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aus Geld ... / ila 248

Wenn die Lichter ausgehen
Privatisierung und die Kultur des Stromausfalls in Brasilien
von Ingo Melchers

Seit einigen Monaten herrscht in Brasilien eine schwere Energiekrise, genauer gesagt der elektrische Strom wird knapp. Stromabschaltungen im großen Stil wurden angekündigt oder bereits praktiziert. Betroffen davon sind nicht nur private Haushalte, sondern auch Unternehmen und Freizeiteinrichtungen wie Kinos, Diskotheken, Kneipen etc. Der Wasserstand der Stauseen, die 90 Prozent der Elektrizität Brasiliens liefern, ist auf seinem historischen Tiefststand. Also ein Naturphänomen? Mitnichten! Vielmehr das Ergebnis einer chaotischen Privatisierungspolitik. Im folgenden Beitrag schildert unser ehemaliges Redaktionsmitglied Ingo Melchers die Hintergründe der Stromknappheit und seine ganz persönlichen Erfahrungen damit im nordostbrasilianischen Recife.

Wie viel Strom hast du im letzten Monat verbraucht? Keine Ahnung, hätte ich noch vor wenigen Monaten gesagt und dabei sogar unvorsichtig gedacht, dass schon die Frage nicht zu den wichtigen gehört. Seit aber die brasilianische Regierung den „apagão“, den Stromausfall, für die nahe Zukunft angekündigt hat und strenge Sparmaßnahmen für die gesamte Bevölkerung dekretierte, bin ich wieder ein Stück klüger. Wem es nicht gelingt 20 Prozent des ermittelten durchschnittlichen Stromverbrauchs einzusparen, dem wird für drei Tage der Strom abgestellt. Für Wiederholungstäter sechs Tage usw. Wer gegebenenfalls früher schon gespart hat oder sich Strom verbrauchende Geräte nicht leisten konnte, muss das Fernsehgerät ausstöpseln oder doch besser den Kühlschrank abschalten. Mehr gibt es – außer zwei oder drei Glühbirnen – in Millionen brasilianischer Haushalte nicht.

Wer glaubt, dass das verwaltungsmäßig doch gar nicht zu bewältigen sei, wird sich vielleicht irren. Auf Wohnungsebene zig-millionenfach kontrollieren und gegebenenfalls abstellen? Unmöglich! Vorsicht, in Brasilien ist das vielleicht anders. Die ökonomischen Lehrbücher sagten, dass eine monatliche Inflation von über 20 Prozent nicht mehr verwaltbar sei, das Land unabweisbar ins Chaos abgleiten wird. Tja, Brasilien hat lange Zeit mit bis zu 50 Prozent Inflation pro Monat gelebt. Nicht gut und gerecht schon gar nicht; aber kein Chaos, jedenfalls nicht wesentlich über das übliche Maß hinaus. Also, das mit der Stromrationierung kriegen die wahrscheinlich hin, also besser ernst nehmen, wenn das pernambukanische Stromversorgungsunternehmen CELPE sagt, ich dürfte nur noch 77 Kilowattstunden (kWh) im Monat verbrauchen. Alle lachen, denn alle wissen – außer mir –, dass ein Kühlschrank bereits 90 kWh verbraucht. Also muss ich hin zur CELPE und ein höheres Limit beantragen, Antragsfrist verstreicht in drei Tagen, in der Avenida João de Barros. Der Apagão ist Alltagswissen. Dem Apagão entkommt keiner. Wenn in einer Runde von acht Leuten jemand sagt, dass er gerade vergessen hätte, was er sagen wollte, werden sechs an den Apagão denken und mindestens zwei werden es aussprechen, während die anderen gnädig lächeln über den ausgetretenen Witz. Wer Geburtstag hat, bekommt einen Survival-Kit für den Apagão: Eine Kühlbox mit ein paar Dosen Bier, ein paar Kerzen, Feuerzeug sowie eine Nadel und ein Foto des Präsidenten Fernando Henrique Cardoso. Nein, der Präsident ist nicht beliebt zur Zeit. Überhaupt nicht. Er hat im Fernsehen gesagt, dass er nicht gewusst habe, wie ernst die Lage sei. Seitdem haben etliche Energie-Experten bewiesen, dass es an Warnungen, Berichten und Empfehlungen durchaus nicht gemangelt hat. Was ist geschehen?

Privatisierung, modern

Ähnlich wie die kalifornischen „rolling blackouts“ von Januar bis März 2001, die Schäden in Höhe von 1,7 Milliarden US-Dollar pro Woche verursachten, lässt sich der brasilianische Apagão auf ein irrationales Privatisierungsmodell zurückführen. Im US-Sonnenstaat Kalifornien verkauften 1996 die Großversorger den Großteil ihrer Kraftwerke an private Unternehmen. Der Energiemarkt zwischen Energieerzeugern und den Versorgungsunternehmen wurde liberalisiert, während der Markt zwischen den Versorgungsunternehmen und den Endabnehmern staatlich reguliert blieb. Der Höchstpreis pro Megawattstunde (MWh) wurde für die KonsumentInnen auf 54 Dollar festgelegt, um die Akzeptanz für die Privatisierung zu erhöhen. Die Energieerzeuger hatten jedoch keinerlei Interesse, den absehbaren Mehrbedarf an Strom durch den Aufbau neuer Kapazitäten zu decken, da dadurch der Erzeugerpreis fallen würde bzw. Preis- und Extraprofiterhöhungen durch die Verknappung nicht verwirklicht werden könnten. Als dann der Strom erwartungsgemäß im Sommer 2000 knapper wurde und die Versorgungsunternehmen schon bis 200 US-Dollar an die Erzeuger zahlten, lag der Konsumentenpreis immer noch bei 54 Dollar pro MWh. Wie üblich sprang dann der Staat ein und zahlte den oligopolistisch organisierten Energieerzeugern, als ganze Regionen jeweils für anderthalb Stunden pro Tag ohne Strom blieben, bis zu 400 Dollar pro MWh. Die Versorgungsunternehmen waren zu diesem Zeitpunkt schon faktisch zahlungsunfähig.

Das noch deutlich unzivilisiertere Privatisierungsmodell in Brasilien weist einige Unterschiede zum kalifornischen Ideologievater auf. Denn hier wurden zunächst die Versorgungsunternehmen an französische, spanische, US-amerikanische, chilenische, belgische u.a. Firmen verkauft, während die Energieerzeugung im Wesentlichen in der Hand staatlicher Unternehmen blieb. Cesar Benjamim, Autor des linksnationalistischen Projektes „Opção brasileira“ und bekannter Kritiker der brasilianischen Auslandsverschuldung, vergleicht: Das (staatliche) französische Versorgungsunternehmen EDF kauft von dem brasilianischen Energieerzeuger für 23 Dollar pro MWh Strom und gibt ihn für 120 Dollar an die KonsumentInnen weiter, während das gleiche Unternehmen in Frankreich selbst für den viel teureren Atomstrom lediglich 75 Dollar von den KonsumentInnen verlangt. Staatliche Entwicklungsbanken fördern die Privatisierung mit Krediten, während den gleichen Banken Kredite für den – absehbar notwendigen und vielfach angemahnten – Ausbau der Energieerzeugungskapazitäten durch die noch überwiegend staatlichen Energieerzeuger per Dekret explizit verboten sind. Die Privatisierungen wurden nicht an eine Erhöhung der Energieerzeugungskapaziäten gekoppelt. Gleichzeitig erhöhte sich der KonsumentInnenpreis von 1990 bis 2000 von 90 Reales auf 140 Reales pro MWh. So macht die Privatisierung natürlich Spaß.

Hoffnungsträger Präsidentenwette

Es kam, wie in der Tat viele Experten es angekündigt hatten: Die Energie wird knapp, die Menschen müssen sparen. Das brasilianische Energiesystem, weil es zu ca. 90 Prozent auf den Wasserspeichern der Stauseen beruht, erlaubt eine jahrelange Planung und Pufferphase für den Ausbau der Kapazitäten, wenn die Voraussagen einen erhöhten Strombedarf ankündigen. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds musste es jedoch (teil-)privatisiert werden, um mehr Wettbewerb zu ermöglichen, was ja bekanntlich die Preise zu Gunsten der Verbraucher nach unten drücken muss. Aufgrund des kollektiven Nichtstuns privater und staatlicher Träger sind inzwischen die Stauseen auf ein historisches Niedrigstniveau gesunken und der Präsident wettet, wie in seiner Wechselkurspolitik. Dieses Mal setzt er darauf, dass es in diesem Jahr früher und mehr regnet als im Durchschnitt. Das hat im letzten Jahr geklappt. Sonst wäre der Apagão schon im Jahr 2000 erfolgt, wie es einige Energieexperten vorausgesagt hatten.

Obwohl Energiesparen natürlich immer gut und richtig ist, zeigt der internationale Vergleich, dass Brasilien mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 2000 kWh pro Jahr (s. Tabelle) nicht gerade zu den Energieverschwendern gehört. Und noch bevor das Licht ganz ausgeht, sparen die BrasilianerInnen emsig – wie, weiß ich nicht. In Pernambuco, wo gegenüber dem Landesdurchschnitt noch deutlich weniger Strom verbraucht wird, wurden in den Monaten Mai und Juni 23 Prozent gespart gegenüber den Vormonaten. In vielen Hochhäusern wird täglich kontrolliert und die Bewohner kommen abends nach Hause und fragen bang den Hauswart, wie viel es denn an diesem Tag waren. Sieben kWh. So viel? Das kann doch gar nicht wahr sein, ich hab doch die Klimaanlage schon abgeschaltet. Das sind die, die Strom haben. In Brasilien überstehen allerdings ca. 20 Millionen Menschen zumindest diese Krise relativ unberührt, denn sie hatten noch nie Strom im Haus. Aber alle kritische Analyse nützt nichts. Ich muss morgen zur CELPE und ein höheres Limit beantragen. Und Aufzug ist nicht mehr, den hat die Mietergemeinschaft schon abgestellt. Aus eigenem Antrieb, aus Verantwortung und so.

 Zusätzlich gibt die CELPE Broschüren mit hilfreichen Tips heraus: Der Kühlschrank solle nicht ohne Bedarf geöffnet werden. Wenn schon warm geduscht werden muss (was ja laut CELPE angesichts der warmen Temperaturen im Nordosten Brasiliens nicht notwendig sei), dann bitte beim Einseifen das Wasser abstellen. Und Unterwäsche sollte besser nicht mehr gebügelt werden. Was mich ebenfalls unmittelbar überzeugte war die Anregung, das Fernsehgerät abzustellen, wenn es nicht genutzt wird. Und auch ich werde meinen Teil beitragen. Ich verspreche, die heiße Dusche ist ab sofort out. Brasilien steht weltweit an 82. Stelle, was den Energieverbrauch angeht. Wenn wir uns alle gemeinsam anstrengen, schaffen wir es, bis zum 100. Platz vorzurücken. Und wenn im September bis November regelmäßig oder nicht der Strom ausfällt, hab ich noch meinen Survival Kit, weil ich noch rechtzeitig Geburtstag hatte.

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