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Lima / ila 257
Von San Juan nach San Antonio
Annäherungen an eine ungeliebte Stadt
von Hildegard Willer
Heute lebt ein Drittel aller PeruanerInnen in Lima und alle Wege führen nach Lima. Man kann ein wahres Buch über Deutschland schreiben ohne Berlin betreten zu haben. Aber ein Buch über das heutige Peru schreiben, ohne von Lima zu sprechen, könnte höchstens der Autor eines Reiseführers über Macchu Picchu, einer ethnologischen Abhandlung oder eines fiktiven Romans. Man muss nach Lima fahren, wenn man studieren will, eine medizinische Behandlung benötigt, wenn man es zu etwas bringen will. Aber auch, wenn man all dies hinter sich lassen will, muss man nach Lima um seinen Reisepass abzuholen. Nur zum Sterben kannst du in der Provinz bleiben. Lima ist das Zentrum eines superzentralisierten Landes. In der folgenden Reportage unternimmt Hildegard Willer eine Pilgerfahrt von San Juan, ihrem ehemaligen Wohnort im Süden der Stadt, nach San Antonio im Stadtteil Miraflores, wo ihr Arbeitsplatz war.
Jeden Morgen, wenn ich von zu Hause weggehe, wohne ich demselben Ritual bei. Doña Marina holt ihr frisch poliertes Auto aus dem Schönheitssalon und schickt es zur Arbeit. Danach gießt sie die zwei Bäume auf dem Bürgersteig, stellt das Schild „Schönheitssalon Mary Cecy“ auf, ordnet die abgenutzten roten Plastikstühle vor dem Spiegel an, legt die Mode-Zeitschriften vom letzten Jahr auf den Frisiertisch und holt das Regal mit Shampoo, Conditioner und all dem, was den Frauen des Viertels verspricht, sie in Prinzessinnen zu verwandeln. Nun ist sie bereit, ihre KundInnen zu empfangen. Die rothaarige Fünfzigjährige – die Haarfarbe entstammt der Eigenwerbung – ist Besitzerin des Friseurladens „Mary Cecy“ und seit etwa zwei Jahren Besitzerin eines Autos, welches sie tagsüber an einen Taxifahrer vermietet. Am Abend parkt sie das Auto an dem Ort, der sich am nächsten Tag wieder in den Friseursalon verwandelt. Kein Zweifel, Doña Marina ist eine Frau mit Geschäftsgeist und Ehrgeiz: Damit ihr Haus gut in Schuss ist, damit das Geld dafür ausreicht, dass ihre einzige Tochter (die Cecy vom Schild) studieren kann und Akademikerin wird oder zumindest einen Akademiker heiratet, was so ziemlich das gleiche ist, damit sie das Hühnchen-ají gut zubereiten kann und damit das Geld ausreicht, um das Hühnchen für das gut zubereitete ají zu kaufen. Doña Marina ist die „aufstrebende“ kämpferische Frau aus Lima, die es schafft, Schritt für Schritt ihre Ziele zu erreichen. Sie lebt genauso wie ich in einem sogenannten „barrio popular“, einem Viertel der Unterschicht: San Juan de Miraflores.
San Juan ist ein Heiliger, der zu nichts gut ist. Zu diesem Schluss gelangte ich, nachdem ich mehrere Nonnen, Pfarrer und begeisterte KatholikInnen dazu befragt hatte. Kein Segen, keine Wohltat wird den besonderen Fähigkeiten des San Juan zugeschrieben. Der Beweis dafür wurde bereits vor mehr als hundert Jahren erbracht, als die Peruaner verzweifelt gegen die Invasion der Chilenen in die damals noch unbesiedelten Sandflächen von San Juan und Miraflores im Süden Limas ankämpften. Weder San Juan noch irgendein anderer Heiliger eilte den jungen Männern Limas zur Hilfe, die zunächst zu lebenden Soldaten und dann zu toten Helden wurden. Doch das Erinnerungsvermögen ist eine Sache und das Leben eine andere und die Strecke zwischen beiden ist länger als dieser Bericht.
1964, einige Tage vor Weihnachten, besetzten BewohnerInnen Limas und der Anden die weiten Gebiete von San Juan um sich dort ihre Häuser zu bauen. Die Presse Limas feierte das ungewöhnliche und rebellische Vorgehen, den Eigentümer nicht um Erlaubnis gefragt zu haben, und nannten die am Vorabend des Weihnachtsfestes neu geborene Stadt „Stadt Gottes“. Wir wissen nicht, ob Gott den BesetzerInnen treu blieb, aber der Name wurde beibehalten. Ciudad de Dios, das Geschäftszentrum von San Juan de Miraflores, wurde während der 70er und 80er Jahre zum größten Markt für fliegende HändlerInnen in ganz Südamerika. Er symbolisiert die chaotische, unruhige, subversive und geschäftige Welt der MigrantInnen aus allen Teilen Perus, die Welt, die der peruanischen Hauptstadt ihr neues Gesicht geben sollte.
Und wer liebt Lima?
Pedros Gesicht strahlt Überdruss aus. Er kam aus Cusco, um in Lima sein Glück zu versuchen. Heute mäht er den Rasen zwischen den Fahrstreifen einer Straße. Die Stadtverwaltung zahlt ihm ein paar Soles dafür, dass er die dürftigen Blättchen abschneidet und an einer noch weniger grünen Stelle San Juans pflanzt. „Ich bin Gärtnerei-Experte, ich kenne mehr als 160 Orchideensorten“, sagt er in einem Tonfall, der die Begeisterung längst hinter sich gelassen hat, und fährt fort den gelblichen Rasen zu schneiden. Der peruanische Urwald, saftiges Grün, unerforschtes Gebiet – das ist das Land seiner Träume oder sagen wir, es nimmt den zweiten Platz in der Rangliste seiner Träume ein. „Ich langweile mich in Lima, ich würde gern in ein anderes Land gehen.“ Er wirft mir einen halb schelmischen, halb hoffnungsvollen Blick zu, als ob ich ihm dabei helfen könnte seine Träume umzusetzen. „Ich langweile mich hier“, wiederholt er. Wenn er zehn Meter nach rechts schauen würde, würde er einen Vergnügungspark sehen. „Super Loof“ und „Crazy Surf“, um sich schwindelig zu fahren und die dunklen Träume zu vergessen. Eintritt: ein Sol. Wer die Langeweile vorzieht, ist selber schuld.
„Peru, ich liebe dich“. Die weißen Buchstaben auf dem roten T-Shirt des Mädchens springen ins Auge. Sie joggt für ein paar Kilos weniger, für eine ideale Figur, wie Frauen und Männer auf der ganzen Welt. Oder vielleicht läuft sie, um die Langeweile zu vergessen, um zu vergessen, dass sie nach ihrem Abschluss keine Arbeit finden wird, nicht mal als Kassiererin. Oder läuft sie ihrer eigenen Hoffnung hinterher? Aber sie liebt Peru.
Ich war noch nie in einem Land, in dem die BewohnerInnen so stark die Notwendigkeit verspüren, öffentlich ihre Liebe zum Land zu verkünden. Als ob das tausendmalige Wiederholen dazu führt, dass sie schlussendlich daran glauben. „Ich liebe mein Land“, sagt die Tochter eines Ex-Präsidenten, der vorgab, Peruaner zu sein, und als Japaner endete; das sagt die Tochter eines Fernsehunternehmers, dem der genannte Ex-Präsident die Landeszugehörigkeit absprach; das schreien Tausende PeruanerInnen, damit der liebe Gott – der angeblich Peruaner ist – ihre Fußballmannschaft mit einem Wunder vor der bevorstehenden Niederlage bewahrt. Es würde mich nicht überraschen, wenn selbst der Ex-Berater des Ex-Präsidenten in einem seiner hinterlassenen Videos in einem „Ich liebe dich, Peru“-T-Shirt zu sehen wäre. Es scheint, dass diejenigen, die ihr Land am meisten lieben, dies am liebsten außerhalb der Landesgrenzen tun. Verwunderlich ist auch, dass alle HauptstadtbewohnerInnen zwar Peru lieben, aber niemand liebt Lima. Kein T-Shirt verkündet „Ich liebe dich, Lima“. Alle scheinen von Lima angeödet. Nur nicht der Bürgermeister von Lima, Herr Andrade, der einen heroischen Akt beging, indem er in die Altstadt jener Stadt zog, die er zu regieren hat.
Informeller Sektor und gescheiterter Fortschritt
Sie kamen ins Zentrum auf der Suche nach Arbeit, die es ihnen erlaubt, ihre Kinder zur Schule zu schicken, damit sie eine Ausbildung bekommen, damit sie vorankommen, damit sie am versprochenen Fortschritt teilhaben. Doch Arbeit gibt es nicht mehr, weder in Lima noch in Peru. Die Statistik besagt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos oder unterbeschäftigt ist. Zweifellos sind die Straßen von San Juan voll mit Leuten, die arbeiten, von Kindern, die arbeiten um ihre Eltern zu unterhalten.
„Jeden Morgen komme ich hierher zum Arbeiten“, erzählt die dreizehnjährige Pianina mit ernster Miene. Am Rande der Geschäftsstraße von San Juan breitet sie ihre Decke aus und drapiert darauf die Gegenstände zum Verkauf an die FußgängerInnen, die auf dem Weg zur Arbeit sind oder auf der Suche danach. Pianina verkauft Spielzeug: Beauty combination, water gun, super pocket monsters und ein baby rattle für die Babys, die noch ihre Kindheit genießen können. Und was ist dein Lieblingsspielzeug, frage ich sie. Sie wundert sich über die Frage. Nach einigen Sekunden des Nachdenkens hebt sie eine Art Plastikpuzzle hoch. Damit vertreibt sie sich die Zeit, wenn keine KundInnen kommen oder wenn ihr die Polizei auf die Nerven geht.
Keiner kann sich den Luxus leisten nicht zu arbeiten und so wird der Weg zur Arbeit zum Ort der Arbeit. Alle arbeiten, aber keiner verdient was oder nur sehr wenig. Der Busfahrer arbeitet, der Taxifahrer, die Zeitungsverkäuferin, das unerschütterliche Mädchen, das auf einem Stuhl unerschütterlich ihre Telefonkarten anbietet, der Junge mit dem gestreiften Hemd, der Bonbons für fünf Céntimos verkauft. Woanders würde man sie vielleicht Bettler nennen.
Der Bus fährt bis zum Higuereta-Kreisverkehr. Auf der linken Seite ragt eine Ruine empor, die eigentlich eine Straßenbahn werden sollte. Sie kam nie zum Einsatz, dank eines anderen Ex-Präsidenten, der vor kurzem sein politisches Comeback feierte. Die Zementpfeiler der Hochbahn dienen heute den StraßenverkäuferInnen als Unterstand und sind immer noch mit dem Porträt des Ex-Ex-Präsidenten zuplakatiert. Man könnte meinen, dass die Trassenruine der unpassendste Ort für Parteipropaganda für Alan García ist, wird er doch beschuldigt, von der Baufirma eine Million Dollar Schmiergelder angenommen zu haben. Aber der Caudillismo in Peru ist stärker als zehn Lektionen selbst miterlebter Landesgeschichte. Von einem Tag auf den anderen verwandelte sich die Trassenruine vom Symbol für Korruption der Regierung Alan Garcías in ein Symbol der Hoffnung auf den gleichen Caudillo. Vielleicht haben auch die Kleinbusfahrer aus Dank die Wahlplakate angebracht, denn mit einer funktionierenden Straßenbahn wären die Arbeitsplätze von 35 000 Kombi-Fahrern bedroht gewesen. Der Rest der BewohnerInnen Limas, genauer gesagt 7 965 000 Personen, lassen weiterhin mit stoischer Ruhe die Fahruntüchtigkeit, das plötzliche Bremsen und die Abgase der öffentlichen Verkehrsmittel über sich ergehen.
Blondsein heißt Dabeisein
Weiter geht's bis nach Miraflores, die Aussicht verändert sich langsam: Immer mehr Gitter vor den Häusern, immer mehr Privatautos reihen sich ein in die Schlange der Kleinbusse, der erste weiße Palast der chilenischen Supermarkt-Kette „Santa Isabel“ taucht auf. Die Zivilisation bahnt sich ihren Weg. Im Higuereta-Kreisverkehr scheint ganz Lima zusammenzufließen, Autos, Kombis, Busse und Laster kreisen um die Statue irgendeines peruanischen Helden, dessen Heldenhaftigkeit darin besteht, sich und seine Soldaten für die Niederlage aufgeopfert zu haben. Vielleicht ist deshalb die wahre Königin des Platzes eine Bikini-Blondine, die von einem Plakat herablächelt und Inka-Kola trinkt. Das Getränk mit dem nationalen Geschmack behält seinen super-peruanischen Namen und seine gelbe Farbe bei, obwohl es vor einiger Zeit vom Coca-Cola-Imperium übernommen wurde. Die Blondine scheint zu sagen: Trink Inka-Kola und du bekommst mich als Zugabe. Vielleicht hat ja auch der jetzige und letztendlich gewählte Präsident seine First Lady mit einer Inka-Kola erobert. Aber die Blondine vom Higuereta-Kreisverkehr hat schon einen Partner, genauso blond wie sie, der von einem anderen Plakat aus mit seinem Handy nach Miami oder New York telefoniert. Wir gehören dazu (zur weißen und blonden Welt), scheinen die Plakate zu vermitteln. Diejenigen, die nicht dazu gehören, setzen alles in Bewegung, um dahin zu kommen. Fast zehn Prozent der peruanischen Bevölkerung, in ihrer Mehrheit weder weiß noch blond, lebt im Ausland, d.h. mindestens die Hälfte der Bevölkerung Limas hat ein Familienmitglied in den USA, Italien, Spanien oder Argentinien. Die TelekommunikationsuUnternehmen bedanken sich.
Der Bus hält am Park „Reducto“ im Distrikt San Antonio, ich steige aus und gehe Richtung Avenida 28 de Julio. Ich bin begeistert von diesen angenehmen Sträßchen, wo die Hunde – so wie es sich gehört – hinter hohen Gittern wohnen und die Vorübergehenden nicht angreifen. Hier fliegen nur die Vögel frei herum und zwitschern in den Bäumen. Als ich auf dem Zebrastreifen die Straße überqueren will, rast ein grünes Auto auf mich zu. Die Fahrerin, daran habe ich keinen Zweifel, will mich töten. Als sie sieht, dass ich nicht zurückweiche, verfeinert sie ihren Plan und drückt aufs Gas. Mein Blick fällt auf eine Reihe von „Santa Isabel“-Plastiktüten auf dem Rücksitz. Am Steuer sitzt eine graumelierte Frau, deren Mund Entschlossenheit ausstrahlt inmitten eines unschuldigen Hausfrauengesichtes aus Miraflores. Schlagartig begreife ich, was in Gregor Samsa vorging, der Figur aus dem Kafka-Roman, der sich in einen Käfer verwandelt. In den Augen der AutofahrerInnen dieser Stadt sind wir FußgängerInnen Insekten. Unnütze Viecher, die man zum Wohle der Menschheit besser aus dem Weg räumt. Leute ohne Auto zählen nicht. Ich befinde mich in Miraflores, laut Reiseführer dem modernen Zentrum der peruanischen Hauptstadt. Früher war es ein Badeort für die reiche Bevölkerung Limas, die nach und nach ihre Arbeitsplätze, Büros, Geschäfte, Botschaften und NRO hierhin verlegt hat, um nicht wieder in die Altstadt zurückkehren zu müssen, die immer mehr herunterkommt.
San Antonio im Bezirk Miraflores ist ein so gennantes „Wohnviertel“. San Juan, wo ich wohne, nennt niemand „Wohnviertel“, obwohl zweifellos Menschen dort leben. Wer sind also die BewohnerInnen von San Antonio? „Vor 40 Jahren baute ein Großgrundbesitzer auf dem gesamten Gebiet Wein an, bis er sich entschied seine Ländereien zu verkaufen“, erzählt mir Don Ricardo, den ich im Laden gegenüber von meinem Büro treffe. Die KäuferInnen waren junge Familien, Nachwuchs aus Lima, AkademikerInnen, Staatsangestellte, „Mittelklasse, obere Mittelklasse“, sagt Ricardo mit einem nostalgischen Tonfall.
Viele Jahre lang bearbeitete der heute pensionierte Ingenieur seine Ländereien in Jaén, um seine Familie in Lima zu unterhalten. Jetzt lebt er in Lima und ein Teil seiner Kinder im Ausland. Ricardo verbringt seine Nachmittage im Laden von Don Lucho, der mit seinen 21 Jahren als Eckladenbesitzer schon fast zum Viertel gehört. Seinem Auto nach zu urteilen hat Don Lucho es in den 21 Jahren nicht zu Reichtum gebracht. Der Lincoln müsste an die 30 Jahre auf dem Buckel haben. „Im Laufe der Jahre ist das Viertel verarmt. Früher hatten die Familien sechs Hausangestellte, heute ein oder zwei. Und die schicken sie zum Laden, um anschreiben zu lassen.“ Das Viertel ist auch älter geworden. Dennoch ist es kein „barrio popular“, darauf besteht Don Ricardo und er erzählt mir von den wilden Besiedlungen der Wüstenflächen einige Kilometer weiter südlich, als ob es sich dabei um eine andere Stadt handele. „Das ist etwas ganz anderes, das hat das Gesicht Limas verändert.“ Und obwohl selbst im Laden von Don Lucho angeschrieben wird, bestehen doch ein paar sichtbare Unterschiede fort. Nicht die Hausfrauen gießen die Bäume, sondern Frauen, die Uniformen tragen und dort Hausfrauen sind, wo wir unsere Reise begonnen haben. Gleich sind dagegen die Bäume von San Antonio, sie strahlen dieselbe Müdigkeit aus wie die Palmen auf der Avenida von San Juan.
Am Anfang war das Trugbild
Lima ist einfach ein gut behütetes Familiengeheimnis: Die Prinzessin wurde als hässliches Entlein geboren und so sehr sie sich auch herausputzt, schminkt und schmückt, wird sie sich nie in einen schönen Schwan verwandeln. Alle wissen das, aber Psst: Sag es ja niemandem. Als Pizarro an einem Tag im Januar 1535 beschloss, dass Lima Hauptstadt und Symbol seiner Eroberungen sein sollte, ließ er sich blenden von der strahlenden Sonne und dem grünen Tal, durch das eine Fülle von frischem Wasser aus den Anden floss. Schon nach wenigen Monaten wurde ihm klar, dass er sein Reich auf Sand gebaut hatte: In dieser Wüstenstadt regnete es nie, der Fluss trocknete schnell aus und die Sonne versteckte sich neun Monate im Jahr hinter einem Nebel, dessen feuchte Kälte in die Knochen fuhr und die edlen kastilischen Hosen niemals trocken werden ließ. Pizarro und seine Nachkommen entschieden sich, der Natur zu trotzen, Lima in die Stadt der Könige zu verwandeln und aus der Wüste einen Garten zu machen. Fast haben sie es geschafft. Heute hat Lima den Ruf, eine Stadt der Gärten zu sein, auch wenn das Grün der Parks nie wirklich grün ist. Sand und Staub dringen überall hin vor und so sehr die Stadtangestellten auch jedes Pflänzchen gießen, bleibt es doch immer nur so grün wie die Samtkleider aus der Truhe der Urgroßmutter
San Antonio geht schlafen. Die Lichter hinter den Fenstern gehen an, Gardinen schließen sich oder lassen gut möblierte Räume dahinter erahnen. Auch der Heilige ist müde. Im Gegensatz zum Heiligen Johannes ist der Zuständigkeitsbereich des Heiligen Antonius klar abgegrenzt. Er wird um Hilfe gerufen, um verlorene Gegenstände wiederzufinden, Brillen, Uhren oder wichtige Dokumente, die nicht da sind, wo sie sein sollten. In Lima ist auch nichts mehr da, wo es sein sollte: jeder an seinem Ort, die Gutsituierten in Miraflores, die Indios in der Sierra und die Cholos überall, nur nicht im Präsidentenpalast. Die Abendmesse in der Kirche von San Antonio ist voll mit Menschen, die um ihr Heil beten, für ihre Kinder, für ihr Viertel und für ihr Land. Beten sie, um an den Ort zurückzukehren, den sie verloren haben, oder beten sie für eine andere Zukunft? „Im Namen des Vater, des Sohnes und des heiligen Geistes“, hören sie die sonore Stimme des Priesters mit dem ausgeprägten nordamerikanischen Akzent sagen. Hoffentlich spielt ihnen Gott, der ja angeblich Peruaner ist, nicht auch noch einen Streich, indem er sich als Gringo entlarvt.
Übersetzung: Malte Schnitger
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