aus Bibliotheken / ila 249
Lesen ohne einen Pfennig zu bezahlen
Eine ländliche Volksbibliothek in El Salvador
Gleichzeitigkeit in der Ungleichzeitigkeit: Es mag Leute geben, die keine Bücher (mehr) lesen und in keine Bibliothek (mehr) gehen, während es sicher andere gibt, die noch nie ein Buch gesehen haben und nicht wissen, was eine Bibliothek ist. Dazwischen, abgelegen und arm genug, um eine Menge Leute der zweiten Sorte zu beherbergen und doch mit dem einen oder anderen Faden mit der schönen neuen Welt verbunden, liegt in den Bergen von Morazán die Volksbibliothek von Los
Quebrachos.
Hier arbeiten Elia Argueta und Ana Julia Argueta, zwei frisch gebackene Bibliothekarinnen und junge Mütter, die im Krieg aufgewachsen sind.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Biblioteca Popular aufzubauen; wie fing es an?
Elia: Die Entstehungsgeschichte ist ein bisschen lang. Es fing in Honduras an, wo wir ungefähr zehn Jahre lang in einem Flüchtlingslager lebten. Dort hatten wir eine Hütte, die wir allerdings nicht Bibliothek nannten, sondern Schulzentrum (Centro de Educación). Und da hatten wir auch ein paar Bücher. Wir fanden den Aufbau einer Bibliothek schon damals wichtig und dachten daran, mehr Bücher anzuschaffen. Aber im Flüchtlingslager in Honduras war das sehr, sehr schwierig.
Hinterher, nach unserer Rückkehr nach El Salvador im Jahre 1990, bauten wir eine kleine Bibliothek mit Holzwänden und Wellblechdach und brachten darin die Bücher unter, die wir aus Honduras mitgebracht hatten. Und diese Bücher wurden auch weiterhin von den SchülerInnen benutzt, sehr viel gelesen. Mit der Zeit gingen sie aus dem Leim. Auch der Holzwurm und der Regen trugen dazu bei, dass der Bestand schrumpfte. Wir konnten nichts dagegen tun und es wurde absehbar, dass wir bald weder Bücher noch eine Bibliothek haben würden. Im Laufe der Zeit wurde uns allerdings immer klarer, dass eine Bibliothek, vor allem für die SchülerInnen, dringend nötig war. Mangels eigener Mittel suchten wir Unterstützung im Ausland. 1995 kam aus Deutschland eine große Unterstützung für den Aufbau einer Bibliothek. Mit der Hilfe von verschiedenen Gruppen aus Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz wuchs im Laufe der Zeit auch der Bestand an Büchern an.
Habt ihr vorher schon einmal in einer Bibliothek gearbeitet? Was hat euch dazu bewogen, hier zu arbeiten?
Ana Julia: Für mich war der Hauptgrund, in der Bibliothek zu arbeiten, meine damalige Arbeitslosigkeit. Von meinem Verdienst ist nicht nur meine kleine Tochter, sondern auch meine restliche Familie abhängig. Ich musste dringend Arbeit suchen. Anfangs wusste ich nicht, wie die Arbeit in einer Bücherei aussieht, aber mit der Zeit sammelte ich Erfahrungen und heute wissen wir beide ganz gut Bescheid darüber, was in einer Bibliothek zu tun ist.
Aber wie bist du darauf gekommen, gerade Bibliothekarin zu werden?
Ana Julia: Mich motivierte, wie gesagt, vor allem die Notwendigkeit zu arbeiten. Und diese Notwendigkeit bringt einen dazu, auch Neues zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Das waren anfangs meine Gründe. Heute arbeite ich viel mit SchülerInnen und es gefällt mir, die verschiedenen Bücher selber zu lesen, vor allem Belletristik.
Elia: Ich fing im Jahr 1997 hier in der Bibliothek in Los Quebrachos an. Vorher war ich Volkslehrerin (Maestra Popular). Mir machte es zwar immer sehr viel Freude, mit Kindern zu arbeiten. Trotzdem beschloss ich, nicht mehr als Lehrerin zu arbeiten, sondern in der Bücherei mitzuhelfen, vor allem bei der Systematisierung des Buchbestandes.
Wie habt ihr Erfahrungen gesammelt? Ihr hattet ja vorher einen anderen Beruf.
Ana Julia: Als der Bau der Bibliothek damals beendet war, kam eine Freiwillige aus Greifswald. Sie ging für uns an die UCA (Katholische Universität), um eine kurze Einführung in das Bibliothekswesen zu bekommen, vor allem wie Bücher klassifiziert und registriert werden. Sie hat dann ihre Erfahrungen an uns weitergegeben. Wir hörten genau zu und dann fingen wir an, die Bücher zu sortieren, zu klassifizieren und jedem Buch eine Signatur zu geben. Dafür brauchten wir eine Unmenge an Zeit, denn obwohl die Arbeit einfach aussieht, war sie für uns Anfängerinnen sehr schwer. Wir brauchten beinahe ein Jahr dafür, um die Bibliothek in den Zustand zu bringen, in dem sie heute ist.
Für wen ist die Bibliothek vor allem da?
Elia: Unsere LeserInnenschaft setzt sich vor allem aus SchülerInnen aus der Gemeinde Segundo Montes, aber auch aus den umliegenden Gemeinden Jocoaitique, Perquin und Arambala zusammen. Sie kommen hierher, um ihre Schulaufgaben zu erledigen. Aber auch aus (der Provinzhauptstadt) Gotera kommen Leute, wozu sie mit dem Auto eine halbe Stunde brauchen. Wir haben auch einen Fotokopierer, zum Beispiel für die Leute, die keine Zeit haben, für die Dauer ihrer Hausaufgaben in der Bücherei zu bleiben. Außer um Schulaufgaben zu machen kommen auch viele Kinder in ihrer Freizeit in unsere Bibliothek.
Hat sich die LeserInnenschaft im Laufe der Jahre verändert?
Ana Julia: Zuerst einmal möchte ich erwähnen, dass unsere LeserInnenschaft heutzutage erfreulich groß ist. Es kommen SchülerInnen jeglichen Alters, angefangen mit den Kleinen aus dem Kindergarten und den Kindern der Vorschule. Die schauen sich natürlich vor allem die Bilderbücher an. Für Kleinkinder haben wir eine besondere Abteilung. Für die Kinder der Vorschule haben wir auch spezielle Einführungsbücher, in denen sie die Buchstaben kennenlernen können. Dann besuchen Kinder von der 1. bis 6. Klasse die Bibliothek. Mit dem Schuldirektor haben wir vereinbart, dass jede Klasse, zusammen mit ihrem Lehrer, mindestens einmal in der Woche eine Stunde lang in die Bücherei kommt.
Gibt es auch erwachsene LeserInnen?
Ana Julia: Ja, es kommen auch Erwachsene, aber auch hier wiederum vor allem StudentInnen, GymnasiastInnen und SchülerInnen der höheren Jahrgangsstufen. Unter ihnen ist die Nachfrage sehr groß.
Elia: Es kommen aber auch andere Erwachsene, um in Fachbüchern nachzuschlagen. Zum Beispiel Bücher über Schreinerei oder Kochbücher. Sie kommen allerdings eher selten. Die Frauen haben nicht sehr viel Zeit und sind es außerdem eher nicht gewohnt eine Bibliothek zu besuchen.
Ana Julia: Aber es gibt trotzdem Veränderungen. Beispielsweise gibt es Programme im (Gemeinde eigenen) Radio, welche die Gewohnheiten der Menschen verändern. Früher blieben die Leute daheim. Heute können wir sie über das Radio erreichen. Da laden wir sie ein, in die Bibliothek zu kommen, um hier ein Buch zu lesen, sich weiterzubilden.
Wie groß ist eure LeserInnenschaft?
Elia: Es ist sehr schwierig, mit genauen Zahlen aufzuwarten. Allein morgens kommen jeden Tag über 30 SchülerInnen mit ihren LehrerInnen. Nachmittags kommen ebenfalls vor allem SchülerInnen: aus den höheren Klassen und aus dem Gymnasium. Das dürften noch einmal 30 sein. Dazu kommen noch weitere einzelne LeserInnen. Am Tag sind es wohl mehr als 100 Leute.
Was für sonstigen Leistungen werden in der Bibliothek angeboten?
Ana Julia: Wir legen täglich zwei Tageszeitungen aus, damit sich die Leute über die neuesten Nachrichten informieren können. Wie schon erwähnt haben wir auch ein Kopiergerät. Das ist wichtig, vor allem um Kopien aus den Büchern anzufertigen, die nicht ausgeliehen werden können. Dann haben wir noch einen Apparat, mit dem die Leute ihre persönlichen Dokumente einschweißen können.
Welche Schritte muss ich unternehmen, wenn ich ein Buch bei euch ausleihen will?
Elia: Laut unserer Bibliotheksordnung muss jeder neue Leser sich erst einmal einen Bibliotheksausweis von uns ausstellen lassen. In diesem Ausweis stehen die persönlichen Daten und ein Foto. Nicht alle Bücher werden ausgeliehen. Märchen und Comics sind kein Problem, aber die teuren Bücher – vor allem dann, wenn wir jeweils nur ein Exemplar haben – werden nicht verliehen. Von denen soll immer eines in der Bücherei für die LeserInnenschaft da sein.
Welche Bücher werden vor allem gelesen?
Elia: Klar, die SchülerInnen lesen vor allem Schulbücher. Aber es gibt auch Kinder, die in ihrer Freizeit Bücher lesen, vor allem Märchen und Comics. Den Jugendlichen gefallen belletristische Werke, Abenteuerbücher, Comics. Erwachsene lesen viele Sportbücher, Bücher über Sexualität. Es gibt auch spezielle Frauenbücher, die häufig gelesen werden.
Was macht euch am meisten Spaß an der Arbeit der Bibliothek?
Elia: Mir gefällt am meisten, dass ich selber Bücher lesen kann und auch, dass ich den SchülerInnen bei ihren Hausaufgaben helfen kann.
Ana Julia: Mir gefällt es ebenfalls, die SchülerInnen bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Das bedeutet auch, selber viel zu lesen und neue Kenntnisse zu erwerben.
Habt ihr ein Lieblingsbuch?
Ana Julia: Mir gefallen vor allem die Bücher von Isabel Allende. Für mich habe ich dabei entdeckt, dass eine Frau bei der Lektüre von Isabel Allende etwas über ihre eigenen Rechte lernt.
Elia: Mir gefallen ebenfalls belletristische Bücher. Aber auch die Sachbücher zum Thema „Frau und Gesundheit” lese ich sehr gerne und ganz allgemein Frauenbücher.
Wie finanziert sich die Bibliothek?
Ana Julia: Die großen Ausgaben wie beispielsweise unsere Löhne werden von solidarischen Gruppen in Deutschland bezahlt. Auch bei der Neuanschaffung von Büchern sind wir auf Hilfe von außen angewiesen. Die laufenden Kosten jedoch, wie Strom, Wasser, Materialien zum Flicken von Büchern, Klebstoff etc. bestreiten wir selbst mit den Überschüssen aus dem Verkauf von Fotokopien. Zusätzlich verkaufen wir auch Schreibwaren wie Bleistifte, Hefte und Papier, was ebenfalls zum Unterhalt der Bibliothek beiträgt.
Gibt es Pläne für einen Umbau oder eine Erweiterung?
Ana Julia: Konkrete Pläne gibt es nicht und noch weniger eine Finanzierung. Aber der Lesesaal müsste vergrößert werden. Außerdem wären Arbeiten am Dach notwendig, wo es immer wieder rein regnet. Und noch was stört: Es ist ziemlich dunkel in der Bibliothek. Vor allem um der LeserInnenschaft einen besseren Service anzubieten, wären diese Arbeiten erforderlich. Und es ist natürlich klar, dass wir noch viel mehr Bücher brauchen.
An welchen Büchern fehlt es denn vor allem?
Elia: Wir müssten vor allem Märchenbücher und Comics kaufen, weil die schon sehr zerlesen und zerfleddert sind. Außerdem bitten die StudentInnen, die in San Miguel studieren, um die Anschaffung von bestimmten Fachbüchern. Auch gibt es von Einzelpersonen immer wieder Anfragen nach bestimmten Büchern, die wir leider nicht haben. Aber wir haben kein Geld, um diese Bücher zu kaufen.
Welche Probleme gibt es im Bibliotheksalltag?
Elia: Ein wichtiges Problem sind die Öffnungszeiten. Wir haben durchgehend von morgens acht Uhr bis nachmittags fünf Uhr geöffnet. Der Unterricht der GymnasiastInnen endet andererseits sehr spät und so kommen sie auch erst sehr spät bei uns an, manchmal wenn wir schon schließen. Das tut uns dann Leid, dass wir sie nicht mehr hereinlassen können. Ein weiteres Problem ist, wenn SchülerInnen von sehr weit her kommen und wir das nachgefragte Buch nicht haben.
Ana Julia: Ein Problem eher psychologischer Natur ist, die Kinder und Jugendlichen, welche die Überzahl der LeserInnen ausmachen, zu verstehen. Sie benehmen sich, wie es ihnen gefällt.
Warum braucht eigentlich ein Dorf, noch dazu in einer der abgelegensten Ecken El Salvadors, wo die Leute kaum mehr als ein bisschen Landwirtschaft betreiben, eine Bibliothek?
Ana Julia: Eine Bibliothek ist sehr wichtig, gerade in einem so abgelegenen Ort wie Segundo Montes. Das trägt vor allem dazu bei, die Entwicklungschancen der Menschen hier zu verbessern. Wir haben hier die Möglichkeit Bücher zu lesen und mit Hilfe von Büchern unser Wissen und unseren Horizont zu erweitern.
Elia: Außerdem ist eine Bibliothek gerade für ein weit abgelegenes Dorf sehr wichtig, weil viele Eltern hier sehr arm sind und keine Möglichkeit haben, selber Bücher für ihre Kinder zu kaufen, damit sie vorwärts kommen. Die Bibliothek in unserer Gemeinde gibt Kindern und Jugendlichen und allen eine Möglichkeit, Zugang zum Studium zu haben, in Ruhe Hausaufgaben machen zu können und alle Bücher zur Verfügung zu haben ohne einen Pfennig auszugeben. Unsere Bibliothek trägt zu einer besseren Entwicklung für unsere Kinder und für alle BewohnerInnen im nördlichen Morazán bei – damit wir alle eine bessere Zukunft haben.
Das Interview führte Rudi Reitinger am 9. September 2001.
Spenden für diese und andere Volksbibliotheken in El Salvador an die Flüchtlingshilfe Mittelamerika, Kto. Nr. 820 4 300, Bank für Sozialwirtschaft Essen (BLZ 370 205 00), Stichwort „Bibliotecas Populares“.
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