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Frauenmorde

   Editorial  ila 290 November  2005  

Im Kölner Uniradio hängt einen Liste mit Daten und Ereignissen an der Wand, damit sich die ModeratorInnen der Morgensendungen Ideen für Zwischenmoderationen holen können. Da kann dann z.B. kommentiert werden, dass am gleichen Tag vor 102 Jahren der Dieselmotor erfunden wurde, oder erwähnt werden, welcher UN-Tag gerade ist: z.B. der „Welttag der Meteorologie“, der „Weltnichtrauchertag“, oder der „Internationale Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Letzterer steht demnächst an, nämlich am 25. November – wer hat's gewusst? In Lateinamerika ist dieser Tag durchaus präsent, wie auch allgemein das Bewusstsein über Menschenrechte ausgeprägter ist als hierzulande.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter, angefangen bei mehr oder minder subtiler Verachtung, über offenen Psychoterror hin zu schlagkräftiger Gewalt und sexuellem Missbrauch. Unübertroffen an Grausamkeit sind die Frauenmorde, die an der mexikanischen/US-amerikanischen Grenze, aber auch immer mehr in anderen mexikanischen Regionen und mittelamerikanischen Ländern für Schlagzeilen sorgen. Das in der spanischen Sprache hierfür gebräuchliche Wort feminicidios wird jedoch teilweise für verschiedene Tatbestände verwendet. Der vorliegende Schwerpunkt konzentriert sich nicht auf die zweifelsohne besorgniserregende Zunahme von Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen und die damit steigenden Mordraten (oft von Angehörigen im engen Verwandtschaftskreis verübt), sondern auf die systematischen, sexualisierten Morde an Frauen. Diese Taten weisen mehrere gemeinsame Merkmale auf: Die Aufklärungsquote ist äußerst niedrig, tendiert gegen null; sie finden in einem Umfeld statt, wo Straflosigkeit förmlich zu weiteren Verbrechen auffordert und die Morde somit Ursache und Folge zugleich sind; es gibt überzeugende Hinweise darauf, dass (Polizei-)Beamte in die feminicidios verwickelt sind und dass eine Zusammenarbeit mit der organisierten Kriminalität besteht; schließlich wird dieser Typ von Frauenmorden auch als Kommunikationsmittel benutzt, um Nachrichten an die Außenwelt und an die Konkurrenten im Kampf um Einflussgebiete zu vermitteln. Ein besonders krasses Beispiel hierfür ist ein Vorfall, der sich in Ciudad Juárez ereignete: Als die brasilianische Anthropologin Rita Laura Segato ihre Forschungsergebnisse zu den feminicidios im lokalen Fernsehen vorstellen wollte, fiel genau zu dem Zeitpunkt, als sie für den mutmaßlichen Täterkreis gefährliche Informationen benennen wollte, das Sendesignal für das ganze Stadtgebiet aus.
 
Auch wenn die Täter keine Mühe scheuen, Öffentlichkeit zu verhindern, wird das Thema langsam auch im internationalen Rahmen beachtet. Nachdem im September eine Delegation mexikanischer Bischöfe Rom besucht hatte, sprach sich Papst Benedikt XVI gegen den steigenden Einfluss von Drogenhandel und Korruption in Mexiko aus. Über seinen Kommentar vom 15. September, der bei AFP unter dem Titel „Papst besorgt über Korruption in Mexiko; Benedikt XVI verurteilt Straflosigkeit“ erschien, wurde breit berichtet.
Andererseits wird die organisierte Kriminalität aber auch von katholischer Seite in Schutz genommen: Wenige Tage nach Ratzingers Erklärung erregte der katholische Bischof Ramón Godínez aus Aguascalientes in Mexiko Aufsehen mit seiner Bemerkung, dass Almosen oder Spenden von Drogenhändlern „purifiziert“ (gereinigt) würden, wenn sie mit guter Absicht gegeben worden wären.

Nichtregierungsorganisationen und die mexikanische Kongresskommission unter der Leitung von Marcela LaGarde haben die mexikanische Regierung darauf hingewiesen, dass die feminicidios nicht länger als Phänomen der Grenzstadt Ciudad Juárez bezeichnet werden können. Sie hätten sich längst auf ganz Mexiko ausgedehnt. Öffentlichkeit ist die einzige wirksame Waffe gegen dieses tödliche Geflecht aus Frauenverachtung, Korruption und Straflosigkeit. Dafür soll auch die Rundreise von Marisela Ortíz sorgen, die ab Mitte November den Kampf gegen die feminicidios und ihre Organisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa vorstellen wird. Organisiert wird die Tour vom Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit (München) – an dieser Stelle auch ein dickes gracias an die compañer@s, besonders an Daniel Tapia, für die Mitarbeit an diesem Heft! 

P.S. Wenn befreundete Medienprojekte etwas zu feiern haben, freuen wir uns natürlich auch: Fast zeitgleich mit dieser ila erscheint die 500. Ausgabe der Zeitschrift ak (analyse & kritik). Herzlich Glückwunsch an die GenossInnen in Hamburg! Wir wünschen uns noch viele Ausgaben der ak oder - wie die älteren ilas noch immer zu sagen pflegen – des ak.


Inhalt

Frauenmorde

4 Kein Recht auf Leben
Feminicidio – Staat und Gewalt in Ciudad Juárez von Servando Pineda Jaimes

7 Die Handschrift der Täter
Motive und symbolische Bedeutung der feminicidios von Rita Laura Segato

10 Vorbild Kolumbien
Polizeiliche Vertuschungstaktiken und organisierte Kriminalität in Ciudad Juárez von Diana Washington

13 Trillerpfeifen reichen nicht aus
Die Organisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa von Marisela Ortiz

15 Aussichten auf Veränderungen?
Ein internationaler Pakt gegen Frauenmorde in Guatemala von Ines Rummel

18 Benutzbar, verzichtbar, wegwerfbar
Interview mit Isabel Ascencio vom Instituto de la Mujer, El Salvador von Eduard Fritsch

21 Normalität der Gewalt
Vorgeschichte und aktuelle Parallelen der Frauenmorde in Mittelamerika von Francesca Gargallo

23 Wir wissen noch zu wenig
Interview mit Ramón Custodio, Ombudsmann für Menschenrechte in Honduras von Gaby Küppers

24 Der gute Ruf von Ciudad Juárez
Umgang der mexikanischen Lokalmedien mit den feminicidios von Carlos Arredondo

26 Glaubt ihnen nicht!
Mutter einer ermordeten Niederländerin kämpft um Aufklärung von Gaby Küppers

27 Wenn sie dir nicht zuhören, schrei ganz laut 
Auszug aus einer Radionovela von Angélica Sánchez

30 Unwillige aztekische Gesetze
Feminicidios und mexikanische Popmusik

31 Ni una más!!!
Die Frauenmorde in Ciudad Juárez stoppen. Eine Kampagne des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit 


Berichte & Hintergründe

33 Déjà-vu
Hurrikan Stan in El Salvador von Eduard Fritsch

35 Zwei Prozesse und zwei Geschichten
Zum 25. Jahrestag der FMLN-Gründung in El Salvador von Dagoberto Gutiérrez

37 Tod eines puertoricanischen Revolutionärs
Filiberto Ojeda Ríos nach 15 Jahren Flucht vom FBI erschossen von Hans-Ulrich Dillmann

38 Grüne Wüsten und chlorige Flüsse
Forstplantagen in Uruguay von Beat Schmid

41 Neuanfang verpasst
Brasilien: Parteiführung der PT weiter in rechter Hand von Andreas Behn

42 Jeder Tag hat seinen Tag
Portrait des zehn Monate unschuldig inhaftierten mexikanischen Ökobauern Felipe Arreaga von Gerold Schmidt

43 Frauensolidarität in Kriegsgebieten
Seit neun Jahren besteht das kolumbianische Frauen-Friedensnetzwerk Ruta Pacífica de las Mujeres
von Evelyn Burgmaier

45 Permanente Gewalt gegen die Opposition
Freie Wahlen wird es in Haiti nicht geben von Brian Concannon Jr.

47 Bolivien vor der Explosion
Rechte will Wahlen verschieben, um den Wahlsieg von Evo Morales zu verhindern von Gert Eisenbürger


Kulturszene

48 Eine Fiktion ohne Grenzen
Die „neue“ hispanoamerikanische Erzählkunst – Tendenzen. Teil I von Ute Evers

51 Die Daheimgebliebenen tanzen
Der Film 12 Tangos – Adiós Buenos Aires von Britt Weyde

52 Neue Beulen und neue Platte
Panteón Rococó auf Deutschlandtour von Alexandra Urban


Ländernachrichten/Poonal

53 Chile, Karibik, Argentinien, Nicaragua, Kolumbien


Solidaritätsbewegung

56 Internationalismus heute
Diskussionsbeitrag zur Solidaritätsarbeit

58 Leserbrief

59 Notizen aus der Bewegung, Impressum

60 Für ein Ende der Straflosigkeit Resolution des Kongresses „Gerechtigkeit heilt“

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