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Fahrräder und Kamele
Der Transport ist eines der größten Probleme Havannas
von Heike Dickhut und Cornelia Heydenreich
aus Havanna - Gesichter einer Metropole / ila 237

Seit dem Beginn der "Período especial" Anfang der 90er Jahre hat sich der Straßenverkehr in Havanna stark verändert. Es verkehren weniger Busse und Pkws, dafür hat das Fahrrad erheblich an Bedeutung gewonnen. Das liegt nicht etwa daran, dass die CubanerInnen leidenschaftlich gerne Fahrrad fahren würden oder ein ausgeprägtes ökologischen Bewusstsein entwickelt hätten, sondern es ist eine notwendige Reaktion auf die veränderte wirtschaftliche Situation des Landes. Durch den Wegfall der preisgünstigen Öllieferungen aus der ehemaligen Sowjetunion konnte Cuba seinen Kraftstoffbedarf nicht mehr decken. Benzin wurde stark rationiert. Außerdem fehlten plötzlich die Ersatzteile für die vormals aus Osteuropa importierten Fahrzeuge. Anfang der neunziger Jahre waren kaum fahrende Autos in den Straßen Havannas zu sehen. Auch ein Großteil der Buslinien wurde gestrichen. Die vorher etwa 10 000 Busfahrten am Tag wurden auf gerade mal 1000 Touren reduziert. Um die Auswirkungen des Brennstoffmangels etwas aufzufangen, importierte Cuba einige hunderttausend Fahrräder aus China.

In den letzten Jahren hat sich die Verkehrssituation in Havanna im Vergleich zum Beginn der Período especíal wieder etwas verbessert. Dennoch ist nach der wichtigen Frage des Essens der Transport weiterhin das zweitwichtigste Gesprächsthema in Havanna. Während eines viermonatigen Aufenthalts in Havanna über das ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika) der Carl-Duisberg-Gesellschaft wurden auch wir nachdrücklich mit der schwierigen Transportsituation konfrontiert. Das brachte uns manches Mal fast an den Rand der Verzweiflung, denn wir lernten erst mit der Zeit, dass es in Cuba immer für alles irgendeine Lösung gibt. So wurde auch für uns das Fahrrad bald zu einem unentbehrlichen Begleiter.

Radfahren in Cuba ist allerdings nicht unkompliziert. Schon die Suche nach einem geeigneten Drahtesel gestaltet sich schwierig. Fahrradläden gibt es nicht. CubanerInnen haben teilweise die Möglichkeit, über ihre Arbeit ein Fahrrad zu bekommen. Und in manchen Schulen gibt es eine Art Werkunterricht, in dem Fahrräder aus Einzelteilen selbst zusammengebaut werden. Denn während zu Beginn der 90er Jahre die Fahrräder komplett aus China importiert wurden, beschränkte man sich später darauf, Einzelteile einzukaufen und die Montage selber zu übernehmen. Dieser Methode könnte man sich natürlich auch bedienen und ein Fahrrad zusammenbasteln. Aber mit Sicherheit ist irgend ein Teil gerade nicht erhältlich. Besonders Mäntel sind nur schwer zu bekommen, so dass es dafür extra eine Libreta gibt, eine Art Lebensmittelkarte für Fahrräder. Aber wie auch bei den anderen Produkten ist die Existenz dieses Heftchen noch keine Garantie dafür, dass der gewünschte Mantel gerade vorrätig ist.

Wendet man sich an Freunde oder Bekannte, kennen sie vielleicht jemanden, der ein Fahrrad gegen Dollars verkaufen möchte. Aber es kann dauern, bis man auf diese Weise ein Fahrrad bekommt. Bleibt der Fahrrad-Schwarzmarkt, z.B. in Centro Habana hinter dem Mercado único, einem Bauernmarkt. Dort stehen Männer mit ihren Rädern, sich unterhaltend, als ob sie auf etwas warteten. Oft sind die Räder nicht im besten Zustand, und man muss sich nach längeren Preisverhandlungen mit dem kleinsten Übel zufrieden geben.

Die Freude über das hart erworbene Fahrrad währt meist nicht lange, und der erste Platte meldet sich mit einem lauten Tschhhh an. Da geht die Suche schon wieder los: jetzt nach einer Ponchera, wo der Schlauch geflickt werden kann. Eigene Werkzeuge für Radreparatur besitzt in Cuba kaum jemand. Bei der hohen Pannenwahrscheinlichkeit dauert es nicht lange, bis man seinen Stamm-Ponchero gefunden hat. Wenn er dann schon statt einem Peso einen Beso (Kuss – die Red.) als Bezahlung verlangt oder gar mit einem Heiratsantrag ankommt, wird es aber vielleicht doch zu intim. Schwieriger ist die Situation, wenn bei einer Panne erst noch Ersatzteile besorgt werden müssen. Aber auch da weiß jeder Ponchero einen Rat: Du musst nach Vedado fahren, hinter der Eisenbrücke gibt es die Ersatzteile. Und wenn der entsprechende Händler ausgerechnet an diesem Tag mal nicht dort steht, wird auf die eigene Kreativität zurückgegriffen.

Mit dem wieder fahrtüchtigen Rad endlich am Zielort angekommen, steht man vor dem nächsten Problem: Wo lasse ich mein Rad? Denn abgesehen davon, dass es keine Schlösser gibt, ist es einfach nicht üblich, das Fahrrad irgendwo abzustellen und anzuschließen, da dann nur noch das Schloss als einziger Bestandteil des Rades übrigbleibt. Fahrräder sind einfach zu wertvoll. Am einfachsten ist es noch, wenn man Freunde besucht. Das Fahrrad wird mit in die Wohnung genommen. Obwohl gerade die Chinaräder ein enormes Gewicht haben, die Türen und Aufgänge oft eng sind und in den Hochhäusern nicht selten der Aufzug kaputt ist. Ins Kino, Theater oder Ballett kann man das Fahrrad ohnehin nur schlecht mitnehmen. Dafür gibt es bewachte Fahrradparkplätze, und für einen Peso ist das Fahrrad für die nächsten Stunden sicher untergebracht. Man muss nur wissen, wo der nächste Parqueo ist, aber in der Nähe von Dollarshops und Bauernmärkten findet sich immer einer, ebenso an einigen Stellen im Zentrum. Während des Filmfestivals wurden sogar schnell ein paar Privathäuser in der Nähe von Kinos zu Parqueos umfunktioniert.

Im Prinzip ist Radfahren nicht besonders gefährlich. Zwar haben die RadfahrerInnen nicht wirklich Rechte auf der Straße und der Fahrstil der AutofahrerInnen ist rasant. Aber da die meisten Autos in Havanna einfach nicht zu überhören sind, wird man rechtzeitig gewarnt. Problematischer wird es allerdings, wenn man in der Nacht von einem der berüchtigten Stromausfälle überrascht wird. Das kommt in Havanna zwar immer seltener vor, aber ohne Licht am Fahrrad ist es dann wirklich stockfinster. Und wenn man nicht jedes der vielen Schlaglöcher kennt oder eine Mülltonne im Weg steht, dann kann der nächtliche Ausflug ziemlich unsanft enden. Die CubanerInnen sagen immer, es sei gefährlich, als Frau nachts alleine mit dem Rad zu fahren. Und es soll auch schon Zeiten gegeben haben – Mitte der 90er Jahre – wo man wegen eines Fahrrads umgebracht wurde.

Aber es gibt auch positive Errungenschaften zu berichten, denn in Havanna wurde einiges für die Fahrräder getan. So gibt es extra einen Bus für Fahrräder, mit dem man den Tunnel unter der Hafeneinfahrt passieren kann. Und es wurden sogar Fahrradwege auf den Hauptstraßen der Stadt eingeführt, u.a. am Malecón.

Motorisierter Verkehr

Wenn man kein Rad besitzt oder es doch einmal länger kaputt und das Ersatzteil nirgendwo aufzutreiben ist oder ein tropischer Regen über die Stadt stürzt, kann man die Guaguas nehmen, die normalen Busse. Spätestens bei diesem Wort outet frau sich als Ausländerin, denn kaum jemand kann es so aussprechen, dass den CubanerInnen nicht ein Lächeln über die Lippen huscht. Auf bestimmte Regeln ist auch beim Busfahren zu achten. Wer an die Bushaltestelle kommt, muss sich erst darüber informieren, wer der letzte in der Warteschlange ist. ¿Quién es el último? Die Schwierigkeit besteht darin, die Schlange erst einmal als solche auszumachen. Denn alle sitzen oder stehen verstreut umher, doch wenn der Bus kommt, rennen alle zunächst chaotisch auf die Türen zu. Und dann kann es auch vorkommen, dass der Letzte, nach dem man sich orientiert hat, mit einer anderen Linie weggefahren ist. Wer dann nicht auch nach dem Vorletzten gefragt hat oder besser noch nach der entsprechenden Busnummer, weiß sich in die Schlange nicht mehr einzuordnen. Im Grunde ein eigenes Ritual, das als AusländerIn schwer zu verstehen ist.

Auf einen Fahrplan braucht man nicht zu hoffen. Oft dauert es bis zu einer halben Stunde, bis der Bus kommt, und dann fährt er möglicherweise wegen Überfüllung gleich durch. Hat man doch Glück und kann einsteigen, hat man kaum Luft zum Atmen, geschweige denn Platz, sich zu bewegen. Nicht zufällig wird behauptet, dass die meisten Beziehungen in Cuba im Bus beginnen.

Eine besondere Variante von Bussen sind die großen Camellos (Kamele), die Mitte der 90er Jahre eingeführt wurden. Die Konstruktion dieser Gefährte ist beeindruckend: vorn befindet sich eine Zugmaschine ähnlich wie bei einem Lkw, und daran ist auf einem Tieflader eine Buskonstruktion angekoppelt. Die Camellos verkehren auf den Hauptstraßen und führen im Stadtzentrum zu einem Netz zusammen, während die kleineren Busse als Zubringer dienen. Die eigene Bauweise der Camellos erfordert eine besondere Ein- und Aussteigetechnik. Nur in der Mitte darf eingestiegen werden. Hier ist direkt der Fahrpreis in Höhe von 20 Centavos zu entrichten. Von dort aus arbeitet man sich nach vorne oder nach hinten zum Aussteigen durch – bei der ständigen Überfüllung eine wirkliche Herausforderung.

Wem das Busfahren zu anstrengend ist, der kann auch ein Taxi nehmen. Auch da gibt es wieder cubanische Besonderheiten. Zum einen fahren die sogenannten Máquinas durch Havanna. Oft haben sie eine ganz bestimmte Route von einem Ende der Stadt zum anderen. Schon vor dem Einsteigen sollte man mit dem Fahrer vereinbaren, dass man nur zehn Pesos bezahlt. Dieser einheitlich festgelegte Preis ist unabhängig von der zurückgelegten Distanz, aber AusländerInnen wird gerne mehr Geld abgeknöpft. Wenn das Finanzielle geklärt ist, kann man sich auf eine Fahrt in einer der riesigen alten Amikutschen aus den 40er und 50er Jahren freuen, die anderswo nur noch in Museen zu begutachten sind. Doch diese Schlitten sind oft nicht mehr im besten Zustand, und es grenzt schon fast an ein Wunder, dass sie überhaupt noch fahren. Sie klappern überall, mal fehlt eine Scheibe, ein andermal kann nur über die rechte Tür eingestiegen werden. Aber die besten Automechaniker der Welt, wie die Cubaner sich selber gern bezeichnen, bekommen auch noch Autos flott, bei denen der deutsche TÜV Alpträume bekommen würde.

Schwierigkeiten bereitet den CubanerInnen dagegen eher die Polizei, die streng darauf achtet, dass nur TaxifahrerInnen mit einer entsprechenden Lizenz AusländerInnen befördern dürfen. Illegale TaxifahrerInnen müssen mit saftigen Bußgeldern rechnen. Wieviel der Staat allerdings davon sieht, wenn PolizistInnen Geldstrafen kassieren, ist eine andere Frage. Mit der Período especial hat auch bei der Polizei die Korruption zugenommen. Aber eigentlich wurden die Gesetze geschaffen, weil der Staat mit dem Tourismus Geld verdienen und außerdem den Privatsektor kontrollieren möchte. Für die TouristInnen gibt es deshalb die offiziellen Touristentaxis: Moderne Autos mit Taxometer, wo in Dollars bezahlt werden muss.

Insgesamt ist es sehr spannend, wie sich die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen auf das alltägliche Leben auswirken. Jedes Verkehrsmittel hat so seine Tücken, und man findet mit Sicherheit immer einen Grund, um das Zuspätkommen zu einem Treffen zu begründen.

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