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AraberInnen / ila 254
Sara und Simón
Das Ende einer endlosen Geschichte
von Erich Hackl
Als die erste Mail mit der Nachricht aus Uruguay kam, konnten wir es kaum glauben. Wir gingen ins Internet und suchten nach weiteren Infos. Das, was wir fanden, schickten wir sofort FreundInnen weiter, die sich in den letzten Jahren mit dem „Fall“ beschäftigt hatten: Der im Juli 1976 als Baby in Argentinien verschleppte Simón Riquelo ist gefunden und lebt in Buenos Aires. Wir hatten in der ila regelmäßig über Sara Méndez und ihre Suche nach ihrem Sohn Simón berichtet. Im vergangenen Juni war Sara anlässlich einer Rundreise bei uns in der ila und wir haben ein langes Interview mit ihr geführt (vgl. ila 247). Für Sara hatte ihr Einsatz immer eine persönliche und eine politische Dimension. In Uruguay und ganz Lateinamerika wurde er zum Symbol des Kampfes gegen das Vergessen und die Straflosigkeit für die uniformierten Täter. Es war auch der Einsatz Saras und ihrer Freunde, der schließlich Licht ins Dunkel brachte und die Auffindung Simóns ermöglichte. Diejenigen Militärs, die Sara und Simón verschleppt haben und immer über die Identität und den Aufenthaltsort von Simón bescheid wussten, haben bis zuletzt geschwiegen. Zu den langjährigen Freunden und Unterstützern Saras gehört der Wiener Schriftsteller Erich Hackl, der ihre Geschichte 1995 in seiner Erzählung „Sara und Simón“ festgehalten und einer größeren Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat. Wir freuen uns daher ganz besonders, dass Erich Hackl uns nachfolgenden Text über das Ende einer scheinbar endlosen Geschichte zur Verfügung gestellt hat.
Vielleicht können wir dein Buch zu Ende schreiben.“ Mit diesem Satz kündigte mir Sara Méndez am elften März von Montevideo aus den unerwarteten und doch so heftig ersehnten Wendepunkt in ihrem Leben an.
Saras Geschichte hatte ich in der Erzählung „Sara und Simón“ festzuhalten versucht: das Schicksal der heute siebenundfünfzigjährigen Frau aus Uruguay, die dazu verurteilt schien, für immer die Mutter eines verschwundenen Babys zu bleiben.
Sara war vor der Machtergreifung der Militärs 1973 aus ihrer Heimat in das benachbarte Argentinien geflohen. Dort brachte sie ein Kind zur Welt, das sie Simón Riquelo nannte. Zwanzig Tage nach der Geburt, am 13. Juli 1976, drang ein Kommando argentinischer und uruguayischer Militärs in ihr Haus in Buenos Aires ein und verschleppte sie in ein geheimes Folterlager, die Werkstatt Automotores Orletti. Zwei Wochen später wurde Sara zusammen mit anderen Landsleuten, Gegnern der Diktatur, heimlich nach Uruguay überstellt, in einer aufsehenerregenden Aktion offiziell verhaftet und wegen „subversiver Aktivitäten“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Von den an der Entführung beteiligten Offizieren erhielt sie nie Auskunft über den Verbleib ihres Kindes, das sie am Abend des 13. Juli zum letzten Mal gesehen hatte.
Als sie Anfang der achtziger Jahre freikam, begann Sara nach Simón zu suchen. Zuerst allein und mit Unterstützung der Großmütter der Plaza de Mayo, dann mit Mauricio Gatti, dem Vater des Jungen. 1989 hörten sie von einem Jungen, der als Säugling einen Monat nach Saras Entführung in Montevideo ausgesetzt und von einem kinderlosen Ehepaar unter irregulären Bedingungen adoptiert worden war: Gerardo Vázquez. Viele Details nährten den Verdacht, dass es sich bei ihm um den gesuchten Simón handelte. Allein, seine Adoptiveltern, dann er widersetzten sich einer Blutprobe. Auch die mit dem Fall betrauten Richter sahen keine Veranlassung, die Identität des Jungen festzustellen, ebenso wenig die Regierung von Präsident Sanguinetti, der inzwischen ein Amnestiegesetz erlassen hatte, das die Militärs vor strafrechtlicher Verfolgung schützte. Im April 1991 starb Mauricio Gatti.
„Sara und Simón“ spiegelte Ohnmacht und Ungewissheit dieser Spurensuche. Sie konnte, notgedrungen, nicht fertig erzählt werden, deshalb nannte ich das Buch im Untertitel auch: „Eine endlose Geschichte.“
Knapp vier Jahre nach seinem Erscheinen, im April 2000, gelang es Uruguays neuem Präsidenten Jorge Batlle, Gerardo Vázquez doch noch umzustimmen. Der landesweit mit großer Spannung erwartete DNA-Test ergab, dass Sara sich elf Jahre lang falschen Hoffnungen hingegeben hatte: Gerardo war nicht Simón. Die Frau stand wieder am Anfang ihrer Suche, gedemütigt von den Militärs, die sie seinerzeit entführt hatten, für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurden und weiterhin keinen Anlass sahen, bekanntzugeben, was sie mit Simón angestellt hatten. Ein Berater des Präsidenten ließ Sara nun wissen, dass ihr Sohn einige Tage nach ihrer Entführung vermutlich in einem Krankenhaus verstorben sei. Einen Beweis für diese Behauptung blieb er schuldig.
In einem verzweifelten Versuch, den Fall international bekannt zu machen und damit Druck auf die Regierung auszuüben, unternahm Sara Mitte des Vorjahres eine Europareise, bei der sie EU-Parlamentarier, Minister und Rechtsexperten mehrerer Länder auf den Fall Simón aufmerksam machte. Die Appelle aus Europa an die Regierung in Uruguay zeitigten keine Wirkung. Sara war seelisch und körperlich erschöpft. Aber Ende Februar teilte sie mir mit, dass sie die Suche nach Simón wieder aufnehmen wolle.Wenige Tage später, am dritten März nämlich, fiel ein fünfundzwanzigjähriger Mann in Buenos Aires aus allen Wolken: Bei seiner Rückkehr von einer Urlaubsreise eröffneten ihm seine Eltern, dass er nicht ihr leibliches Kind sei. Seiner wirklichen Mutter sei er im Alter von zwanzig Tagen geraubt worden. Ihr Name sei Sara Méndez, sie habe unablässig nach ihm gesucht. Es heißt, der junge Mann habe die Nacht bei seiner Freundin verbracht und in den nächsten Tagen alles gelesen, was im Internet über ihn, Sara und ihre gemeinsame Geschichte zu finden war. Am achten März fuhr er in die Clínica Durand, um sich einer Blutuntersuchung zu unterziehen. In diesem Krankenhaus sind die genetischen Daten von Sara und Mauricio gespeichert.
Schon im Vorjahr hatten sich zwei Männer aus Uruguay daran gemacht, das Schicksal verschwundener Landsleute endlich aufzuklären: der Journalist Roger Rodríguez und der Senator Rafael Michelini, Vorsitzender der kleinen sozialdemokratischen Partei Nuevo Espacio. Michelinis Vater Zelmar, einen prominenten Politiker, hatten die Militärs 1976 in Buenos Aires ermordet, seine Schwestern Elisa und Margarita waren entführt und gefoltert worden. Rodríguez gelang es, in Argentinien einen Mann ausfindig zu machen, der seinerzeit jener Todesschwadron angehört hatte, die unter anderem auch Sara verschleppt hatte. Von ihm erfuhr der Journalist, dass sich damals im Stadtteil Belgrano, nicht weit von Saras Haus entfernt, ein Krankenhaus befunden hatte, die Clínica Norte. Auch Michelini hörte bei seinen Ermittlungen von dieser Klinik. Es sei doch naheliegend, dass das Überfallkommando Simón dort abgegeben hatte. Dann wäre wohl das zuständige Polizeirevier vom Krankenhauspersonal verständigt worden.
Nach Monaten langwieriger Recherchen erhielt Michelini eine Liste mit den Namen aller Polizisten, die am 13. Juli 1976 den Nachtdienst versehen hatten. Er verglich sie mit einer zweiten Namensliste von Kindern, die damals in Buenos Aires ausgesetzt worden waren. Bis Dezember des Vorjahres gelang es ihm, die Zahl der in Betracht kommenden Beamten auf vier zu reduzieren. Mitte Februar hatte er endlich ihre Adressen und Telefonnummern herausgefunden. Er rief einen der vier Männer an. Sie verabredeten sich für den 27. Februar in einer Konditorei im Zentrum der Stadt. Er werde als Erkennungszeichen ein Exemplar der Zeitung „Clarín“ bei sich tragen, sagte der ehemalige Polizist. Es war der Gesuchte. Er sagte es, nachdem Michelini ihm von Saras hartnäckiger Suche erzählt hatte. „Ja, ich erinnere mich ganz genau an die Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1976, es war die kälteste Nacht des Jahres.“ Und: „Sie braucht nicht weiterzusuchen. Ich bin der, den Sie finden wollten.“
Er habe gerade geduscht, als er von einem Kollegen angerufen worden sei: Vor der Klinik sei ein Baby gefunden worden, das nun auf das Polizeirevier gebracht werde. Er habe angeordnet, den zuständigen Richter zu verständigen, auch schriftlich, damit alles seine Ordnung habe. Dann habe er, schon auf dem Revier, ein Protokoll angefertigt. Am frühen Morgen des 14. Juli sei das Kind in ein Waisenhaus überstellt worden. Nach Dienstschluss habe er seiner Frau davon erzählt. Und wenn wir es zu uns nehmen, habe sie gesagt. Das Gericht habe ihnen binnen weniger Tage das Pflegerecht eingeräumt, ihrem Antrag auf Adoption nach einem Jahr stattgegeben. Dem Jungen gegenüber hätten sie verschwiegen, dass er nicht ihr Kind sei. Jetzt würden sie es ihm wohl sagen müssen.
Der junge Mann hatte nichts dagegen, als Michelini fragte, ob er ihn zur Blutabnahme in die Clínica Durand begleiten dürfe. Er zweifelte nicht daran, Simón zu sein. „In dieser Geschichte gibt es zwei Opfer“, sagte er, „Sara und mich.“ –„Warum sprichst du nicht mit ihr?“, fragte Michelini. „Ja, warum eigentlich nicht“, antwortete er und Michelini rief mit seinem Handy in Montevideo an.
Sara wollte gerade den Bulevar Artigas überqueren, als das Telefon in ihrer Tasche läutete. Zuerst dachte sie, der Vater des Jungen habe sich gemeldet. Dann wurde ihr klar, dass er selbst es war, und sie spürte, wie ihre Beine zitterten. Sie musste sich an ein geparktes Auto lehnen. Der junge Mann merkte, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Er versuchte, sich seine Rührung nicht anmerken zu lassen. „Ich hatte eine glückliche Kindheit, ich bin glücklich, und ich möchte, dass du zu meinem Glück gehörst“, sagte er.
Vier Tage später sahen sich die beiden in Buenos Aires zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert. Er ist blond und stämmig, wie Mauricio, schreibt Sara. Dass er ihr mit einem riesigen Blumenstrauß entgegengekommen sei, habe sie in ihrer Aufregung glatt übersehen.
Seit dem 19. März liegt das Ergebnis des serologischen Gutachtens vor. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 Prozent kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem jungen Mann um den Sohn von Sara Méndez und Mauricio Gatti handelt. Er hat Sara und zuvor schon Michelini gebeten, seine Daten – Name, Adresse, Beruf usw. – vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Seine Geschichte ist ihm zu wichtig, als dass er sie in Talkshows kaputtreden will. Die ihn entführt haben, über Sara hergefallen sind, den beiden fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens geraubt haben, zeigen nach wie vor keine Reue.
Erich Hackls Erzählung „Sara und Simón“ ist 1995 im Diogenes-Verlag (Zürich) erschienen und als Diogenes-Taschenbuch für 8,90 Euro über den Buchhandel zu beziehen.
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