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Ereignisaktuell
Lateinamerika in den Medien
Anton-Andreas Guha
(aus Medienbilder/ ila 231)

Wie entsteht das Bild Lateinamerikas in den Medien? Warum bleibt so vieles an der Oberfläche, fehlen Hintergründe, die etwas erklären könnten? Warum gilt als guter Journalismus der, der keine Partei ergreift? Warum finden engagierte KorrespondentInnen oft keine kompetenten AnsprechpartnerInnen in den Redaktionen? Dies sind einige Fragen, die wir im Eingangsartikel unserer Medien-ila ansprechen wollten. Wir freuen uns, dass wir mit Anton-Andreas Guha, langjähriger Redakteur der Frankfurter Rundschau, einen profilierten und erfahrenen Zeitungsjournalisten als Autor für diesen Beitrag gewinnen konnten.

Erkenntnistheoretisch-praktische Bemerkungen: Wenn Aktualität, wie sie der herkömmliche Journalismus versteht, definiert ist als „Aufmerksamkeit, die einem Ereignis auf Grund seiner Neuigkeit bzw. seines unerwarteten Eintre- tens und seiner räumlichen Nähe gegeben wird", dann könnte der weit entfernte Kontinent Lateinamerika nur bedingt Aktualität beanspruchen, diese hinge dann ab von neuen und/oder unerwarteten Ereignissen, auch wenn natürlich nicht zu bestreiten ist, dass Aufmerksamkeit und Interesse einen Gradienten haben, d.h. mit der Entfernung ab- und mit der Nähe zunehmen. Hinzu kommt aber, dass die tägliche Überflutung mit Nachrichten und Informationen – durch die Medien und jenseits von ihnen – zur Übersättigung führt und damit zu einer Abnahme von Aufmerksam- keit. Es stellt sich das Paradox ein, dass Aktualität abnimmt. Vor 100 Jahren hatte einE DurchschnittsbürgerIn täglich etwa 40 bis 60 Informationen von außerhalb seiner/ihrer Lebenswelt aufzunehmen, heute sind es rund 2000. Das zerstört übrigens auch das Kurzzeitgedächtnis, wie jedeR an sich selbst testen könnte, z.B. wenn er/sie die drei wichtigsten innen- und/oder außenpolitischen Ereignisse etwa des Jahres 1996 rekapitulieren sollte.

Da aber Aktualität das entscheidende Selektionskriterium für die Berichterstattung und auch Kommentierung bleibt – Periodika mit Einschränkung ausgenommen – besteht die Gefahr, dass insbesondere die Printmedien das sinkende Interesse der RezipientInnen/LeserInnen an Ist-Zeit bzw. „Ereignisaktualität" zu spüren bekommen (weil sie mit elektronischen Medien immer weniger konkurrieren können). Aufmerksamkeit und Aktualität werden somit immer knappere Güter, die Aufmerksamkeitsschwelle steigt. Sie zu überwinden bereitet immer größere Mühe, etwa durch Zuspitzung der Schlagzeilen oder „Verbesserungen" („Aktualisierung") am Layout.

Eine weitere kurze Überlegung sollte angefügt werden: Erkenntnistheoretisch ist es natürlich unbestritten, dass eine adäquate Darstellung der Realität, geschweige denn der Realitäten, nicht möglich ist. Realitätswahrnehmung durch Individuen ist vielmehr unvermeidlicherweise und quasi automatisch Reduktion von Realität (aus verhaltenspsy- chologisch-anthropologischer Sicht sogar notwendig). Im Falle der Frage „Realitätsvermittlung aus Lateinamerika" liegt die Gefahr unzulässiger Realitätsverkürzung bzw. -reduktion eher in den Redaktionen. Dabei muss nicht das große Problem des Eurozentrismus bemüht werden (auch wenn es immer eine Rolle spielt, eine bewusste oder unbewusste). Selektionskriterien sind neben dem kurz geschilderten Verständnis von Aktualität auch Kenntnisse, Erfahrung, Reflexionsvermögen, Interesse und allgemein Sachkompetenz der über Plazierung und Umfang entschei- denden oder den Artikel redigierenden RedakteurInnen. Kompetenz und Erfahrung entscheiden auch bei Redak- teurInnen über Engagement und damit über Umfang und Art der Berichterstattung über ein Sachgebiet. Gewiss, Sachkompetenz ließe sich bis zu einem gewissen Grad durch autodidaktisches Studium und Fortbildung erwerben, unersetzlich aber bleibt der Augenschein vor Ort, die Erfahrung. Und damit ist es schlecht bestellt. Abgesehen davon, dass die Aus- und Weiterbildung im deutschen Journalismus generell miserabel sind – die Programme, die die Gewerkschaften anbieten, sind begrenzt und unmittelbar eher berufszentriert, die Programme der Zeitungsver- lage nicht der Rede wert – gibt es kaum einen Zeitungsverlag, der junge RedakteurInnen „in die weite Welt" schickt, um Erfahrungen zu sammeln, um das Kolorit eines Landes, seine Fremdheit und Einzigartigkeit auf sich wirken zu lassen, als Impulse für Interesse und Engagement, unersetzlich für den Aufbau von Sachkompetenz (nicht zuletzt durch Erschließung eigener Informationsquellen). JedeR KorrespondentIn bespielsweise – aber nur eine Handvoll deutscher Tageszeitungen leisten sich eigene KorrespondentInnen in Lateinamerika – verliert erheblich an Wirkung, wenn er/sie keinen interessierten und engagierten „Counterpart" in der Redaktion hat. Das gilt faktisch für jede Informationsquelle.

Das problematische Verständnis von Aktualität im Sinne von Tages- oder noch treffender „Ereignisaktualität" und die Reduktion von Realität auf Grund mangelnder Kompetenz führen dazu, dass ein alternatives Aktualitätsver- ständnis nicht entwickelt wird: nämlich „Zustandsaktualtität". Es war Edmund Husserl, der darauf hingewiesen hat, dass die „Lebenswelt" des Menschen konkreter ist als der eher abstrakte Begriff „Realität", weil sie von Zuständen konstituiert und gekennzeichnet wird. Zustände aber sind eo ipso auch aktuell. Auf die Berichterstattung und Kommentierung über Lateinamerika bezogen hieße dies, dass eine „zustandsaktuelle" Kommentierung und Berichterstattung wünschenswert, ja notwendig wären.

Manifestationen von Gewalt jeder Art

Folgerungen: Wenn man diese wenigen erkenntnistheoretischen Ausführungen zu einem Beurteilungskriterium zusammenfügen wollte, so fiele bei Überprüfung der Berichterstattung über Lateinamerika in deutschen Medien auf, dass sie fast ausschließlich auf Ereignisaktualität begrenzt ist. Manifestationen von Gewalt jeder Art – Demonstra- tionen mit blutigem Ausgang, Entführungen, Geiselnahmen, Morde, Staatsstreiche, Gefängnisrevolten, Guerilla- kriege, Grenzkonflikte – finden das Interesse der Medienakteure, von Unglücksfällen und Naturkatastrophen ein- mal abgesehen. El Salvador und Guatemala waren „in", solange in diesen Staaten ein Bürgerkrieg tobte und nahezu täglich über Entführungen, Attentate, Anschläge oder Geiselmorde zu berichten war. Aus diesem Grunde ist das „aktuelle" Kolumbien beliebt, wenngleich mit einer beachtlichen Tradition als Staat von mittelbarer (struktureller) und unmittelbarer Gewalt. Peru fand Interesse in deutschen Medien, solange die Regierung erfolglos gegen die Guerilla des Leuchtenden Pfades kämpfte. Jetzt ist es still geworden, zumal auch der Grenzkonflikt mit Ecuador beigelegt worden ist. Ecuador ist zur Zeit etwas ins Blickfeld gerückt, weil dort ein riesiger Vulkan auszubrechen droht, und Venezuela, weil Hugo Chávez ein ehemaliger Putschist, ein angeblich linker Revoluzzer, ans Ruder gekommen ist.

Im Vergleich zum Ende der 60er und 70er Jahre ist dabei ein erheblicher Qualitätsabfall festzustellen. Die 68er- Revolte hat auf Grund des theoretischen Niveaus ihrer Sozialkritik Gewaltmanifestationen in Lateinamerika einor- dnen können als Manifestationen von strukturell gewalttätigen Gesellschaften und ihrer Eliten (Johan Galtung), wobei nach einem berühmten Wort des brasilianischen Erzbischofs Helder P. Cámara die Guerillagewalt sogar als nur „sekundäre" eingeordnet wurde im Vergleich zur „primären Gewalt" der gesellschaftlichen Strukturen. Diese im übrigen auch sozialpsychologisch und anthropologisch stimmige Bewertung ist heute verloren gegangen, daher werden die Ursachen für Sozialrevolten und Guerillaattacken gar nicht erst mitgeliefert, obwohl auch nach journalistischer Sicht Ereignisaktualität aus Zustandsaktualität hervorgehen müsste.

Darüber hinaus ist nicht weniger bedeutsam, dass mit dieser Qualitätsnivellierung auch die Rolle der Industriestaaten für das Schicksal der Dritten Welt im Allgemeinen und Lateinamerikas im Besonderen aus dem Blickfeld ver- schwunden ist. Die Funktion der transnationalen Unternehmen in Staaten der Dritten Welt wird kaum noch kritisch untersucht. Im Rahmen der unseligen Globalisierungsdebatte hat sich unter der Hand ein bislang noch kaum beach- teter Paradigmenwechsel vollzogen: Die Multis und ihre Rolle gelten nunmehr als segensreich und nicht mehr als Ressourcen ihres „Gastlandes" auf vielfältige Weise ausbeutende Unternehmen, die eine sinnvolle Entwicklung behindern. Hauptsache Investitionen „um jeden Preis", auch wenn diese immer noch Arbeitsplätze vernichten, Entwicklungen fehlstrukturieren und Abhängigkeiten vergrößern.

Die KorrespondentInnen der Nachrichtenagenturen haben sich diesem begrenzten (und defizitären) Interesse, das Realität augenscheinlich bis zur Unbegreifbarkeit reduziert, weitgehend angepasst. Sie liefern kaum noch, oder in verringertem Umfang, Hintergrundberichte zu ereignisaktuellen Manifestationen. Kritische Analysen sind vollends Mangelware.

Da aber die Berichterstattung der Medien über Lateinamerika (das gilt natürlich auch für andere Weltgegenden) weitgehend von den Agenturen abhängt, nicht zuletzt wegen des Problems der Glaubwürdigkeit und Seriosität, ist somit ein erheblicher Qualitätsabfall festzustellen. Als glaubwürdig und seriös gilt im deutschen Journalismus, wer „objektiv" ist, d.h., wer eindeutige Aussagen und Bewertungen vermeidet. Hingegen zeichnete sich „großer" Journalismus immer schon durch parteiergreifende, „einseitige" Bewertungen aus. Zwar stünden genügend Informa- tionsquellen zur Verfügung, komplementäre zu den Agenturen und solche, die auf die lateinamerikanischen Zustän- de eingehen und über sie informieren, doch werden sie kaum genutzt. Das umfangreiche und alles in allem trotz Interessenzentrierung sachkompetente Schrifttum beispielsweise von Nichtregierungsorganisationen (NRO), aber auch von länder- und kontinentbezogenen Gruppen (wie der ila) ist für die allermeisten Medien keine Informationsquelle.

Hinsichtlich der Berichterstattung und Kommentierung zu Lateinamerika ergeben sich nunmehr einige spezifische Konsequenzen:

1. Die Realität eines Landes, geschweige denn eines Kontinents, lässt sich nicht objektiv darstellen, sondern nur selektiv und damit reduziert.

2. Erkenntnisleitendes Interesse sollte daher die Lebenswelt bzw. die Lebenswelten sein (zur Lebenswelt gehören z.B. gesellschaftliche Strukturen wie Hierarchien, Elitenbildung, Elitenverhalten, Eliteninteresse, Rolle der Kirchen und der Medien, demokratische Partizipation und Entscheidungsstrukturen, Arbeitsmarkt- und Wohnungssituation, Ausbildung/Schulsystem, Rolle/Perspektiven für Kinder und Jugendliche, Krankheit/Gesundheit, soziale Systeme, Umwelt, Rolle der Minderheiten, Entwicklungsfortschritte, Abhängigkeiten).

3. Die Kriterien des journalistischen Ethos sind zu berücksichtigen, neben dem „audiatur et altera pars" – „auch die andere Seite anhören" – vor allem „nach bestem Wissen und Gewissen".

4. Wesentliches politisches und die Bewertung bestimmendes Kriterium ist die Lage der Menschenrechte, der allgemeinen wie der sozialen Menschenrechte.

5. Parteinahme in diesem Sinne ist erwünscht und legitim, zumal sie begründet wird.

Das Beispiel Brasilien

Um diese Kriterien auf ein konkretes Beispiel anzuwenden – Brasilien, den größten Staat Lateinamerikas:

Es ist von Interesse, dass die Wirtschaft wächst und die Inflationsrate sinkt, dass hohe Zinsen und bröckelnder Export Sorge bereiten, aber es ist auch von Interesse (oder sollte es sein), dass die bisher noch von jeder Regie- rung zugesagte Landreform nicht voran kommt, dass die Landlosen-Bewegung MST hingehalten, bekämpft und verfolgt wird und die Kirche dieses scharf, aber wirkungslos verurteilt.

Es ist von Interesse, dass der Wirtschaftspakt Mercosur floriert und zunehmend auch für andere Staaten wie Chile oder Venezuela interessant wird, dass die USA in ihm eine lästige Konkurrenz sehen, aber ebenso von Interesse ist (oder sollte es sein), dass Brasilien mit 190 Milliarden US-Dollar der größte Schuldner der Welt ist, was die Eliten des Landes zu verantworten haben, aber vor allem die arme Bevölkerung und den Mittelstand belastet, die diese Schulden auch deswegen bezahlen müssen, weil die reichen Eliten kaum zur Steuer veranlagt werden.

Es ist von Interesse, dass die Regierung Cardoso rund 50 Millionen Hektar Urwald unter Naturschutz gestellt hat und sich um eine nachhaltige Nutzung der „grünen Lungen" der Erde bemüht. Das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Zerstörung des Regenwaldes unaufhaltsam weiter geht, auch durch Brandrodung der Armen, mehr aber noch der Facendeiros.

Das ökonomische Wachstum in Brasilien ist von Interesse, aber nicht minder ist von Interesse die Abhängigkeit der heimischen Industrie von Auslandskapital und -technologie, die unübersehbaren strukturellen Fehlentwicklungen nach den diffusen Interessen der Multis, die letztlich die Souveränität des Staates erheblich mindern. Gleichzeitig aber ist eine weitgehende Interessenidentität der einheimischen Eliten mit dem ausländischen Kapital festzustellen.

Vorbehaltlich der Gefahr des Eurozentrismus sollten die chronischen Menschenrechtsverletzungen von Interesse sein. Hinzuweisen wäre auf die täglichen Morde an Straßenkindern durch bezahlte Killer, auf die Morde, ja zuwe- en Massaker an Landlosen, auf die fortbestehende Eliminierung der Indios und ihrer Kulturen. Der Präsident der Indígenabehörde FUNAI trat denn auch aus Protest gegen die unzulängliche Hilfe der Regierung zurück. Komple- mentär dazu das skandalöse Verhalten der Justiz als Strukturdefekt, das einflussreiche Mörder ungeschoren lässt, gegen Kleinkriminelle oder Landlosen-Führer wie José Rainha Junior aber gnadenlos durchgreift.

Die Bewertung, dass Brasilien ein Staat der – strukturellen – Gewalt ist, würde auch den Blick auf die Verantwor- tung der formaldemokratischen Industriestaaten wie etwa gerade Deutschlands lenken, auf die Rolle der Vereinten Nationen sowie das Verhalten dort der jeweiligen Eliten aus Staaten der Dritten Welt, nicht zuletzt aber auch auf ein erhebliches, aus vordemokratischer Zeit stammendes Defizit des Völkerrechts, das nur Regierungen kennt (auf Grund bestimmter Definitionen), aber keine Völker als Handlungsträger und Völkerrechtssubjekte. Wenn also von Brasilien gesprochen wird, dann sind automatisch die Eliten sowie das von Eliten getragene System und die Regierung gemeint, aber nie das Volk. Das gilt notabene für alle Völker.

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