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AraberInnen / ila 254
Los Turcos
AraberInnen in Lateinamerika
von Laura Held
Migration aus dem Nahen Osten nach Lateinamerika gibt es seit etwa 150 Jahren. Viele NachfahrInnen von MigrantInnen aus Armenien, dem Libanon, Palästina und Syrien bekleiden heute wichtige Ämter. Der argentinische Expräsident Menem ist das vielleicht bekannteste Beispiel. Aber auch in drei anderen lateinamerikanischen Ländern gelangten arabisch-stämmige Politiker an die Staatsspitze: Julio César Turbay regierte Kolumbien von 1978 bis 1982 und Abdalá Bucaram war 1996 für sechs Monate Präsident Ecuadors. Jamil Mahuad regierte von 1998 bis zu seinem Sturz durch die Indígena–Bewegung im Januar 2000 das Andenland, in Honduras regierte bis Ende letzten Jahre Carlos Flores Facussé. Dennoch weiß man wenig über die sogenannten „turcos“, über ihre Migrationsgeschichte und ihren Alltag im heutigen Lateinamerika.
Sie sind Moslems, Christen oder Juden – und obwohl sie einen nicht unbeträchtlichen Einfluss ausüben und auch zahlenmäßig eine wichtige Gruppe sind, ist über sie im Vergleich zur europäischen Einwanderung relativ wenig geschrieben und geforscht worden. Erst seit etwa zehn Jahren gibt es einige Veröffentlichungen zum Thema arabische Migration nach Lateinamerika.
Erschwerend hinzu kommen die dürftige Quellenlage, der geringe Austausch zwischen der arabischen und der lateinamerikanischen Welt, Sprachschwierigkeiten und eine gewisse Reserviertheit von Seiten der AraberInnen selbst, über ihre Gemeinschaften Auskunft zu geben. Gleichzeitig führt das erst allmählich aufkommende multiethnische Bewusstsein in Lateinamerika dazu, dass die arabischen EinwanderInnen und ihre Nachkommen erst allmählich nicht mehr als Fremde wahrgenommen werden.
Oft wurden und werden die arabischen LateinamerikanerInnen als „turcos“ bezeichnet. Obwohl die Türkei kein arabischer Staat ist und obwohl die Armenier immer wieder betonen, dass sie weder Türken noch Semiten noch Moslems seien, gelten sie alle nach wie vor als
„turcos“. Mit der ersten großen Auswanderungswelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen vor allem verfolgte, oft christliche Minderheiten aus dem Osmanischen Reich. AraberInnen, Juden, Jüdinnen und ArmenierInnen mit osmanischen Pässen galten als „turcos“. Und diese unterschiedlichen Gruppen besetzten dieselben Nischen und trafen sich an denselben Plätzen. Obwohl dieser Name von einigen zurückgewiesen wird, gibt es doch gute Gründe, ihn zu benutzen. Waren sie vorher auch Angehörige verschiedener Ethnien, Kulturen und Nationen, so haben die „turcos“ doch in Lateinamerika eine gemeinsame Geschichte.
Wirtschaftliche Lücke
Seit der Unabhängigkeit von der spanischen Krone begannen Migrationsfragen ein Thema für die lateinamerikanischen führenden Schichten zu werden. Sie ermutigten die Einwanderung von „weißen“ MigrantInnen. Und obwohl AraberInnen als „Weiße“ galten, waren sie nicht gemeint und nicht willkommen. Dennoch blieb Lateinamerika ein attraktives Migrationsziel. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verkehrten regelmäßig Dampfschiffe zwischen dem Nahen Osten und Europa sowie zwischen Europa und Lateinamerika, so dass die Einwanderung leichter und billiger wurde.
Das Wachstum der Industrie und der Agrarwirtschaft in Lateinamerika schuf einen Markt für kaufmännische Aktivitäten, in denen maghrebinische Juden, Araber und Armenier auch schon vorher tätig waren. Viele dieser Einwanderer arbeiteten ab Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts als Hausierer. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand eine Mittelklasse, die die vorher unerschwinglichen Güter nachfragte. Aber die Distribution dieser neuen Artikel wuchs nicht im gleichen Maße wie die Industrie und die Kapitaleinkünfte. Dies war die Stunde der fahrenden Händler.
Mit intensiver Arbeit konnten die arabischen Händler schnell selbst einen kleinen Laden oder eine Fabrik eröffnen, das Eisenbahnnetz verbesserte die Vertriebsmöglichkeiten. Die „turcos“ stiegen sozial auf, vor allem in der Textil-, Schuh- und Bekleidungsindustrie.
Die Erfahrung der „turcos“ in Lateinamerika zeigt, wie sehr EinwanderInnen von der Situation in ihrem neuen Land geprägt werden. Die einheimischen Eliten, die von einer „weißen Rasse“ für Lateinamerika träumten, betrachteten die Neuankömmlinge mit gemischten Gefühlen. Aber sie sahen sehr wohl ein, dass sie ihren Ländern ökonomische Vorteile brachten. Lange und heftige Diskussionen waren die Folge. Da die EinwanderInnen sowohl in Südeuropa als auch auf der iberischen Halbinsel keine guten Erfahrungen gemacht hatten, beschlossen sie, die oft diskriminierenden Äußerungen und Diskussionen zu ignorieren und möglichst schnell ArgentinierInnen, BrasilianerInnen etc. zu werden.
Eine besondere Frage betrifft den Islam. Die meisten arabischen EinwanderInnen waren christliche Männer. Die wenigen Muslime übten ihren Glauben meist unauffällig aus, viele verloren ihren Glauben schnell in der fast rein katholischen Umgebung, vor allem durch die Heirat mit Nicht-Musliminnen. Dies hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren verändert. Es gibt einige offensive moslemische Gemeinden, die unter der zweiten und dritten Generation um AdeptInnen werben. Gleichzeitig haben anti-arabische Ressentiments erheblich zugenommen.
In Argentinien führte kürzlich die Überlassung eines staatlichen Grundstücks für eine Moschee, die mit saudi-arabischem Geld gebaut wurde, zu hitzigen und oft rassistischen Pressekommentaren. Die Situation im Nahen Osten, die Anschläge gegen jüdische Einrichtungen in Buenos Aires und die Attentate vom 11. September haben auch in Lateinamerika zu einem Erstarken des Anti-Islamismus geführt.
Quelle: Ignacio Klich, Jeffrey Lesser, „Introduction: Images and Realities of Arab and Jewish Immigrants in Latin America“, in: Immigrants & Minorities, Vol. 16, Nr. 1 & 2
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