aus OhnePapiere / ila 250
Unter Deutschen leben
Interview mit einer Latina ohne Papiere
Nennen wir sie Verónica Díaz. Sie ist vierzig Jahre alt und kommt aus Peru. Dort war sie Sekretärin. Seit zwei Jahren schlägt sie sich ohne Papiere in Deutschland durch und arbeitet als Putzfrau. Im Gespräch mit ihr, wie auch mit anderen Latinas, fällt immer wieder das Wort sacrificio, Opfer. Sie bringen dieses Opfer, damit ihre Kinder zur Schule gehen können und vielleicht irgendwann einmal ein besseres Leben haben. Im folgenden Interview erzählt Verónica, unter welchen Bedingungen Latin@s ohne Papiere hierzulande leben und arbeiten und wie sie die Deutschen sieht.
Welche Vorstellungen hattest du, welche Vorstellungen haben die Latin@s, die hierher kommen, über Deutschland?
Wir kommen hierher, weil wir Geld verdienen wollen, um unsere Familien zu unterstützen. Logischerweise gehen wir dort hin, wo die wirtschaftliche Situation besser ist, in die USA, nach England oder Deutschland. Die Leute wissen schon vorher, dass sie große Probleme haben werden; das erste Problem ist schon die Sprache. Und dann alles andere: eine Wohnung finden und Arbeit. Sie wissen von diesen Schwierigkeiten durch Freunde oder Familienmitglieder, die schon hier sind oder die mit Deutschen verheiratet sind. Auch ich wusste, dass das hart werden würde, aber das war mir egal. Die Realität war allerdings noch härter, als ich gedacht hatte. Vor allem, weil so wenig dabei rauskommt. Freundinnen, die vor mir hier gearbeitet haben, haben mir erzählt, dass man hier gut verdienen könnte. Aber das bedeutet große Opfer. Wir kommen her, weil wir die Hoffnung haben, dass wir in drei bis fünf Jahren unsere Probleme lösen und dann nach Hause fahren können mit ein bisschen Geld für ein Häuschen, und um vorwärts kommen zu können. Deshalb kommen wir, wegen der Wirtschaftskrise in unserem Land, aber nicht, um hier zu bleiben.
In den ersten zwei Jahren machst du kein Geld. Ich bezahle nach zwei Jahren immer noch meine Reisekosten ab. Aber wenn man einmal hier ist, kann man nicht mehr so einfach zurückkehren, mit leeren Händen. Am Anfang weißt du nicht, wie du klarkommen sollst. Du musst deine Schulden abbezahlen und Geld an die Familie schicken – das auf jeden Fall, denn von was sollen sie sonst dort leben? Da bleibt nichts mehr für die Zukunft übrig. Erst wenn du dich eingewöhnt und etwas Deutsch gelernt hast, kannst du dich hier bewegen. Wie mir andere, die vor mir hier waren, gesagt haben, brauchst du mindestens fünf Jahre, bis du Geld zurücklegen kannst. Fünf Jahre! Und wenn uns die Polizei vorher schnappt, war alles umsonst, dann kehren wir sogar mit Schulden zurück. Manche schaffen es, bis zu zehn Jahren hier zu bleiben. Aber sie zahlen dafür einen hohen Preis, denn sie können ihre Familie während der ganzen Zeit nicht sehen, sind ständig am Weinen, hören die Musik aus ihrem Land. Das ist ein schlimmes Trauma.
In welchen Bereichen findet ihr Arbeit und zu welchen Bedingungen?
Die einzige Arbeit, die es für uns gibt, ist als Hausangestellte oder Putzfrau. Vor allem wir Frauen kommen nach Deutschland, weil wir leichter Arbeit finden als die Männer. Oft kommen die Ehemänner nach, aber für Männer ist es sehr schwer Arbeit zu finden. Die Männer arbeiten auf dem Bau, manche auch in Restaurants, aber da werden viele geschnappt. Man muss die Orte und die Arbeitszeiten wechseln. Manche Chefs sind gut und geben einem Papiere, vielleicht von anderen, die nicht mehr da arbeiten. In der Landwirtschaft arbeiten auch viele Latinos, in der Ernte.
Viele Frauen haben mir erzählt, dass sie für sehr wenig Lohn arbeiten, dass sie für 12, 13 Mark ausgebeutet werden. Die meisten verdienen 15 Mark pro Stunde, plus das Geld für die Fahrkarte. Einige wenige bezahlen uns 20 Mark, die erkennen das Opfer an, das diese Arbeit für uns bedeutet. Auf dem Bau zahlen sie viel weniger, zehn bis dreizehn Mark, weil das Risiko auf dem Bau für die Unternehmer größer ist. Da gibt es ständig Razzien.
Wir nehmen den Deutschen keine Arbeit weg. Die machen diese Arbeiten doch gar nicht. Ich habe noch keine Deutsche gesehen, die in Haushalten putzen geht. Wir sind es, die den Dreck der Deutschen wegmachen. Das ist eine sehr schwere Arbeit. In Lateinamerika ist sie erträglicher. Wenn dort jemand für mich arbeitet, bezahle ich ihm nicht nur seine Arbeit, sondern gebe ihm auch Essen und Getränke. Er isst mit uns zu Mittag. Hier ist das nicht so. Die Deutschen essen vor unserer Nase und laden uns nicht dazu ein. Sie bieten uns höchstens einen Kaffee an, und ganz vielleicht mal ein Butterbrot.
Welche Erfahrungen hast du sonst noch mit den Leuten, für die du arbeitest? Wird der Lohn korrekt bezahlt?
Es gibt Leute, die unsere Situation ausnützen. Wenn sie das Personal austauschen, in Restaurants, auf dem Bau oder auch im Haushalt, dann zahlen sie den letzten Lohn nicht. Mir ist das auch schon passiert. Sie behaupten, dass sie gerade kein Geld haben oder dass du schlecht oder zu langsam gearbeitet hättest. Sie denken sich tausend Vorwände aus, um nicht zu zahlen. Und du kannst nichts machen, weil du überhaupt nichts Schriftliches hast.
Manchmal fängst du an zu arbeiten und denkst, dass du da auf Dauer arbeiten kannst. Aber dann ist es nur für einen Tag. Sie lassen dich die Grundreinigung machen, eine Wahnsinnsarbeit, wenn monatelang nicht geputzt wurde. Du machst stundenlang diese harte Arbeit und danach sagen sie dir „Danke“. Nach zwei, drei Monaten holen sie sich dann eine andere und lassen sie wieder die Grundreinigung machen. In anderen Fällen werden wir auf Dauer eingestellt, das Haus in Schuss zu halten. Das ist leichtere Arbeit. Aber viele holen uns für ein einziges Mal, ohne uns das zu sagen. Für uns ist es ein Problem, dass die Leute hier so viel in Urlaub fahren. Das sind für uns Lücken, denn in der Zeit bezahlen sie uns nichts. Der Sommer ist für uns eine Durststrecke, wenn von unseren fünf Arbeitsstellen zum Beispiel nur zwei übrigbleiben. Plötzlich sagt mir eine: Ich fahre für zwei Wochen in Urlaub. Das hatte sie vorher nicht angekündigt. Und ich hatte das Geld schon eingeplant. Eine andere fährt drei Monate in die USA, der nächste fünf Monate nach Teneriffa. Wir müssen trotzdem weiter Miete bezahlen und Lebensmittel kaufen. Man ist ständig auf der Suche nach neuen Arbeitsstellen.
Wie ist eure Wohnsituation?
Viele Vermieter nehmen von uns höhere Mieten; manche nehmen das Doppelte, wenn sie wissen, dass wir keine Papiere haben. Und manche nützen auch die Frauen aus, stellen ihnen Bedingungen.
Manche leben zu fünft oder zu siebt in einer kleinen Wohnung, weil sie nichts anderes finden oder weil das billiger ist. Das ist sehr hart. Sie sagen: Wir sind hergekommen um zu arbeiten und Geld zu verdienen, und nicht um uns zu vergnügen.
Tagsüber essen wir praktisch nichts. Vielleicht mal ein Stück Pizza oder ein Butterbrot. Erst abends, zu Hause, kommen wir zum Essen. Ich fahre den ganzen Tag herum, ständig in der U-Bahn – furchtbar, den ganzen Tag wie ein Maulwurf unter der Erde. Dann hast du abends keine Lust mehr, noch irgendjemanden zu treffen. Manche gehen nie aus – einerseits, weil es gefährlich ist und weil sie Angst vor Kontrollen haben, und andererseits, weil sie nach der Arbeit total erschöpft sind.
Wir Latin@s suchen einander und am Wochenende treffen wir uns um zusammen zu essen, Musik zu hören und Erinnerungen auszutauschen. Wir helfen uns gegenseitig, soweit das geht, mit Lebensmitteln, Kleidung, Wohnungen. Aber wenn jemand Probleme mit der Polizei hat, kann ihm niemand helfen. Die muss er ganz alleine lösen. Dann ist es besser, keinen zu kennen.
Es wäre menschlicher, wenn die Regierung uns eine Erlaubnis geben würde, legal zu arbeiten, für zwei oder fünf Jahre, wir würden Steuern bezahlen und danach wieder gehen. Das wäre auch besser für die Deutschen – wir würden nicht so schlecht über sie reden, wenn wir in unser Land zurückkehren. Wir werden hier schlecht behandelt, nicht weil die Menschen hier schlecht sind, sondern weil sie ihre Gesetze befolgen, und indem sie das tun, sehen sie uns als andersartig an. Sie sehen uns als hergelaufene Fremde, als Schmarotzer, als das Allerletzte.
Obwohl doch Latino-Kultur hier gerade ziemlich angesagt ist, bekommt ihr diesen Rassismus zu spüren?
Sie sehen uns als Leute aus der Dritten Welt, als Arme. Und die meisten, die herkommen, sind ja wirklich arm. Wenn sie Geld hätten, würden sie ja nicht herkommen und dieses Leiden auf sich nehmen.
Sich in Deutschland einzugewöhnen ist für uns sehr schwer, wegen dem Klima, der Sprache, dem Essen – und wegen der Menschen, die ziemlich merkwürdig sind. Ich habe viele Arbeitsstellen aufgegeben, weil ich die Leute nicht ertragen habe. Ihren eigenen Stress lassen sie an uns aus. Die Deutschen sind Perfektionisten. Bei der Arbeit stellen sie enorme Anforderungen. Manche sind umgänglicher, vor allem die, die gereist sind. Sie kennen mehr von der Welt und nehmen mehr Rücksicht. Aber die, die hier nie rausgekommen sind, sind furchtbare Quadratschädel. Mir ist aber aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Leuten, die dort Familien besuchen und Leute treffen, und denen, die pauschal reisen und keinen Kontakt zu den Leuten kriegen. Die lernen nichts dazu.
Es geht dir nah, wenn du in der Bahn sitzt und kein Deutscher sich neben dich setzt. Sie bleiben lieber stehen, als sich neben uns zu setzen. Das ist schockierend. Also mache ich es mit ihnen genauso: Wenn ich einsteige, gucke ich die Deutschen an, aber ich setze mich nicht neben sie, sondern neben einen Schwarzen oder einen Türken. Die Deutschen behandeln uns durch ihre Art mit Verachtung. Sie sind sehr pedantisch und stolz auf sich selbst. Für uns ist es auch ein Schock, die Leute in der Straßenbahn zu sehen, keiner lächelt, die langen ernsten Gesichter. Die sollten die Sitze in den Bussen doch gleich mit dem Rücken zueinander anbringen! Die Leute reden sowieso nicht miteinander.
In Deutschland zu leben ist für euch demnach keine Perspektive?
Nach Deutschland kommen wir nur wegen des Geldes. Das ist für uns kein Ort zum Leben. Hier kann man eine Zeitlang bleiben, um seine Probleme zu lösen. Aber leben...– leben ist was anderes als arbeiten! Selbst diejenigen, die mit Deutschen verheiratet sind, fahren mindestens jedes zweite Jahr nach Lateinamerika. Sie halten das sonst nicht aus.
Keine, die her kommt, möchte hier bleiben. Das Klima gefällt uns nicht, die Sprache ist schwierig. Unser Essen kochen wir mit Lebensmitteln, die z.B. die Chinesen, Afrikaner, Türken oder Inder herbringen. Wie gut, dass die hier sind! Wenn die nicht wären, müssten wir Käse und hartes Brot essen!
Die so genannten entwickelten Länder sind in Bezug auf die Technologie entwickelt, aber sonst überhaupt nicht. Wie sie die Umwelt zerstören! Dieser Gestank der Fabriken! Und die Krankheiten durch Arbeit, durch Stress, das ist doch Wahnsinn. Die Deutschen rauchen und trinken Kaffee wie verrückt. Ich glaube, dass sie das machen, weil sie ständig in Aktion sind. Ich kenne Leute, die in Fabriken arbeiten. Die bringen sich da um. Mit dem Lärm, mit der schlechten Luft und den ganzen Tag wie mechanisch dasselbe machen. Ich kenne einen, der nichts mehr hört, wegen dem Lärm in der Fabrik. Ein anderer isst überhaupt nichts. In der Fabrik raucht er nur und trinkt Kaffee. Leute sehen hier total fertig und erschöpft aus, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Aber ihre Gesichter sind erschöpft. Die Gesichter der kleinen Leute, die hart arbeiten. Auch hier gibt es viele arme Leute. Solche Unterschiede dürfte es doch in einem entwickelten Land nicht geben! Diese „Entwicklung“ ist nur für ein paar, aber nicht für den Rest. Die Mehrheit arbeitet für die paar, die es sich gut gehen lassen.
Das Interview führte Alix Arnold im Oktober 2001.
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