aus OhnePapiere / ila 250
Zeichen der Zeit
Die globalisierungskritische Bewegung nach dem 11. September
von Naomi Klein
Inwieweit haben die Anschläge vom 11. September die Bedingungen für politische Arbeit gegen kapitalistische Globalisierung verändert? Klar ist, dass die politische Rechte in den USA und Europa die vermutlich von ultrarechten Islamisten begangenen Verbrechen nutzen will, um die politischen Räume linker Bewegungen einzuschränken. Aber jenseits der Machenschaften der Schilys, von denen nichts anderes zu erwarten war, stellt sich die Frage, ob man einfach so mit einer Politik fortfahren kann, die sich primär gegen Symbole richtet. Dazu ein Diskussionsbeitrag der kanadischen Aktivistin und Schriftstellerin Naomi Klein, Autorin des überaus lesenswerten Buchs „No Logo“.
So schockierend es für New YorkerInnen sein muss, in Toronto, wo ich lebe, sind Laternenpfähle und Trafokästen zugepflastert mit Plakaten, auf denen AktivistInnen gegen die Armut ankündigen, dass sie am 16. Oktober das Einkaufsviertel „dichtmachen“ wollen. Plakate dieser Kampagne (O16), die bereits vor dem 11. September geklebt wurden, zeigen sogar ein Bild von Wolkenkratzern, auf dem die Zielzone der Aktion rot markiert ist. Es wurde überlegt, O16 wie andere Proteste und Demonstrationen aus Respekt vor der Trauer ausfallen zu lassen – und aus Angst vor verstärkter Polizeigewalt. Aber die Vorbereitungen laufen weiter. Schließlich ändern die Ereignisse des 11. September nichts an der Tatsache, dass die Nächte kälter werden und die Wirtschaftsrezession sich abzeichnet. Sie ändern auch nichts an der Tatsache, dass in einer Stadt, die als „sicher“ und, na ja, „vielleicht ein wenig langweilig“ galt, im kommenden Winter viele Menschen auf den Straßen sterben werden wie im letzten Winter und im Winter davor, wenn nicht sofort mehr Unterkünfte bereitgestellt werden.
Und doch kann nicht bestritten werden, dass die Aktion, ihr militanter Zungenschlag und die Wahl ihres Zieles schreckliche Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen werden. Taktiken, die es nach dem 11. September darauf anlegen, mächtige Symbole des Kapitalismus anzugreifen, und sei es auch nur friedlich, bewegen sich plötzlich in einer völlig veränderten semiotischen Landschaft. Die Angriffe waren realer und schrecklicher Terrorismus, aber sie waren auch Akte im Krieg der Symbole und wurden sofort als solche verstanden. Die WTC-Türme waren nicht irgendwelche Gebäude, sondern „Symbole des amerikanischen Kapitalismus“, wie vielfach kommentiert wurde.Als eine, die tief verstrickt ist in das, was manche Leute „die Antiglobalisierungs-Bewegung“ und andere „Antikapitalismus“ nennen (ich neige dazu, einfach schlampig von „der Bewegung“ zu sprechen), finde ich es schwierig, in diesen Tagen Diskussionen über symbolische Politik aus dem Weg zu gehen. So ziemlich alle Metaphern der Bewegung sind gegen die Konzerne gerichtete Zeichen und Bezeichnungen – die kulturell aufgeladenen Logos, die Guerilla-mäßigen Stylings, die Auswahl der Markennamen und der politischen Ziele.
Viele politische Gegner der Anti-Konzern-Bewegung benutzen den Symbolismus der Angriffe auf das WTC und das Pentagon jetzt und argumentieren, die jungen AktivistInnen, die Guerillakrieg spielen, seien von einem wirklichen Krieg ertappt worden. Und schon erscheinen rund um die Welt die Nachrufe in den Zeitungen. „Die Antiglobalisierungsbewegung ist so was von gestern“, lautet eine typische Schlagzeile. Laut „Boston Globe“ steht sie „in Fetzen“ da. Stimmt das? Unser Aktionismus ist auch früher schon für tot erklärt worden. Er wird in der Tat mit ritueller Regelmäßigkeit vor und nach jeder Massendemonstration für tot erklärt. Unsere Strategien werden in Misskredit gebracht, unsere Koalitionen gespalten, unsere Argumente verdreht. Und doch sind diese Demonstrationen immer größer geworden, von 50 000 in Seattle bis laut einigen Schätzungen 300 000 in Genua.
Es wäre aber auch närrisch, so zu tun, als ob sich nichts verändert hätte seit dem 11.September. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich eine Diashow anschaute, die ich vor dem 11. September zusammengestellt hatte. Sie zeigt, wie die Bildersprache der Anti-Konzern-Bewegung zunehmend vom Marketing der Konzerne absorbiert wird. Ein Dia zeigt AktivistInnen, die während der Anti-WTO-Proteste in Seattle gerade einen Laden von The Gap voll sprühen. Das nächste zeigt Schaufensterdekorationen von The Gap aus jüngster Zeit, in denen schwarz gesprühte vorfabrizierte Graffitis von Wörtern wie „Unabhängigkeit“ eingesetzt werden. Und das nächste Dia stammt aus dem Sony-Spiel „Notstand“ und zeigt AnarchistInnen mit coolen Frisuren beim Steinewerfen auf böse BereitschaftspolizistInnen, die eine fiktive amerikanische Handelsorganisation beschützen. Als ich diese Bilder zum erstenmal nebeneinander gelegt habe, war ich überrascht von der Geschwindigkeit, mit der die Konzerne unsere Bildersprache kooptieren. Und jetzt sehe ich nur noch, wie diese Schnappschüsse aus dem Bilder-Krieg zwischen Konzernen und Anti-Konzern-Bewegung von den Ereignissen des 11. September unmittelbar überschattet, weggeblasen worden sind wie Spielzeugautos und Action-Figuren in einem Katastrophenfilm.
Virtuelle Macht (an)greifbar machen
Trotz der veränderten Landschaft, oder gerade deswegen, bringt es was, sich daran zu erinnern, weshalb diese Bewegung entschieden hat, in erster Linie symbolische Kämpfe auszutragen. Die Entscheidung der „Koalition gegen die Armut in Ontario“, das Einkaufsviertel von Toronto dicht zu machen, basiert auf spezifischen und noch immer relevanten Umständen. Wie viele, die versuchen Themen der wirtschaftlichen Ungleichheit auf die politische Tagesordnung zu setzen, haben die Leute in dieser Koalition gespürt, dass sie ausrangiert und als Penner-Problem neu erfunden worden sind, das forsche neue Gesetze erfordert. Ihnen ist klar geworden, dass sie es nicht mit einem lokalen politischen Gegner und auch nicht mit einem bestimmten Handelsgesetz zu tun haben, sondern mit einem Wirtschaftssystem – mit den gebrochenen Versprechen des deregulierten Trickle-down-Kapitalismus. Moderne AktivistInnen fragen sich also: Wie kannst du dich gegen eine Ideologie organisieren, die so weitläufig ist, dass sie keine Grenzen hat, so allgegenwärtig, dass sie nirgendwo greifbar ist? Wo ist der Ort für den Widerstand jener, die keinen Arbeitsplatz haben, der wegrationalisiert werden kann, und jener, deren Gemeinden und Stadtteile permanent entwurzelt werden? An was können wir uns halten, was packen, wenn ein so großer Teil der Macht virtuell ist – der Währungshandel, die Aktienpreise, das intellektuelle Eigentum und die geheimnisvollen Handelsabkommen?
Zumindest vor dem 11. September lautete die kurze Antwort: Greif dir, was du zu fassen kriegst, das Markenimage eines berühmten Multis, eine Börse, ein Treffen von Weltführern, ein einzelnes Handelsabkommen oder wie im Fall der Koalition in Toronto die Banken und Konzernzentralen. Alles was, wenn auch flüchtig, das Ungreifbare fassbar macht, die Weite in menschlichen Dimensionen darstellt. Kurz: Du findest Symbole und hoffst, dass sie zu Metaphern der gesellschaftlichen Veränderung werden.
Als die Vereinigten Staaten zum Beispiel einen Handelskrieg gegen die EU und insbesondere Frankreich begannen, weil die dortigen Regierungen kein Hormonfleisch ins Land lassen wollten, haben José Bové und die Confédération Paysanne die Aufmerksamkeit der Welt nicht dadurch erregt, dass sie über Importzölle auf Roquefort-Käse lamentierten. Vielmehr haben sie einen McDonald's „strategisch auseinander genommen“. Nike, ExxonMobil, Monsanto, Shell, Chevron, Pfizer, Sodexho Marriott, Kellogg's, Starbucks, The Gap, Rio Tinto, British Petroleum, General Electric, Wal-Mart, Home Depot, Citigroup, Taco Bell – bei allen wurden ihre glänzenden Marken benutzt, um ein Licht auf eine Vielzahl von Problemen zu werfen – von den Wachstumshormonen in der Milch bis zu den Menschenrechten im Niger-Delta, von den Arbeitsbedingungen mexicanischer TomatenpflückerInnen in Florida bis zur Finanzierung des Krieges durch die geplante Erdöl-Pipeline Tschad-Kamerun, von der Klimaerwärmung bis zu den
Sweatshops.
In den Wochen nach dem 11. September sind wir oft daran erinnert worden, dass die US-AmerikanerInnen über die Welt außerhalb ihrer Grenzen nicht besonders informiert sind. Das mag wohl stimmen, aber in den letzten zehn Jahren haben viele AktivistInnen gelernt, dass diese blinden Flecken sichtbar gemacht werden können, wenn man Kampagnen zu internationalen Themen an berühmte Marken koppelt – eine wirkungsvolle, wenn auch oft problematische Waffe gegen die Provinzialität. Diese Konzern-Kampagnen haben ihrerseits Hintertüren geöffnet in die geheimnisvolle Welt des internationalen Handels und der Finanzen, der WTO, der Weltbank, des Kapitalismus selbst, den einige dabei in Frage zu stellen lernten.
Neue Herausforderungen
Aber es hat sich auch erwiesen, dass diese Taktiken leicht ins Kreuzfeuer geraten können. Gleich nach dem 11. September haben Politiker und ihre Berater damit angefangen, die Terror-Anschläge weiter zu spinnen zu Fortsetzungen der anti-amerikanischen und anti-Konzern-Gewalt: zuerst die Schaufenster eines Starbucks-Cafés, dann vermutlich das WTC. Peter Bainart, der Herausgeber der „New Republic“, hat sich eine obskure Bemerkung aus einem Anti-Konzern-Chatroom geschnappt, in der gefragt wurde, ob die Anschläge von „einem von uns“ begangen wurden. Bainart schlussfolgerte: „Die Antiglobalisierungsbewegung... ist zum Teil eine Bewegung, die von Hass auf die Vereinigten Staaten motiviert wird.“
In einer geistig normalen Welt würden die Terrorschläge nicht zu solchen Reaktionen führen, sondern eher zu Fragen wie, weshalb die US-Geheimdienste so viel Zeit darauf verwenden, UmweltschützerInnen und unabhängige Medienzentren auszuspionieren statt terroristische Netzwerke, die Massenmorde aushecken. Unglücklicherweise sieht es so aus, als ob die Repression gegen die Bewegung, die schon vor dem 11. September einsetzte, intensiver werden wird, mit mehr Überwachung, Infiltration und Polizeigewalt. Wahrscheinlich wird auch die Anonymität, die ein Kennzeichen des Antikapitalismus gewesen ist – Vermummungen, Pseudonyme – in einem Ambiente der Suche nach klandestinen Aktionen suspekter werden.
Aber die Anschläge werden uns mehr als bürgerliche Freiheiten kosten. Ich fürchte, sie könnten uns auch unsere wenigen politischen Siege kosten. Mittel für die AIDS-Bekämpfung in Afrika verschwinden, Verpflichtungen, die Schuldenstreichung auszuweiten, wird es vermutlich ebenso wenig geben. Die Verteidigung der Rechte von MigrantInnen und Flüchtlingen ist in letzter Zeit ein zunehmender Brennpunkt für die massenhaften direkten Aktionen in Australien und Europa geworden und hat langsam auch in den USA begonnen. Auch diese Aktivitäten werden bedroht von wachsendem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Und der Freihandel, der seit langem in einer Image-Krise steckt, wird wie Shopping und Baseball rasch umgepolt zu einer patriotischen Pflicht. Laut Robert Zoellick (US-Handelsbeauftragter), der krampfhaft versucht, die chauvinistische Stimmung auszunutzen, um Fast-Track-Verhandlungen für Handelsabkommen durchzuboxen, „fördert (der Handel) die Grundwerte in diesem langwierigen Kampf“. Michael Lewis stellt eine ähnliche Verbindung zwischen Freiheitskampf und Freihandel her, wenn er in einem Essay im New York Times Magazine erklärt, dass die Händler, die im WTC starben, „nicht bloß als Symbole, sondern auch als Praktiker der Freiheit“ ins Visier genommen wurden. „Sie arbeiten, wenn auch unbeabsichtigt, hart daran, andere von Zwängen zu befreien. Das macht sie, fast ohne ihr Zutun, zur geistigen Antithese der religiösen Fundamentalisten, deren Geschäft davon abhängt, im Namen einer vermeintlich höheren Macht persönliche Freiheiten zu verweigern.“
Die Schlachtlinien für die WTO-Verhandlungen im kommenden Monat in Qatar stehen: Handel ist gleichbedeutend mit Freiheit, Anti-Handel mit Faschismus. Da spielt es keine Rolle, dass Osama Bin Laden ein Multimillionär mit einem ziemlich beeindruckenden globalen Handelsnetz ist, das von Agrarexporten bis zu Pipeline-Geschäften reicht. Und es spielt auch keine Rolle, dass die Schlacht für die Freiheit in Qatar stattfinden wird, dieser Bastion der Freiheit, die ausländischen DemonstrantInnen Visa verweigert, wo aber Bin Laden praktisch seine eigene Fernseh-Show hat im staatlich subventionierten Sender
Al-Jazeera.
Neue Chancen
Unsere bürgerlichen Freiheiten, unsere bescheidenen Siege, unsere üblichen Strategien – das steht jetzt alles in Frage. Aber diese Krise eröffnet auch neue Chancen. In den Bewegungen für soziale Gerechtigkeit gilt es jetzt, wirtschaftliche Ungleichheit mit der Sorge um die Sicherheit zu verbinden, die uns alle umtreibt – indem wir darauf bestehen, dass Gerechtigkeit und Gleichheit die nachhaltigsten Strategien gegen Gewalt und Fundamentalismus sind.Aber wir dürfen nicht naiv sein und so tun, als ob die reale und andauernde Gefahr weiterer Schlächtereien Unschuldiger allein mit Hilfe von politischen Reformen beseitigt werden könnte. Es muss soziale Gerechtigkeit geben, aber es muss auch Gerechtigkeit für die Opfer dieser Angriffe geben und eine unmittelbare und praktische Vorsorge gegen zukünftige Anschläge. Der Terrorismus ist in der Tat eine internationale Bedrohung, die es nicht erst seit den Anschlägen in den Vereinigten Staaten gibt. Wenn Bush die Welt dazu einlädt, am Krieg der USA teilzunehmen, und dabei die Vereinten Nationen und das internationale Recht umgeht, dann müssen wir leidenschaftliche VerteidigerInnen des wahren Multilateralismus werden und ein für allemal das Etikett „Antiglobalisierung“ zurückweisen.
Bushs „Koalition“ ist keine wirkliche globale Antwort auf den Terrorismus, sondern stellt die Internationalisierung der außenpolitischen Ziele eines Landes dar, trägt das Markenzeichen der US-Außenpolitik von den WTO-Verhandlungen bis zum Kyoto-Prozeß: Es steht Ihnen frei, nach unseren Spielregeln teilzunehmen, oder Sie werden vollständig ausgeschlossen. Wir können diese Zusammenhänge klar machen – nicht als „Anti-Amerikanismus“, sondern als wirkliche
InternationalistInnen.Wir können uns auch weigern, an einer Aufrechnung des Leidens teilzunehmen. Einige in der Linken haben angedeutet, dass Mitgefühl und Trauer nach dem 11. September überproportional und sogar diffus rassistisch ausgefallen sind, verglichen mit Reaktionen auf größere Ungeheuerlichkeiten. Aber es ist sicher nicht Sache jener, die Ungerechtigkeit und Leiden verabscheuen, Mitgefühl in knauserigen Portionen zu verteilen, als ob es sich dabei um eine verderbliche Ware handelte. Sicher geht es um den Versuch, die weltweiten Vorkommen an Mitgefühl zu mehren, und nicht darum, ihre sparsame Verteilung zu kontrollieren.
Und sind die gegenseitige Hilfe und Unterstützung, die im Gefolge der Tragödie zu Tage getreten sind, so anders als die humanistischen Ziele, die diese Bewegung verfolgt? Die Parolen „Menschen vor Profiten“, „Die Welt ist keine Ware“ sind selbstredend geworden. Es gibt Wut angesichts der Profitmacherei. Die Übergabe der Sicherheitssysteme auf den Flughäfen an Privatfirmen wird in Frage gestellt. Es wird gefragt, weshalb es Unterstützung für die Fluggesellschaften gibt nicht aber für deren entlassene Beschäftigte. Die öffentlichen Güter, das was nicht von den Konzernen kontrolliert wird, was wir verteidigen und was in Qatar auf dem Verhandlungstisch liegt, werden in den USA gerade wieder entdeckt.
Anstatt davon auszugehen, dass sich US-AmerikanerInnen nur umeinander kümmern können, wenn sie sich darauf vorbereiten, einen gemeinsamen Feind umzubringen, sollten alle, denen es um Veränderungen im Kopf und nicht bloß um Rechthaben in Diskussionen geht, diese Stimmungslage erfassen, um die menschlichen Reaktionen mit all den anderen Themen – von AIDS-Behandlung bis Obdachlosigkeit – zu verbinden, bei denen menschliche Bedürfnisse vor Konzernprofiten stehen müssen.
Strategiewechsel
Das würde von den AktivistInnen einen dramatischen Strategiewechsel verlangen, nämlich hin zu einer Strategie, die weniger auf Symbolen aufbaut als auf Inhalten. Auch hier gilt, dass der weitgehend symbolische Aktionismus im Umfeld von Gipfeltreffen und gegen bestimmte Konzerne innerhalb der Bewegung seit mehr als einem Jahr hinterfragt wird. Vieles am Kampf gegen Symbole ist unbefriedigend. McDonaldläden gehen zu Bruch, das nächste Gipfeltreffen findet an einem noch entlegeneren Ort statt – na und? Nur Symbole, Fassaden, Repräsentationen.
Schon vor dem 11. September hat eine neue Ungeduld um sich gegriffen, wurde darauf insistiert, soziale und wirtschaftliche Alternativen auf den Tisch zu legen, die die Wurzeln der Ungerechtigkeit und ihre Symptome gleichermaßen anpacken, von der Agrarreform bis zu Reparationen für die Versklavung. Es scheint jetzt eine gute Zeit zu sein, um Nihilismus und Nostalgie in unseren eigenen Reihen zu kritisieren und den Stimmen aus Chiapas, Porto Alegre und Kerala mehr Gehör zu schenken, die zeigen, dass es in der Tat möglich ist den Imperialismus herauszufordern und gleichzeitig pluralistisch, fortschrittlich und demokratisch zu sein. Unsere Aufgabe, zu zeigen, dass es mehr als zwei Welten gibt, all die unsichtbaren Welten zwischen dem ökonomischen Fundamentalismus von „McWorld“ und dem religiösen Fundamentalismus des „Jihad“ sichtbar zu machen, ist drängender denn je.
Vielleicht gehen die Image-Kriege ihrem Ende zu. Vor einem Jahr war ich an der Universität von Oregon um auf diesem Campus, der den Spitznamen Nike-Universität trägt, über die Kampagnen gegen Sweatshops zu berichten. Dort habe ich die Aktivistin Sarah Jacobson getroffen. Nike, erzählte sie mir, sei nicht das Ziel ihres Aktionismus, sondern lediglich ein Werkzeug, ein Mittel, um Zugang zu dem weiten, oft gestaltlosen Wirtschaftssystem zu bekommen. „Das ist eine Einstiegsdroge“, sagte sie lachend.
Jahrelang haben wir uns in dieser Bewegung von den Symbolen unserer Gegner genährt, ihren Marken, ihren Bürohochhäusern, ihren Pressekonferenzen und Hauptversammlungen. Wir haben ihre Symbole als Mobilisierungsinstrumente benutzt, als Kampagnen-Brennpunkte, als Mittel der Bildungsarbeit. Aber die Symbole waren nie unser wirkliches Ziel. Sie waren Hebel, Brechstangen, um, wie es die britische Autorin Katharine Ainger formulierte, „Risse in die Geschichte zu stemmen“.
Die Symbole waren Eingangstüren. Jetzt ist die Zeit gekommen einzutreten.
Aus: Sand in the wheels, attac Frankreich, Nr. 99, 10. Oktober 2001
Übersetzung und Bearbeitung: Eduard Fritsch
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