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Von negis und weissis
Beobachtungen von Zé do Rock zum Rassismus in Brasilien
aus Rassismus ... /ila 241

Bei den Redaktionsdiskussionen zu diesem Schwerpunkt kam uns irgendwann die Idee, dass es neben den ganzen seriösen Beiträgen und Interviews auch einen Text geben sollte, der sich dem Thema humorvoll nähert und mit einer eigene Logik die Banalität des überall präsenten Rassismus ins Lächerliche zieht. Die Frage, wen wir für einen solchen Beitrag ansprechen sollten, brauchten wir nicht lange zu diskutieren. Dafür ist der in München lebende brasilianischen Schriftsteller Zé do Rock geradezu prädestiniert. Dazu besitzt er noch die Autorität eines authentischen Vertreter des Südens, schließlich stammt er aus Südbrasilien und lebt in Süddeutschland. Natürlich gibt er den LeserInnen neben seinen Einsichten und Beobachtungen auch etwas Unterricht in dem von ihm erfundenen Wunschdeutsch, das über kurz oder lang das jetzt noch überwiegende benutzte Schwerdeutsch ablösen wird.

In Brasilien gibt es kein rassismus. Es gibt sogar ein sprichwort, das sagt: „wenn es drei arten von leuten gibt, die ich hasse, dann sind es neger, juden und rassisten.“ Also gegen judis ham brasilis relativ wenig, aber es sind auch nich so vile, in São Paulo sollen es 50 000 sein, was ein klex is im vergleich zu den 300 000 in Buenos Aires. In Porto Alegre im süden Brasiliens gabs übrigens auch eine reichskristallnacht, gleichzeitig mit der in Deutschland. Aber das waren deutshis, richtige deutshis aus Deutshland, die sie veranstaltet ham. Andrerseits gab es zur zeit des europäishen fashismus auch in Brasilien eine fashistishe partei, die sich Partido Integralista nannte. Die weissen brasilis sind nich immer blond und blauäugig, aber doch arish-indoeuropäish wie die große masse der europis, und die wollten die nicht-aris möglichst vom gesellshaftlichen leben ausshliessen.
Gegen negis ham vili shon mer, vor allem nicht-negis. Auch mulattis ham oft was gegen negis. Es drückt sich selten in echt feindlichen atitüden aus, wie zum beispil in der weigerung, ein negi anzusprechen, wie das öfters in den USA zu beobachten is.

Es is eer eine subtilere art des rassismus, aber zuerst sollt ich erklären warum ich das wort „negi“ benutz: ich respektir zwar jede divergirende meinung, aber meiner meinung nach sollte man wörter nich tabuisiren. Wenn man das tut, überlässt man das wort den falshen leuten, die das wort nur noch als shimpfwort benützen, und dann wird das wort tatsächlich zum shimpfwort. Inzwishen hat man angefangen, das wort „auslandi“ zu meiden (und stattdessen „ausländishe mitburgis“ zu verwenden), und wenn wir so weiter machen, wird es irgendwann nur noch von den rechten verwendet, und dann wird deutsh die erste sprache auf der welt, in der das wort für „ausländer“ ein shimpfwort is. Manche leute meinen, man sollte die betroffenen fragen. Darüber hab ich immer wider mit negis gesprochen. Vile shwarze brasilis, die ich kenn, sind dagegen, das man das wort meidet. Mein besten freund nannte man jarelang „Nega“, noch dazu in der weiblichen form. Er hatte nie probleme damit , und die meisten negiwitze, die ich kenn, hab ich von ihm gehört. Es gibt aber auch shwarze brasilis, die engagiert gegen rassismus kämpfen und das wort ungern hören. Bei den afrikis sind die meinungen geteilt, und mit shwarzen deutshis hab ich nie darüber gesprochen. Eine zälung hab ich nie gemacht, um zu wissen, ob eine merheit gegen oder für das wort is.

Persönlich kann ich immer fragen, hör mal, stört es dich wenn ich das wort „neger“ benütz? Und es dann gebrauchen oder nich, je nach wunsch. Aber wenn man für eine allgemeinheit shreibt, wird es shwirig. Natürlich könnt ich das wort vermeiden, aber dann hab ich immer noch das problem am hals: es gibt auch manche leute, die sich daran stören, wenn man menshen afrikanisher abstammung „shwarzis“ nennt, weil man menshen nich nach irer hautfarbe klassifiziren sollte, oder, wie ich shon mal gehört hab, weil man „shwarz“ mit etwas negativem verbindet (oder neger-tivem?), und zwar mit trauer. Also get das auch nich. „Farbig“ is lächerlich, als ob die leute wie tapeten aus den 70er jaren ausseen würden. Ausserdem, wenn jemand da farbig is, dann die weissis: weiss is eine mishung aus allen farben, rot (wegen sham) is eine farbe, genauso wie gelb (wegen manchen krankheiten). Und blau sind sie auch öfters. Nur shwarz is technish geseen die abwesenheit von farbe. Bleibt die bezeichnung „afriki“, „afrobrasili“, „afro-usi“, „afro-deutshi“. Das problem is das es keine allgemeine bezeichnung für alli gibt. Wenn ich zum beispil grade erzäl, das ich auf der münchner Leopoldstraße 3 negis geseen hab und das wort meiden will, muss ich „3 afrikis“ sagen, aber vileicht sind es ja keine afrikis sondern deutshis. Wär doch irgendwi deskriminirend, wenn man 3 deutshen ire nazionalität aberkennt, nur weil sie shwarz sind? Man könnte natürlich auch „3 afro-deutshis“ sagen, das kann aber auch eine falshe informazion sein. Ausserdem enthält der ausdruck eine versteckte diskriminirung: wenn man shon afro-deutshis sagt aber nur „deutshis“ wenn sie weiss sind, müsste man zu disen „euro-deutshis“ sagen.

Das „i“ am ende von „negi“ is rein gramatikalish. Das A am ende eines wortes macht das wort weiblich, das I macht es neutral und das O männlich. Ich hab 11 000 leute in meinen performänsses abstimmen lassen und es gab eine fette merheit für dise änderung, die uns die komplizirten formen mit großbuchstabe mitten im wort (PolitikerInnen) oder strich (Politiker/innen) erspart (politikis, politikas und politikos oder studis, studas und studos...– bei der ila gibt es übrigens ermäßigte Stud.Abos – der amüsierte Säz.)

Zurück zu den negis als solchen. Es gab bis in die 60er jare mindestens eine fussballmannshaft im süden, Gremio de Porto Alegre, die keine nicht-weissis duldete. Aber irgendwann ham sie eingeseen, das sie mit weissis alein im fussball nich richtig weiter kommen und ham die interne regelung abgeshafft.
Manche feine bars, klubs, vereine und andre einrichtungen liessen negis nich rein, das fil meistens nich auf weil sie sowieso unershwinglich für negis waren. Das hat sich in den letzten 2 jarzenten geändert, da endlich auch in Brasilien die negis zu neuem bewusstsein aufwachen. Trotzdem, wenn ein weissi und ein shwarzi sich für eine stelle bewerben und beide die gleiche qualifikazion ham, wird man warsheinlich doch den weissi nemen. Wie überall auf der welt mit den frauen. Richtig chancenlos is man dann als shwarze frau.

Feindbild nord-ossis

Man hört immer wider: „Dise nord-ossis glauben die kommen hir ins paradis, aber was sie nich wissen is, das man für wolstand ARBEITEN muss!“
Neonazis gibt es in Brasilien auch, mit dem untershid, das sie nich auf auslandis jagd machen, sondern auf inlandis. Natürlich is nur eine kleine minderheit bei solchen aktivitäten engagiert, aber ich kann mir vorstellen, das ein guter teil der mittelshicht solche aktivitäten gutheisst.
Ein vil milderes aber alltäglicheres fänomeen sind zum beispil die hochhäuser, die meistens ein aufzug für die wonis („social“) und ein für die arbeitis („de serviço“) ham (die arbeitis sind offensichtlich nich „social“). So ein klassenrassismus oder „klassismus“ is vil praktisher als normaler rassismus, weil leichter festzustellen is, wer geld hat und wer keins, als festzustellen, wer weiss is und wer nich, in eim land wo vile weissis etwas shwarzes blut ham, auch wenn sie manchmal blauäugig und blond sind. In Südafrika is das auch nich anders, aber dort bestimmte früer die farbe der eltern (die im pass eingetragen war) den farben-stempel im geburtsshein, egal welche farbe das kind hatte. So kam es das dort manche blauäugige blondis mishlinge waren und manche sonnengebrante sicili oder portugali ein weissi.
So wirds leicht, man diskriminiert die armis und die sache is erledigt. Wenn ein negi oder ein nordestini es geshafft hat, zur mittelshicht oder zu den reichen zu gehören, hat el (er/sie) natürlich kaum probleme, ausser wenn man nich weiss, das sie zur mittelshicht oder zu den reichis gehören. Wenn man sie nur sit, und man sie durch ire kleidung nich als besser situierte leute erkennen kann, wird man sie für armis halten.

Das is die mildere form des rassismus: man glaubt, durch die hautfarbe zu erkennen, was für ein wirtshaftlichen und gesellshaftlichen stand der mensh hat. Ein shwarzer brasilianisher richto hat sich beshweert, das manchmal leute in sein zimmer kommen und fragen, wo denn der richto is. Und wenn er kontroliert wird (er wird dauernd kontroliert, weil man kein negi in eim guten auto erwartet), fragt de polizi nach seim beruf, und wenn er „richto“ sagt, fragt de polizi ob fussball-shidsrichto. Aber man sollte sich nich täushen, auch shwarze polizis fragen das. Wenn ein weissi ein auto färt, naja, das is ein weissi de sein auto färt. Wenn ein shwarzi ein auto färt, is es de shoför oder el hat das auto geklaut. Rennt ein weissi auf der straße, is es ein joggi. Rennt ein shwarzi auf der straße, flüchtet el von der polizei. Nu, eine brasilianishe spezialität is das nich, auch in Afrika war das nich anders: hat mich ein farer mitgenommen, kamen (shwarze) „trämpis“ immer mich fragen, ob ich sie mitnemen konnte, und tankwartis ham immer mich gefragt, wievil sie tanken sollen. Irgendwann waren die faris die sache so leid, das sie mich ham faren lassen. Dann dachten immer alli, der weisso gibt de shwarzi ein lift oder es is ein angestellti. Das is sozusagen der statistishe rassismus: immer wenn man ein weissi und ein shwarzi in eim auto sit, is de weissi de chef. Also wird es in disem fall auch nich anders sein.

Der beste witz, den mein langjäriger shwarzer freund erzält hat, ging so: ein nego steigt in den buss, da sitzt in der näe eine dame mit eim kleinen affen. Plötzlich fängt der affe an zu springen und laut zu grölen, bis der nego die geduld verliert und zum farer get: „Herr farer, dürfen jetz affen im buss reisen?“ Der farer dret sich zu ihm um und sagt: „Naja, normal nich, aber wenn du dich shön hinsetzt werd ich mal ein auge zudrücken.“

Es bleibt zu hoffen, das dise untershide eines tages vershwinden, leider verstärkt der globaloneoliberalismus dise diskrepanz, weil durch ihn die ärmeris immer mer ins hintertreffen geraten. Vileicht aber wird auch dise krankheit, die Michael Jackson befallen hat, immer billiger, und eines tages können alli weiss sein. Vileicht besser, aber sicher nich shöner: gestern kam ich zimlich spät aus der u-ban, musste mal kurz, ging hinter ein kiosk, da ging plötzlich ein automatishes licht an. Naja, dacht ich, es is nich mer so privat, aber wat mutt dat mutt. ich pack ihn aus aber da kommt plötzlich jemand, ein nego. Ich pack ihn wider ein, geb auf. Dann denk ich, naja, er wirds verkraften, is auch irgendwie lächerlich wenn ich jetz wegen ihm aufgeb, also pack ich ihn wider aus und pinkel. Er get vorbei und sagt „à la santé!“ (prost, gesundheit!). Wenn alli weiss sind, wer wird noch so was sagen?   


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coppyrite zé do rock, coppyrong zé do rock

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