Anstrengung: Sie wurden in der Sternenkriegsinitiative der USA in den 1980ern projektiert und entwickelt. In diesem Sinne haben sie tatsächlich etwas zur Beseitigung von Grenzen und zur Herausbildung einer einheitlichen Welt beigetragen.
Einer Welt, die dennoch nicht vom Krieg und dem Kampf losgekommen ist. Nur spielt der sich heute nicht nur zwischen Staaten, sondern auch zwischen Unternehmen ab. Sein Muster ist das der ständigen Konkurrenz und wird zunehmend auch dem Alltag der in den Städten lebenden Menschen aufgedrückt. Weltweite Rund-um-die-Uhr-Kommunikation kann nur funktionieren, wenn die in ihr Beschäftigten von den Aufgaben in der konkreten Zeit ihres Lebensbereiches entbunden sind. Der Einkauf von Dienstleistungen statt der Eigenverrichtung von Tätigkeiten ist Funktionsprinzip der neuen weltweit-ortlosen globalen Räume.
Das Heer von Essenslieferanten, Schönheitspflegerinnen, Sicherheitskräften und tausenderlei anderen Billigdienstleistern gehört zu jeder globalen Stadt ebenso dazu wie diejenigen, die es nicht einmal in dieses Heer schaffen, deren Überleben noch weniger gesichert ist, die in Elends-, Drogen- und Gewaltökonomie abgedrängt sind. Der überwältigenden Mehrheit der BewohnerInnen dieses Planet of Slums – wie der Stadtforscher Mike Davis die düstere Zukunftsperspektive zeichnet – fehlt schlicht die Kraft zur Organisierung, sie bleibt marginalisiert oder wird von reaktionären ethnischen oder religiösen Konzepten mobilisiert.
Doch unter den informellen Überlebensökonomien gibt es auch Beispiele für emanzipatorische Ansätze, z.B. bei Müllsammlerkooperativen in Buenos Aires oder Hausbesetzungen in Rio de Janeiro. Kämpfe um Aneignung und für soziale Rechte spielen sich zunehmend in den globalisierten Städten ab. Es kommt nur darauf an sich zu organisieren…
Inhalt
Globalisierung und Stadtentwicklung
Dossier Globalisierung und Stadtentwicklung
2 Global spaces, local places
Zum Verhältnis von Stadtentwicklung und Globalisierung von Markus Wissen
5 So nah und doch so fern
Transformation und Segregation in den Städten Lateinamerikas von Karin Fischer und Christof Parnreiter
8 Integration, Vernetzung, Kontrolle
Sind Santiago de Chile und México D.F. global cities? von Karin Fischer und Christof Parnreiter
10 Höchstens zweite Liga
Buenos Aires in Zeiten neoliberaler Globalisierung von Alicia Rivero
12 Klassenbewusste Einbunkerung
Für jeden was: Geschlossene Viertel in San Salvador von Sonia Baires
14 Die Hölle sind die anderen
Private Stadtviertel im brasilianischen São Carlos
von Maria Angela P.C.S. Bortolucci, Luciana Pelaes Mascaro und Vladimir Benincasa
16 Freiwillig eingesperrt
Privilegiertenghettos als Gesellschaftsmodell von Klaus Hart
19 Aneignung von oben
Polarisierung und Fragmentierung in Santiago de Chile von Karin Fischer und Johannes Jäger
22 Nur die Nerven bewahren
Unsicherheit in Mexiko-Stadt als Alltagserfahrung von Claudia Wondraschke
25 Der Gewalt und Ausbeutung trotzen
Kinder der Straße und arbeitende Kinder in den Städten Lateinamerikas von Dieter Wolfer
28 Eine Stadt für alle
Auf dem Weg zu einer Globalisierung von unten von Katrin Steiner
30 Gefährliche Klassen im Röhrensystem
Perspektiven städtischer Bewegungen, Interviewmit Karl Heinz Roth von Werner Rätz
32 Ein Jahr Selbstverwaltung
Hausbesetzung Chiquinha Gonzaga in Rio de Janeiro von Graziela Kunsch
34 Subnormaler Standard
Neues Buch zu Stadtentwicklung und Favelas von Werner Rätz
Berichte & Hintergründe
4 Der Traum ist aus
Brasilien: Der einstiger Hoffnungsträger Lula könnte über Korruptionsaffäre stürzen
von Gerhard Dilger
6 Militär gegen Bohrturmbesetzungen
EcuadorianerInnen wehren sich gegen Ölmultis von Willy Hüter
7 Die Realpolitik der Linken
Uruguay gibt ausländischen Investitionen Vorrang von Willy Hüter
8 Auf der Suche nach einem Buch
In Chile interessiert sich kaum jemand für die „Enthüllungen“ des Victor Farías
von Till Baumann
9 Billiger Söldner-Export für den Irak
Kolumbianische Ex-Militärs von US-Security-Firmen angeheuert von Bettina Reis
10 Unser Norden ist der Süden
Der venezolanische Satellitensender teleSUR von Dario Azzellini
11 Ein Traum wird Wirklichkeit
Interview mit Aram Aharonian, Generaldirektor von teleSUR von Dario Azzellini
12 Nicht auffallen
Lesebuch über Menschen ohne Papiere von Sigrid Becker-Wirth
12 Eine von vielen
Schicksal einer peruanischen Hausangestellten in Argentinien von Christa Widmaier
Kulturszene
13 Ein Roman als Symbol der argentinischen Krise
„Das Orchester der Amputierten“ von Miguel Vitagliano von Gert Eisenbürger
14 Lyrik in der Kirche der finnischen Seefahrer
Lateinamerikanisches Poesiefestival in Buenos Aires von Rike Bolte
16 Folgenschwere Fehlleistungen in Serie
Brasiliens „Stararchitekt“ Oscar Niemeyer von Klaus Hart
Ländernachrichten/Poonal
18 Paraguay, Mexico, Kolumbien, Nicaragua, Peru, Chile
Solidaritätsbewegung
21 Hier ist Deutschland, leg die Kleidung zurück
Antirassismus zwischen Alltag und Aktion von Britt Weyde
22 Kann Gerechtigkeit heilen?
Internationaler Kongress zum Thema Straflosigkeit von Annette Fingscheidt
23 Notizen aus der Bewegung
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