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Wird das Kapital sozial?
Ein Beitrag aus Brasilien zu Ethik und Solidarität
in den ökonomischen Beziehungen
von Armando de Melo Lisboa
Kurz nach Genua mag die Frage verwundern. Aber es gibt Phänomene in der aktuellen Entwicklung, von denen der Autor vermutet, dass sie zu einer neuen Metamorphose des Kapitalismus führen werden. Dabei spannt er den Bogen von der Reziprozität am Anfang aller Dinge über ältere Formen der Gemeinwirtschaft – für hiesige Verhältnisse wäre noch die Zeit der alternativen Betriebe hinzuzufügen – bis zur jüngsten Diskussion in Brasilien über eine solidarische Wirtschaft. Und leuchtet die Widersprüchlichkeit von ethischen Marktsegmenten und Geldanlagen, von neuer sozialer Verantwortlichkeit der Privatwirtschaft und Sozialwirtschaft aus: Er sieht in ihnen Anpassungen an den neoliberalen Kapitalismus und Bruchstellen
im Dogma der vollkommenen Konkurrenz.
Unter dem Stichwort „Dritter Sektor“ wird in jüngerer Zeit versucht, Aktivitäten und Organisationen, bei und in denen die StaatsbürgerInnen (jene, die gemeint sind, wenn es heißt „Alle Macht geht vom Volke aus“) die Hauptrolle spielen, zusammenzufassen. Dieses dritte System wird abgegrenzt von der Macht des Herrschers, dem Staat, und der Macht des Händlers, dem Markt. In Lateinamerika wird zumeist von den „Organisationen der Zivilgesellschaft“ gesprochen und darunter alles gefasst, was weder zum Staat noch zum Markt gehört; in den USA eher von
Non-Profit-Organisationen.
Der Dritte Sektor ist extrem heterogen und voller Widersprüche. Er umfasst traditionelle Formen der freiwilligen Vereinigung wie die gegenseitige Hilfe, Genossenschaften, die Gemeinwirtschaft, philanthropische Stiftungen der Privatunternehmen ebenso wie die neueren Formen der NRO und BürgerInnenvereine; und er ist nicht sauber abgegrenzt gegenüber Staat und Markt. Auch sind in diesem dritten System Zivilgesellschaft, Staat und Markt nicht rigide voneinander getrennt. Besonders interessant scheinen die Zusammenhänge zwischen der Privat- und der Gemeinwirtschaft.
Ethik und Geschäfte
Wir erleben zur Zeit einen Boom philanthropischer Einrichtungen und NRO, die sich zunehmend vernetzen. So gibt es in Brasilien seit 1991 ABONG, den Verband der NRO, und seit 1995 die GIFE, eine Gruppe von Instituten, Stiftungen und Unternehmen, und CIVES, den „Brasilianischen Unternehmerverband für die Bürgerschaft“. Zur Wiederentdeckung (Wieder? – d. Säz.) des Sozialen in Unternehmerkreisen gehören auch die florierenden Initiativen für Verhaltenskodizes und Sozialstandards. In Brasilien legen immer mehr Firmen Sozialbilanzen vor, in denen sie ihr soziales Engagement für ihre Angestellten und die Gemeinde, in der sie angesiedelt sind, dokumentieren. Die neuen hochgradig professionellen Einrichtungen und Aktivitäten haben ein ganz anderes Profil als die militanten sozialen Organisationen der 70er und 80er Jahre. Angesichts des Niedergangs der traditionellen Organisations- und Beteiligungsformen Parteien und Gewerkschaften bekommt der neue Boom zunehmende Bedeutung.
Ganz so neu sind derlei Initiativen allerdings nicht. Die Nobel-Stiftung in Schweden, die Carnegie- und Rockefeller-Stiftung in den USA wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Volkswagen- und Agnelli-Stiftung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Neu sind die Bemühungen, über die Mildtätigkeit hinaus die Solidarität mit der Gemeinde mit der Rationalität des Kapitals zu verbinden. Und was motiviert das Privatkapital zu solchem Tun? Steuererleichterungen spielen eine wichtige Rolle. Als David Packard, der Haupteigner von Hewlett-Packard, 1996 starb, hinterließ er seiner Stiftung 7,2 Milliarden US-Dollar, die sich damit an die Spitze der US-Stiftungen setzte.
Das jährliche Spendenvolumen für NRO wird in den USA auf 100 Milliarden Dollar geschätzt. Hinzu kommen 176 Milliarden Dollar, die für die Valorisierung ehrenamtlicher Tätigkeiten veranschlagt werden. Zum Vergleich: Die größte philanthropische Einrichtung Brasiliens, die Bradesco-Stiftung, hat ein Vermögen von 700 Millionen Dollar. In ihrem größten Projekt unterstützt sie 36 Schulen mit 97 000 SchülerInnen. Ersten Schätzungen zufolge sind im Dritten Sektor Brasiliens 1,4 Millionen Menschen engagiert – doppelt so viele wie im Staatsapparat.
Als Teil der Welle „Ethik und Geschäfte“ erfreuen sich auch die ethischen Fonds zunehmender Beliebtheit. Die Calvert Group verwaltete z.B. 1995 über eine Milliarde Dollar an sozial verantwortlichen Fonds. Verglichen mit anderen Sektoren des Finanzkapitals sind das freilich bescheidene Summen. Im selben Jahr hielten z.B. die Aktienfonds ein Vermögen von drei Billionen Dollar.
Wichtiger als eine quantitative Betrachtung ist aber die Frage, ob es in diesem konfusen Dritten Sektor eine neue Logik gibt, ob – wie einige AutorInnen meinen – die „globale assoziative Revolution“ tatsächlich so bedeutend ist wie die Verallgemeinerung des Nationalstaates im 19. Jahrhundert. Oder wird es dem Dritten Sektor so ergehen wie den Renten- und Pensionsfonds, die theoretisch den ArbeiterInnen gehören, und dem Genossenschaftswesen, das in Deutschland z.B. 10,7 Millionen Mitglieder und KundInnen zählt? Beides hat mit gegenseitiger Hilfe angefangen und ist längst von der kapitalistischen Logik absorbiert und unfähig geworden, gesellschaftliche Veränderungen zu fördern.
Während es in Brasilien keine philanthropische Tradition des Kapitals gibt – unter anderem, weil es keine nennenswerte Erbschaftssteuer gibt und weil die neokolonial eingebundene Industrie kein Interesse an der Förderung von Wissenschaft und Technik hat –, verhält es sich mit der kommunitaristischen Ideologie, die Hand in Hand mit dem Aufblühen des Dritten Sektors geht, gerade umgekehrt. Rifkin und andere rufen unaufhörlich danach, die Gemeinde und die Gemeinwirtschaft wieder zu beleben, aber bei uns in Lateinamerika und überhaupt im Süden sind die traditionellen Formen der sozialen Solidarität auf der Grundlage von Verwandtschaft und Gemeinde immer lebendig geblieben.
In den letzten 10 Jahren haben z.B. alleine in Rio die synkretistischen Religionsgemeinschaften im Durchschnitt alle drei Tage ein neues religiöses Zentrum organisiert; und die evangelischen Kirchen haben 1992 in derselben Stadt jede Woche sechs neue Kirchen eröffnet. Zu jeder Gottesdienststätte gehört mindestens ein soziales Projekt und diese und andere formalisierte Initiativen der Zivilgesellschaft sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Dritte Sektor ist also auch der Ausdruck einer alten Kultur der Solidarität, die der herrschende ökonomistische Modernisierungs-Diskurs bis vor kurzem verdeckt hat. Bei der Betrachtung des neuen Dritten Sektors sollten wir nie vergessen, dass es kein soziales Leben ohne Normen des Vertrauens und der Reziprozität gibt. Die Gabe, das Geschenk als Urform der sozialen Bindung war historisch der Erste Sektor, der lange Zeit vor dem Markt, den Privatunternehmen und dem Staat entstand. Aber die Kräfte in unseren Gemeinden im afro-indigenen Lateinamerika wurden in den Entwicklungsplänen nie berücksichtigt. Unsere Eliten haben ein Entwicklungsmodell übernommen, das unsere Traditionen entwertet hat. Manche reden von „Ökonomizid“ und meinen damit den Ersatz der traditionellen Strukturen der Reziprozität durch die westlichen Strukturen des Marktes.
Allianzen und Netzwerke
Die Wiederentdeckung des Ethischen durch das Kapital macht neue Allianzen möglich. Im neoliberalen Kontext, in dem sich der Staat aus dem sozialen Bereich zurückzieht, aus universalen sozialen Rechten kompensatorische Beiträge macht, entstehen Allianzen, die sich der öffentlichen Sache annehmen. Ein Beispiel dafür waren in Brasilien die 4 Millionen US-Dollar, welche der Unternehmerverband der Pharmaindustrie für das Programm der Gemeinde-GesundheitspromotorInnen spendete. Wegen der Militärdiktatur war in Brasilien der Konflikt zwischen der Privatwirtschaft und den sozialen Organisationen zugespitzt. Aber seither ist in immer neuen Kampagnen eine Diskussions- und Handlungsebene zwischen den sozialen AktivistInnen und den UnternehmerInnen entstanden. So folgte auf die „Bewegung für Ethik in der Politik“, die den Präsidenten Color de Mello stürzte, die „Aktion der BürgerInnenschaft gegen das Elend und für das Leben“, besser bekannt als „Kampagne von Betinho“. Und auf deren Erfahrungen haben wiederum die „BürgerInnen-Aktion“, der „Nationale Rat für Ernährungssicherung“ und der „Rat für Gemeinde-Solidarität“ aufgebaut, heute die wichtigsten Plattformen für Allianzen zwischen dem Staat, der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft.
Die Medaille hat freilich eine Kehrseite: Solche Bündnisse sind funktional für die neoliberale Politik, mit der der Staat sich aus seiner sozialen Verantwortung stiehlt. Der pseudo-entpolitisierte Diskurs der in den 90er Jahren entstandenen NRO, mit dem sie ihre ideologische Integration in das neoliberale Projekt verschleiern, ist besorgniserregend. Auf der anderen Seite ist es positiv, wenn die manichäischen Visionen allmählich überwunden werden und wir aus dem falschen Dilemma zwischen Sozialreform und Revolution herauskommen. Damit sind natürlich noch längst nicht alle Konflikte gelöst. Der Kapitalismus hat seiner Dynamik der Ausplünderung und Entfremdung beileibe nicht abgeschworen. Aber gerade deshalb gibt es eine Krise des mechanischen Weltbildes und ein wachsendes Bewusstsein davon, dass wir in einer schwerwiegenden Krise der Zivilisation stecken. Zu diesem Bewusstsein gehört auch die Einsicht, dass es nicht genügt, alles zu privatisieren oder alles zu verstaatlichen, sondern dass es um eine neue Artikulation zwischen Staat, Privatunternehmen und Zivilgesellschaft geht, um Unternehmungen, die privat sind, aber einem öffentlichen Zweck dienen, und öffentlich, ohne staatlich zu sein. Der neoliberale Minimalstaat, der in perverser Weise soziale Verantwortung ablehnt, aber militaristisch bleibt, atomisiert die Gesellschaft. Aber die dringend notwendige Auseinandersetzung mit diesem System kann nicht auf einer schlichten Rückkehr zur Verstaatlichung und zur staatlichen Regulierung basieren. Die notwendige soziale Regulierung wird nicht mehr über den Staat vermittelt sein, sondern in Händen dezentralisierter Organisationen der Zivilgesellschaft liegen.
Der Auszug aus der Welt ohne Moral, die nur die Ethik der Nützlichkeit kennt, der Abschied vom homo economicus und von den neo-klassischen Hypothesen der vollkommenen Konkurrenz hat begonnen. Der Frankenstein einer Unternehmenskultur, die nur die Logik der schnellstmöglichen Gewinnmaximierung kennt, gerät ins Wanken. Es fängt an sich herumzusprechen, dass die Wirtschaftswissenschaften den Markt nicht beschreiben, sondern ihn vorschreiben. Symptome dieses Wandels sind der Wirtschaftsnobelpreis 1998 für Amartya Sen, das Konzept der menschlichen Entwicklung, der alternative Handel, das „ethische Geld“, die Tauschbörsen und die Diskussion über eine „solidarische Wirtschaft“, die in Brasilien begonnen hat.
Man mag darüber streiten, ob es sich bei diesen Phänomenen um die Suche der UnternehmerInnen nach ihren verlorenen Seelen handelt oder um schlichte pragmatische Reaktionen auf die Bedrohung, die von der Welt der „misérables“ ausgeht. Einige Gründe, weshalb die Privatwirtschaft die Ethik wieder entdeckt, lassen sich aber analysieren.Die schlichten steuerlichen Gründe für die Schaffung philanthropischer Stiftungen wurden schon genannt.
Man muss auch sehen, dass solche Generosität inmitten eines abscheulichen Wirtschaftskrieges zwischen den Konzernen geschieht. Machen wir uns keine Illusionen: Es geht nicht um selbstlose Solidarität, sondern um die instrumentelle Vorstellung, dass Ethik ein gutes Geschäft ist. Die Verwandlung der Ethik in ein Vehikel des Unternehmenserfolges ist weit entfernt vom kategorischen Imperativ Kants, für den eine selbstsüchtige Solidarität keinerlei moralischen Wert hat, aber sie ist auch nicht nur leere Phrase. In der Welt der UnternehmerInnen ist eben nur eine fragmentierte und instrumentelle Solidarität möglich. Kein großer Konzern kann heutzutage einfach nur Produkte verkaufen. Er muß seine Beziehungen zur Öffentlichkeit managen. Einer Marke ein ethisches Image zu geben, ist im modernen Wettbewerb ein strategisches Muss. In der globalisierten Welt verschafft die Glaubwürdigkeit einen Wettbewerbsvorteil. Eine Untersuchung in den USA hat 1999 ergeben, dass 75 Prozent der KonsumentInnen Marken und Produkte bevorzugen, die mit irgendeinem sozialen Projekt verbunden sind. Das KonsumentInnen-Bewusstsein macht nicht nur aus alternativen Märkten lukrative Marktsegmente der Konzerne, sondern bedroht ihre Geschäfte auch, wie z.B. im Falle genmanipulierter Lebensmittel.
Je transnationaler die Unternehmen werden, desto mehr sind sie auf solide soziale Bindungen zu ihrem Umfeld angewiesen. Zur Gemeinde zu gehören sichert Legitimität und Identität einer Firma. Mit sozialen Investitionen vor Ort durchbrechen die UnternehmerInnen die Isolierung, in die sie durch reines Gewinnstreben geraten sind.
Solche solidarischen Aktivitäten der Unternehmen motivieren auch ihre Angestellten. Auch in diesem Fall ist das Interesse instrumentell, aber um nach außen glaubwürdig zu sein, muss im Innern eben doch ein gewisses Maß an Mitbestimmung stattfinden. Mehr noch: Nur mit einem Management der Partizipation wird die notwendige Arbeitsleistung erzielt, um in puncto Flexibilität und Qualität mithalten zu können.
Schließlich hat schon Keynes gezeigt, dass die Kapitalisten großzügig werden, wenn sie merken, dass das Elend auch für die Reichen schlecht ist. So hat die wachsende Gewalttätigkeit – direkte Folge der extremen Warenwirtschaft, die das Geld zum Maß aller Dinge gemacht und die menschliche Person entwertet hat – in Lateinamerika längst angefangen, das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Gewalt und Kriminalität, die sich mit der Strukturanpassung und dem wachsenden sozialen Ausschluss in deren Gefolge verschärft haben, stören das wirtschaftliche Leben, denn sie vernichten Sach- und „Humankapital“ und erodieren die sozialen Ressourcen zur Bekämpfung der Gewalt.
Zwischenbilanz
In einer sozialen Situation wie der brasilianischen hat jede humanitäre Initiative Wert. Trotz ihres kompensatorischen Charakters und obwohl solche Initiativen ganz klar nicht ausreichen, den sozialen Ausschluss zu bekämpfen, haben sie ihre Meriten. Die Betinho-Kampagne hat die Linke dazu gezwungen, sich mit allen Arten von Sozialarbeit neu auseinanderzusetzen. Lula (mehrfacher Präsidentschaftskandidat der Arbeiterpartei PT – die Red.) hat es auf den Punkt gebracht: „Der Kampf gegen den Hunger ist für jene Assistentialismus, die zu essen haben. Für jene, die nichts zu essen haben, ist er vordringlich. Um den Hunger zu bekämpfen, kann man nicht auf die strukturellen Veränderungen warten.“ Wir kommen aus der falschen Alternative der Intellektuellen „einen Fisch geben“ oder „Fischen lehren“ raus. Es reicht weder das eine noch das andere: Jetzt geht es darum, Angelhaken zu kaufen und mit Kleinkreditprogrammen und solidarischer Wirtschaft auf Gemeinde-Ebene wirtschaftliches Empowerment zu betreiben.
Aber das reicht nicht. Die große Herausforderung besteht heute darin, den Dualismus zwischen dem Sozialen und dem Wirtschaftlichen zu überwinden: „Man kann nicht auf der wirtschaftlichen Seite Arbeitslosigkeit erzeugen und auf der sozialen Seite Arbeitsplätze schaffen“ (Betinho). Die langfristige Logik des Sozialen muss mit der kurzfristigen Logik des Wirtschaftlichen ausgesöhnt werden. Um die phantastischen Reichtümer, die mit wenig Kapital und Arbeit produziert werden, besser zu verteilen, brauchen wir neue soziale Strukturen. Neue Formeln, in denen die BürgerInnen-Unternehmen und das ethische Kapital wichtig, aber nicht ausreichende Komponenten sind. Die Sackgassen, in denen wir stecken, sind gewaltig. Um aus ihnen rauszukommen, braucht es alternative Wirtschaftsformen und den Bruch mit der Hegemonie der Wirtschaft über das gesamte soziale Leben. Die Wirtschaft ist unfähig, sich selber zu überwinden. Der globalisierte Kasino-Kapitalismus, der in das schwarze Loch des Cyberspace abwärts rotiert und keinerlei Verständnis von der realen Welt hat, droht die ganze Gesellschaft zu verschlingen. Es geht also darum, die Wirtschaft der Gesellschaft unterzuordnen, sie wieder zum Instrument der eigentlichen menschlichen Lebenszwecke zu machen.
Die Abtrennung der Wirtschaft von der Moral geschah mit einem philosophischen Konstrukt, das kurzerhand den Reichtum zur moralischen Kategorie erklärte. Die neue soziale Verantwortlichkeit der Unternehmen und die Anerkennung der Sozialwirtschaft weisen auf einen Bruch mit dieser Philosophie der Gewinn-Logik und der Optimierung des individuellen Nutzens hin. Mit dem positiven Hinweis auf die existierenden wirtschaftlichen Alternativen schwören wir dem unvermeidlichen Kampf für eine gerechte Gesellschaft nicht ab, der an die Wurzeln der Ungerechtigkeit geht und die Strukturen und die Logik korrigiert, die Ungleichheit erzeugen. Wenn wir das nicht tun, bleiben wir gefangen in der Falle, in der die Reichen den Armen, die sie zuvor in die Armut getrieben haben, ewig mit Brosamen von ihren Tischen helfen.
Zunächst aber helfen uns die gegenwärtigen Veränderungen, die Zwangsjacke zu sprengen, mit der uns eine bipolare Sicht der Dinge (Gleichheit vs. Freiheit, Linke vs. Rechte, Zusammenarbeit vs. Konkurrenz, Gut vs. Böse) aufgezwungen wurde. Unsere Zivilisation ist so schizophren, dass sie die fruchtbare Triade der Französischen Revolution auf einen Antagonismus zwischen Gerechtigkeit und Freiheit reduziert hat und dabei die Geschwisterlichkeit der privaten Mildtätigkeit von Kirche und Frauen überlassen hat.
Historisch wurde die erste Generation der Menschenrechte, die politischen und staatsbürgerlichen Freiheiten, mit den Rechten des bourgeoisen Individuums verwechselt. Das System Markt hat sich ihrer bemächtigt und sie auf Effizienz, Konkurrenz und Reichtum reduziert. Die zweite Generation der Menschenrechte, die um die Gleichheit kreist und vor allem im 20. Jahrhundert vorangetrieben wurde, wurde auf das System Staat projiziert. Mit dem Aufkommen des Dritten Systems beginnt die Solidarität zum ersten Mal sich zu institutionalisieren, was mit der dritten Generation der Menschenrechte, den diffusen Menschenrechten wie Lebensqualität, Solidarität mit den künftigen Generationen, zusammenfällt. Damit tritt die Solidarität aus dem rein zwischenmenschlichen Bereich heraus und wird politisch zu einer neuen Rationalität, die mit der dummen Dichotomie zwischen Gleichheit und Freiheit bricht. Aber im Augenblick ist die Solidarität eine umstrittene Fahne und es besteht die Gefahr, dass es bei Absichtserklärungen bleibt und wir eine Gesellschaft mit Freiheit für wenige, wachsender Ungleichheit und einem großen Solidaritäts-Theater bekommen.
Die Versuche der letzten beiden Jahrhunderte, eine Gesellschaft ausschließlich auf das Prinzip Gerechtigkeit oder auf das Prinzip Freiheit zu bauen, sind gescheitert: „Freiheit ohne Sozialismus ist ein Privileg, ist Ungerechtigkeit. Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei, Brutalität“ (Bakunin). An uns Völkern in der Peripherie, die wir keine französische Revolution gehabt haben, sondern eine bloße Imitation der industriellen Revolution, ist es, aus dieser Geschichte zu lernen.
Der Beitrag, der unter dem Titel „Empresa ciudadana: nueva metamorfosis del capital“ in der Zeitschrift Pasos, Nr. 92, Nov./Dez. 2000 erschienen ist, wurde übersetzt und bearbeitet von Eduard Fritsch.
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