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Kommt er ...    ... oder geht er?
Demokratischer Übergang oder weiter mit Fujimori?
von Alfredo Quintilla
aus „Öl" /ila 240

Die Skandale, die seit August Peru erschüttert haben, endeten mit der überraschenden Ankündigung von Präsident Fujimori, die Macht abgeben zu wollen. Aber der Weg von der Diktatur zur Demokratie – wenn es einen solchen überhaupt geben wird – ist gespickt mit Unsicherheiten. Die anfängliche Jubelstimmung hat sich demgemäß in eine abwartende Haltung von gedämpftem Optimismus gewandelt. Der diskreditierte Geheimdienstchef Montesinos hatte sich nach Bekanntwerden eines Films, auf dem er die Übergabe von Bestechungsgeldern an einen Parlamentsabgeordneten hatte festhalten lassen, nach Panama abgesetzt. Inzwischen ist er wieder nach Peru zurückgekehrt. Fujimori hat sich indessen mit der Opposition auf den 8. April 2001 als Wahltermin geeinigt.

Nur wenigen politischen BeobachterInnen fiel auf, dass Monseñor Cipriani (Opus Dei-Erzbischof von Lima) in seiner Predigt zum feierlichen Tedeum am Unabhängigkeitstag (28. Juli) erwähnte, es sei notwendig, die „geheime Macht zu kontrollieren" und nach Wegen hin zu einer nationalen Versöhnung zu suchen. Dies könnte eine Warnung an seinen Freund Fujimori sein, genauso wie der damalige Beinahe-Rücktritt seines ersten Vizepräsidenten Francisco Tudela. Sollten sie vielleicht erfahren haben, dass die parlamentarische Mehrheit Fujimoris von Montesinos gekauft worden war?

Zur Erinnerung: Anfang Juli hatte der Rat der Organisation Amerikanischer Staaten, OAS, beschlossen, das Fujimori-Regime „unter Beobachtung" zu stellen, nachdem aus dem Bericht der WahlbeobachterInnen – wenngleich diplomatisch verkleidet – hervorgangen war, dass das offizielle Wahlergebnis nicht dem Willen der WählerInnen entspreche. Die sofortige Antwort Fujimoris und seines „Beraters" Montesinos war die vorgezogene Anerkennung durch das Militär, ein Empfang der „übergetretenen" Parlamentarier und die Einsetzung einer Demokratisierungskommission, so dass beim Eintreffen des OAS-Vermittlers Gaviria (ehem. Präsident Kolumbiens) in Lima dieser vor vollendete Tatsachen gestellt wurde und auf einen fest entschlossenen Fujimori traf, die Macht nicht aus den Händen zu geben.

Die Regierungsstrategen wussten die Schwäche von Fujimoris stärkstem Widersacher in jenen Wochen, Alejandro Toledo, gut zu nutzen. Toledo hatte zu einem „Marsch der vier Völker" (Marcha de los Cuatro Suyos – unter diesem Namen waren die vier Teile des Inkareiches bekannt) aufgerufen und versucht, der Bewegung einen aufrührerischen Anstrich zu geben, so als befände er sich in Ecuador. Fujimori bezeichnete ihn als Anstifter zur Gewalt. Am 28. Juli, dem letzten Tag des Marsches, kam es zu dem rätselhaften Einsturz eines Flügels der Nationalbank, ausgelöst angeblich durch Molotowcocktails werfende DemonstrantInnen. Der Einsturz kostete sieben Arbeitern das Leben und wirkte stark demobilisierend auf die vielen Menschen, die bisher im ganzen Land gegen Fujimoris Wahlbetrug demonstriert hatten.

Lächelnd und zufrieden nahm der Präsident seine Reisen wieder auf, nachdem sich bei der Wahl von Martha Hildebrandt zur Präsidentin des Kongresses (vgl. auch nachfolgenden Beitrag „Lasst Frauen um mich sein") die Zahl „seiner" ParlamentarierInnen auf wundersame Weise von 52 auf 69 erhöht hatte. Er schien immer jünger zu werden: Er führte der Welt nicht nur seine parlamentarische Mehrheit vor, auch ein halboppositioneller Expräsidentschaftskandidat wie der Bürgermeister von Huancavelica trat als Minister in sein Kabinett ein und auch Exminister Boloña kehrte unter dem Beifall der ausländischen Unternehmen wieder ins Wirtschaftsministerium zurück. Als der Runde Tisch (die Vermittlungsrunde) unter dem Vorsitz der OAS eingerichtet wurde, erklärten die Kongressführer augenzwinkernd, dass sie sich nicht an eventuelle Abkommen gebunden fühlten, da diese nur die Regierung beträfen und sie als Kongressmitglieder unabhängig seien. Ein weiteres Beispiel für die Geschicklichkeit, mit der Fujimori seit acht Jahren die öffentlichen Angelegenheiten regelt – zur großen Irritation der ausländischen Regierungen.

Waffenhandel – ein Schuss nach hinten

Bis Ende August lief also alles glänzend für den Ingenieur Fujimori. Was geschah dann? Vielleicht hat Fujimori den Rat von Sun Tzu vergessen, dass man niemals seinen Gegner unterschätzen solle. Anfang September ließ er seinen „Berater" Montesinos wieder öffentlich auftreten mit der Ankündigung, er habe eine Gruppe von Waffenhändlern unschädlich gemacht, die – auf kolumbianischem Territorium im Einflussbereich der FARC – Tausende von peruanischen AKM-Gewehren aus jordanischen Beständen an Fallschirmen abgeworfen hatten. Nach der anfänglichen Begeisterung und den Glückwünschen kamen die Nachfragen. Da aber gab es bei hohen peruanischen Regierungsvertretern zunehmend verlegenes Hüsteln. Heute stehen sie bei der kolumbianischen Regierung in Verruf, die FARC-Guerilla mit Waffen unterstützt zu haben. Angesichts der US-amerikanischen Unterstützung des Plan Colombia hatte die Montesinos-Aktion offenbar zum Ziel, die peruanische Unabhängigkeit gegenüber dem State Department zu demonstrieren, nicht zuletzt auch, um in der regionalen Politik an der Seite Venezuelas mitreden zu können. Manche Beobachter gehen noch weiter: Sie meinen, dass Montesinos, als er vom CIA bei seinen Waffengeschäften entdeckt wurde, seine Mittelsmänner opferte und die an der Aktion beteiligten militärischen Befehlshaber unter Druck setzte. Und diese in die Jordanien-Affaire verwickelten Militärbefehlshaber, so glauben einige, haben möglicherweise die Übergabe des Videos aus den Archiven des Geheimdienstes SIN an den Kongressabgeordneten Olivera veranlasst.

Eine andere Spekulation geht davon aus, dass die Marine hinter der Veröffentlichung des Videos steckt. Der Militärgeheimdienst SIN hat offiziell einen Konteradmiral als Chef. Gegen diesen startete Montesinos noch in derselben Nacht, nachdem das Video im Fernsehen zu sehen war, einen Verhaftungsversuch. Die Marine hat seit 1992 eine Rechnung mit Fujimori offen, weil er sie wegen einer Geldunterschlagung des Marineattachés an der peruanischen Botschaft in Washington öffentlich demütigte.

Montesinos jedenfalls floh mit Unterstützung von Armee und Regierung kurzzeitig außer Landes, nachdem Peru und die ganze Welt ihm bei der Bestechung eines Abgeordneten der Partei Toledos zugeschaut hatten und Fujimori die Auflösung des SIN angeordnet hatte. Bestechung wird nach dem peruanischen Strafgesetzbuch mit Gefängnis geahndet.

Demokratischer Übergang – mit oder ohne Fujimori?

All dies lässt einen demokratischen Übergang zweifelhaft erscheinen, auch wenn etwa die christlichsoziale Abgeordnete Lourdes Flores ebenso wie Unternehmerkreise fest von einem Gelingen – noch dazu unter Leitung Fujimoris – überzeugt sind. Wenn Fujimori nicht einmal in der Lage ist, seinen „Berater" abzusetzen und von der Politik fernzuhalten, wie soll er dann demokratische Wahlen organisieren, an denen er selbst nicht teilnehmen würde? Tatsache ist, dass Montesinos und Fujimori aufeinander angewiesen sind. Der „Berater" und sein Apparat zur Korrumpierung der Macht sind heute der Feind Nummer Eins der peruanischen Gesellschaft. Daher auch die energische Erklärung des Präsidenten der Bischofskonferenz, Monseñor Luis Bambarén, der eine sofortige Verurteilung des „Beraters" verlangte und an seine Wahlfäschungen erinnerte. Daher auch die Einstimmigkeit, mit der die Marinebefehlshaber die Ausschreibung von Neuwahlen unterstützten.

Der Fujimorismus hat eine Übergangsphase vorgeschlagen, die am 28. Juli 2001 endet, ohne dass bis dahin ein Fitzelchen Macht abgeben würde. Die Mehrheit der Opposition hat den sofortigen Rücktritt Fujimoris gefordert, die Selbstauflösung des Parlamentes und die Einberufung einer Übergangsregierung bis zur Durchführung von Neuwahlen. Fujimori dagegen möchte seine Pläne durch den Kongress und seine Mehrheit von gekauften Abgeordneten absegnen lassen. Er schreckt dabei nicht davor zurück, seinen Gegnern bei Widerstand mit einem Militärputsch und einer Beendigung des demokratischen Übergangs zu drohen. Seine Gegner, die überrascht die Ankündigung von Fujimoris Rücktritt in dem Moment erfuhren, als es so aussah, als habe er sich die Macht für weitere fünf Jahre gesichert, können die Massen nicht für sich mobilisieren, da – so erstaunlich es klingt – allgemein die Einschätzung vorherrscht, die Zeit der Diktatur sei bereits vorbei.

Aber die allgemeine Einschätzung stimmt nicht immer mit der politischen Realität überein. Die Realität derer, die den Lauf der Dinge beeinflussen könnten, ist folgende: Fujimori hat nicht genug Macht, um Montesinos zu übergehen und ein eigenes Nachfolgeszenario durchzusetzen, und Montesinos ist nicht stark genug, um gegen Fujimori zu putschen. Es ist dennoch nicht auszuschließen, dass sich die beiden Kontrahenten, angesichts der Schwäche der Oppositionsparteien einigen und einen Nachfolgerplan aushecken, der alles ändert, um nichts zu ändern, so wie es Richelieu einem der Louis von Frankreich empfahl.

Wir stehen dennoch am Anfang vom Ende des Fujimorismus. Es ist kein Zufall, dass seine Verbündeten Tudela, Rey und Cipriani und ein großer Teil der Unternehmer sich von ihm distanzieren. Auch die militärischen Befehlshaber wägen vermutlich ab, ob sie dem „Berater" weiterhin folgen und inwieweit sie ihn noch schützen können, angesichts der Tatsache, dass Montesinos seine Macht auf der Bespitzelung des Privatlebens von Militärs, Politikern und Unternehmern aufbaute.

Höchstwahrscheinlich werden sich verschiedene Lager und Führungsfiguren herausbilden, vor allem was die Wirtschaftspolitik angeht. Für Toledo wären frühest mögliche Neuwahlen am besten, um so von dem momentanen Aufwind zu profitieren. Aber es bestehen begründete Zweifel an seinem zukünftigen Regierungsteam. Schließlich war seine Liste für das aktuelle Parlament schlecht zusammengestellt: Sieben Fujimori-Überläufer waren dabei. Ein anderer Politiker, dessen Popularität stark gestiegen ist, ist Fernando Olivera, nicht zuletzt weil ihm das berüchtigte Video zugespielt wurde. Aber seine Persönlichkeit, sein extremistischer Stil und die vielen Widersprüchlichkeiten in seinem Programm lassen ihn nicht sehr vertrauenserweckend erscheinen. Schließlich ist da noch der gegenwärtige Ombudsmann Jorge Santisteban (Defensor del Pueblo – Beschwerdeinstanz, in etwa vergleichbar den Petitionsausschüssen des Bundestages und der Landtage in Deutschland, die in iberoamerikanischen Ländern aber nur von einer – oft über Parteigrenzen anerkannten – Persönlichkeit ausgeübt wird – die Red.). Der Anwalt und ehemalige Jesuitenschüler Santisteban aus Arequipa erscheint vielen PeruanerInnen heute, obwohl parteilos, als eine politische Alternative.

Der Beitrag erschien auf spanisch im „FORUM SOLIDARIDAD PERU", Nr. 30, Sept. 2000;
e-mail: psf@amauta.rcp.net.pe; http://www.walter.org.pe/psf;

 

Fujimori ging in die Schule ...
Peruanische Grundschulen zwischen Reformrhetorik und Veränderung
von Renate Schüssler
aus Schulen in Lateinamerika/ ila 235

Die Instrumentalisierung von Bildung ist weder ein sonderlich neues noch ein geographisch begrenztes Phänomen. Während hierzulande rassistische und den Bildungsbegriff verkürzende Parolen wie „Kinder statt Inder" im Wahlkampf eingesetzt werden, betreibt in Peru Noch- (und Vielleicht–Bald–Wieder–) Präsident Fujimori mit der Einweihung neuer Schulgebäude massive Propaganda für seine Regierungspolitik. Wie es allerdings hinter den Kulissen der bunten Einweihungszeremonien, von denen es in den letzten Jahren auffällig viele gab, in den Klassenzimmern der staatlichen Grundschulen Perus aussieht, das bedarf eines differenzierteren Blicks.

In einem autoritären politischen Kontext, wie Fujimori ihn für Peru diktiert, finanzieren Weltbank und Interameri- kanische Entwicklungsbank seit 1995 umfangreiche und großflächige Maßnahmen zur „Verbesserung der Qualität der peruanischen Erziehung" (MECEP). Das Programm MECEP umfasst mehrere Teilbereiche: Es gibt Programme zur Curriculums– und Materialentwicklung, Infrastruktur, Ausbildungsreform und Fortbildung von LehrerInnen. Dabei wird verkündet, dass das Bildungssystem sich in einer Art und Weise modernisiere, dass Peru bereits mit den am weitesten entwickelten Bildungssystemen Lateinamerikas konkurrieren könne. Der Ruf nach pädagogischem Wandel wird auch in Peru begründet mit globalen Veränderungen und dem Einfluss des Informationszeitalters. Das jedoch entspricht kaum der Lebensrealität abgelegener Landregionen. Hinter dem Ruf nach „Modernisierung" verbirgt sich, ähnlich wie bei der hiesigen Debatte um Schlüsselqualifikationen, die Ausrichtung an eigentlich sinnvollen Lernzielen wie Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Teamfähigkeit. Sie werden allerdings primär im Sinne ihrer ökonomischen Brauchbarkeit ausgelegt, statt befreiungspädagogisch für eine Erziehung hin zu kritik- und handlungsfähigen Subjekten gewendet. Es erfolgt eine Orientierung an aktuellen pädagogischen Trends, die v. a. aus den USA nach Lateinamerika schwappen. Momentan trägt die bedeutendste unter ihnen den Namen „pädagogischer Konstruktivismus". Demnach soll das Lernen von den SchülerInnen ausgehen, ihre Interessen und Bedürfnisse berücksichtigen, nicht einseitig kognitiv ausgerichtet sein, sondern eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Bildungspolitischer Kolonialismus durch die MECEP-Maßnahmen? Gewiss. Nun ist es andererseits auch so, dass dem tradierten schulischen Lernen – das bereits in den 60er Jahren durch Paulo Freire als ein Relikt postkolonialer Unterdrückung angeprangert wurde – kaum eine Träne nachgeweint werden muss. An dem damals kritisierten hierarchischen Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, den fremdbestimmten Inhalten und der methodischen Armut schulischen Unterrichts hat sich bisher wenig geändert. Die MECEP-Reformen in Peru stoßen auf sogenannte traditionelle Unterrichtsmethoden, die die Kinder im Sinne einer tabula rasa zu passiven EmpfängerInnen von Wissen machen und kaum darauf abzielen, sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Hinzu kommen fachliche und methodische Probleme, es herrschen frontale und rezeptive Methoden vor, die Kinder werden durch eine Dominanz von Diktatunterricht auf EmpfängerInnen von oftmals realitätsfernem und fragmentiertem Wissen reduziert. Die Möglichkeiten der SchülerInnen, sich am Unterricht zu beteiligen, sind äußerst begrenzt. Viele LehrerInnen handeln sehr autoritär und beschneiden die Entscheidungs-, Meinungs- und Handlungsfreiheit der SchülerInnen. Die Einhaltung von lehrkraftdefinierten Normen und Disziplin ist ein wichtiges Strukturelement des Unterrichts.

Zu den methodischen und inhaltlichen Mängeln kommt die materielle Ausstattung der Schulen. Bei einem Besuch von staatlichen Schulen in Peru springen zunächst all jene Merkmale ins Auge, die durch Abwesenheit glänzen oder nur unzureichend vorhanden sind: fehlende Materialien, unzureichendes Mobiliar, nur sporadisch stattfindende Schulspeisungen, defizitäre Infrastruktur, ungenügende sanitäre Einrichtungen. Besonders prekär ist die Situation auf dem Land und im nationalen Vergleich in den Gebieten nördliches Altiplano und Regenwald. Unter den Schulen, welche nach einer landesweiten Erhebung den größten Index schulischer Armut aufweisen, befinden sich zu 50 Prozent Escuelas Unidocentes (Landschulen mit nur einer Lehrkraft), zu 49 Prozent Multigrados (Landschulen, in denen unterschiedliche Jahrgänge in gemeinsamen Klassen unterrichtet werden) und nur zu einem Prozent Polidocentes, d. h. Schulen, in denen für jede Klasse und jeden Jahrgang eine Lehrkraft zur Verfügung steht. Ein gravierendes Problem ist auch der hohe Unterrichtsausfall bzw. der Umgang mit der Unterrichtszeit an staatlichen Schulen. Auch von diesem Problem sind die Landschulen überdurchschnittlich hoch betroffen.

Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern ist auch in Peru ein Trend hin zu verstärkter Privatisierung von Schulen und Bildungsstätten zu verzeichnen. Während die privaten Schulen sich ihren besseren Ruf in Form von permanent steigenden Schulgebühren belohnen lassen, besteht an staatlichen Schulen das verbriefte Recht auf Gebührenfreiheit. Die Gebühren allerdings kommen häufig durch die Hintertür, z. B. in Form von Immatrikulationsgebühren oder Abgaben an die Elternvereinigung APAFA herein. Auch die Ausgaben für die Schuluniformen sowie die Schulutensilien sind für viele Familien eine schwer zu bewältigende Hürde.

Neben der Segmentierung des Schulsystems nach sozialen Kriterien besteht eine zunehmende Zentralisierung von Geldern und Maßnahmen in Lima. Ferner herrschen Diskriminierungsmechanismen ethnischer und sexistischer Art. Es gilt beispielsweise als erwiesen, dass in mehrsprachigen Gebieten viele Kinder dem Unterricht in spanischer Sprache nicht hinreichend folgen können. Mit dem Stichwort bilinguale Erziehung wird eher der von vielen Privatschulen angebotene Englischunterricht assoziiert als der Einbezug der indigenen Sprachen Quechua und Aymara oder die Berücksichtigung der sprachlichen Vielfalt der Amazonasregionen.

Wenngleich die genannten Phänomene nicht neu sind, kann die Kritik für die 90er Jahre fortgeschrieben und erweitert werden. Insbesondere fallen hier die veränderten Bedingungen auf, die makro-ökonomische Weichenstellungen für die Privathaushalte nach sich ziehen. Gerade das ökonomische „Schockprogramm", eine Umschreibung des neoliberal ausgerichteten wirtschaftspolitischen Maßnahmenbündels, das unter der Regierung Fujimori eingeleitet wurde, hat dazu geführt, dass viele Familien es nicht schaffen, ihren Kindern einen permanenten Schulbesuch zu ermöglichen. Um die Bedingungen für Lernfähigkeit zu erfüllen, bedarf es einiger Minimalvoraussetzungen, die in engem Zusammenhang mit der sozio-ökonomischen Lage der Familien stehen. Besonders die Ernährungslage und eine adäquate Gesundheitsversorgung1, die Frage, ob die Kinder neben (oder anstelle) des Schulbesuchs arbeiten müssen und die Anreize durch das Umfeld erweisen sich als wichtige Faktoren für die Aufnahmefähigkeit und den schulischen Erfolg der Kinder. Die Wiederholungs- und Schulabbruchsquote ist hoch. Das Recht auf Grundbildung für alle sowie die allgemeine Schulpflicht ignorieren somit die alltäglichen Barrieren des Lebens in einem politischen und gesellschaftlichen System, das lediglich in wirtschaftlicher Hinsicht immer liberaler geworden ist.

Die MECEP-Reformen trafen 1995 auf eine fragmentierte Bildungspolitik eines permanent an Bedeutung verlierenden Erziehungsministeriums – und sie tragen selbst zu dessen kontinuierlicher Schwächung bei. Da die finanziellen Aufwendungen für MECEP immens sind, es stark in die Bereiche der staatlichen Bildungspolitik eindringt und dessen Aufgaben und Zuständigkeiten teilweise substituierend übernimmt, scheint es gerechtfertigt, von der Entstehung eines Schattenministeriums zu sprechen. Dessen demokratische Legitimation fehlt, wie auch Fujimori, wie sich einmal mehr bei den aktuellen Wahlen manifestiert, selbst kein Freund demokratischer Prinzipien ist. Seine BildungsministerInnen drückten sich in den 90er Jahren gegenseitig die Türklinke in die Hand, ihre Zahl war schließlich zweistellig, was zu einer großen inhaltlichen und strategischen Inkonsistenz führte. Vorangegangen waren den internationalen Investitionen drastische Kürzungen im nationalen Bildungsbudget: 1991 wurden pro SchülerIn nur noch 16 Prozent des Wertes von 1963–69 bzw. 27 Prozent von 1980–87 ausgegeben. Diese Kürzungen beruhen vor allem auf einem erheblichen Gehaltsrückgang für LehrerInnen.

Die Rolle der LehrerInnen

Den LehrerInnen wird im pädagogischen Wandel eine tragende Rolle zugeteilt. Sie sollen nun nicht mehr als WissensvermittlerInnen fungieren, sondern im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik als Facilitadores die Lernprozesse der Kinder fördern und motivieren, den SchülerInnen in orientierender Weise eine Lernumgebung gestalten, in welcher diese entlang ihrer eigenen Interessen und Bedürfnisse selbstbestimmt, kreativ und in Kooperation miteinander lernen können, sowie ein freundliches und demokratisches Klima im Klassenzimmer fördern.

Allerdings stehen die vielfältigen Anforderungen im krassen Gegensatz zu ihrer Ausbildung und ihrem sozioökonomischen Status. In den letzten Jahren ist die Anzahl der LehrerInnen, die ohne pädagogischen Abschluß arbeiten, zwar bedeutend zurückgegangen, allerdings bedarf die bestehende Lehramtsausbildung einer dringenden Reform. Auch ihr werden vertikale Vermittlungsmethoden und ein realitätsfernes Curriculum, das nur wenig mit der schulischen Praxis zu tun hat, attestiert. Zudem ist aufgrund der staatlichen Förderung der privaten Investition im Erziehungssektor die Anzahl der privaten Institutionen von 1993 bis 1995 um 85 Prozent gestiegen, ohne dass dabei qualitativ hochwertige Institutionen entstanden wären, noch dass ein System zur Kontrolle und Evaluation ihrer Qualität geschaffen wurde. Für LehrerInnen ohne pädagogische Ausbildung bestehen seit langem berufsbegleitende Professionalisierungsprogramme, deren Qualität von jeher unter starker Kritik steht, scheinen sie doch eher eine lukrative Einnahmequelle für die Institute als ein theoretisch und praktisch anspruchsvolles Studium für die angehenden LehrerInnen darzustellen.

Es ist deswegen wichtig, dass ein fundierter pädagogischer Wandel an der Aus- und Fortbildung von LehrerInnen nicht vorbeigeht. Da die Ausbildungsreform für bereits tätige LehrerInnen zu spät kommt, bildet der „Nationale Plan zur Fortbildung von LehrerInnen" (PLANCAD) seit 1995 in ganz Peru LehrerInnen in den neuen Unterrichtsmethoden fort. Zwischen 1995 und 1999 wurden allein im Primarschulbereich über 90 000 LehrerInnen fortgebildet. Ob die LehrerInnen, die nicht an der Ausarbeitung der Reformen beteiligt wurden, allerdings bereit sind, sich am pädagogischen Wandel zu beteiligen, ist angesichts ihres sozioökonomischen Status‘ fraglich. Gerade sie sind von den neoliberalen Entwicklungen im Bildungssektor besonders betroffen. Verschiedene Studien, die den realen Verfall der LehrerInnengehälter in diesem Jahrhundert nachzeichnen, konstatieren, dass die Regierung Fujimori die LehrerInnen auf die im historischen Vergleich niedrigsten Plätze verweist.2 Im Vergleichszeitraum 1986–1991 ist das Budget für die LehrerInnengehälter gar um 40 Prozent zurückgegangen, ohne dass sich die Anzahl des Personals verringert hätte. Auch die zum Basisgehalt zusätzlichen Sonderleistungen sind im Laufe der 90er Jahre eingefroren worden. Die niedrige ökonomische Anerkennung des LehrerInnenberufes führt dazu, dass die LehrerInnen in ihrer Mehrzahl auf weitere Erwerbsquellen angewiesen sind, worunter zwangsläufig Zeitbudget und Energieaufwand für eine adäquate Unterrichtsvorbereitung leiden. Auch die arbeitsrechtlichen Bedingungen weisen problematische Merkmale auf. Besonders die LehrerInnen mit Angestellten-Status, deren Anteil 1997 ca. ein Drittel betrug, befinden sich im Gegensatz zu ihren ernannten KollegInnen in einer konstant unsicheren Arbeitssituation. Ihre instabilen Verträge stehen im Kontext einer generellen Regierungspolitik, die die Arbeitsplatzstabilität nicht als Recht der ArbeiterInnen anerkennt. Durch eine Gesetzesänderung Anfang der neunziger Jahre wurde das frühere Ley del Profesorado, das Gesetz, welches bis dahin die Ernennungspraxis regelte, abgeschafft. Seither ist die Zahl der Ernennungen deutlich rückläufig, wird allerdings unterbrochen durch öffentliche Ausschreibungen, denen in punktueller Form massive Ernennungen folgen. So hat sich unter Fujimori das frühere Recht auf Ernennung in ein Zugeständnis der Regierung verwandelt, das nur von Zeit zu Zeit erteilt wird und in auffälliger Weise koinzidiert mit Zeitpunkten, die für die Regierung von besonderem Interesse sind (Präsidentschaftswahlen, Popularitätsverlust).

Der Verfall der LehrerInnengehälter sowie die hohe Arbeitsplatzunsicherheit haben zu einer Feminisierung und einer erheblichen Verjüngung des Lehrpersonals geführt. Letzteres ist darauf zurückzuführen, dass mit Zunahme des Alters bzw. der finanziellen Verpflichtungen vermehrt nach beruflichen Alternativen gesucht wird. Vor allem zwischen 1991 und 1993 hat es u. a. durch den ökonomischen „Schock" und auf Grund der Transformation des Pensionensystems einen erheblichen Rückzug vorwiegend älterer LehrerInnen gegeben. In diesem Zeitraum haben mehr als 31 000 (!) LehrerInnen den Dienst quittiert. Seit 1995 ist eine beachtliche Mehrheit von 59 Prozent Lehrkräften höchstens seit fünf Jahren im Dienst. Im Allgemeinen hat sich das Lehramt in eine Zufluchts-Laufbahn für verarmte Sektoren verwandelt, die keine bessere Option sozialer Mobilität haben. Nur in Einzelfällen scheint es zu gelingen, die Begrenzungen, die LehrerInnen durch die ungünstigen Rahmenbedingungen auferlegt werden, durch ein Übermaß an Kreativität und Engagement zu kompensieren. Fraglich ist, ob viele Menschen unter den bestehenden Bedingungen überhaupt dazu bereit sind, sich mehr als unbedingt nötig zu engagieren.

Zwischen Reformrhetorik und Veränderung

Ein Programm auf den Weg zu schicken, das sich Zielen wie Öffnung des Unterrichts, Wahrnehmung und Einbezug von Differenz, Orientierung an den Interessen der Kinder verschreibt, ist ein ambitioniertes und begrüßenswertes Projekt. Wenn aber die dem Programm zugrundeliegenden Prämissen des Konstruktivismus lediglich gepriesen werden, ohne ihre Realisierungsmöglichkeiten zu reflektieren, so kann dies zu einer Blindheit für die tatsächlichen, dem System Schule inhärenten Machtverhältnisse und Interessen führen. Ist Differenzierung möglich bei 40 SchülerInnen pro Klasse, der Notwendigkeit von Notenvergabe und einheitlichem Lehrplan, selbst wenn letztere neuerdings gewisse Freiräume lassen? Wie lässt sich der Ruf nach Kindorientierung und Selbstbestimmung mit den parallel fortbestehenden Morgenappellen, der Wertschätzung von Disziplin oder dem starken Moment des Formens von Kindern vereinbaren? Ferner ist der pädagogische Wandel in hohem Maß auf anspuchsvolles und ansprechendes didaktisches Material angewiesen. Die Verantwortung für dessen Bereitstellung primär den LehrerInnen zu überlassen, ist gleichermaßen unrealistisch wie unverantwortlich.

Es wurden weder LehrerInnen und LehrerInnengewerkschaft noch regionale Erziehungsinstanzen und zivilgesellschaftliche Bildungsinstitutionen, von denen es einige namhafte gibt, in die Planung der Maßnahmen einbezogen. Viele LehrerInnen sind gegen die brüsk eingeführten Reformen, an denen sie sich de facto beteiligen müssen. Ein „Einstellungswandel von oben" widerspricht sich allerdings selbst. Obwohl der Begriff „Konstruktivismus" und andere rhetorische Versatzstücke des Programmes in vieler LehrerInnen Munde sind, werden die Inhalte vielerorts eher auf Grund anstehender Inspektionsbesuche als aus Überzeugung angewandt. Die Umsetzung bleibt somit kurzfristig und oberflächlich, indem beispielsweise die Lehrkraft ihre SchülerInnen an Gruppentische setzt – nur um ihnen weiterhin den Stoff in ihr Heft zu diktieren. Öffentlichkeitsarbeit, die nicht darauf drängt, Propaganda zu machen, sondern zu informieren, zu erklären, Verständnis zu wecken, fehlt weitgehend. Gegenüber dem Unverständnis und der massiven Kritik der Eltern haben besonders jene LehrerInnen einen schweren Stand, die versuchen, die Reformansätze trotz aller Widersprüche für ihre Praxis fruchtbar zu machen. Viele Eltern beschweren sich darüber, dass die LehrerInnen nun nichts mehr arbeiten würden. Die Eltern würden es vorziehen, dass ihr Kind „Lesen, Schreiben und Rechnen lernt", anstatt sein „Selbstkonzept zu entwickeln".

Im Kontext der rigiden Strukturanpassungsmaßnahmen und ihrer Auswirkungen auf den Bildungsbereich scheinen die Großinvestitionen der internationalen und bilateralen Großbanken paradox. Notwendig sind sie allemal. Ob allerdings die massiven aktuellen Bildungsreformen die Mehrheit der peruanischen SchülerInnen erreichen und zudem bestehende strukturelle Benachteiligungen ausgleichen können, ist fraglich. Zwar ist v. a. durch die Investitionen eine Verbesserung quantitativer Größen (Zugangsquoten, LehrerInnen-SchülerInnen-Schlüssel, Infrastruktur, Materialausstattung) erreicht worden und die Dominanz der tradierten Unterrichtsmethoden ist nun nicht mehr fraglos gültig. Ein Blick allerdings auf die dargestellten Ausgangslagen und Bedingungen, unter denen LehrerInnen unterrichten und Kinder lernen, offenbart ernüchternde Erkenntnisse und lässt erahnen, wie wenig wirkungsvoll ein pädagogischer Wandel sein dürfte, der die Ausgangs- und Kontextbedingungen nur unzureichend in die Reformansätze mit einbezieht.

1) Eine Untersuchung, die 1998 in marginalisierten Zonen Limas durchgeführt wurde, belegt jedoch, dass diese Basisvoraussetzungen in vielen Fällen nicht erfüllt sind. Sie ergab, dass 9-17 Prozent der Kinder Zeichen von Unterernährung und 65-76 Prozent Indizien für Mangelernährung aufwiesen. 27 Prozent waren in ihrer Sehfähigkeit beeinträchtigt, bei einem Viertel von ihnen wurde Karies an mehr als acht Zähnen festgestellt. 20 Prozent der SchülerInnen wurden jährlich wegen Darmparasiten behandelt. (Vgl. Bello, Manuel 1999: Capacidad para aprender y capacidad para enseñar. Una mirada a los protagonistas. In: Seminario Internacional. Educación Primaria al final de la década. Politícas Curriculares en el Perú y los países andinos. TAREA. Lima. Pág. 5.)

2) Palacios, María Amelia/ Paiba, Manuel 1997: Consideraciones para una Política de Desarrollo Magisterial, Foro Educativo. Lima. Pág. 53.

3) Ibid., Pág. 21

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