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aus AraberInnen / ila 254

Von Bethlehem nach San Pedro
Die palästinensische Gemeinde in Honduras
 von Eduard Fritsch

Als Mitte der achtziger Jahre die Beschäftigten des honduranischen Bauministeriums wegen Entlassungen auf die Straße gingen, beschimpften sie den damaligen Minister als „Turco Handal“ – ein Spross der weit verzweigten Familie Handal aus Bethlehem, zu der auch der vormalige Guerilla-Kommandant und derzeitige Fraktionsvorsitzende der FMLN im Parlament von El Salvador, Shafik Handal, gehört. Einige Bauarbeiter rauchten Zigaretten der inzwischen verschwundenen Marke „King Bee“ aus der 1914 gegründeten Zigarettenfabrik von Jorge Blanco und César Abud, dessen Familie aus Bethlehem kam. Andere kauften regelmäßig „Textiles Rio Lindo“ aus den Fabriken der Familie Facussé, die ebenfalls aus Bethlehem stammt und bis Ende letzten Jahres den Präsidenten Honduras', Carlos Flores Facussé, stellte. Die überwiegend christlichen PalästinenserInnen sind längst nicht mehr aus der honduranischen Wirtschaft und Politik wegzudenken.

Das Schimpfwort „turcos“ wird nicht weniger rassistisch durch die Tatsache, dass die ersten arabischen Einwanderer, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Honduras kamen, aus der „Türkei“, genauer gesagt aus dem Osmanischen Reich, kamen. Ausschlaggebend für Beginn und Verlauf dieser lang anhaltenden Migration waren die Ereignisse dortselbst: das osmanische Verbot von Landeigentum für AraberInnen ab 1850, der Beginn der jüdischen Einwanderung nach Palästina, der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Verwandlung von Palästina in ein britisches Protektorat ab 1918 und die Teilung Palästinas und Gründung des Staates Israel im Jahre 1948.

In Mittelamerika wiederum war das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts geprägt von „liberalen Revolutionen“, die immer auch Anreize für MigrantInnen beinhalteten, wobei zwar eher an NordamerikanerInnen und WesteuropäerInnen als an AraberInnen gedacht wurde, die Einwanderungsgesetze aber gleichwohl frei von jeglicher Diskriminierung waren. So wurde das erste honduranische Einwanderungsgesetz von 1866 in der Überzeugung erlassen, dass das Land für seine Entwicklung die Zuwanderung braucht. Mit seiner Gleichstellung und etlichen Anreizen für EinwanderInnen (Landeigentum, Steuerbefreiungen) glich es eher der Politik von Katharina der Großen als der kleinkrämerischen Green-Card-Initiative des VW-Lobbyisten Gerhard Schröder. Es kamen unter anderem PalästinenserInnen, deren Migration bald ein bestimmtes Muster zeigte. Sie stammten zu 80 % aus Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur, waren ChristInnen (überwiegend von der katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche) und ließen sich vor allem an der Nordküste Honduras' nieder. Es waren städtische MigrantInnen, die als ambulante HändlerInnen, vor allem mit Devotionalien aus dem „Heiligen Land“, anfingen. 

Nach Art der HausiererInnen kamen und gingen sie zunächst und fingen erst mit Beginn des Bananen-Booms in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts an, in dessen Hochburgen La Ceiba und später San Pedro Sula Läden einzurichten und Handelshäuser zu gründen. Sie hielten ihre Beziehungen nach Bethlehem und Umgebung aufrecht, fühlten sich lange Zeit eher als zeitweilige BewohnerInnen von Honduras denn als BürgerInnen dieses von ihnen als rückständig erachteten Landes und pflegten die Endogamie, weshalb ihre Vermögen zusammen blieben und wachsen konnten. Carlos Salomón z.B. kam 1903 mit seinen Eltern aus Beith Sahur, besuchte später in San Pedro Sula das Gymnasium und kehrte 1922 nach Palästina zurück, um zu heiraten. Jorge Siwady kehrte gar nach 40 Jahren in Honduras 1950 in die alte Heimat zurück, um ein Jahr später in Jericho zu sterben.

Während der Kaffeeanbau, der in Guatemala und El Salvador ImmigrantInnen anlockte und zum festen Bestandteil der bis heute herrschenden Oligarchien werden ließ, in Honduras wegen seiner unwegsamen Geographie zunächst nicht Fuß fassen konnte, begann Mitte des 19. Jahrhunderts auf den honduranischen Karibikinseln Islas de la Bahía und an der Atlantikküste der Bananenanbau. Produziert wurden die krummen Früchte zunächst von kreolischen Pflanzern, vermarktet von Agenten in New Orleans. Mit der wachsenden Nachfrage in Nordamerika, der Entwicklung der Kühltechnologie und immer schnelleren Schiffen übernahmen die Standard Fruit in der Anbauregion von La Ceiba an der Küste und später die Tela Railroad Company (United Fruit) im Tal von San Pedro Sula das Geschäft und machten Honduras um 1925 zum größten Bananenexportland der Welt. Mit der Entfaltung der Bananen-Enklave wuchs der Markt für Nahrungsmittel, Bekleidung, Hausrat und Werkzeug. 1903 gründete die Familie Kawas, ebenfalls aus Bethlehem stammend, in La Ceiba das Handelshaus Casa Colorada – seinerzeit das größte in Honduras. 1918 waren von 27 Läden und Handelshäusern in San Pedro Sula 14 „arabisch“, sieben spanisch, drei deutsch, zwei US-amerikanisch und eines honduranisch. 

Die Beziehungen der palästinensischen HändlerInnen zur Bananen-Enklave waren anfangs nicht einfach, weil die Konzerne auf ihren Plantagen eigene Läden (Comisariatos) betrieben. So wurde den „turcos“ nachgesagt, dass sie den Streik der Bananen-ArbeiterInnen von 1925 unterstützten. Nach und nach verschwanden die Comisariatos und die PalästinenserInnen übernahmen den Handel an der Nordküste und zunehmend auch im Inneren des Landes mehr und mehr.

Die Blütezeit der palästinensischen Einwanderung war in der Zeit von ca. 1910 bis 1930. In diesen Jahren dehnten die Händler ihren Aktionsradius entlang der gesamten Atlantikküste und nach Tegucigalpa aus (wo sie zunächst mit chinesischen und deutschen Handelshäusern konkurrierten), investierten in die verarbeitende Industrie (neben der bereits erwähnten Zigaretten- und Textilbranche entstanden Soda- und Streichholzfabriken, wurde die Mehlfabrik „Molino Sula“ und vor allem Honduras' erste richtige Aktiengesellschaft, die „Compañía Azucarera Hondureña“ mit palästinensich-stämmigem Kapital gegründet), schufen ihre eigenen kulturell-politischen Einrichtungen und engagierten sich in den Fußballvereinen von San Pedro Sula und Tegucigalpa. Die „Sociedad Unión Juventud Árabe“ in Tegucigalpa, die 1939 gegründet wurde, unterhielt eine eigene Wochenzeitschrift und ein eigenes Radioprogramm. Dank der starken Bindungen der palästinensischen Gemeinde in Honduras an ihre Herkunftsregion waren beide auch Sprachrohre ihrer Schwestern und Brüder in der Heimat, die sich Mitte der dreißiger Jahre in der Region Bethlehem einen Krieg mit jüdischen EinwanderInnen lieferten.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als nach dem Kriegseintritt von Honduras auf Seiten der Allianz die deutschen Handelshäuser enteignet wurden, übernahm das palästinensisch-stämmige Kapital deren Marktsegmente, während die Firmeneigentümer selbst mehrheitlich von Anhängern des Diktators Tiburcio Carías „honduranisiert“ wurden. In jüngerer Zeit spielen die HonduranerInnen palästinensischer Herkunft, deren Gesamtzahl – stark schwankend – auf 175 000 bis 300 000 Personen (Gesamtbevölkerung: 6,2 Miilionen) geschätzt wird, auch eine maßgebliche Rolle im Finanzsektor.

Der ewige „turco“

Obwohl die palästinensisch-stämmigen Kapitalisten ein fester Bestandteil der nationalen Bourgeoisie in Honduras geworden sind, werden sie von ihren honduranischen Klassengeschwistern und von der Bevölkerung immer noch als Außenseiter betrachtet und latent rassistisch markiert. Die Zeiten, in denen wie 1926 an der Nordküste Flugblätter gegen „turcos“ und „chinos“ (Chinesen, Japaner) kursierten oder PalästinenserInnen in den Freimaurerlogen, Clubs und Casinos der kreolischen Bourgeoisie, der europäischen EinwandererInnen und der Investoren der Bananen-Enklave nicht gern gesehen waren, sind vorbei. Auch ist es den Leuten aus Bethlehem und Umgebung in den fünfziger Jahren, d.h. in der dritten und vierten Generation, endgültig gelungen, sich politisch zu integrieren, Mitglieder und Führungskader der beiden traditionellen Parteien, der Nationalen und der Liberalen Partei zu werden. Aber im historischen Gedächtnis von Honduras schlummern weiter die rassistischen Einwanderungsgesetze von 1929 und 1934 und die Identität der Nation basiert weiter auf einer in den 30er Jahren konstruierten, die palästinensische und etliche andere nationale Minderheiten ausschließenden „Mestizaje“(Rassenmischungs)-Ideologie.

Nach dem Einwanderungsgesetz von 1929 mussten arabische, türkische, syrische, armenische, schwarze und chinesische ImmigrantInnen 2500 US-Dollar Bürgschaft hinterlegen (zum Vergleich: um ein Studienvisum für die Bundesrepublik Deutschland zu bekommen, müssen kamerunische StudienbewerberInnen 12 000 DM Bürgschaft hinterlegen, von denen 3500 DM für die Rückreise gesperrt bleiben). Das Einwanderungsgesetz von 1934 verbot die Einwanderung von Schwarzen, Chinesen und „Zigeunern“. Arabische, türkische, syrische, armenische, palästinensische, tschechoslowakische, libanesische und polnische ImmigrantInnen wurden nur zugelassen, wenn sie Landwirtschaft oder Fabriken betreiben wollten und entsprechendes Investitionskapital mitbrachten.

Die Gründe für diese rassistische Gesetzgebung, deren Intention den liberalen Gesetzen von 1866, 1895 und 1906 entgegengesetzt war und die zu einem Rückgang der palästinensischen Zuwanderung führte und dazu, dass sich bereits Niedergelassene verstärkt einbürgern ließen, sind im materiellen, vor allem aber im politisch-ideologischen Bereich zu suchen. Der Aufschwung des palästinensisch-stämmigen Handelskapitals führte von einer gewissen Ablehnung durch konkurrierende Kaufleute (honduranische und aus anderen Einwanderungsgruppen) zu offenen Aufrufen in damals führenden Massenmedien, die „turcos“ aus San Pedro Sula und anderen Orten an der Nordküste zu vertreiben. Die anti-„turco“-Stimmung und die entsprechende Politik verschärften sich mit der Weltwirtschaftskrise.

Nationalistische Konstruktionen

Es waren Intellektuelle, die dieser Stimmung Ausdruck verliehen und das „Manöver der lokalen Eliten angesichts ihres Scheiterns, eine nationale Bourgeoisie zu bilden“ (Jorge Alberto Amaya) in einen nationalen Identitäts-Diskurs kleideten. Anders ausgedrückt: angesichts des unaufhaltsamen Vormarsches der Bananen-Konzerne, deren Enklaven das wirtschaftliche und politische Leben Honduras' mehr und mehr bestimmten – und verglichen mit deren Macht das palästinensische Handelskapital eher ein Windfall-Phänomen als eine Juniorpartnerschaft darstellte –, scheiterten die „lokalen Eliten“ (die kreolische Bourgeoisie und andere ImmigrantInnen-Gruppen) in ihrem Versuch, ein nationales Projekt des honduranischen Übergangs zum Kapitalismus aufzubauen.

Die mexicanische Revolution und der Sandinismus in Nicaragua lieferten dann das passende ideologische Material, um das Gejammere über die scheinbare Vorherrschaft der „exotischen ImmigrantInnen“ (Depesche der US-Botschaft in Honduras, 1929) zu unterfüttern. „Der Mestize ... entstand als das ideologische Symbol des neuen Regimes und der Indigenismus passte sehr gut in dessen Vision, denn die Indigenisten setzten es sich zum Ziel, die Indios zu integrieren, d.h. zu Mestizen zu machen“, schreibt der englische Historiker Alan Knight (1990) über Sinn und Zweck der „revolutionären Mestizaje“ in Mexico. In dieselbe Richtung ging die Auffassung von Augusto César Sandino, der Nicaragua als „indo-hispanische“ Nation verstand, deren Autonomie seine Befreiungsarmee gegen die US-Invasoren verteidigte. Sandinos wichtigster Helfer in Honduras, der Intellektuelle Froylán Turcios, der 1929 von der Regierung der Liberalen Partei zum Generalkonsul in Paris gemacht wurde, übernahm diese Auffassung und wandte sich ausdrücklich gegen die afrikanischen Anteile an der honduranischen „Mestizaje“. Das ideologische Großunternehmen im Honduras der 30er Jahre bestand also darin, die Nation zu homogenisieren durch eine Reduktion der Vielvölkernation auf ihre spanischen und indigenen Anteile, eine „rassische Harmonie“ zu suggerieren und die palästinensische Gemeinde und andere nationale Minderheiten aus der die Nation bildenden „Mestizaje“ auszuschließen. Der Zusammenhang der ideologischen Konstruktion mit den materiellen Gegebenheiten liegt auf der Hand: die Fiktion einer harmonischen Nation ist der Ersatz für ein tatsächliches, eigenes nationales Projekt, das an der Macht der Bananen-Enklave scheiterte.

Ihren praktischen Ausdruck fand diese Konstruktion nicht nur in den rassistischen Einwanderungsgesetzen, sondern auch in den Volkszählungen, in denen es ab 1930 keine „Mulatten“ und „Ladinos“ mehr gab, sondern mehrheitlich „Mestizen“, und in der symbolischen Politik. So wurde das neue Geld, das 1926 eingeführt wurde, „Lempira“ genannt nach einem Lenca-Kaziken, der im Süden Honduras' den Widerstand gegen die spanischen Eroberer anführte. Wie konstruiert diese Bemühungen waren, läßt sich daran erkennen, dass zur 400-Jahr-Feier der Stadt San Pedro Sula die spanische Gemeinde ein Denkmal für den Conquistador Pedro de Alvarado, den Gründer der Stadt, stiftete, während die palästinensische Gemeinde in einer, wenn man so will, klugen Reaktion auf die „indo-hispanischen“ Aufwallungen ein Denkmal für den Häuptling Lempira beisteuerte.

So wurde die nationale Identität in Honduras auf einer Lüge mit rassistischer Konnotation aufgebaut, die die Geschichtsschreibung des Landes bis auf den heutigen Tag beherrscht, wenn einschlägige Schulbuchautoren und Wissenschaftler weiterhin behaupten, „Honduras (sei ein) Land, in dem ganz klar die Rassenmischung vorherrscht.“ (Pineda Portillo, 1988) und dann als „ethnische Minderheiten“ verschiedene indigene Völker aufzählen, während die mächtige palästinensische Gemeinde überhaupt nicht auftaucht. u

Quellen: Darío A. Euraque, Formación nacional, mestizaje y la inmigración árabe palestina a Honduras, 1880-1930; Estudios Migratorios Latinoamericanos, Jg. 9, Nr. 26, 1994, Jorge Alberto Amaya, Los árabes y palestinos en Honduras (1900-1950), Tegucigalpa, 1997

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