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aus Bibliotheken / ila 249

Großer Bedarf, kleine Etats
Bibliotheken in Mexico, Kolumbien, Bolivien und Cuba
von Brigitte Döllgast

Der Kauf von Büchern ist für viele LateinamerikanerInnen heute ein kaum noch erschwinglicher Luxus. Gleichzeitig ist der Bedarf an Büchern enorm, sei es zu Ausbildungszwecken (v.a. SchülerInnen und StudentInnen), für die Forschung und berufliche Projekte und auch einfach aus Liebe zum Lesen und zur Literatur. Daher kommt Bibliotheken eine wichtige Bedeutung zu. In den letzten beiden Jahrzehnten, in denen vielerorts die Mittelschichten verarmt sind und sich deswegen keine eigenen Bücher mehr leisten können, wurden oft auch die Etats der Bibliotheken massiv gekürzt. Viele – vor allem öffentliche – Bibliotheken haben kaum noch Mittel für den Buchankauf. Doch es gibt auch Ausnahmen, etwa Einrichtungen, die von lokalen (z.B. Banken) oder ausländischen (z.B. Einrichtungen der auswärtigen Kulturpolitik) Sponsoren unterstützt werden. Brigitte Döllgast, ehemalige Leiterin der Bibliothek des Goethe-Insituts in Mexico-Stadt, gibt im folgenden Beitrag einen Überblick über die – sehr unterschiedlichen – Situationen der Bibliotheken in Bolivien, Kolumbien, Mexico und Cuba.

Bolivien ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas – mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, das Analphabetentum wird offiziell mit 20 Prozent angegeben. Die miserable wirtschaftliche Situation schlägt sich in einem schwach entwickelten Bibliothekswesen nieder: Kein Geld, keine Investitionen, keine Infrastruktur. 

Die prekäre finanzielle Situation des Landes spiegelt sich vor allem auch im Bereich der Öffentlichen Bibliotheken wider. Sowohl das System der Öffentlichen Bibliotheken (Hauptstelle und 14 Filialen, gegr. 1870) in La Paz als auch die Banco del Libro (gegr. 1970), die ein landesweites System von ca. 200 – z.T. winzigen – Bibliotheken unterhält, die als Ersatz für Schulbibliotheken dienen, haben seit Jahren keinerlei Etat für Buchankauf. Einzig der Unterhalt der Gebäude und die Gehälter der MitarbeiterInnen werden von der Stadt La Paz bzw. dem Staat übernommen. Bestandsaufbau besteht im Einwerben von Schenkungen.

Im Jahre 1938 wurden in den neun Bundesländern Boliviens Staatsbibliotheken ins Leben gerufen. Doch schon damals gab es keine finanziellen Mittel für die Ausstattung mit Büchern. Stattdessen wurden gleichzeitig mit dem Gründungserlass für die Bibliotheken die BürgerInnen auf eine Buchspende verpflichtet.

Noch heute erhalten die Bibliotheken vom Ausland mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit als von den PolitikerInnen des eigenen Landes. Nur massive Bürgerproteste konnten die Schließung der 14 Filialen der Stadtbibliothek La Paz verhindern und als 1999 die Banco del Libro geschlossen werden sollte, waren die Behörden erst nach einem Hungerstreik der MitarbeiterInnen bereit, diesen Entschluss nochmals zu überdenken.

Auch im universitären Bereich ist die Lage der Bibliotheken nicht gerade rosig. Die größte staatliche Uni in La Paz (Universidad Mayor de San Andrés) präsentiert zwar stolz, dass zumindest der Bereich der Ingenieurwissenschaften über eine „virtuelle Bibliothek“ verfügt, doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dies lediglich als ein Online-Katalog für einen Teil der Bestände.

Besser sieht es bei den Institutionen aus, die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland beziehen, beispielsweise dem Archiv der Gewerkschaft der Kupferminenarbeiter, verschiedenen Archiven für die Kultur und Sprache der Indígenas oder bei dem von der Weltbank unterstützten Archiv der bolivianischen Zollbehörden. Eine Ausbildung zur/m BibliothekarIn gibt es in Bolivien seit 1970. Sie war lange Zeit nur in La Paz möglich, wird aber seit kurzem auch in zwei anderen Städten angeboten. Der Stand des Bibliothekswesens spiegelt sich auch darin wider, dass es seit Gründung der Fakultät in La Paz insgesamt nur 34 AbsolventInnen gab. Die Zahl der StudentInnen liegt zwar weit höher, doch viele bewerben sich im Laufe des Studiums bereits auf Stellen und brechen dann die Ausbildung ab.
Das Internet ist auch aus dem Alltag Boliviens nicht mehr wegzudenken. Doch obwohl in zahlreichen Städten Internet-Cafes zur Verfügung stehen, ist die Verfügbarkeit von PCs oder gar Internet für BenutzerInnen – und meist auch für die MitarbeiterInnen – der Bibliotheken noch ein Traum in weiter Ferne. Wenn es um Informationsaustausch geht, so geschieht dies auf herkömmliche Weise, etwa über Telefon und Fax. Auf diese Weise funktionieren die insgesamt fünf Informationsnetze für Bibliotheken in Bolivien, wobei die drei wichtigsten (Erziehungswissenschaft, Ethnologie und Soziologie) von Institutionen getragen werden, die mit Geldern aus dem Ausland finanziert werden.

Kolumbien

Extremer noch als andere Länder Lateinamerikas trägt Kolumbien zwei Gesichter: auf der einen Seite Negativ-Schlagzeilen, Bedrohung und Angst und auf der anderen Seite das tägliche Leben einer modernen Großstadt wie Bogotá, in der man gerade ein neues Mittel propagiert, um dem Verkehrschaos Herr zu werden: Fahrradwege. Auch der Umstand, dass an allen Sonn- und Feiertagen die Mittelstreifen der großen Straßen für Autos gesperrt und für Fahrräder, Fußgänger und Roller-Skates freigegeben werden, passt nicht so recht in das Bild, das man von Kolumbien hat. In Erstaunen setzt vermutlich ebenfalls, dass Bogotá die Bibliothek mit der (nach eigenen Angaben) weltweit zweithöchsten Zahl an täglichen BesucherInnen hat (ca. 10 000). Die Anfänge der Biblioteca Luis Angel Arango (www.banrep.gov.co/blaa) gehen zurück auf eine kleine Sammlung an offiziellen Verlautbarungen und eine Hand voll Ökonomiebücher, die 1923 von der Zentralbank Kolumbiens in einer Bibliothek zusammengestellt wurden. Ab 1944 kaufte die Zentralbank einige Privatsammlungen dazu und machte das Ganze der Öffentlichkeit zugänglich. Ihren Aufschwung nahm die Bibliothek, als ihr damaliger Direktor Luis Angel Arango einen Neubau plante, der 1958 eingeweiht wurde und 1965 bereits erweitert werden musste. 

Heute zählt die Bibliothek ca. 1 Million Bände, 40 000 Neuzugänge pro Jahr, 15 000 Periodika, eine Sammlung an historischen Drucken, CDs, Videos, Noten, eine Kartothek und anderes mehr. In der Bibliothek gibt es fünf Lesesäle. Die BenutzerInnen können – kostenlos – an einem der 120 Online-Kataloge bis zu drei Büchern in einen der Lesesäle bestellen. Von Bestellung bis Auslieferung der Bücher vergehen etwa 15 Minuten. Den BenutzerInnen stehen insgesamt 2000 Leseplätze zur Verfügung. Ausleihe ist ebenfalls möglich. Die Jahresgebühr für Ausleihe beträgt ca. 28 DM (nur Bücher) oder 70 DM (Bücher, CDs, Videos). In einem Internet-Saal stehen zehn Internet-PCs zur kostenlosen Benutzung zur Verfügung.

Eigentlich ist es falsch, von einer Bibliothek zu sprechen, man müsste das Ganze eher ein Kulturzentrum nennen. In dem Gebäude der Bibliothek befinden sich der bedeutendste Konzertsaal Bogotás, mehrere Ausstellungsflächen, eine Cafeteria, eine Buchhandlung und Übungsräume für Musiker. Gegenüber ist ein – ebenfalls von der Bibliothek verwaltetes – Kunstmuseum untergebracht, das seit kurzem eine wichtige, von dem kolumbianischen Künstler Fernando Botero gestiftete Kunstsammlung beherbergt sowie das Münzenmuseum – einziger Hinweis, dass all dies finanziert wird von der Staatsbank. Neben der Hauptstelle in Bogotá unterhält die Biblioteca Luis Angel Arango zudem zwölf Zweigstellen im ganzen Land.

Neben der Biblioteca Luis Angel und ihren Filialen gibt es noch das Netz der Öffentlichen Bibliotheken. Diese werden von der Nationalbibliothek (http://www.bibliotecanacional.gov.co) betreut. Die Biblioteca Nacional wurde 1777 gegründet und ist damit eine der ältesten des amerikanischen Kontinents. Seit 1834 gibt es ein Pflichtabgabegesetz für in Kolumbien gedruckte Bücher. Neben ihren 680 000 Bänden beherbergt die Bibliothek 22 000 Periodika.

1934 wurden die ersten Dorfbibliotheken ins Leben gerufen und 1978 wurde das Netz der Öffentlichen Bibliotheken gegründet, das seit 1988 von der Nationalbibliothek betreut wird. In den insgesamt 32 departamentos Kolumbiens sind 22 Bezirksbibliotheken für die Koordination zuständig, daneben existieren 1092 lokale Bibliotheken in 706 Städten. Darüber hinaus sorgen 70 Bibliobusse und Bibliojeeps für die Versorgung ländlicher Gegenden. Wo diese nicht hinkommen, wird die Versorgung mit „Bücherrucksäcken“ vorgenommen. Diese „Bücherrucksäcke“ sind große, zusammenfaltbare Taschen, in die ca. 40 Bücher und Zeitschriften gesteckt werden können, die dann per pedes, Esel oder sonstigen Transportmitteln in entlegene Gegenden des Landes gebracht werden. Sie enthalten vor allem Informationen zur Landwirtschaft, Bücher für Kinder usw. Das Netz der öffentlichen Bibliotheken wird weiter ausgebaut.

Die Nationalbibliothek hat für das Netz der Öffentlichen Bibliotheken eine Vielzahl von unterstützenden Aktivitäten entwickelt, z.B. Handbücher für Leseförderung, Bibliotheksbau, Kultur-Marketing usw. Es gibt einen Rundbrief und gemeinsame Aktionen. So wird beispielsweise für den Tag des Buches, den 23. April, die Aktion „Lectura sin fin“ (Lesen ohne Ende) veranstaltet, bei der an verschiedenen Orten des Landes Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen öffentliche Lesungen aus ein und demselben Buch organisieren (1997: „Don Quijote de la Mancha“, 1998: „100 Jahre Einsamkeit“ von G. García Márquez). 

Kolumbien ist nach Brasilien, Mexico, Argentinien und Chile das Land mit der höchsten Buchproduktion in Lateinamerika. (Nach der Statistik von CERLALC (http://www.cerlalc.com/estadist/estadist.htm) Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Inoffiziell dürfte die Buchproduktion noch um einiges höher liegen, denn – und hier bricht die Realität des Landes wieder durch – auf dem Umweg der Raubkopie ist auch die Buchproduktion in Kolumbien eine beliebte Möglichkeit zum „Waschen“ von Drogengeldern.

Mexico

Mehr als 22 Millionen MexicanerInnen leben in der Hauptstadt, einer der größten Städte der Welt, geplagt von vielen sozialen und ökologischen Problemen, aber gleichzeitig eine quirlige, lebensfrohe Stadt mit einem Kulturleben, das so manche europäische Metropole erblassen ließe, mit Parks, Märkten, Museen und – Bibliotheken. In ganz Mexico gibt es ca. 9000 Bibliotheken, davon über 1000 in Mexico-Stadt. 

Besonders beachtenswert in der Landschaft des Bibliothekswesens erscheint das Centro Universitario de Investigaciones Bibliotecológicas (CUIB http://cuib.unam.mx), das bibliothekswissenschaftliche Forschungszentrum der staatlichen Universität, der Universidad Autónoma de México (UNAM) – der mit über 200 000 StudentInnen größten Uni Lateinamerikas. Das 1981 gegründete Institut hat fünf Forschungsgebiete: Grundlagenforschung der Bibliothekswissenschaft; Information und Gesellschaft; Informationssysteme; Analyse und Erschliessung von Informationsmaterial; Informationstechnologie. Es beschäftigt über 80 MitarbeiterInnen und verfügt über einen jährlichen Etat von umgerechnet ca. 4,5 Millionen DM. Unter seinem Dach befindet sich eine der wichtigsten Spezialbibliotheken zum Thema Bibliothekswissenschaft in Südamerika (13 000 Bände, 400 laufende Zeitschriften). Jährlich gibt es acht Bücher und zwei Nummern der hauseigenen Bibliothekszeitschrift heraus. Darüber hinaus organisiert CUIB jährlich eine internationale Fachkonferenz.

Das praxisorientierte Pendant zur CUIB-Konferenz ist die ebenfalls jährlich stattfindende Konferenz des Mexicanischen Bibliotheksverbandes, der Asociación Mexicana de Bibliotecarios (AMBAC http://www.ambac.org.mx). Der Verband wurde 1924 gegründet und hat ca. 600 Mitglieder, von denen ca. 25 Prozent in Mexico-Stadt arbeiten. Die Mitgliedschaft ist nicht auf BibliothekarInnen beschränkt. Der Verband gibt viermal im Jahr seine Verbandszeitschrift heraus und organisiert in Mexico-Stadt Seminare für seine Mitglieder.  AMBAC muss Hilfestellung leisten sowohl für kleine Bibliotheken, die den Analphabetismus bekämpfen, als auch für große Bibliotheken, die Unterstützung bei der Computerisierung benötigen. Entsprechend breit ist das Angebot der Themen auf der AMBAC-Konferenz, die die wichtigste formelle und informelle Informationsbörse für die Mexicanischen BibliothekarInnen darstellt und folglich viele TeilnehmerInnen – im Jahre 1999 waren es 700 – anlockt. Viele davon waren StudentInnen des Bibliothekswesens, die während der AMBAC-Konferenz täglich ab 16 Uhr, nach Ende des offiziellen Programms, ihr eigenes Forum bekommen und neue Forschungsarbeiten und -projekte vorstellen. In Mexico gibt es fünf Ausbildungsstätten für BibliothekarInnen, davon zwei in der Hauptstadt. Die Arbeitsmarktlage für die AbsolventInnen wird von den Leitern der Ausbildungsstätten als sehr gut beschrieben. Die AbsolventInnen finden Anstellungen an wissenschaftlichen Bibliotheken, in der Industrie oder an Privatschulen. Die älteste Ausbildungsstätte für Bibliothekare in Mexico ist das zur UNAM gehörende Colegio de Bibliotecología http://www.filos.unam.mx), das 1924 gegründet wurde und als einziges, und auch erst seit letztem Jahr, ein Doktorat in Bibliothekswissenschaft anbietet. Am Colegio studieren zur Zeit ca. 400 StudentInnen.

Die zweite Bibliotheksausbildungsstätte für Bibliothekare in Mexico-Stadt ist die Escuela Nacional de Bibliotecología y Archivomonía (ENBA http://www.enba.sep.gob.mx), die 1945 gegründet wurde, mit einer Fachhochschule vergleichbar ist und direkt dem Erziehungsministerium untersteht. Die ENBA ist erstaunlich gut ausgestattet. Den mehr als 700 eingeschriebenen Studenten stehen ca.150 PCs und ein gut ausgestattetes Sprachlabor zur Verfügung. Die Ausbildung gilt als weniger akademisch und eher praxisorientiert als die an der UNAM. Die ENBA bietet als einzige Ausbildungsstätte ein Fernstudium an, in das zurzeit fast 400 StudentInnen eingeschrieben sind.
Aus der Vielzahl der Bibliotheken in Mexico zunächst kurz ein Blick auf die Nationalbibliothek  http://biblional.bibliog.unam.mx/bib01.html und die Biblioteca de México http://www.cnart.mx/cnca/buena/biblioteca/index.html. Letztere wurde 1946 als Nationalbibliothek gegründet, eine Aufgabe, die sie jedoch später abgeben musste. Untergebracht in einer alten Zitadelle, an einem zentralen Platz der Stadt gelegen, ist sie heute mit täglich bis zu 6000 BesucherInnen die am stärksten besuchte Bibliothek Mexicos. Es handelt sich um eine Präsenzbibliothek mit einem Bestand von ca. 250 000 Bänden, über 1000 Zeitschriften und Zeitungen, einer Videothek und einer Blindenbibliothek. Außerdem beherbergt die Bibliothek Kinosäle, Ausstellungsflächen, eine Cafeteria und eine Buchhandlung. Durch Lage, Ausstattung und Selbstverständnis ist sie ein lebendiges, volksnahes Kulturzentrum.

Die heute auf dem Gelände der UNAM untergebrachte, aber von ihr unabhängige Nationalbibliothek – ein Bau, der sich die Nationalbibliothek Kanadas zum Vorbild genommen hat – atmet dagegen eher den Geist akademischer Gediegenheit. Auch sie ist eine Präsenzbibliothek, mit über 3,5 Millionen Bänden, die Schrift-, Film- und Tonmaterial über Mexico sammelt. Über 80% der Neuzugänge sind Pflichtexemplare (In vielen Ländern – auch in Deutschland – müssen Verlage kostenlos jeweils ein Exemplar jedes von ihnen herausgegebenen Buches bzw. einer Zeitschrift an bestimmte nationale und örtliche Bibliotheken abgeben, die ila z.B. an die Deutschen Bibliotheken in Frankfurt/M. und Leipzig und an die Bonner Universitätsbibliothek – die Red.). Gedacht ist sie als Stätte der Forschung, doch von den täglich ca. 350 BesucherInnen sind die Mehrzahl StudentInnen der UNAM. Die UNAM selbst beherbergt ebenfalls eine der wichtigsten Bibliotheken Mexicos – deren Hauptgebäude in nahezu jedem Reiseführer über Mexico abgebildet ist, da es ein berühmtes Mosaik des Mexicanischen Künstlers Juan O'Gorman trägt. Die Zentraldirektion der Bibliotheken der UNAM http://www.dgbiblio.unam.mx betreut 140 Teilbibliotheken, darunter auch den einzigen größeren Bestand deutscher Bücher außerhalb der Bibliothek des Goethe-Instituts. Der Fachbereich Germanistik der UNAM – der einzige in Mexico, mit ca. 150 StudentInnen – hat eine Bibliothek mit ca. 3000 deutschsprachigen Bänden. 

Während man sich bei dem Besuch einer Universitätsbibliothek – vor allem, wenn es sich um eine Privatuniversität handelt – in eine Welt versetzt sieht, die dem Wunschtraum von BibliothekarInnen und BenutzerInnen entspricht, bietet der Besuch einer öffentlichen Bücherei einen Blick in die rauhe mexicanische Realität. Es gibt ca. 5600 öffentliche Bibliotheken, die in der Mehrzahl allerdings sehr bescheiden ausgestattet sind. In der Regel werden sie nicht von Fachpersonal betreut, die Einweisung der MitarbeiterInnen erfolgt mit Hilfe einer Serie von Videos, in denen die wichtigsten Tätigkeiten (von der Einarbeitung bis zur Beratung) erklärt werden. Einkauf, Katalogisierung und Einarbeitung der Bücher erfolgt zentral durch die Dirección General de Bibliotecas (Generaldirektion der öffentlichen Bibliotheken http://www.cnart.mx/cnca/buena/dgb/index.html) in der Hauptstadt. Jede Bibliothek erhält im Jahr ca. 100 neue Titel. Die Bestandsgröße der öffentlichen Bibliotheken liegt zwischen 3000 und 40 000 Bänden. Ihre Zielvorgaben sind: Informationen für Primar- und SekundarschülerInnen (es gibt an den staatlichen Schulen keine Schulbibliotheken), Selbststudium und Stärkung des nationalen Bewusstseins – dem entsprechen dann auch die Schwerpunkte des Bestandsaufbaus. Neben den bisher beschriebenen Bibliotheken gibt es natürlich noch zahlreiche Spezialbibliotheken, etwa diejenigen ausländischer Kulturinstitute. 

Cuba

Der Wegfall der sowjetischen Unterstützung seit 1989 führte in Cuba zum finanziellen und wirtschaftlichen Desaster. Die CubanerInnen erlebten eine Versorgungskrise – von Fidel Castro euphemistisch zur „Spezialperiode“ erklärt –, die 1994 ihren Höhepunkt erreichte. Lebensmittel sind inzwischen wieder in erträglichem Umfang zu haben, Benzin ist nach wie vor knapp und für die Einheimischen nur auf Karten zu beziehen, sofern sie nicht Devisen haben. Devisen sind der Zauberschlüssel für den Zugang zum Weltmarkt und ihrer Gewinnung widmet sich die fieberhafte Reorganisation des Landes. Auch die Öffnung für den Tourismus, dessen Abschaffung einst eines der erklärten Ziele der Revolution war, hat allein die Funktion, die dringend benötigten Devisen ins Land zu bringen.

Im Zwei-Jahres-Turnus findet in Havanna eine internationale Buchmesse statt (1998 zum achten Mal). Ebenso wie die anderen Buchmessen in Lateinamerika ist diese eine Verkaufsmesse. Dort wird gleich eines der Hauptprobleme des cubanischen Buchmarktes sichtbar: Die meisten cubanischen Bücher sind auf der Messe wie auch in der Mehrzahl der Buchhandlungen nur gegen US-Dollar erhältlich. Diejenigen Bücher, die für cubanische Pesos zu haben sind, sind im wesentlichen Neuauflagen bereits erschienener Publikationen. Für die Bibliotheken bedeutete die „Spezialperiode“ in der Regel das Ende eines gezielten Bestandsaufbaus. Die seit 1990 neu in die Bibliotheken gekommenen Bücher und Zeitschriften sind entweder Schenkungen oder sie kommen, wie bei den Unibibliotheken, durch Tausch in den Bestand. Öffentliche wie Universitätsbibliotheken erhalten seit ca. zehn Jahren keine Devisen mehr für den Ankauf von im Ausland erschienenen Büchern und auch die Etats in Pesos gingen dramatisch zurück.

Die größte öffentliche Bibliothek Cubas ist die Nationalbibliothek José Martí in Havanna. Das Personal besteht aus 330 MitarbeiterInnen. Der Bestand beträgt ca. 3 Mio. Bücher, wovon 2 Mio. den Referenzbestand bilden und etwa 1 Mio. Dubletten den Ausleihbestand. Die Bibliothek erhält im Regelfall von allen in Cuba erschienenen und von allen im Ausland über Cuba erscheinenden Büchern fünf Pflichtexemplare. Außerdem verfügt sie über Sammlungen von Plakaten, Fotos und Notenmaterialien. Der Gesamtetat, der den Anschaffungsetat beinhaltet, betrug für 1997 eine Mio. cubanische Pesos. Ausländische Bücher konnten nur in dem Maße gekauft werden wie diese in cubanischen Buchhandlungen für Pesos erhältlich waren.

Die Bibliothek verfügt über vier PCs, zwei davon werden zur Textverarbeitung genutzt, mit den anderen zwei erstellt die Abteilung für Automatisation CD-ROMs, die dann gegen Devisen verkauft werden sollen. Bisher wurde eine CD-ROM über Cuba und eine weitere über Che Guevara entwickelt. Die Katalogisierungsabteilung verfügt über keinen PC. Die Katalogkarten werden immer noch mit der Schreibmaschine erstellt, was selbst für Cuba ungewöhnlich ist. Gleichwohl wird in der Abteilung für Automatisation das in Cuba gebräuchliche CubaMarc entwickelt und betreut. Die Nationalbibliothek betreut und berät die 379 öffentlichen Bibliotheken des Landes.Jede der Provinzhauptstädte Cubas besitzt eine Hochschule. Die Uni von Havanna ist die größte des Landes. Die zentrale Universitätsbibliothek hat etwa eine Mio. Bücher im Bestand und rund 500 Videos. Das Inventarbuch der Zentralbibliothek verzeichnet für 1995 607 neue Titel, davon 370 Spenden und 180 cubanische Titel. Ein Etat für den Ankauf von Büchern stand in den letzten Jahren nicht zur Verfügung. Die Bibliothek verfügt über acht PCs. Der Bestand seit 1985 ist in CubaMarc katalogisiert.

Die Universität Santa Clara ist die drittgrößte Hochschule des Landes. Die Universitätsbibliothek hatte bis in die 70er Jahre hinein ca. 800 laufende Zeitschriftentitel. Jetzt sind es noch 57. Die Bibliothek besitzt acht PCs, davon sechs alte, einen 486er und einen Pentium. Internet-Anschluss ist zwar vorhanden, aber bislang nur mühsam nutzbar. Das Problem sind die überalterten Telefonleitungen. Mit dem Beginn der „Spezialperiode“ bis zum Ende der neunziger Jahre standen der Bibliothek keine Devisen zur Verfügung. Da der dadurch entstandene Rückstand im Bibliotheksbestand ohnehin nicht mehr aufzuholen ist, plant die Bibliotheksleitung gleich die Umstellung der Bibliothek von einer klassischen Bibliothek in ein modernes Medienzentrum.

Nach den doch eher etwas bedrückenden Erfahrungen in den Öffentlichen Bibliotheken und den Universitätsbibliotheken ist die Situation an den Wissenschaftlichen Bibliotheken geradezu rosig. Die Zentralbibliothek für Wissenschaft und Technologie (BNCT) ist im „Capitolio“ in Havanna untergebracht. Das prachtvolle Gebäude, ein Nachbau des Capitols in Washington, gehört der „Agentur für Wissenschaft und Technologie“, die zwar dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie unterstellt ist, jedoch weitgehend unabhängig operieren kann und als Eigentümerin des Capitolio dieses etwa für Kongresse und Veranstaltungen (gegen Devisen) vermietet. Ebenso werden Forschungsergebnisse der Agentur gegen Devisen verkauft. Im Capitolio befindet sich außerdem der einzige Internetprovider Cubas.

In der Bibliothek hat sich zwar wie überall der Devisenmangel der letzten Jahre niedergeschlagen. Doch seit 1997 scheinen die Mittel wieder reichlicher zu fließen. Im neu renovierten Lesesaal stehen den Benutzern zehn PCs zur Verfügung. Weitere zehn PCs bedient das Personal für Recherchen. Die Benutzung der Bibliothek ist (wie bei allen Bibliotheken Cubas) für das allgemeine Publikum kostenlos. Die 1995 neu erstellte Konzeption der Bibliothek sieht jedoch zudem einen marktwirtschaftlichen Ansatz vor. Seit Anfang 1998 bietet die Bibliothek Firmen, gegen Devisen, gezielte Recherchen an.

Nachdem Cuba in den letzten zehn Jahren auf Grund der „Spezialperiode“ den Anschluss an den westlichen Forschungsstand in vielen Bereichen verloren hat, legt die Regierung den Schwerpunkt der Forschung nun allein auf das Gebiet, auf dem Cuba sich in der Lage sieht, mit der Weltspitze zu konkurrieren: Pharmakologie und Biotechnologie. Die Wissenschaftliche Bibliothek für Pharmazie des Forschungskomplexes Biomundi ist folgerichtig das Paradestück der Bibliotheken Cubas. Das Forschungszentrum ist vollständig vernetzt und von ca. 150 PCs kann man direkt auf die Bestände der Bibliothek zugreifen. Diese 150 PCs sollen etwa die Hälfte aller in Cuba an öffentlichen Einrichtungen vorhandenen PCs bilden. Man ist sich in Cuba der schwierigen Situation an den Bibliotheken durchaus bewusst. Um den Mangel der vergangenen Jahre auszugleichen, setzt Cuba ganz auf den Einsatz moderner Technologien (Datenbanken, CD-ROM).

Zur Realisierung dieses Konzeptes muss sich nach den Vorstellungen des Hochschulministeriums auch die Ausbildung der Bibliothekare grundlegend verändern. Die dem Diplom-Bibliothekar entsprechende Ausbildung ist zurzeit nur an der Universität Havanna möglich. Innerhalb der Fachrichtung „Comunicación Social“ gab es bisher die Ausbildung zum Journalisten und den Studiengang „Wissenschaftlich-technische Information und Bibliothekstechnologie“, der die „Diplom“-Bibliothekare für alle Bibliothekssparten ausbildete. Um die Ausbildung den neuen Anforderungen anzupassen, wird zurzeit der Lehrplan für diesen Studiengang neu geschrieben. Bei der Diskussion um die neuen Lehrpläne wurde zeitweise erwogen, Informatiker mit dem Schwerpunkt Bibliothekswesen auszubilden (mit der Berufsbezeichnung „Informationsingenieure“). Man einigte sich jedoch auf eine eigenständige Ausbildung mit der Bezeichnung „Informationswissenschaft in der Bibliothekstechnologie“. 

Der Artikel ist eine Zusammenstellung von vier verschiedenenen Texten von Brigitte Döllgast, die in der Zeitschrift „Bibliotheksdienst“ erschienen sind. Da der Charakter der Beiträge recht unterschiedlich war, so war der Text zu Bolivien ein Bericht über eine Bibliothekskonferenz im Goethe-Institut La Paz (27.-30. 11. 2000) oder der Teil zu Cuba ein Reisebericht vom Februar 1998, hat die ila die Teile bearbeitet und aufeinander abgestimmt.


Es gibt inzwischen einen Aufruf deutscher BibliothekarInnen zur Unterstützung des cubanischen Bibliothekswesens. Er findet sich hier Hier klicken ! Bücher für Kuba – Vom 22.-26. April findet in Havanna ein großer internationaler Bibliothekskongress statt. Wer sich dafür interessiert, findet unter www.congreso-info.cu/index.htm  nähere Angaben.

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