Home  Wir über uns  Aktuelle Ausgabe  Leseproben  Archiv  Solidarität  Notizen  Termine  TV/Radio  Links   Bestellungen


Ist der Plan Colombia tot?

Europäische Regierungen wollen US-Krieg nicht finanzieren

Ingrid Vaicius, Adam Isacson und Abbey Steele

aus Rassismus ... /ila 241


Mit Hilfe der ganzen Welt werde Kolumbien das Drogenproblem lösen. So zumindest verkaufen die kolumbianische und die US-amerikanische Regierung den Plan Colombia. Damit werde der Drogenhandel bekämpft und die Entwicklung der ländlichen Regionen Kolumbiens angekurbelt. Langsam spricht sich auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit und bei den europäischen Regierungen rum, dass der Plan Colombia nichts anderes ist als ein großes Propagandapaket und es wieder einmal um die Rechtfertigung massiver US-Militärhilfe für eine Krisenregion in Lateinamerika geht. Also um eine Eskalation des Krieges, noch mehr Opfer und weiteres Elend. Egal ob der neue US-Präsident Bushgore oder Gorebush heißt.

Das 1,3 Mrd. US-Dollar schwere Hilfspaket der Clinton-Administration für Kolumbien und seine Nachbarn, das im Januar vorgestellt und im Juli zum Gesetz gemacht wurde, hat wegen seiner überwältigenden Betonung der Unterstützung der kolumbianischen Sicherheitskräfte kontroverse Diskussionen ausgelöst. Von den Zuständigen bei den US-Behörden wird das Ungleichgewicht des Paketes, von dem 75 %, d.h. 2 Mio. US-Dollar am Tag für die kolumbianische Polizei und Armee bestimmt sind, mit dem Argument verteidigt, dass diese Hilfe ein Beitrag für ein weitaus größeres Programm ist.


Laut ihren Erklärungen ist das Paket Teil des „Plan Colombia“, eine Investition in Höhe von 7,5 Mrd. US-$ für Rauschgiftbekämpfung und Sozialmaßnahmen. 4 Mrd. US-$ davon würden von der kolumbianischen Regierung finanziert, der Rest von 3,5 Mrd. US-$ seien internationale Zuschüsse. Nach dem kolumbianischen Präsidenten Andrés Pastrana sind nur 25 % des Plan Colombia für die Sicherheitskräfte bestimmt (genau das Gegenteil des US-Beitrags, der nur zu 25 % aus nicht-militärischer Hilfe besteht). Ein Jahr nach der Lancierung des Plan Colombia im Oktober 1999 sieht es jedoch danach aus, dass die internationale Gemeinschaft nicht einmal einen kleinen Anteil dessen leisten wird, was sich die Plan-Colombia-Architekten erwartet haben. In der Tat wird der Plan zunehmend mehr zu einer bilateralen Initiative der USA und Kolumbien.

Regierungsvertreter der USA und von Kolumbiens pflegen immer noch den Eindruck zu erwecken, als genieße der Plan Colombia weiter enthusiastischen internationalen Zuspruch. „Das ist ein Zeichen der Solidarität für Kolumbien. Wir sind sehr angetan, dass dieser Plan unterstützt wird“, sagte der kolumbianische Außenminister Guillermo Fernández de Soto Journalisten nach einem Gebertreffen der europäischen Regierungen am 24. Oktober in Bogotá. Am 19. Oktober berichtete ein Kommuniqué des US-State Department: „Bei einem früheren Gebertreffen am 7. Juli in Madrid, Spanien, hat die internationale Gemeinschaft 871 Mio. US-$ für den Plan in Aussicht gestellt. Zuzüglich dazu haben die Vereinigten Staaten ca. 1 Mrd. US-$ zugesagt.“

Die Mitteilung des State Department erweckt den Eindruck, als ob der Plan Colombia über 1,8 Mrd. US-$ – d.h. die Hälfte der erwarteten 3,5 Mrd. US-$ internationaler Unterstützung – erhalten habe. Im Gegensatz dazu ergaben unsere Recherchen, dass außer dem US-Beitrag, der lediglich 860 Mio. US-$ ausmacht, wenn man die Hilfen für Kolumbiens Nachbarn und Posten für US-Agencies abzieht, der Plan Colombia von anderen Ländern mit lediglich 100 Mio. US-$ unterstützt wird. Diese 100 Mio. US-$ sind ein Hilfsangebot von Spanien, dessen Präsident Aznar als einziger offen den Plan Colombia unterstützt. Aznar war es auch, der die Initiative ergriff und im Juli eine Geberkonferenz in Madrid organisierte, bei der es Hilfszusagen in Höhe von beeindruckenden 871 Mio. US-$ für den Plan Colombia gab, wie die Presse zu diesem Zeitpunkt berichtete.

Aber in Wirklichkeit war die in Madrid bewilligte Hilfe weitaus geringer. Folgende Posten müssen von den 871 Mio. US-$ abgezogen werden: Kredite in Höhe von 370 Mio. US-$, welche die kolumbianische Regierung zurückzahlen muss (300 Mio. US-$ von der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Anden-Entwicklungs-Behörde – Andean Development Corporation – und 70 Mio. US-$ von Japan). 250 Mio. US-$ von den USA, die doppelt gezählt wurden, da sie schon in dem 860 Mio. US-$ Hilfspaket enthalten waren. 131 Mio. US-$ für Programme der Vereinten Nationen in Kolumbien, die zwar als Unterstützung des Plan Colombia ausgezeichnet werden konnten, aber auch geleistet worden wären, wenn es keinen Plan Colombia gäbe. Und eine 20 Mio. US-$-Zusage der norwegischen Regierung, die nicht ausdrücklich als Unterstützung zum Plan Colombia ausgewiesen war.Da bleiben also nur die 100 Mio. US-$ der spanischen Regierung, die wir als Nicht-US-Hilfe für den Plan Colombia eindeutig identifizieren konnten.

Am 24. Oktober hat sich eine „Unterstützungsgruppe des Friedensprozesses“ („Peace Process Support Group“), die überwiegend aus europäischen Geberländern bestand, in Bogotá getroffen, um über Beiträge für Kolumbien zu diskutieren und diese zu präsentieren. Sie stellte zwischen 180 und 221 Mio. US-$ Unterstützung in Aussicht (abhängig vom Wechselkurs des Euro und abzüglich der schon vorher bewilligten 100 Mio. US-$ von Spanien, die in vielen Berichten aus Bogotá noch einmal dazu gezählt wurden.) Die EU-Kommission stellte 94 Mio. US-$ ein, der Rest kommt von mehreren Geberregierungen. Nach dem Gebertreffen sagte William Brownfield vom US-State Department der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo: „Von dieser Unterstützung für mehrere Projekte des Plan Colombia war vorher nichts zu hören. Ich halte dies für einen sehr positiven Schritt. Im Namen meiner Regierung erkenne ich die Anstrengungen der europäischen Regierungen an.“

Die europäischen Regierungen in Bogotá rückten jedoch von Unterstützung des Plan Colombia ab. Der französische Diplomat Renaud Vignal, Sprecher der EU bei dem Treffen, sagte Journalisten, dass die Zusagen vom 24. Oktober „nicht für den Plan Colombia“ seien, was „etwas völlig anderes“ wäre. Das meiste EU-Geld wird nach Presseberichten an Nicht-Regierungs-Organisationen gehen nicht an die kolumbianische Regierung. Nach dem militärlastigen US-Paket befragt, sagte Vignal: „Das ist ihr Hinterhof (d.h. der USA –d.Üs.), aber nicht unserer.“
KritikerInnen des Plan Colombia haben lange angeführt, dass die Initiative wenig mehr als ein Versuch ist, die US-Militärhilfe salonfähiger und multilateraler darzustellen. Wenn man auf den Ursprung des Projektes zurückkommt, mag an dieser These etwas dran sein. 1998 war Plan Colombia der Terminus, mit dem der frisch gewählte Präsident Pastrana einen Vorschlag für einen international finanzierten „Marshall-Plan“ für soziale und wirtschaftliche Investitionen im ländlichen Kolumbien propagierte. Dieser Vorschlag, der nie schriftlich vorgelegt wurde, hatte keine Wirkung und war Mitte 1999 verschwunden.

Im August 1999 wurde der Terminus Plan Colombia – jedoch in anderem Kontext – wiederbelebt. US-Unterstaatssekretär Thomas Pickering reiste nach Kolumbien und sagte Pastrana – laut einem Bericht der Washington Post –, dass „die USA ihre Unterstützung stark anheben würden, falls er einen umfassenden Plan entwickle, um das Militär zu stärken, das weitere Abfallen der Wirtschaft aufzuhalten und den Rauschgifthandel zu bekämpfen.“ Der „neue“ Plan wurde im Oktober 1999 in Englisch bekannt, auf Spanisch lag er erst vier Monate später, im Februar 2000, vor. Dies nährte Gerüchte, dass er ein Feigenblatt des US-Paketes sei. Wegen der ausbleibenden Begeisterung Europas für den Plan Colombia ist jetzt wenig mehr als der Anteil der USA und Kolumbiens übrig. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass Kolumbien wegen seiner angeschlagenen Wirtschaftssituation 4 Mrd. US-$ dazulegen kann – auch im Falle von massiven Krediten von den internationalen Finanzinstitutionen. Es scheint, dass der Plan Colombia an einem toten Ende angekommen ist.

Anfang nächsten Jahres wird sich die US-Regierung überlegen müssen, wie sie Kolumbien im Jahr 2002 unterstützen wird. Da der Plan Colombia wegen mangelnder internationaler Unterstützung schwindsüchtig ist, wird Washington einen neuen Weg finden müssen, um sein militärisches Übergewicht zu verbrämen. Aber vorzugsweise sollten die USA die Militärbataillone und Hubschrauber fallen lassen und mit dem Rest der internationalen Gemeinschaft zusammen Entwicklung, Menschenrechte, Demokratie und Frieden in Kolumbien unterstützen.

Ingrid Vaicius, Adam Isacson und Abbey Steele sind MitarbeiterInnen des Center for International Policy in Washington.

Übersetzung aus dem Englischen: Deutsche Menschenrechtskoordination Kolumbien

Originalfassung: Center for International Policy, October 27, 2000
Ingrid Vaicius, Adam Isacson, Abbey Steele, Is Plan Colombia Dead? The truth behind the numbers.
http://ciponline.org/colombia/aid/102701.htm

Zurück