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Im Jahr 10027

Eine deutsch-ecuadorianische Musikbegegnung
Auf dem Pichincha

von Alejandro Santillán
aus Militär und Demokratie/ ila 236

Die CD zur Reise !!!     

Angefangen hatte alles vor gut einem Jahr: Die Mannheimer Musikgruppe Coleümes reiste zu dem vierwöchigen Kulturaustausch nach Ecuador. Mit Akkordeon, Snare Drum und Sousaphon musizierten Laurent Leroi, Erwin Ditzner und Uli Krug auf Straßen und Dorfplätzen mit ecuadorianischen MusikerInnen. Von Quito aus besuchten sie die indígena-comunidad Chame im Andenhochland, fuhren weiter an die Pazifikküste in die Hafenmetropole Guayaquil und schließlich in den tropischen Regenwald von Esmeraldas. Dort verbrachten sie einige Tage mit den dort lebenden Chachis und Afro-EcuadorianerInnen. Sinn der Reise war es nicht nur, mit den Menschen zu musizieren, sondern mit dem Projekt auf die umweltpolitischen Probleme vor allem im Regenwald von Esmeraldas aufmerksam zu machen. Der in Quito lebende Filmemacher Siegmund Thies drehte mit dem ecuadorianischen Filmer Alejandro Santillan eine Dokumentation über die Erlebnisse der drei Musiker. Der 43-minütige Film „Reise ins Jahr 10 027" erzählt von Musik, menschlichen Begegnungen und vom Widerstand der UreinwohnerInnen gegen die Zerstörung ihres Lebensraums. Im folgenden Beitrag beschreibt Alejandro Santillán den Besuch der deutsch-französischen Musikgruppe in Ecuador.

Meter für Meter, schnaufend wie asthmatische Lokomotiven, bewältigen Uli Krug, Erwin Ditzner und Laurent Leroi die letzten Schritte, wobei sie mühevoll ihre Stiefel in den gefrorenen Sand schlagen. Atemlos lassen sie sich am Rand des riesigen Kraters des Guagua Pichincha zu Boden fallen. Kaum wieder zu Atem gekommen, richten sie sich halb auf und betrachten fasziniert das Panorama. Vor ihnen ziehen sich zwei großartige Gletscher von den Schneebergen herab, bis sie sich am Horizont verlieren. Hinter ihnen stößt eine geheimnisvolle rot-gelbliche Öffnung voll von vulkanischem Rauch und Gas die schwefelhaltigen Seufzer des Vulkans aus und lässt dabei die Erde krampfartig erzittern.

Als das Herz wieder langsamer schlägt und die dünne Höhenluft endlich durch die Lungen dringt, fragt sich Uli Krug, welcher Wahnsinn ihn mit seinem riesigen Sousaphon (Bass-Tuba – die Red.) hierher getrieben hat. Auf eine Höhe von 4800 Metern über dem Meeresspiegel, sehr nahe der Äquatorlinie, an den Krater eines der sechzig aktiven Vulkane Ecuadors. Hinter einem Felsen vor dem Wind geschützt, ihr Akkordeon und die Trommel in den Händen, fragen sich Erwin und Laurent dasselbe.

Doch in Wirklichkeit ist dieses Abenteuer, das sie nach Ecuador geführt hat, noch wesentlich irrwitziger als das Konzert auf einem zum Ausbruch bereiten Vulkan. Die zwei deutschen Musiker und der französische Akkordeonspieler kamen in diese südamerikanische Republik in der mathematischen Mitte des Planeten, nicht nur mit dem Vorsatz, ihre großartige Landschaft zu bewundern, sondern um den Rhythmus, die Freude und die Ängste der Menschen auf der Straße zu spüren, für ein „take it to the streets of Ecuador". Und natürlich auch, um sich von den Leuten auf der Straße inspirieren zu lassen, in einem Land mit vier unterschiedlichen Volksgruppen, zwölf Sprachen und vierzehn verschiedenen Indígena-Nationalitäten, jedoch mit einer einzigen Sprache fern jeder Logik: der Musik.

Der Augenblick, als die Coleümes auf einem der Plätze Quitos ihre Instrumente auspackten, war spannend. Bereits mit den Lippen am Mundstück seines Sousaphons rückte Uli sich die Brille zurecht und lächelte nervös den Schuhputzkindern zu, die von seiner riesigen Statur sehr überrascht waren. Erwin prüfte den Gurt seiner Trommel und warf einen Blick auf die Neugierigen, bis Laurent, sich den Schweiß abwischend, die Halterung seines Akkordeons löste und zu spielen begann. Auch ich drehte meinen Kopf, um ihnen zuzusehen. Die Töne hallten von den melancholischen Ziegeldächern wider und kamen zurück auf die inzwischen mit Menschen angefüllte Straße. Sie verwandelten die Erwartung in Lächeln und das Misstrauen in fröhliches Händeklatschen, das die Klänge der Trommel begleitete. Die Darbietung endete mit donnerndem Beifall. Die Coleümes lachten dem Publikum bewegt zu.

Ecuador ist durch die Andenkette in vier geografische Regionen unterteilt. Die Küstenregion, das Hochland, den Amazonaswald und die berühmten Galápagos Inseln. Jede Region ist geprägt von einer starken kulturellen Eigenart. Die Küste, zu der die Coleümes hinabstiegen, wobei sie noch die Ausläufer des Tropenwaldes und der riesigen Plantagen mit Exportprodukten durchquerten – Ecuador ist das weltgrößte Anbauland für Bananen –, war traditionell die Agrarregion Ecuadors und die wirtschaftliche Achse des Landes. Eine Region, deren Bevölkerungszahl sich durch die ansteigende Zuwanderung von Bauern ohne eigenes Land mit rasender Geschwindigkeit vergrößert, parallel zum Anstieg der Nachfrage auf dem Weltmarkt.

Im Rincón de los Artistas

Uli Krug hat mir erzählt, dass er immer davon träumte, in Guayaquil Bolero zu tanzen. Jetzt lag die Stadt vor uns wie eine riesige Echse, ausgestreckt auf den Mangrovensümpfen des wasserreichen Flusses Guayas. In der Vergangenheit war sie die wichtigste Werft des spanischen Imperiums im Pazifischen Ozean. Heute ist sie die größte Stadt und der Haupthafen des Landes. Eine chaotische Großstadt aus Beton und Schilfrohr, die zweifellos die Exotik der tropischen Häfen und die warme Ungezwungenheit ihrer Menschen bewahrt hat. Diese Wärme und Ungezwungenheit waren der Schlüssel für ein intensives und spontanes Zusammentreffen, das mit gemeinsamen Darbietungen der Coleümes und dem Trio Las Experiencias aus Guayaquil auf der Straße begann und sich in der Nacht im „Rincón de los Artistas" fortsetzte.

„Buenas noches tristeza...,
qué tal..., cómo te va...
ven y siéntate a mi mesa...,
que te quiero emborrachar..."

Guten Abend, Traurigkeit..., wie geht´s...,
 komm her und setz’ dich zu mir an den Tisch, 
denn ich möchte dich betrunken machen...

So hieß es in dem Lied, das die Coleümes im Rincón de los Artistas aus vollem Halse sangen, Arm in Arm mit den betagten Mitgliedern des Trios Las Experiencias und Elias Vera, dem bekannten Musiker aus Guayaquil. Der Rincón ist ein Musikertreffpunkt, „ein Ort voller Musik, der von seiner Tradition lebt. Ein Platz, an dem die Alten ihre Zukunft in den jungen Sängern sehen." So beschrieb es uns Laurent, den es etwas störte, dass wir diese herzliche Intimität mit Kamera und Mikrophon beobachteten.

Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist dieser Ort eine Art Heiligtum der Musik und der Bohème, durch den schon viele bekannte MusikerInnen und SängerInnen Lateinamerikas gegangen sind. Er war die Wiege von Julio Jaramillo, besser bekannt als JJ, das Idol des lateinamerikanischen Liedes in den fünfziger Jahren, nach dem Tod von Carlos Gardel.

„Der Pasillo ist eine Musik, die aus Emotionen entsteht, aus den schwermütigen Gefühlen, die die Menschen bewegen...", beantwortete Uli eine unserer Fragen. Und wirklich, versteckt hinter Metaphern über die Liebe und die Frauen, dringt durch den Pasillo der Schmerz, mit dem der Zuwanderer seine Entwurzelung empfindet, die Unzufriedenheit mit dem Leben als verarmter Mestize, der weder die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hat, noch von der vornehmen Gesellschaft anerkannt wird. Vielleicht sind dies die Gründe für die enorme Popularität des Pasillo auf diesem Fleck des Kontinents. „Alte Musiker und alte Musik", schloss Erwin Ditzner und stieß ein letztes Mal mit dem Trio Las Experiencias an, während draußen schon ein leichter rötlicher Schimmer die tropische Morgendämmerung einzufärben begann. „Es war eine große Ehre für mich, dass mir so ehrenhafte Herren den Pasillo präsentiert haben. Sie haben nicht wie die Jungen das Problem, demonstrieren zu wollen, was sie können, es geht ihnen einfach nur darum, sich auszudrücken."

Eine andere Welt

Nun reisten wir einer Begegnung mit den Grenzen der „Westlichen Zivilisation" entgegen, zu den besitzlosesten BewohnerInnen dieser Nation: den Indígenas der Anden und den Chachis und Afro-EcuadorianerInnen des Tropenwaldes. Die Unabhängigkeit von Spanien bedeutete nicht die wirkliche Unabhängigkeit des Landes. Am wenigsten die Freiheit der Indígenas, die weiterhin unterdrückt werden.

In den Bergen, in einer Höhe von mehr als dreitausend Metern, leben die Gemeindemitglieder von Chame. Auf vulkanischem Boden bearbeiten sie kleine Parzellen, die sie nach langem Kampf von den reichen GroßgrundbesitzerInnen zurückbekommen haben. Hier teilt die Gemeinschaft Arbeit und Armut, vor allem aber auch eine andere Auffassung von Leben und Universum. In diese fremde Welt kamen die Coleümes, gerade als man sich vorbereitete, das Erntefest zu feiern und die Ankunft des neuen Jahres, nach ihrem Kalender das Jahr 10 027 des zehnten Zeitabschnittes Pachakutik. Ein heiliger Ritus, der die formale Feierlichkeit der westlichen Liturgie völlig außer acht lässt, vielmehr werden diese Feiern mit einer immensen Fröhlichkeit begangen.

In diese Fröhlichkeit fügte sich die Musik der Coleümes ein. Die dünne Höhenluft ließ die drei ziemlich atemlos zurück, nachdem sie gemeinsam mit der banda del pueblo gespielt hatten, und nach den Tänzen mit ihren kurzen und eleganten Schritten, zu denen die Indígenafrauen sie mit diskreter Höflichkeit aufgefordert hatten. Bewegt bekannte Uli, dass er dieses Fest immer in seinem Gedächnis bewahren würde. „Manchmal war es wichtiger als die Musik, zu sehen, dass die Menschen trotz ihrer Armut noch Lust zu feiern haben, mit uns Musik zu machen und uns nicht ausrauben oder uns die Instrumente wegnehmen", wie von einigen Leuten immer wieder behauptet wird.

Durchgerüttelt auf der schlammigen Straße in Richtung Borbón, der „Holzhauptstadt" von Ecuador, sahen wir einen langen, noch mächtigeren Strom als den Río Santiago. Einen Strom von riesigen, mit edlem Holz beladenen Lastwagen, der zwischen den Exporthäfen und den Städten im Landesinneren floss, vorbei an den ärmlichen Hütten und ausgestorbenen Fincas der SiedlerInnen. Seit dem vergangenen Jahrhundert ist der Wald von Esmeraldas auf fatale Weise mit der Nachfrage des Weltmarktes verbunden. Zuerst das Gold, später Kautschuk für die wachsende Fahrrad- und Autoindustrie; dann die Palmen und Balserholzstämme, um die alliierten Truppen während des zweiten Weltkrieges zu beliefern. Heute sind es Holz, Bananen, die afrikanische Palme und Garnelen, die nach Nordamerika, Europa und Japan exportiert werden. Sowohl der Wald als auch die alten Eingeborenenkulturen werden zerstört. In dieser Nacht schrieb Uli in sein Tagebuch einen Satz, den er mir am nächsten Tag erschüttert vorlas: „Es ist ein Stück Paradies. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie diese wertvollen Hölzer für den Export abgeschlagen werden. Wenn ich sehe, wie arm die Menschen hier im Wald sind und dass sie gezwungen sind, den Wald für diese verfluchten Holzgesellschaften zu vernichten, nur weil ihnen keine andere Möglichkeit bleibt. Denn wenn sie es nicht tun, müssen sie verhungern."


Die CD zur Reise

Als Ergebnis des Ecuador-Projektes haben die Coleümes die CD „Visión" veröffentlicht. Sie ist eine Gemein- schaftsproduktion mit der in Quito lebenden Saxophonistin Astrid Pape und ecuadorianischen Musikern, die die Coleümes während ihrer Reise kennen gelernt hatten: im Regenwald von Esmeraldas den 70jährigen Marimba- Meister Papa Roncón und in der Hafenmetropole Guayaquil das Trio Las Experiencias und den Sänger und Gitarristen Elias Vera. Herausgekommen ist ein musikalischer Crossover, in dem die deutsch-französischen Coleümes und die ecuadorianischen MusikerInnen in einen spannenden Dialog getreten sind: Musette, Jazz, Bolero sowie afroamerkianischer Chorgesang und Percussion von der Pazifikküste. Daraus wurde keine steril-exotische Ethnomusik zusammengemischt, sondern die MusikerInnen präsentieren ihre individuellen Ansätze und Stile und lassen sich auf die jeweils anderen ein. Echte Kommunikation von Leuten aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die verbal so unendlich schwer herzustellen ist, funktioniert hier scheinbar spielerisch und beim Hören merkt man, dass da unheimlich viel Spaß bei der Sache ist. Entsprechend vielfältig sind die Stücke auf der CD: Melancholisch -rhythmische Boleros wechseln sich mit fröhlich-tanzbaren Liedern, zwei traditionellen Stücken für Percussion und Frauenstimmen und erfrischend-avancierten Instrumentalimprovisationen ab. Letztere, besonders die Zusammenspiele von Akkordeon und Marimba und von Akkordeon und Blechbläsern, haben mich besonders begeistert.

Im September 2000 werden einige der ecuadorianischen MusikerInnen zu einer zweiwöchigen Tournee mit den Coleümes nach Deutschland kommen. Damit gibt es – zumindestens in einigen Städten – die Möglichkeit diese spannende Musik live zu erleben.

CD-Bestellungen und Infos zur Tournee mit den ecuadorianischen MusikerInnen Tel. 0261/291714
oder im Internet: www.coleumes.de.

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